Es trug mich dem Paradies entgegen

Peru Unterwegs zu den Schamanen der Anden und zum Nabel der Welt

Im Jahr 1994 war ich das erste Mal in Cusco, der legendären Hauptstadt des Inka-Reichs. Damals hatte ich in Ecuador den Dokumentarfilm Die Farben von Tigua über naive indianische Maler aus den Anden gedreht. Mein Patenkind Pachacutic aus der Malerfamilie Chugchilán war zwei Jahre alt. Nun ist der Junge 15, und ich reise mit ihm noch einmal nach Perú.

Vor 13 Jahren flog ich von Lima aus in die Anden, vom Landweg wurde noch abgeraten. Zwar war Abimael Guzmán, der "Presidente Gonzalo" des Sendero luminoso (Leuchtender Pfad) 1992 verhaftet worden, doch die Spirale der Gewalt zwischen der radikalen Guerilla-Bewegung und dem Fujimori-Regime drehte sich weiter.

Dieses Mal wollte ich mich allmählich dem Ziel nähern. Wir flogen zuerst nach Pucallpa, einer Großstadt am Rande des Urwalds, und erlebten Hitze, Staub und knatternde Motordreiräder. Wir sahen einen großen Fluss, den Rio Ucayali. Ein Gewässer voller Haus- und Frachtboote, von denen Berge grüner Bananen, Papayas und Wassermelonen entladen wurden wie am Mekong in Kambodscha. Auch die Menschen ähnelten einander. Doch Perú hat den Vorteil, dass ich mich mit den Leuten unterhalten kann.

Ich hatte mir vorgenommen, mich mit Pablo Amaringo zu treffen, dem Maler der Ayahuasca-Visionen und traf den Mitte 60-Jährigen in seiner Escuela de pintura amazónica, wo die Schüler zwischen sechs und fünfundsiebzig Jahren alt sind und die Landschaften Amazoniens malen. Es geschah, was man in meinem Alter nur selten erlebt, dass sich zwei Erwachsene auf den ersten Blick sympathisch sind. Dazu mag beigetragen haben, dass ich ihm von meinem Ayahuasca-Erfahrungen in Ecuador erzählte, dass wir beide einen ecuadorianischen Schamanen der Secoya-Indígenas gut kannten und nicht zuletzt, dass ich mit meinem indianischen Patensohn unterwegs war.

Pablo erzählte, dass es unter seinen Vorfahren mehrere Schamanen gab, er diesen Dingen aber skeptisch gegenüber stand, bis er als junger Mann die Heilung seiner todkranken Schwester erlebte und sich selbst unter dem Einfluss von Ayahuasca, der Urwaldliane, seiner "schamanistischen Fähigkeiten" bewusst wurde. Danach arbeitete er sieben Jahre als Vegetalista - als Heiler - reiste durch Amazonien und trank beinahe jeden Abend den Sud der heiligen Pflanze. Bis er bemerkte, dass feindliche Schamanen ihn verrückt machen wollten. Ein Freund sagte ihm, dass es nur einen Ausweg gäbe, den stärksten seiner Feinde zu töten, eine Schamanin. Pablo überlegte 25 Tage, aber er wollte niemanden umbringen - wie könnte er mit einer solchen Schuld weiterleben. Also entsagte er dem Ayahuasca. Das ist nun 30 Jahre her.

Bereits als Jugendlicher hatte Pablo Landschaften und Porträts gemalt, konnte davon aber nicht leben und arbeitete als Bauer. Später in den achtziger Jahren traf er in einem Bus einen Schweizer, der gerade ausgeraubt worden war. Pablo nahm ihn mit nach Hause, beköstigte ihn und erzählte ihm von seinem Leben. Wochen später kam ein Paket mit Malutensilien an, und der Schweizer riet ihm, seine Ayahuasca-Erfahrungen im Bild festzuhalten. Seitdem malt Pablo Amaringo aus der Erinnerung jene überbordenden Visionen, die zu hohen Preisen in den USA verkauft werden, auch ein Buch ist erschienen. Farbige Boas, die einander verschlingen und gebären und auf denen Schamanen reiten, geheimnisvolle Jaguare, Fledermäuse, Vögel, Affen, immer wieder Schlangen und Blüten, die eine aus der anderen wachsen. Dazu der Urwald, dessen Grün in allen Farben schillert, Lichter, Blitze, Regenbögen, Geister und Dämonen - blonde Elfen, europäisch anmutende Könige, fernöstliche Prinzessinnen, durchsichtig kristalline Städte, Unterwasser-Welten, das Erdinnere, Raumschiffe. Und alles scheint ständig seine Form zu verändern.

"Es sind Visionen, die aus anderen Welten zu mir kamen - del espacio - aus dem Raum", sagt Pablo.

