Europas Folterkammer

Undercover Verkleidet als der Kurde Bilal lässt sich Journalist Fabrizio Gatti von Afrika nach Italien schleusen. Im berüchtigten Flüchtlingslager Lampedusa erlebt er Erschütterndes

Der Verlag zum Buch:

Bilal ist ein Illegaler, unterwegs auf einer der berüchtigtsten Transitrouten von Afrika nach Europa. Bilal ist Fabrizio Gatti, der renommierte Journalist und »italienische Wallraff«, der sich unter diesem Namen als Migrant unter die anderen gemischt hat, um zu erleben, was sie erleben, und davon zu erzählen. Von Dakar zieht er mit dem Flüchtlingsstrom bis in die Sahara; auf klapprigen Lastwagen durchqueren sie die Wüste, unter unvorstellbaren Entbehrungen. Immer wieder werden sie überfallen. Schlepper und korrupte Polizisten wechseln sich darin ab, den Flüchtlingen ihre letzte Habe zu nehmen: Der moderne Menschenhandel ist ein brutales, hochprofitables Geschäft. Die es schaffen, die mit letzten Mitteln die Grenzen überqueren erwarten Auffanglager, die Menschenkäfigen ähneln. Doch auch wenn sie abgeschoben werden, sie werden wiederkommen, solange sich das Elend in ihrer Heimat nicht ändert. Denn die moderne Odyssee der neuen Arbeitssklaven hat gerade erst begonnen. Fabrizio Gatti ist, als Augenzeuge und Schriftsteller, ihr Chronist geworden.


Leseprobe:

Bis spätnachts streift Bilal zwischen den Blechbaracken herum. Er schaut in die Gesichter derer, die plaudernd auf Mäuerchen und Gehwegen sitzen. Aber von den Freunden, die er zu finden hofft, den Gefährten der Sahara-Durchquerung – von Daniel, dessen Bruder Stephen und all den anderen –, keine Spur.

Die Nacht verbringt er im Freien. Es gibt kein Bett, also legt er sich unter dem Sternenhimmel zur Ruhe. Bilal hat keine Decke, nur das Handtuch, das mittlerweile feucht ist. Die Schaumstoffmatratze wimmelt von Insekten. Als Kopfkissen dient ihm die schwarze Mülltüte mit den immer noch nassen Kleidern, der Flasche Wasser, die er nach dem Essen gegen einen Apfel getauscht hat, und zwei von den Croissants, die er bei der Ankunft bekommen hatte. Er lässt den langen Tag Revue passieren und versucht, jedes Detail, jede Stimme in der Erinnerung zu speichern. Er stellt fest, dass er inzwischen bereits die Sprache des Käfigs beherrscht. Einen Slang aus Arabisch, Englisch und Italienisch. Ashara-ashara zum Beispiel. Oder maifrend, wie Carabinieri und Polizisten die Internierten anreden. Und cornuti, Arschlöcher, die Pluralform von maifrend. Fisa-fisa wird gebrüllt, wenn ein Befehl schnell ausgeführt werden soll. Mangeria oder mangaria ist die Essenszeit. Kulu-kulu die Verteilung von Mittag- und Abendessen. Und asciugamano, Handtuch, ist mehr als nur ein recht eckiges Stück Baumwollfrottee. Es bedeutet auch: Decke, Kissen, Sonnenschirm, Hose, Trennwand auf dem Klo, Turban, Taschentuch, Matte. Unter den kargen Lebensbedingungen des Käfigs von Lampedusa ersetzt das Handtuch alle diese Dinge.

[...]

