Eure Normalität krepiert: Und das liegt nicht nur an den Affenpocken

Meinung Na, schiebt ihr Panik, weil sich ein neuer Virus ausbreitet? Und dann noch einer, der sich durch Sex überträgt! Queere Menschen bekommen den Hass rechter Trolle ab, die sich ein neues AIDS herbeisehnen. Unser Autor antwortet diesen Spinnern
Christopher Street Day in Berlin: Nicht nur hier kann die Mehrheitsgesellschaft viel lernen
Christopher Street Day in Berlin: Nicht nur hier kann die Mehrheitsgesellschaft viel lernen

Foto: Stefanie Loos/AFP/Getty Images

Es ist, wie wir wissen, schon ein hartes Los, ein alternder, heterosexueller, Cis-Mann in Deutschland zu sein. Klimaaktivist*innen blockieren Autobahnen, links-grün-Versiffte regieren das Land und wer nicht “dschenderd” wird sofort in Acht und Bann getan. So zumindest die Selbstwahrnehmung dieser ach-so verfolgten Subjekte. Aber seit einigen Tagen weht ein frischer Wind durch die deutschen Eichenwälder und der so lange marginalisierte „old white man“ fühlt sich ein bisschen rehabilitiert.

Denn eine neue zoonotische (also von Tier auf Mensch übergesprungene) Pandemie ist da – die Affenpocken! Die kaum versteckte Hoffnung rechter Trolle und Kommentatoren, diese mögen doch bitte „das neue AIDS“ sein, ist, um ganz ehrlich zu sein, für derartige Arschlöcher total folgerichtig. Denn die Story enthält alle notwendigen Elemente, um daraus eine reaktionär-rassistische moralische Panik gegen alles zu machen, was vom doitschen Konsens abweicht. Was wissen wir also über die Affenpocken? Oder vielmehr: Was wird in den gängigen Medien darüber erzählt? Was ist der „Diskurs“?

Da wäre zuerst einmal der Name: „Affen“ werden gerne als whitesupremacist Stereotyp genutzt; wir kennen das zum Beispiel aus rassistischen Beleidigungen schwarzer Fußballspieler in Deutschland und anderswo im globalen Norden. Der „Affe“ ist in der whitesupremacist Vorstellungswelt „das dunkle Afrika“ (mit John Conrad: „the Heart of Darkness“). Er ist „zurückgeblieben“, „unterentwickelt“, einfach: näher am „Wilden“, am „Naturzustand“ (den Weiße natürlich längst überwunden haben). Das wiederum passt gut zur Geschichte der Entstehung und Verbreitung von HIV/AIDS, war doch eines der Merkmale der HIV/AIDS-Pandemie die erneute Betonung des Platzes Afrikas in der globalen Vorstellung als „kranker“ und „dunkler Kontinent“.

Rechte Trolle feiern

Das zweite Element des Affenpocken-Diskurses, das rechten Arschlöchern gefällt, ist die „Eine Übertragung von Mensch zu Mensch ist nur bei engem Kontakt möglich, kann aber durch Kontakt mit Körperflüssigkeiten auftreten, vermutlich auch im Rahmen sexueller Handlungen.“ Und last but not least freuen sich alle rechten Trolle Deutschlands (meine rechten Twittertrolle tun dies auf jeden Fall), dass einige der ersten Fälle in Deutschland im modernen Sodom und Gomorrha auftraten, im perversen Berlin (und natürlich in einer schwulen Sauna).

Jetzt zur Geschichte von HIV/AIDS, genauer, den Erzählungen darüber. Denn wichtig ist: Wenn wir von sexuell übertragbaren Krankheiten sprechen, sprechen wir fast nie von medizinischen Fakten, sondern erzählen morality tales: also Geschichten darüber, was und wer gut, was und wer schlecht ist. Mit anderen Worten: Wer sich ansteckt, muss sich falsch verhalten haben.

In den 1970er Jahren sahen sich die weiß-hetero-patriarchal-kapitalistischen Mehrheitsgesellschaften des Nordens einer Reihe von Krisen und Angriffen ausgesetzt. Zur wirtschaftlichen Krise des fordistischen Nachkriegskapitalismus kamen die Herausforderungen einer Reihe progressiver sozialer Bewegungen – allen voran natürlich der nationalen Befreiungs- und dekolonialen Bewegungen der bis dato als „dritten Welt“ degradierten Länder des globalen Südens. Aber auch: Umwelt-, Frauen-, Arbeiter*innen & queere Bewegungen. Die Normalität begann zu wackeln.

Mir kommen die Tränen

Unter den verschiedenen kulturellen und politökonomischen Gegenbewegungen waren schwule Männer oft unter den sichtbarsten: Sind wir doch, im Gegensatz zu unseren lesbischen Genoss*innen, for better or worse immer noch „Männer“ (das heißt qua Patriarchat sichtbarer). Weshalb unsere offen gelebten „Perversionen“ den „StiNos“ (Stinknormalen) besonders negativ auffielen. Unser lebensweltlicher Radikalismus sagte: „Wir bauen uns unsere eigene Lebensrealität, ja, wir ficken die ganze Nacht. Und: Vielleicht könnt ihr verstockten Arschlöcher in der Mehrheitsgesellschaft was von uns lernen – oder untergehen.“ Dann kam 1981, das Jahr, in dem die „AIDS-Panik“ in den USA begann.