Ich erkannte in den Bildern manches, was auch ich gesehen und mein Leben verändert hatte. Ayahuasca eröffnete mir neue Welten, es hat mich bestärkt in meiner Achtung vor der Natur, es hat mein Menschsein eingeordnet als etwas der Natur Angehörendes, als etwas Wertfreies und deshalb umso Wertvolleres. Ich sah seitdem anders auf die Welt. Vieles, was mir vorher wichtig erschien, verlor an Bedeutung. Durch vollkommen unerklärliche Visionen war mir klar geworden, dass es bei diesem einmaligen Balanceakt, unserem Leben, auf das ankommt, was man vielleicht mit dem inneren Gleichgewicht beschreiben kann oder auch mit dem Gefühl einer völligen Identifikation mit allem, was die Natur geschaffen hat - dass es darauf ankommt, immer in Bewegung zu bleiben, nie zu erstarren.

Pablo zeigte uns seine Bilder und bewirtete uns mit großen Stücken Wassermelonen. Später kam sein Sohn Juán dazu. "Heute Abend findet ein Ritual statt", sagte er. "Wenn du möchtest, kannst du daran teilnehmen."

Es war kaum zu glauben, gleich am ersten Tag dieser Reise ...

Bisher hatte ich das Glück, mit Freunden im Kreis von Einheimischen in einfachsten Urwaldhütten an Ayahuasca-Ritualen teilnehmen zu können. Das erste Mal wurde ich eingeladen, als ich meinen Film Die Besteigung des Chimborazo vor jungen indigenen Führern im ecuadorianischen Puyo gezeigt hatte. Dieses Mal war es anders. Außerhalb der Stadt managte Juán ein Schamanen-Centro, dort gab es ein geräumiges Holzhaus, wo die Zeremonien stattfanden, dazu ein paar einfache Cabañas zum Übernachten für die Gäste. Das waren drei junge Leute, eine Japanerin, ein Holländer und ein Italiener.

Im Zeremonialhaus standen drei große samtrote Couch-Garnituren wie in einer VIP-Lounge. Davor war für jeden von uns eine dünne Schaumgummimatte auf dem Holzboden ausgerollt, und daneben stand für jeden ein Eimer, zum Kotzen. Wir nahmen Platz auf den weichen Sofas. Der Holländer las in einem Buch, die Japanerin nahm eine Yoga-Position ein. Der Italiener flüsterte mir zu, dass er etwas Angst habe, es sei das erste Mal. Furcht, Ehrfurcht, das waren durchaus normale Gefühle, deren man sich nicht zu schämen brauchte.

Der Schamane, Don Fidel, war ein rüstiger 80-Jähriger vom Volk der Cocama-Indígenas. Er saß uns gegenüber auf einer Bank und schenkte uns zunächst wenig Beachtung. Dann sagte er, alles auf der Welt habe zwei Seiten, eine gute und eine schlechte, auch der Mensch, auch die Schamanen, manche von ihnen könnten heilen, andere würden töten, er aber nicht. Doch er brauche uns nur anschauen und wisse alles über uns, welche Krankheiten wir hätten und wie lange noch zu leben. Die Ärzte im Hospital von Pucallpa riefen ihn bei schwierigen Fällen, um von ihm zu erfahren, ob eine Behandlung noch sinnvoll sei. Er habe Diplome aus Perú und aus den USA. Mir schien es, als erzähle er dies mit einer gewissen Verachtung für uns, warum auch sollte er sich mit uns abgeben? Weil wir zahlten? Geld verschafft keine Achtung.

Schließlich begann er zu singen. Er sang in Quechua, und ich fragte Pachacutic, ob er den Text verstehe.

"Aha", räusperte sich Don Fidel, "du heißt Pachacutic. Pachacutic ist ein magischer Begriff, der soviel bedeutet wie Zeit der Wiederkehr, des Neuanfangs, der Hoffnung ...

"Was hast du denn verstanden, Pachacutic?" Er sang noch ein paar Lieder, nur für Pachacutic, wie mir schien, und der übersetzte, was er von dem peruanischen Quechua verstand, das sich vom ecuadorianischen Quichua ziemlich unterscheidet.

Don Fidels Gesicht veränderte sich, es wurde suave, weich und freundlich. "Und du bist also sein padrino", meinte er zu mir. Pause.

Abrupt begann der Schamane mit einem Handy zu telefonieren. Er hatte zwei junge Gehilfen, Iván und José, die zu unserem Wohl dabei waren. Don Fidel rief die Freundin Iváns an und schäkerte mit ihr, es war ein langes Gespräch. Ich verstand, er tat das, um die Ungeduld seiner Klienten zu brechen, und fragte ihn, mit welchen Geistern er telefoniere, und ob sie bereit wären. Don Fidel lächelte. Meine drei Zufallsgefährten hatten wenig Sinn für solche Späße, sie harrten voller Ungeduld, dass endlich der Becher gereicht würde. Yuko, die Japanerin, ein Mädchen vom Typ ehrgeizige Musterschülerin, verharrte reglos in ihrem Yoga-Sitz, und ich ahnte, es würde für sie nicht gut gehen. Ayahuasca kann man nicht dominieren. Es hat auch keinen Sinn, auf etwas zu warten. Ayahuasca macht mit einem, was es will. Man muss es nur geschehen lassen. Das ist einfacher gesagt als getan.