Die Toiletten im großen Käfig von Lampedusa sind eine unvergessliche Erfahrung. Der Fertigbau, in dem sie sich befinden, ist in zwei Bereiche unterteilt. In einem befinden sich acht Duschen mit verstopftem Abfluss, vierzig Waschbecken und acht Stehtoiletten, randvoll mit einer zähflüssigen Masse. Die Quelle der beiden violetten Rinnsale. Im anderen Bereich sind fünf WCs, zwei davon ohne Spülung, fünf Duschen, acht Waschbecken. Aus den Wasserhähnen kommt nur Salzwasser: kein angenehmes Gefühl, wenn man sich unterwegs Hautverletzungen zugezogen hat oder an Krätze leidet, wenn man einen Sonnenbrand oder Brandwunden vom Benzin hat wie fast alle, die auf Booten zusammengedrängt waren. Es gibt keine Türen. Keinen Strom. Keine Privatsphäre. Man erledigt alles vor aller Augen und bedeckt sich, so gut es geht, mit dem Handtuch. Auch Toilettenpapier gibt es nicht, man muss sich mit den Händen behelfen. Es ist ratsam, nachts hierherzukommen, da sich am Tag die Fäkalien am Boden höher türmen als die Sandalensohlen, sodass man mit den Füssen im Unrat steht. Aber auch ein Fußbad im Waschbecken ist ein Problem. Denn sobald man den Fuß hineinstellt, fängt die ausgezogene Sandale an, im Strom der Fäkalien wegzudriften. Bilal versucht, den Bewegungsablauf entsprechend zu koordinieren. Er lässt die Sandale in die am Boden treibende Flüssigkeit fallen, wäscht sich schnell den Fuß im Waschbecken und schlüpft wieder in seine Sandale, bevor sie sich zu weit entfernt hat. Das funktioniert. Im Übrigen hat er nicht einmal Seife. Es besteht also keine Gefahr, dass er zu viel Zeit mit Körperhygiene vertrödelt.

Und trotzdem erklärte am 15. September ein EU-Abgeordneter der fremdenfeindlichen Rechten, das Lager Lampedusa sei ein Fünf- Sterne-Hotel, in dem er sich selber einquartieren würde. Das war am selben Tag, an dem der Innenminister dafür gesorgt hat, dass die Delegation aus Brüssel nur neun Lagerinsassen vorfand. In derselben Woche, in der die Schleuser die Routen nach Sizilien umleiteten. Aber vielleicht sind ja heutzutage in den Häusern der rechten Politiker die Fußböden mit stinkenden Fäkalien überschwemmt. Die meisten Einwanderer hier kennen von zu Hause nur saubere Wohnungen. Wohnungen, die sie zudem ohne Schuhe betreten.

Das Frühstück besteht aus einem Glas kalter Milch, zwei Croissants und einer Flasche Wasser für zwei Personen. Beim morgendlichen ashara-ashara bemerken die Carabinieri beim Durchzählen, dass fünf Personen fehlen. Sie beratschlagen sich in aller Öffentlichkeit, weil sie glauben, von niemandem verstanden zu werden, und beschließen, es nicht zu melden. Man kann unmöglich feststellen, wer verschwunden ist, weil es keinen Namensappell gibt. Die Eingesperrten werden nur gezählt. Im Zaun, der das Lager vom Flughafen trennt, hinter einem der Pfosten mit den Überwachungskameras, ist der Stacheldraht durchtrennt. Am Pfeiler zwei weiße Stofffetzen, vielleicht um den Zaun leichter überklettern zu können. Ein Fluchtweg, der wohl schon öfter benutzt wurde. Bilal hat die Stelle bereits am Vorabend entdeckt, als er das Gelände abgeschritten hat, um die Größe des Käfigs abzumessen. Die Carabinieri zählen nochmals durch, dann müssen sich alle in die Sonne setzen und stundenlang so verharren, denn es findet ein weiteres ashara-ashara statt. Alle Eritreer und Äthiopier, die vor einer Woche angekommen waren, müssen abreisen, unter ihnen eine ganze Familie von Brüdern und Cousins, die Abrahams, mit denen Bilal gefrühstückt hat. Sie sind aus Eritrea geflüchtet, um nicht an die Front geschickt zu werden. Sie erzählen, sie wollen in Europa weiterstudieren. Einer von ihnen ist ein vielversprechender Leichtathlet. Bilal hat gesehen, wie er entlang des Käfigzauns trainiert hat. Er hat schon morgens um sechs seine Runden gedreht, als Bilal noch auf seiner schmuddeligen Schaumstoffmatratze lag.