Die meisten der Opfer der mysteriösen Krankheit waren MSM („men who have sex with men“) und/oder African Americans. Also Schwuchteln und Schwarze. Die mehrheitsgesellschaftliche Reaktion ließ sich ungefähr so zusammenfassen: „Alles gut und schön, aber ist eh egal, weil jetzt verreckt ihr alle.“ Schwule Communities erinnern sich nicht nur an die Zeit, in der man auf mehr Beerdigungen als Partys ging, sondern auch an die Häme, den befriedigten Blick der Normalos als wir vor ihren Augen dahinsiechten. Ausgemergelte Symbole der Strafe Gottes für unsere Sünden!

Jedes Mal, wirklich jedes Mal, wenn ich diese Geschichte aufschreibe, kommen mir vor Wut Tränen in die Augen. Dann will ich rausgehen und einen Molli ins nicht existierende Zentrum des Normalwahnsinns werfen. And I wasn't even around then. Die Mehrheitsgesellschaft nutzte HIV/AIDS als Schild und Schwert, um ihre moralisch und politökonomisch eigentlich schon diskreditierte „Normalität“ wieder herzustellen. Das klappte gut, alle anderen waren schließlich tot.

Alle Nicht-Kartoffeln müssen weg

Die Parallelen zur heutigen Zeit sind klar: Wir haben eine Transformationskrise zwischen zwei Phasen des Kapitalismus. Damals wurde der Fordismus vom Neoliberalismus abgelöst, heute schlittern wir vom Neoliberalismus in den Post-Earth-Kapitalismus. Mit der Klimakrise erleben wir die moralische Delegitimation einer Normalität, welche die ganze Welt zerstört. Bei der Klimakrise sind es nicht die Perversen und Weirdos, die die Welt zerstören, sondern die Normalen und ihre imperial-kapitalistischen Alltagspraxen.

Die von einer brüchigen weißen, cishetero Männlichkeit bestimmte Normalität wird aber nicht nur durch globale ökologische Krisen infrage gestellt, dazu kommen die zunehmende Sichtbarkeit und Selbstbewusstsein von Trans* und anderen queeren Subjekten sowie neue Feminismen. Politisch nimmt der Widerstand des Normalwahnsinns die Form neuer faschistischer Bewegungen an (Trumpismus, Modi, Bolsonaro, Putin etc). Im Alltag basiert er auf einer ressentimentgeladenen „das wird man ja wohl noch sagen/tun dürfen“-Mentalität.

Ich schrieb dazu in meinem Newsletter auf friedlichesabotage.net, dass die „amoralischen Sauhaufen“ des globalen Nordens im Grunde wissen, dass ihre Existenz eine moralische Abscheulichkeit ist, eine Tatsache, die sie, die wir verdrängen müssen, um zu funktionieren. Wir leben also, angelehnt an Lessenichs Konzept der „Externalisierungsgesellschaft“, in einer „Verdrängungsgesellschaft“, in der alles queere und Deutsche, das nicht auf dem Kartoffelacker geboren wurde, weg muss. In so einer Situation käme der rassistischen Normalomehrheit hierzulande eine Pandemie, die vor allem „Perverse“ dahinrafft (oder zumindest sichtbar entstellt), gerade recht.

Durch halb Berlin gefickt

Ich hörte übrigens gestern Abend zum ersten Mal von den Affenpocken, weil ich – genau wie ihr Trolle euch das vorstellt – eine Woche lang Drogen genommen und mich durch halb Berlin habe ficken lassen. Warum sage ich das? Warum bestätige ich Eure Vorurteile? Weil ich auf Eure Moralität scheiße. Weil es mir egal ist, ob ihr euch in eurem Hass bestätigt fühlt. Weil es wirklich äußerst unwahrscheinlich ist, dass ich mir die Affenpocken eingefangen habe: Ich bin eher der Typ, der sich outdoor ficken lässt und nicht im Club. Aber wäre dem so, würde das nichts am moralischen Bankrott und dem kommenden katastrophalen Zusammenbruch des von euch so geliebten Normalwahnsinns ändern. Außerdem bin ich stolz darauf, eine „perverse Drogenschwuchtel“ zu sein.

Es reicht nicht, ein paar Schwule verrecken zu sehen, damit alles wieder normal wird. Die globalen ökologischen Krisen und das Erreichen planetarer Grenzen bedeutet, dass eure Normalität nie wieder normal werden kann. Sie ist – um ein Bild von oben aufzugreifen – in genau dem Zustand, in dem sich schwule und schwarze Körper im Endstadium von AIDS befanden: Sie ist ausgemergelt, jeglicher Legitimation beraubt, sie liegt siechend im Bett, hustet und kotzt Blut: das Blut der Abermillionen, die durch diese gewalttätige Normalität getötet wurden. Sie ist am Krepieren.

Nicht die Affenpocken sind das Problem. Die Normalität ist es.

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