Dann schenkte der Schamane aus einer Plastikflasche dunklen Sud in einen kleinen Becher. "Simón!" Er winkte mich heran. Ich verneigte mich vor dem Getränk und blies mit einem sanften Pfeifton über die schwarze Flüssigkeit. Dann nahm ich sie zu mir. Jedes Ayahuasca schmeckt anders, es hängt ab von der Pflanze und den Zutaten, die der Schamane beigibt. Dieses Ayahuasca hatte neben der bekannten Bitterkeit einen beinahe süßen Nachgeschmack. Nun kamen die drei anderen dran. Der Holländer spuckte sofort alles wieder aus. Wir legten uns auf die harten Schaumgummiunterlagen. Pachacutic, der nichts trank, machte es sich hinter mir auf der weichen Couch bequem. Im Verlaufe der Nacht würde er einschlafen, wieder aufwachen, mir zulächeln oder wie ein Engel über mir schweben.

Alle Lichter wurden gelöscht. Es begann. Allmählich fühlte ich es in mir aufleuchten.

Ich werde nicht versuchen, die Visionen zu beschreiben, kein Dichter kann das, und kein Maler kann sie malen. William Burroughs, Timothy Leary, Aldous Huxley haben sich daran versucht, in Bildern von Jackson Pollock, Wassily Kandinsky, Hieronimus Bosch oder auch in den von Ernst Haeckel gezeichneten Kunstformen der Natur kann man Ahnungen davon bekommen, aber selbst ein Pablo Amaringo kann sich dem nur nähern, denn im Bild erstarrt das visionär Erlebte, das der menschliche Geist aufnehmen, an das er sich erinnern, das er aber nicht reproduzieren kann. Es sind Bilder, die aus Naturwelten zu uns kommen und uns (vielleicht) an etwas erinnern, was seit Millionen Jahren in uns ist und ganz unabhängig von uns.

Ich merkte schon nach kurzer Zeit, dass dieses Ayahuasca eine sehr starke Wirkung besaß. Bei meinen bisherigen Reisen hatte ich vor allem figürliche, gegenständliche Visionen erlebt, beglückende wie quälende. Dieses Mal trug es mich davon in völlig abstrakte Welten aus Lichtern, Blitzen, Farben, geometrischen Formen, sich fortwährend verändernden, oft symmetrisch angeordneten Strukturen, alles ineinander verschlungen, eins das andere auslöschend und gebärend. Das Chaos des Urknalls, der Entstehung der Welt, der Menschheitsdämmerung, des Endes der Welt? In welcher Beziehung stand das zu mir, zu all jenen Bestandteilen, aus denen ich bestand wie jede andere Form der Materie? Oder hatte es mit Energieströmen in mir zu tun? Wie gelangte dies alles in mein menschliches Bewusstsein? Niemand kann es erklären. Doch es kann dich, den Betroffenen, hellsichtiger machen. Es bleibt etwas, was dein Inneres nie vergisst. Die Welt ist nicht mehr nur so, wie sie vorher war. Du weißt jetzt mehr von ihr.

Es war unausweichlich, dass ich der zwei Seiten in allem gewahr wurde, es trug mich dem Paradiese entgegen, das ebenso die Hölle sein konnte, um zwei völlig unzureichende Begriffe zum Vergleich heranzuziehen, und ich näherte mich einer definitiven Grenze und wusste nicht, was dahinter war - Tod, Auslöschung oder ein anderes Sein, von dem die Schamanen berichten? Was in mir strömte, blitzte, wob und wallte, empfand ich als eine Welt, die weit über mein kleines Menschsein hinausging. Endlich begann Don Fidel zu singen. Im ersten Moment half es, doch dann waren die Visionen noch weniger zu ertragen.

Ich wusste, dass ich nichts dagegen tun, mich nur fügen konnte. Ich kniete mich hin, legte meinen Oberkörper auf meine Knie und den Kopf soweit nach vorn, dass er den Boden berührte, und streckte die Arme mit den nach oben gerichteten Handflächen nach hinten neben meine Füße. So ruhte ich in mir und war doch aufnahmefähig. Aber sogleich fürchtete ich jede Sekunde mehr, jene Grenze zu überschreiten, von der mir eine Rückkehr ungewiss schien. Es half nur eins: Ich dachte an Pachacutic, und da ich mit ihm und nicht allein hier war, beschloss ich, die Grenze nicht zu überschreiten. Dieser Entschluss stand in meiner Macht, so qualvoll es auch war, ich wollte durchhalten. Es dauerte Stunden.

Ich kann nur warnen: Ayahuasca ist nichts für Freaks, die auf den Kick einer Drogenerfahrung aus sind.