Die vielen Minderjährigen sind seit Tagen mit den Erwachsenen zusammengesperrt, obwohl das gesetzlich nicht erlaubt ist. Ein vor der Gruppe stehender Carabiniere hält ein klobiges Handy hoch. Einige schlagen die Hände vor die Augen, aber es bleibt unverständlich, warum. Ahmed Ibrahim kauert hinter Bilal. Er klagt über eine Darminfektion und bittet, auf die Toilette gehen zu dürfen. Nach ein paar Minuten erteilen die Carabinieri ihm die Erlaubnis aufzustehen. Er bleibt ziemlich lange weg. „Ist der, der aufs Klo wollte, schon zurück?“, fragt einer der Carabinieri. „Nein, er ist noch nicht wieder da, ich geh mal nachschauen.“ Auch andere bitten darum, auf die Toilette gehen zu dürfen, aber die Carabinieri geben Ahmed Ibrahim die Schuld daran, dass sie keinen mehr gehen lassen. Nach fast einer halben Stunde taucht Ahmed wieder auf, verschwitzt und völlig erschöpft. „Du“, brüllt ihn der Carabiniere mit dem Handy an, „du bist ein Arschloch.“ Ahmed schaut ihn verängstigt an. „Du bist ein Arschloch. Setz dich und steh bloß nicht mehr auf.“ Die Kollegen lachen.

Am Ende werden hundertfünfzig Illegale weggebracht, vielleicht ins Lager Caltanissetta, vielleicht woandershin. Nach Stunden in der prallen Sonne stehen alle auf, müssen sich aber sofort wieder hinsetzen, zum mittäglichen ashara-ashara. Bilal hockt sich in die dritte Reihe. Wieder gilt es, am Boden kauernd auszuharren. Der Carabiniere mit dem klobigen Handy, der Schmächtigste von allen, pflanzt sich vor uns auf. Er hat schwarzes gepflegtes Haar, einen unüber­seh­baren Leberfleck auf der rechten Wange, einen silbernen und einen ledernen Armreif mit Goldmedaillons am rechten und eine Uhr mit Lederarmband am linken Handgelenk. Nachdem er eine Weile Techno-Musik gespielt hat, tippt er auf eine andere Taste, und das Handy beginnt zu stöhnen. Er beugt sich hinunter und zeigt den Minderjährigen, die neben Bilal sitzen, das Display. Szenen aus einem Pornofilm, vielleicht aus dem Internet heruntergeladen. Der Carabiniere kommt wieder hoch und grinst: „Und nachher Shampoo“, kündigt er den Minderjährigen an und macht Masturbationsbewegungen. Die Jugendlichen lachen. Ein anderer Carabiniere beugt sich jetzt zur ersten Reihe hinunter, schreitet sie ab und verlangt, dass alle hinsehen. Ein Dreißigjähriger hält sich die Augen zu. Er hat zusammen mit anderen am Vorabend auf dem Gehweg, den die Muslime als Moschee benutzen, das Gebet geleitet. Der Carabiniere mit dem Leberfleck reißt ihm die Hand von den Augen. „Guck hin, damit du was lernst“, sagt er und hält ihm das Display vor die Nase. Der Dreißigjährige wendet den Kopf ab. Seine Augen funkeln vor Wut und Demütigung, als er Bilal anschaut. Ein anderer Carabiniere meint scherzend zu seinem Kollegen: „Ach, lass den, der ist doch schwul.“

