Etwas wachsen lassen

Bücher Richard Reynolds hat ein Buch für Guerilla-Gärtner geschrieben, die gerne heimlich etwas wachsen lassen

Es begann mit einem verwaisten Beet vor einem Londoner Hochhaus. Richard Reynolds bepflanzte es eigentlich nur, weil er, aus ländlicher Umgebung nach London gezogen, die Gartenarbeit vermisste. Inzwischen ist er ein bekannter Aktivist, sein Blog (www.guerrillagardening.org) ein Forum für die internationale Gemeinde der illegalen Gärtner. Denn natürlich kam Reynolds nicht als Erster oder Einziger auf die Idee, öffentlichen Stadtraum oder ungenutztes Privateigentum zu begrünen, schon in den siebziger Jahren verwandelten entschlossene New Yorker vermüllte Brachen in traumhafte Nachbarschaftsgärten. Und bepflanzte Baumscheiben gibt es ja auch schon etwas länger.

In Zeiten des kreativen Protests und der Klimadebatte erlebt das Gärtnern ohne eigenen Garten gerade eine neue Blüte, nicht nur die britische Adidas-Reklame hat den Charme der Grün-Guerilleros für sich entdeckt. Reynolds gibt der Sache ein Gesicht, eine Website und ein Buch zum Thema, das neuerdings auch auf deutsch zu haben ist: Guerilla Gardening: Ein botanisches Manifest">Guerilla Gardening. Ein botanisches Manifest erzählt von blühenden Mittelstreifen in Mailand, Riesenkürbissen in Tokio, Zucchini in Manhattan, von nächtlichen Aktionen, geduldiger Pflanzenpflege und handfesten Kämpfen um Bäume, Sträucher, Gemüse- und Blumenrabatten.

Eine rote Paprika

Im Mittelpunkt stehen zumeist Aktivisten, die auf der guerillagardening-Website registriert sind: Hans 1287 aus Berlin bewirtschaftet ein ansehnliches Gemüsebeet (...). In New York pflückte mir Adam 276 eine Rote Paprika (...) Justin 734 und seine Freunde verwandelten unlängst Brachflächen in San Francisco in blühende Parklandschaften (...). Reynolds besuchte sie oder gibt weiter, was sie im Blog berichteten. Er ordnete die großen und kleinen Geschichten in kurzweilig zu lesende Kapitel und ergänzte sie um seine Überlegungen zur Bewegung der Guerilla-Gärtner.

Zunächst gibt es eine klare Definition: Guerilla Gardening ist: Die unerlaubte Kultivierung von Land, das jemand anderem gehört. Darunter fällt das Bepflanzen von Verkehrsinseln ebenso wie das Besetzen ganzer Bananenplantagen. Im historischen Teil seines Buches berichtet er von den englischen Diggers im 17. Jahrhundert, die, vom Hunger getrieben, unerlaubt Äcker anlegten wie von der südamerikanischen Landlosenbewegung. Aber auch die liebevoll gepflegte Ringelblume auf der Baumscheibe wird als subversive Tat gewürdigt, die sich gegen die ungerechte Verteilung von Besitz und die zunehmende Kommerzialisierung und Sterilität des öffentlichen Raums richtet. Denn: Guerilla Gardening: Ein botanisches Manifest">Guerilla-Gardening ist eine Schlacht um die Ressourcen, ein Kampf gegen Landmangel, gegen ökologischen Raubbau und verpasste Möglichkeiten. Und dann geht es ­nebenbei auch noch um Dinge wie Meinungsfreiheit oder das Zusammengehörigkeitsgefühl in deinem Viertel.

Die Illegalität verleiht dem Gärtnern natürlich einen besonderen Reiz. Vor allem aber ist die heimliche Aktion Teil einer pragmatischen Strategie. Denn wer fragt, ob er ein zugekacktes Parkbeet wiederbeleben dürfe, so Reynolds, werde von den zuständigen Behörden zumeist ein Nein hören. Da sei es schon besser, Tatsachen zu schaffen und mit Blüten oder reicher Ernte zu überzeugen. Neben strategischen Ratschlägen gibt es praktische Tipps: Von der Auswahl geeigneter Flächen über die Frage ihrer Bewässerung bis hin zu Strategien der Kommunikation mit Passanten, Ordnungshütern und Medien wird alles besprochen. Reynolds informiert über Samenbomben wie über Pflanzen, die mit Streusalz, Bodengiften, Lichtmangel, kurz den widrigen Lebensbedingungen der urbanen Vegetation fertig werden.

Das einzig Störende an diesem schönen und nützlichen Buch ist das Faible des Autors für militärische Metaphern. Während Samenbombe ja noch ganz charmant klingt und Wachstum tatsächlich etwas Explosives haben kann, wirkt der beharrliche Vergleich der urbanen Grünfläche mit einem Schlachtfeld etwas schräg. Das mag an der Sprache liegen. Denn während battle field womöglich noch an streitbare Guerilleros denken lässt, kommen einer beim Schlachtfeld doch eher Sterben im großen Maßstab oder aber – über das darin liegende Verb – eine Blutwurst in den Sinn. Beides passt schlecht zum Blumen- oder Brokkolibeet oder zu den Auseinandersetzungen darum.

Der beharrliche Kampf gegen Behörden, Hunde, Investoren oder zerstörerische Passanten ist auch ohne martialische Vergleiche lesenswert. Besonders interessant wird es, wenn das Buch Einblick in die Debatten der Gärtner gewährt: Ist es eigentlich richtig, den Gartenbauämtern ihre Arbeit abzunehmen, was bedeutet es, Nachbarschaftsgärten einzuzäunen, was passiert, wenn man es lässt? Ist eine Margerite besser als ein mit Schwermetallen verseuchtes Radieschen? Was ist mit der Bearbeitung eines Geländes, das ortsansässige Pflanzen, Tiere und Menschen, zum Beispiel Junkies verdrängt? All diese Probleme haben Platz in diesem Buch, das dabei nie aus dem Blick verliert, worum es eigentlich geht: Nämlich den Unwillen, sich mit einer hässlichen Umgebung abzufinden und damit, dass man sie eigentlich nicht mitgestalten darf.

Dass Reynolds aus der Werbung kommt, schadet weder seinem Buch noch der Sache, zumal er von der Kooperation mit gewinnorientierten Partnern ganz entschieden abrät. Sein schwungvoll geschriebenes, inspirierend bebilderte Manifest verführt nicht zum Konsum, sondern zum Blick ins Hundeklo vor der eigenen Haustür und dazu, sich seine Straße oder sein Viertel mit freundlichen Mitteln anzueignen. Und so greift man nach der Lektüre womöglich selbst zu Schaufel und Samenkorn und freut sich daran, ganz eigenmächtig etwas wachsen zu lassen.


Ein botanisches ManifestRichard Reynolds, Freiburg, Orange Press 2009, 269 S. 18,60

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16:35 16.07.2009

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