Nebenher nahm ich alles andere wahr: Yuko erbrach sich immer wieder und rief: "Iván, Iván... towel, paper, blanket, my glasses..." Sie sprach kein Spanisch und war in höchster Panik. "Iván, Iván!" Aller paar Minuten schrie sie. Iván und José kümmerten sich auf rührende Weise. Wenn sie ihre Taschenlampen anknipsten, schwirrten vielzackige Kometen im Raum. Doch nie kam ein "bitte" oder ein "danke" von Yuko, sie sprach halt mit Dienstboten. Später schrie und wimmerte sie nach ihrer Mutter. Ich verstand, dass sie litt, doch ich begriff auch, ihr war nicht zu helfen, sie war dazu erzogen, sich und die Welt zu beherrschen, es fehlte ihr an Respekt, vor der heiligen Pflanze, vor dem Schamanen, vor seinen jungen Gehilfen ... und vor sich selbst.

Später in der Nacht, als die Visionen abgeklungen waren, führte mich Pachacutic zu unserer Schlafhütte. An Schlaf aber war nicht zu denken. Ich nahm jedes Geräusch der Welt wahr. Ein paar Mal, wenn Pachacutic unruhig atmete, hatte ich das sichere Gefühl, ein schwarzer Puma sei im Raum und nähere sich seinem Bett. Ich wagte nicht, die Augen zu öffnen, denn dann hätte ich die Bestie gesehen. Ich verscheuchte das Tier mit meinen Atemstößen, und Pachacutics Atem beruhigte sich. Ich traf mich mit Verstorbenen, mit Pachacutics älterem Bruder, der an einem Hirntumor starb, und mit dem Indianerjungen Mico, dem Darsteller meines Films Der Ruf des Fayu Ujmu, der vor reichlich einem Jahr AIDS zum Opfer fiel.

Irgendwann rief ein Hahn, und dieser Hahnenschrei schien mir der reinste und schönste Ton, den ich je gehört hatte, welch eine Verheißung! Es katapultierte mich zurück in sächsische Kindheitssommertage auf dem Lande. Ich befand mich wieder dort, weit realer als in jedem Traum. Der Hahn war ein Frühaufsteher, es vergingen noch Stunden intensiven Fühlens und Denkens, bis endlich der Morgen graute. Ich setzte mich vor die Hütte und sah dem Aufscheinen des Tageslichts zu, als wäre es das erste Mal.

Am Vormittag zeigte ich den Ruf des Fayu Ujmu in Pablo Amaringos Malschule. Tags darauf fuhren wir mit einem überladenen Sammeltaxi in das Dorf San Francisco an der Yarinacocha-Lagune. Hier leben Shipibo-Indígenas. Noch im Taxi fragten mich zwei Frauen, ob ich mir ihr Kunstgewerbe ansehen wolle. Die eine hieß Lydia wie meine Großmutter. Ihr Sohn Max war so alt wie Pachacutic. Unter einem Dach bot sie mit ihrer Mutter Decken, Tücher und Keramikgefäße an mit wundervollen grafischen Mustern, dazu Ketten aus Pflanzensamen, an denen Schildkrötenschädel, Piraña-Gebisse oder Amulette des riesengroßen Paiche-Fisches hingen. Ich entdeckte die abstrakten Symbole der vergangenen Nacht.

Ja, wir arbeiten nach den Mustern der Ayahuasca-Visionen, auch wir Frauen haben es getrunken, meinten sie. Ich kaufte eine Tischdecke, und Sohn Max führte uns zu ihrem Zentrum alternativer Naturmedizin, ein Onkel sei Schamane, erzählte er und zeigte auf die sich wie Schlangen an Bäumen hochrankenden Ayahuasca-Lianen und viele andere Heilpflanzen. Als wir zurückkamen, hatte Lydia einen Sud aus Urwaldblättern angesetzt. Sie tauchte die Hände hinein und strich mir damit über den Kopf: "Dass du gesund bleibst, und dass es dir gut geht!" Dann bat sie, ich solle das Gleiche mit Pachacutic und mit Max tun. "Nun hast du noch einen Patensohn". Ganz selbstverständlich lud sie uns zum Mittagessen ein.

Später hörten wir in einem kleinen Laden, es habe am Vortag ein schreckliches Erdbeben in Perú gegeben. Wir waren auf der anderen Seite der Anden und hatten davon nichts bemerkt. Doch wir sahen die Bilder in den Zeitungen und waren beeindruckt von der Welle der Solidarität, die durch das Land ging. Auf den Plazas, vor den Rathäusern, vor Schulen und Kirchen ragten Spendenberge empor.

Von Pucallpa bis Cusco dauerte die 1.600 Kilometer lange Reise im Bus etwa fünf Tage. Nur ein geringer Teil der Strecke war asphaltiert. So konnte es sein, dass man für eine Entfernung von 300 Kilometern mehr als zehn Stunden benötigte. Die in der Trockenzeit von Staub überwehten Pisten wanden sich in endlosen Serpentinen über Andenpässe. Sieben Mal ging es über 4.000 Meter hinauf, die tiefsten Punkte in den Tälern lagen bei 2.000 Metern. Man schien über 1.000 Meter tiefen Abgründen zu schweben. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass große Reisebusse solche Haarnadelkurven und Steigungen bewältigen und sich so "dünn" wie unser Gefährt machen konnten, um an einem Hindernis vorbei zu kommen. Wir waren die einzigen Ausländer im Bus. Wie auf dieser Tour begleitete uns die Freundlichkeit der Peruaner auf der ganzen Reise.