Der Kommandant erscheint. Es ist der Obergefreite, der tags zuvor, als er dienstfrei hatte, mit rotem Bandana und wadenlanger Hose, das Hemd überm Gürtel, vor dem Tor vorbeiging. Und die Triezerei nimmt kein Ende. Der Obergefreite möchte sich vor den am Boden Sitzenden fotografieren lassen, natürlich stehend. Er ruft „Italia“, und alle müssen den rechten Daumen hochstrecken und antworten: „Uno“. „Vorwärts“, sagt ein anderer Carabiniere, „wer nicht ‚uno‘ ruft, kriegt nichts zu essen.“ Bilal ruft nicht und hebt auch nicht den Arm. Der Carabiniere sieht es. Bilal fixiert ihn herausfordernd, und der andere senkt den Blick. Als das Foto geschossen ist, beordert der Obergefreite Cherriere zu sich. Es ist klar: Der geheimnisvolle Tunesier ist der einzige echte Kulturvermittler, der Einzige, der sich mit allen verständigen und die Wogen glätten kann, denn mit seinen vielen Fremdsprachen ist er gewissermaßen extraterritorial. Er steht über allen Spaltungen. Über der Religion, die auch in diesem Käfig die Menschen in Christen und Muslime einteilt. Cherriere steht über dem Gesetz, wie es auch immer lauten mag. Angefangen mit dem ungeschriebenen Gesetz, das den Respekt unter den Gefangenen regelt. Am Vorabend haben ihn die Carabinieri ganz offen eingeladen, in ihren Waschräumen eine warme Dusche zu nehmen. Welchen Preis muss er für eine solche Gastfreundschaft bezahlen? Bestimmt soll er herausfinden, wer dieser bärtige Kerl ist, der sich Bilal nennt.

Sie haben immer noch nicht das Mittagessen ausgegeben, da erscheinen schon die beiden Zivilpolizisten am Tor. Bilal tut, als sähe er sie nicht. Der Polizist mit den eisblauen Augen ruft ihn. Er muss sofort antreten. [...] Die beiden Zivilpolizisten, die ihn zuvor verhört haben, lächeln ihn heute an. Aus einer Ecke holen sie die bei der Ankunft beschlagnahmte Schwimmweste und fordern Bilal auf, sie anzuziehen. Bilal dreht sich überrascht um. Der Polizist mit den hellen Augen zurrt sie ihm an der Hüfte fest. Wohin geht es jetzt?

Sie wollen nur ein Foto mit ihm machen. Ein Erinnerungsfoto. Der eine Polizist stellt sich rechts, der andere links neben ihn. Der dritte drückt auf den Auslöser der kleinen Digitalkamera. „Noch eins. Bilal, lächeln. Smile.“ Bilal versteht nicht. Er wartet auf das entscheidende Verhör. Aber die Polizisten treiben ihr Spiel mit ihm. Dann muss er die Schwimmweste wieder ausziehen. Sie rufen einen Carabiniere, der ihn in den Käfig zurückbegleiten soll. „Viel Glück, Bilal“, sagt der Polizist mit den eisblauen Augen noch. Und klopft ihm auf die Schulter.

Wir sind nur Marionetten in einem Spiel, das wir nicht durchschauen. Auch die Polizisten, die Aufseher und die Carabinieri. Und jeder sieht zu, dass er ein Plätzchen für sich findet. Auch Bilal. Er muss schmunzeln, als er jetzt darüber nachdenkt. Wer weiß, ob er nicht eines Tages den beiden Verhörbeamten wiederbegegnet. Dann könnten sie vielleicht gemeinsam über dieses Foto lachen.