Wir kamen nach Huánuco - 1.900 Meter hoch in den östlichen Kordilleren gelegen, eine Stadt, die damit wirbt, das beste Klima der Welt zu haben - und gerieten an einen jungen Taxifahrer, der uns zu den Ruinen von Kotosh brachte, einer 4.000 Jahre alten Kultur, über die fast nichts bekannt ist, außer dass man dort ein Relief gekreuzter Hände fand, das zu vielerlei Deutungen Anlass gab.

An den Mauern der Ruinen wachsen riesige San Pedro-Kakteen, auch dies eine heilige Pflanze. Noch heute fühlt man die Kraft des Ortes. Ich spürte diese Energien überall, wo indianische Völker bauten, in Chan Chan und an den Pyramiden der Mochica in Perús Norden, in Cusco, Sacsayhuamán, Tipón, Ollantaytambo, Machu Picchu und ebenso in Bolivien, Mexiko oder Guatemala. Der Taxifahrer war so stolz, dass wir uns für seine Stadt interessierten, und fuhr uns vom frühen Morgen bis zum Abend durch die Gegend, in der wir von der Zuckerrohrmühle bis zum Haus der Geliebten eines spanischen Vizekönigs, deren Sohn später an den Befreiungskriegen teilnahm, alle Sehenswürdigkeiten vorgeführt bekamen.

Es ging weiter über den 4.330 Meter hohen Cerro de Pasco, wo Kupfer, Zink und Silber abgebaut werden. Auf der Hochebene grasten zierliche, wilde Vicuñas, doch die schimmernden Seen überall, sie waren tot, von der Erzförderung vergiftet.

Dass wir als Nächstes in Huancayo Station machten, war Shirley MacLaine zu verdanken. Die Schauspielerin - sie fiel mir besonders in Billy Wilders The Apartement auf - beschreibt in ihren Büchern den ungewöhnlichen Weg zu Selbsterkenntnis und Selbstverwirklichung. In Zwischenleben hatte ich von ihren esoterischen Erfahrungen in Perú gelesen, auch vom schneebedeckten Berg Huaytapallana. Dorthin zu gelangen, musste man in Huancayo ein Taxi mieten und den Fahrer zugleich als Bergführer in Anspruch nehmen. Wir rasten auf einem steinigen Weg aus dem Tal des Flüsschens Rio Shullcas hinauf. Der Taxista erzählte, vor 20 Jahren habe man hier am Wegrand jeden Tag Tote gefunden - Campesinos, vom Sendero luminoso umgebracht, wenn sie der Guerilla nicht halfen, vom Militär ermordet, wenn sie verdächtigt wurden, in Kontakt mit der Guerilla zu stehen. Erst im Jahre 1999 habe man in dieser Gegend den Nachfolger Abimael Guzmáns Oscar Ramirez Durand alias "Comandante Feliciano" gefangen. Seit jenen Zeiten wollten die Leute hier nichts mehr wissen von der Politik, sie fühlten sich betrogen von allen Seiten und hätten nur noch eines im Sinn - in Ruhe ihr bescheidenes Leben zu führen. Wie sie es schon getan hätten, bevor die Spanier und bevor die Inkas kamen.

So manches der einst von den Inkas eroberten Völker dieser Region hatte sich erbittert gewehrt, was später den spanischen Kolonisatoren bei der Zerschlagung des Inka-Imperiums zu gute kam. Warum sollten unterdrückte Völker ihren Peinigern beistehen? Was sie freilich nicht ahnen konnten, dass den Inkas ein viel grausameres Regime folgte, das des christlichen Abendlandes.

Was unser Fahrer auch erzählte, war dies: Bis vor etwa 15 Jahren seien am Huaytapallana regelmäßig Außerirdische gelandet. Jeder in der Gegend wisse davon. Er selbst habe sie gesehen, als er half, eine verschollene Touristengruppe zu suchen. Die Wanderer hatten sich verirrt, so dass sie erst in der Dunkelheit zurückkehrten, als über dem Vorgebirge ein diffuses, blendendes Licht erschien und ein ovales Gebilde gelandet sei, dem kleine Wesen entstiegen. Man habe die Touristen zu einer Berghütte gebracht, wo sie reihenweise in Ohnmacht gefallen seien. Keine Ahnung warum, denn niemandem sei etwas passiert.

Dieser Berghütte näherten wir uns in 4.500 Meter Höhe, ein schwarzes Vorgebirge ragte wie eine Wand vor uns auf, die schneebedeckte Gipfelkette blieb dahinter verborgen. Wie sollst du da hinauf kommen? - dachte ich.

Im letzten Dorf hatte der Bergführer Früchte, Schokolade, Bonbons, Schnaps und Coca-Blätter gekauft. Er tat das nicht für uns. Bevor wir den Aufstieg begannen, spendete er die Gaben dem Berg. Nur von den Coca-Blättern behielt er eine Handvoll übrig und riet uns, sie in den Mund zu nehmen, aber nicht etwa zu zerkauen. Eine Prise schwarzer kalkhaltiger Pflanzenasche kam dazu, um die Wirkung der Coca schneller und nachhaltiger in Gang zu setzen.

Es schien wie ein Wunder, ich stieg die mir unbezwingbar scheinende Wand hoch, als wäre ich 20 Jahre jünger. (Es sei hinzugefügt, dass die heilige Pflanze Coca mit dem aus ihr synthetisch hergestellten, in der westlichen Welt beliebten Kokain ungefähr soviel zu tun hat, wie eine Weintraube mit Äthylalkohol.)

Von dem Stein übersäten Grat des Vorgebirges, wo ein Muster seltsamer weißer Linien eingekratzt schien, sah man die gleißende, schneebedeckte Gipfelkette, von der Gletscher sich zu kleinen blauen Seen hinunter winden. Der Bergführer und ein junges Paar aus Lima, das mit uns unterwegs war, hatten es eilig, sie wollten weiter bis zur Schneegrenze. Pachacutic und ich wollten auf diesem Grat verweilen, festgehalten von einer unwirklichen Faszination. Bald merkten wir, warum. Pachacutic warf Steine nach unten und erschrak, denn unter einem Steinhügel, fand er drei Püppchen. Jetzt wurde uns gewahr, all diese kleinen Steinhaufen, all diese mit Steinen zugedeckten Huecos waren Opferstätten und Schamanen-Mesas. An manchen Felsen hatten die Schamanen ihre Namen eingeritzt, Knochen fanden sich dort, verkohlte Hölzer, Stäbchen, vertrocknete Pflanzen und Blüten, Tabak- und Coca-Reste, und viele Dinge, die eingewickelt waren und bei denen wir uns hüteten, sie zu berühren. Pachacutic türmte über den kleinen Figuren wieder Steine auf und entschuldigte sich für seine Unachtsamkeit.

Dann sprachen wir lange mit Pachamama, der Mutter Erde, und mit Apú, dem Berg, es war das Selbstverständlichste der Welt, was man an diesem Ort tun konnte. Wir dankten ihnen für unser Leben, wir baten sie, unsere Familien und Freunde und uns selbst zu beschützen. Jeder von uns baute in Hochachtung vor dem Berg und der Mutter Erde einen kleinen Steinturm. Nach drei Stunden stiegen wir wieder hinab. Eine Stunde später kehrten auch unsere Begleiter zurück, die jungen Leute aus Lima waren aschfahl: Soroche, die Höhenkrankheit, hatte sie gepackt.


In Ayacucho, der schönen Kolonialstadt, deren Universität einst zur Wiege des Leuchtenden Pfads geworden war, lernten wir zwei Wunderkinder kennen. Am Abend legte mir ein Junge in einer Bar ein paar bedruckte Seiten neben den Pisco Sour. Gedichte, die mich wegen ihrer erschütternden Traurigkeit sofort in ihren Bann zogen. Romel Lobatón, der 16-jährige Poet, erzählte, dass er nach dem Tod seines Vaters mit dem Verkauf seiner Gedichte der vielköpfigen Familie zu überleben helfe. Pablo Neruda und Cesar Vallejo seien seine großen Vorbilder. Und als er hörte, dass ich ein Bewunderer von José Maria Arguedas sei, freute er sich darüber, dass man diesen peruanischen Schriftsteller auch in Europa kennt. Mit zwölf Jahren habe er begonnen zu schreiben und schon ein paar Poeten-Wettbewerbe gewonnen. Lehrer wollte er werden, um Zeit fürs Schreiben zu haben, denn ohne seine Gefühle aufs Papier zu bringen, könne er sich nicht vorstellen zu leben. Noch sei freilich ungewiss, ob er das Geld fürs Weiterlernen zusammen bekomme.

Von dem elfjährigen José Luis Quinto hörte ich zuerst nur die Stimme, ein Timbre von einer solchen Reinheit, wie man es von Solisten des Kreuzchors in Dresden kennt. Er sang vor der Kirche San Agustín für die Erdbebenopfer, als "la voz del oro" wurde er angekündigt. Eine Menschenmenge aus allen sozialen Schichten blockierte die Kreuzung zur Plaza. Die Taxifahrer drehten die Scheiben herunter und warteten geduldig.

Das waren die letzten Eindrücke von Ayacucho, dann näherten wir uns in zwei weiteren Tagesreisen Cusco. Los Chankas hieß die Buslinie, benannt nach jenem Volk, das hier gelebt und sich gegen die Inkas verteidigt hatte. Sóndor, eine wenig besuchte, gewaltige Chanka-Festung, erhebt sich auf einem Berg in der Nähe von Andahuaylas. Hier findet die vom Dichter José Maria Arguedas beschriebene Yawar-Fiesta statt. Ein Kondor wird gefangen und auf den Rücken eines Stiers gebunden. Das Symbol der indigenen Welt kämpft auf diese Weise mit dem Symbol der Spanier. Der Kondor siegt in der Regel.