Es wird Nachmittag. Niemand kümmert sich mehr um Bilal. Asphalt und Blechbaracken sind glühend heiß. Die Carabinieri hören die Ergebnisse der Fußballspiele, das Radio voll aufgedreht. Bilal weiß nicht, wie spät es ist. Er müsste nach der Uhrzeit fragen. Um drei muss er sich so positionieren, dass man ihn von außen sehen kann. Nur so kann seine Anwesenheit in dem großen Käfig dokumentiert werden. Der Chefredakteur hat einen Fotografen beauftragt, der die Hintergründe nicht kennt. Man hat ihm gesagt, dass er Sonntagnachmittag um drei das Internierungslager Lampedusa fotografieren soll, mehr nicht. Von außen, denn Zutritt zu beantragen ist zwecklos, sie lassen keine Fremden ins Lager. Nicht einmal Bilal weiß, wer dieser Fotograf ist. Er weiß nur, dass er ein rotes Hemd tragen wird.

Das erwartete Signal kommt knisternd über Funk, ein unverhofftes Geschenk. Um die Funkmeldungen trotz des Lärms der Sportberichterstattung zu hören, haben die Carabinieri voll aufgedreht.

„Zwei an eins.“ „Zwei, ich höre.“ „Da ist einer, der unser Objekt fotografiert. Was machen wir, sollen wir seine Kamera beschlagnahmen? „ „Verstanden, wartet.“ „Eins an zwei.“ „Eins, ich höre.“ „Lasst ihn ruhig. Aber lasst ihn nicht zu nah ran.“ „Verstanden.“

Bilal erhebt sich von dem Mäuerchen, auf dem er kauert. Er schlendert gemächlich den Zaun entlang in die Richtung, wo der Ort Lampedusa liegt. Jenseits die Straße und das Flugfeld. Da ist er. Ein Mann auf dem Motorroller. Fünfzig Meter liegen zwischen ihm und dem Einsatzwagen der Carabinieri. Er trägt ein rotes Hemd. Er ist es. Jetzt muss Bilal sich nur noch vorstellen, was für ein Foto er selbst von sich schießen würde. Vor allem dieses: wie der bärtige Bilal vor einer Blechbaracke steht und durch den Stacheldrahtzaun ins Freie blickt.

Er muss nur die Carabinieri im Wagen ablenken, die die Sportsendung im Radio hören. Bilal starrt zu ihnen rüber. Sie reagieren mit einer ganzen Serie obszöner Gesten. Der Fotograf kann sich jetzt alle Zeit der Welt lassen. Später fragt Bilal auf Englisch einen von der Lagerverwaltung, ob er sich eine Telefonkarte kaufen könne. Das müsse der Direktor entscheiden, lautet die Antwort, aber der sei nicht da. Bilal weist darauf hin, dass es ein Grundrecht ist, mit seinen Angehörigen zu telefonieren. Der Mann sagt, er könne nichts machen. „So sind die Vorschriften.“ Das ist nicht wahr. Aber die Vorschriften, die hier gelten, entsprechen nicht denen auf dem offiziellen Aushang.

Auf einer mit scharfkantigen Steinen übersäten Fläche wird Fußball gespielt. An Schuhen herrscht Mangel, deshalb zieht die eine Hälfte der Mitspieler den rechten Schuh an, die andere Hälfte den linken. Die beiden Torhüter spielen barfuß. Bilal ist unter den Zuschauern. Neben ihm, auf dem Mäuerchen hockend, plaudert Cherriere mit einer Frau in der gelben Uniform der Lagerverwaltung. Sie spricht Italienisch mit ihm, weil sie davon ausgeht, dass Bilal nichts versteht. Sie vertraut ihm an, dass der Bootsführer aus Rosetta, der am Tag zuvor nach Crotone verlegt wurde, mit einem Rucksack voller Geld an Land gegangen ist. „Fünftausend Euro in bar, haben die Polizisten gesagt, die das Geld gezählt haben. Und mit diesem Rucksack voller Geld ist er wieder aufgebrochen.“ Cherriere stellt eine Frage. „Aber wenn es sein Geld ist, können sie es doch nicht beschlagnahmen“, antwortet die Frau. Kurz darauf wendet sich Cherriere an Bilal. „Du bist also Iraker?“, fragt er ihn auf Englisch. „Das hätten die Iraker und die Türken gern. Aber ich bin Kurde.“ Cherrieres Grinsen unter seinem tiefschwarzen Haarschopf. Er hat schmale, europäische Gesichtszüge. Er sieht wirklich nicht wie ein Tunesier aus. „1993 habe ich zweihunderteinundvierzig wie dich von der Türkei nach Italien gebracht.“ „Wie meinst du das: wie mich?“, gibt Bilal zurück, hellhörig geworden. „Kurden“, sagt Cherriere, „von Izmir nach Kalabrien, auf einem voll beladenen Boot.“ „Und du bist gefahren?“ „Ja, und zwar ohne Kompass. Nur mit Hilfe der Sterne“, erzählt Cherriere und schaut zum Himmel hoch. „Aber wie ist dein richtiger Name? Hier drin kannst du ihn doch verraten“, fragt er irgendwann. Er ist ganz bestimmt ein Spitzel. „Bilal.“ Und er: „Cherriere.“ Auch er ist also ein harrak, ein Bootsführer.

Nach einem Aufschrei wird das Fußballspiel unterbrochen. Genau aus diesem Grund hat Bilal nicht mitgespielt: Ein scharfkantiger Stein hat den nackten Fuß eines Spielers durchschnitten. Vom großen Zeh bis zur Ferse. Blut ist auf seine Mitspieler gespritzt. Er wird in die Krankenstation getragen und genäht. Das Spiel geht weiter, leidenschaftlicher als vorher. Lebend in Lampedusa anzukommen ist, als hätte man einen Flugzeugabsturz überlebt. Das sieht man vor allem bei den Halbwüchsigen. Sie wirken besonders aufgedreht und haben keine Angst, sich wehzutun. Denn was schließlich ist ein Spielfeld mit scharfkantigen Schottersteinen verglichen mit der Sahara, mit dem Meer?

Inmitten der Flugzeuge, die Touristen auf die Insel bringen und auf die Köpfe der Gefangenen einen Sprühregen aus Kerosin ablassen, heben am späten Nachmittag zwei Rettungshubschrauber ab. Sie drehen nach Süden. Schnell geht das Gerücht um, ein abgetriebenes Boot sei gesichtet worden. Kurz vor dem Abendessen ist es plötzlich sehr still. Ein Kleinbus und ein Rettungswagen bringen einundzwanzig schwarze Einwanderer. Sie sind erschöpft. Ausgehungert. Ausgetrocknet vom Salz, mit Hautverbrennungen von der Sonne und vom Benzin. Wir alle sind Zeugen ihres Leidens. Sie werden von der Polizei fotografiert und registriert, von den Carabinieri entkleidet und durchsucht. Sie bekommen heißen Tee, ein Croissant, ein Handtuch, und wer zerschlissene Kleider trägt, auch einen weißen oder blauen Trainingsanzug mit seitlichen Streifen. Sie können sich kaum mehr auf den Beinen halten. „Noch ein Tag auf See, dann wären sie tot gewesen“, sagen die Carabinieri jenseits des Gitters. Nach einer halben Stunde öffnet sich das Tor, und in Sechser gruppen werden sie in den Käfig gedrängt. Sie wissen nicht, wohin sie gehen sollen, sie taumeln. Zwei sind barfuß, und als sie den Zustand der Toiletten sehen, kehren sie ans Tor zurück und bitten um ein Paar Schuhe. Der von der Lagerverwaltung weist sie unfreundlich ab. Alle hätten Schuhe bekommen, und wenn sie ihre verloren hätten, seien sie selber schuld.