Wir hatten Carihuasi passiert, in einer bizarren Felslandschaft gelegen, mit schneebedeckten Bergen dahinter. "Welthauptstadt des Anis" nennt sich der Ort, die Peruaner mögen solche Superlative. Der Bus schraubte sich seit einer Stunde immer langsamer die Serpentinen in Richtung Cusco hinauf, es fehlten noch etwa 80 Kilometer, als er stehen blieb. Das Benzin war ausgegangen. Mit zwei Plastikeimern machten sich die Beifahrer auf den Rückweg nach Carihuasi. Irgendwann kam ein Taxi vorbei und nahm uns mit.

"Qosqo Hatun Llacta, Napaycuykin!" - "Oh, Cusco, herrliche Stadt, ich grüße dich!", soll in früheren Zeiten gerufen haben, wer hier eintraf und des Wunderbaren ansichtig wurde. Wir kamen in der Dunkelheit an und sahen erst einmal Touristen, Restaurants und Schaufenster, aus denen uns eine Eleganz und ein Reichtum entgegen blinkten, die es 1994, bei meinem ersten Besuch, noch nicht gegeben hatte. Der erschreckende erste Eindruck relativierte sich bei Tage, denn Cusco ist trotz allem eine der schönsten Städte der Welt. Wir gingen zu den Orten der Umgebung unsere eigenen Wege, nur unterwegs zum neu erkorenen Weltwunder Machu Picchu blieb uns nichts anderes übrig, als einer Tour zu folgen.

Das heutige, koloniale Cusco wurde auf den Mauern der einstigen Inka-Metropole gebaut. Bar jeder Achtung vor der anderen Kultur, erbauten die Spanier über dem Sonnenheiligtum Qoricancha die Kirche Santo Domingo, doch wird auf dem Abendmahl des Malers Marco Zapata in der Kathedrale Cuy, Meerschweinchen, statt Osterlamm serviert.

Oberhalb von Cusco liegt die Inkafestung Sacsayhuamán, ein magischer Ort, der als uneinnehmbar galt, bevor die Spanier kamen. Man kann zu Fuß hinaufgehen. Dreifache Mauern bilden das siebenzackige Maul eines Pumas, riesige, unregelmäßig geschnittene Steinblöcke sind ohne Zement auf akkurateste Weise ineinander gefügt. Gegenüber auf dem Rodadero-Hügel mit dem Inka-Thron sind die Felsen wie blank poliert und werden von jugendlichen Besuchern als Rutschbahnen genutzt. Auch unterirdische Labyrinthe gibt es dort und überall neue Ausgrabungen.

An den Salzterrassen von Maras waren wir endlich wieder allein. Sie schmiegen sich wie ein von Menschenhand geformter Gletscher in die Hänge des Valle Sagrado. Seit Vor-Inka-Zeiten wird das salzhaltige Wasser in kleinen Becken aufgefangen, wo sich das Salz absetzt, zu Häufchen aufgeschaufelt und in Säcke abgefüllt wird, die von Trägern Tag für Tag und Stunde für Stunde im Laufschritt von den Terrassen geschleppt werden. Wir trafen einen von ihnen. Er war über 60. Seit 50 Jahren tue ich nichts anderes, erzählte er.

Als wir zur Inkafestung Ollantaytambo hinaufstiegen, verstummte Pachacutic, erst als wir den Ort verließen, fand er die Worte wieder. Sonne und Schatten ließen die Terrassen der Festung wie eine Grafik erscheinen. "Hier möchte ich wohnen, mit dieser Landschaft und diesem Bauwerk vor Augen. Aber warum ist alles zerstört worden?" Er wusste es, wir hatten oft darüber gesprochen. Die Ruinen von Ollantaytambo und Pisac, die Bewässerungsterrassen von Tipón, die bis heute funktionieren, auch sie sind Weltwunder, Kraftorte, Zeugen einer von Europäern vernichteten Hochkultur.


Dann also Machu Picchu. Die Bahnreise dorthin kostete viel mehr als der Eintritt zum Weltwunder. Der Zug passierte das Tal des Rio Urubamba und fuhr hinunter bis nach Aguas Calientes. Von dort transportierten Kleinbusse die Besucher zur Inka-Festung hinauf - auf eine Höhe von 2.450 Metern.