Cherriere drängt die Carabinieri, zuerst den Neuankömmlingen das Abendessen auszugeben. Der Arzt hat auch einen an Krätze leidenden Mann in den Käfig geschickt. Sein ganzer Körper ist vom Hautausschlag befallen, er kann nicht mal sitzen. Er versucht, sich verständlich zu machen. Wenn er seine Gliedmaßen beugt, platzen wunde Stellen auf der verschorften Haut auf und bluten. Die Carabinieri bestehen darauf, dass er sich hinsetzt wie alle anderen. Der Letzte, der ins Lager gekommen ist, muss einen Sonnenstich haben. Er taumelt und verdreht die Pupillen, man sieht das Weiße in den Augäpfeln. Die Carabinieri lassen ihn drei Mal auf und ab laufen. „Der ist ja stockbesoffen“, meint einer von ihnen lachend und fängt an zu singen: „Guarda come dondolo, guarda come dondolo“, dazu macht er torkelnde Bewegungen. Der Erste, der dagegen aufbegehrt, ist Bilal. Von seinem Platz am Boden macht er einen anderen Carabiniere aufmerksam. Jetzt schaltet sich auch Cherriere ein, und gemeinsam erreichen sie, dass sich der Mann mit dem Sonnenstich neben seine Reisegefährten in die erste Reihe setzen kann. Bilal und Cherriere danken einander per Augenkontakt für die Unterstützung. Überzeugt, dass Bilal ihn nicht versteht, sagt einer der beiden Carabinieri, die an diesem Spiel beteiligt waren, zu seinem Kollegen: „Dem da müssen wir beibringen, sich um seinen eigenen Kram zu kümmern.“ Aber in Sachen Schuhe ist nichts zu machen. „Wir haben an alle Schuhe ausgegeben. Sagt den beiden da, sie sollen uns nicht auf den Sack gehen“, knurrt der von der Lagerverwaltung in gelber Uniform, ein barscher, übellauniger Grauhaariger. Ganz anders als Angelo, Andrea oder der Koch, die Einzigen von der Lagerverwaltung, die immer hilfsbereit sind, auch wenn sie den ganzen Tag hart arbeiten. Die beiden müssen sich also damit abfinden, barfuß in den Fäkalienbrei der Toiletten zu treten.

Nach dem Abendessen reden die Neuankömmlinge über die Route, die sie genommen haben. Auf das Blech der ersten Fertigbaracke gleich neben dem Tor hat jemand schon vor Monaten eine Karte aufgemalt. Libyen, Zuwara, die Wellen, Lampedusa, Sizilien, ein Boot voller Gesichter. Jetzt, da sie überlebt haben, reden sie darüber wie Freunde am Ende einer Autobahnfahrt. Mit dem Finger verfolgen sie den Verlauf der Passage übers Meer, zeigen auf die Stellen, wo es Probleme gab und Fehler gemacht wurden. „Ungefähr hier haben wir die Orientierung verloren, wir waren sieben Tage auf See“, erzählt Jonathan. „Meine Frau sagte: We gonna die, wir werden sterben. Aber ich sagte: Nein, Gott wird uns nach Europa bringen.“ Sie kommen aus den Ländern der Atlantikküste. Schwarzafrikaner. Ihnen haben die libyschen Schleuser nicht einmal einen Bootsführer zur Verfügung gestellt, sondern Boot und Steuerruder Jonathan übergeben, einem der Passagiere. Die Flüchtlinge kennen Agadez, Dirkou, Madama, den Afrikanischen Markt in Tripolis, das Lager Terek Mata. Aber als sie die Namen von Daniel, Stephen, Joseph und James hören, schütteln sie den Kopf. Sie waren an denselben Orten, sind ihnen aber nicht begegnet. „Entschuldige bitte“, sagt Jonathan zu Bilal, „wir gehen schlafen. Wir sind total erschöpft.“ Bevor er sich seinen Reisegefährten anschließt, tritt Jonathan an den Zaun, der den Käfig vom Hof trennt. Er ruft seine Frau, die in einer anderen Sektion untergebracht ist. Durch die engen Maschen hindurch berühren sich ihre Hände. Die anderen Männer sind im Schlafsaal gegenüber den Toiletten untergekommen. Nach dem heutigen Abtransport sind ein paar Betten frei geworden. Bevor sie sich hinlegen, bilden sie einen Kreis. Fast alle sind Pfingstchristen. Sie reichen sich die Hand und singen einen Gospel zum Dank für ihre Rettung. Die tiefen Stimmen lassen im Dunkeln das Blech der Baracken vibrieren. Unmöglich, die Tränen zurückzuhalten.

Bilal verlässt den Schlafsaal, um zu sehen, was draußen am Tor vor sich geht. Ein Küchenbediensteter reicht unter den Gitterstäben des Käfigs Teller mit übrig gebliebenen Nudeln durch. Wer noch Hunger hat, stellt sich in die Schlange. Eine freundschaftliche Geste. Aber bei Bilal werden Kindheitserinnerungen wach, Erinnerungen an den Großvater, wie er dem im Gehege eingesperrten Hund Miki sein Fressen hinstellte. In dieser Nacht gibt es auch für Bilal eine Pritsche samt Schaumstoffmatratze und Decke, die schon Hunderte vor ihm benutzt haben. In derselben Baracke schläft Sherif mit seinen blonden Haaren und dem blonden Schnurrbart, weitere ägyptische Bootsführer und einige ihrer Passagiere, zum Beispiel Temer. Man begrüsst sich im Dunkeln. Vor dem Einschlafen macht man Spaß und redet über Gott und die Welt. Aber es ist eine kurze Nacht. Klagelaute wecken uns, und viele stehen auf, um nachzusehen, wem es derart schlecht geht. Die Geräusche scheinen aus dem ersten Schlafsaal zu kommen. Bilal geht näher heran, und langsam verwandelt sich das Wehklagen in einen misstönenden Gesang: „Ma quanto tempo e ancora, ti fai sentire dentro, quanto tempo e ancora...“ Er kommt von jenseits des Tors. Carabinieri, die mitten in der Nacht Karaoke singen. Dazu benutzen sie den Laptop der Polizei, auf dem die Namen der Neuankömmlinge eingetragen wurden. Es ist halb fünf Uhr morgens. Die Carabinieri derselben Schicht, die tags zuvor Pornoszenen auf dem Handy vorgeführt haben. Auch der Kommandant ist mit von der Partie. Sie sitzen mit dem Rücken zum Schreibtisch, der mitten im Hof steht. Das Gelächter der Gefangenen hören sie nicht. Alle kehren in ihr Bett zurück, aber an Schlaf ist nicht mehr zu denken. Ein riesiger Airbus der Fluggesellschaft Windjet kreist in geringer Höhe über Lampedusa. Im Tower sind die Lichter aus, und die Piloten warten darauf, dass endlich irgendwer da unten seinen Dienst antritt und ihnen die Landeerlaubnis erteilt.

© der deutschen Ausgabe: Verlag Antje Kunstmann GmbH, München 2010

Buch der Woche: Als Illegaler auf dem Weg nach Europavon Fabrizio Gatti

Verlag Antje Kunstmann

ISBN 978-3-88897-587-5

460 S., 24,90

Fabrizio Gatti, Jahrgang 1966, gilt als italienischer Günter Wallraff. Er begann als Journalist beim Corriere della Sera, heute ist er Chefreporter des Espresso. Unter falschem Namen hat Gatti bereits als illegaler Erntehelfer, in Obdachlosenquartieren, einer Strafanstalt sowie im Mafia- und Drogenmilieu gelebt und recherchiert. Dreimal wurde er schon während seiner Reportagen inhaftiert. Das Buch ist am 11. Januar 2010 erschienen

15:25 21.01.2010

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