Unser junger Führer begann damit, die bekannte Geschichte zu erzählen: Dass bis heute nicht klar sei, welcher Bestimmung Machu Picchu diente. Dass man weit mehr weibliche als männliche Skelette und Mumien fand und einige deshalb vermuteten, dass sich die Sonnenjungfrauen von Cusco hier vor den Spaniern versteckten, dass es jedenfalls kein einziges zeitgenössisches Dokument gäbe, alle Hypothesen lediglich aus den archäologischen Untersuchungen abgeleitet würden und aus dem, was Chronisten wie Garcilaso de la Vega später über die Zeiten der Inkas aufgeschrieben hätten. Das Inka-Reich, erzählte er weiter, hätte auf den drei Grundregeln indianischer Kultur beruht: Ama sua, ama llulla, ama quella. Nicht lügen, nicht stehlen, nicht faul sein. Im Inka-Reich hätte niemand Hunger gelitten, niemand war unzureichend bekleidet, jeder hatte Arbeit, die Alten, Invaliden und Waisen wurden versorgt, es gab keine Kriminalität.

Es folgte die Geschichte von Hiram Bingham, des nordamerikanischen Entdeckers, der 1911 auf der Suche nach einem legendären Goldschatz einem Indiojungen gefolgt sei und auf einem Bergsattel über dem Urubambatal die vom Regenwald überwucherten Ruinen fand, die den Spaniern verborgen geblieben waren. Den Peruanern aber sei Machu Picchu immer bekannt gewesen.

Ich bat den jungen Mann, er möchte doch auch erzählen, was mit den Schätzen geschah, die jener Mister Bingham fand. Da begann er, den weniger offiziellen Teil zu berichten. Alles, was in Machu Picchu gefunden wurde, sei in Yale, in den Vereinigten Staaten. In peruanischen Museen gäbe es nichts davon. 2006 habe man die Funde in Yale ausgestellt, peruanische Wissenschaftler wurden eingeladen, es war ihnen jedoch verboten, dort zu fotografieren und zu filmen, einige taten es dennoch mit ihren versteckten Kameras. Die peruanische Regierung bemühe sich nun um die Rückgabe, aber "Amigo Bush" habe geantwortet, die amerikanischen Gesetze seien so, dass er sich da nicht einmischen könne.

Was Hiram Bingham seinerzeit in 200 bis 300 Kisten auf Maultieren abtransportiert hat, gibt seit Jahren Anlass zu vielerlei Spekulationen. Mumien, Grabbeigaben aus Keramik und Metall, das ist sicher; ob es sich auch um Gold handelte und ob wirklich alles in der Yale-Universität landete, weiß niemand. Nach dem neuesten Stand der Forschung hat man in Machu Picchu lediglich einen einzigen Armreif aus Gold gefunden, was daraufhin hindeute, dass die Inkas das Gold an einen anderen Ort gebracht hätten, meinte der Führer. Vielleicht nach Vilcabamba, der letzten Hauptstadt der Inkas, die erst 1964 wieder gefunden wurde. Vielleicht ins sagenumwobene Paititi, 60 Tagesreisen weit drinnen im Urwald. Alle Versuche, dorthin vorzudringen, von französischen Wissenschaftlern, von Discovery Chanel und National Geographic waren zum Scheitern verurteilt, weil die Machiguenga-Indígenas den Ort vor dem hombre blanco, dem weißen Mann, beschützten, zu dem sie kein Vertrauen hätten. "Weiß" zu sein, sei keine Frage der Hautfarbe, sondern eine Frage des Respekts vor der Natur und der Geschichte, den die "Weißen" in der Regel verloren hätten - es gäbe Ausnahmen.

Pachacutic war fasziniert von diesen Geschichten. Am liebsten wäre er gleich aufgebrochen nach jenem Paititi. "Warum drehst du keinen Film dort?" - "Es sollte Orte geben, die niemals entdeckt werden", antworte ich ihm.

Im Zentrum von Machu Picchu befindet sich der Intihuatana-Steinblock, Ankerplatz für die Sonne. Ja, man kann sich Machu Picchu auch als eine Enklave von Besuchern aus dem All vorstellen, nicht für diese Welt bestimmt.

Ein steinerner Apú nimmt die Form des hinter ihm liegenden Berges auf, er hat den Umriss eines riesengroßen Meerschweinchens, jenes cuys, mit dem die Schamanen der Anden ihre Reinigungsrituale durchführen. Lehnt man sich mit den Händen an jenen Stein und konzentriert sich, kann man Energie in seinen Körper eindringen fühlen, heißt es. Mir erschienen Formen, wie ich sie in jener Nacht in Pucallpa gesehen hatte.

Man kann die Ruinen und Monumente, die Terrassenfelder, wo Hunderte Sorten von Kartoffeln, Mais und Quinua angebaut wurden, als Meisterwerke menschlicher Schöpferkraft verstehen, die sich in der überwältigenden Welt der umliegenden Berge zu behaupten verstand. Doch Machu Picchu ist ein Ort, an dem man sich hüten sollte, übermäßig viel verstehen zu wollen.

Nicht alle Geheimnisse sind dazu da, gelüftet zu werden.

Literaturempfehlung:

Luis Eduardo Luna, Pablo Amaringo: Ayahuasca Visions / Arno Adelaars / Christian Rätsch, Claudia Müller-Ebeling: Ayahuasca osé Maria Arguedas: Fiesta des Blutes, Die tiefen Flüsse / Garcilaso de la Vega: Wahrhaftige Kommentare zum Reich der Inka.

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