Ewig währt der Tango

Rhythmus In ihrem Roman "Im Himmel Tango" erzählt Elsa Osorio die Geschichte der argentinischen Klassengesellschaft

Die Argentinierin Elsa Osorio hat mit ihrem Erstling Mein Name ist Luz bereits bewiesen, dass sie ein zeitgeschichtliches Thema, die Zwangsadoption von Kindern unter der Diktatur, zu einem spannenden Roman zu verdichten versteht. Mit ihrem neuen Buch wagt sie sich auf gefährliches Terrain, begibt sie sich doch in Konkurrenz zu diversen argentinischen Schriftstellern, die sich in den letzten Jahren literarisch des Tango angenommen haben, unter ihnen nicht zuletzt die bekannte Evita-Perón-Biografin Alicia Dujovne Ortíz (Die tangofarbene Frau, Ruetten Loening 1999).

Doch Osorio reüssiert. Im Himmel Tango ist eine mitreißend erzählte Familien-Saga, eine anschauliche Entstehungsgeschichte des Tango und somit auch die Geschichte von Buenos Aires zu Zeiten der ersten großen Einwanderungswellen, beginnend im ausgehenden neunzehnten Jahrhundert.

Ana und Luis, die jüngsten Abkömmlinge der Familien Lasalle und Montes, lernen sich in Paris kennen. Ana ist Hobby-Tangotänzerin und an der Seine aufgewachsen, denn ihre Mutter musste nach dem Militärputsch von 1973 Argentinien verlassen. Anas Vater saß zunächst mehrere Jahre im Gefängnis, um schließlich Frau und Tochter nach Frankreich zu folgen. Luis führt ein Film über den Tango von Buenos Aires nach Paris, denn erst, nachdem dieser dort salonfähig geworden war, durfte er auch in seiner Heimat die Armenviertel der Neueinwanderer und die Bordelle verlassen.

Anas Urgroßvater Hernán und seine Urgroßmutter Asunción seien ineinander verliebt und beide passionierte Tangotänzer gewesen, behauptet Luis und bringt so Ana dazu, ihn bei den Recherchen für seinen Film zu unterstützen. Was zunächst wie eine gewöhnliche Arbeit aussieht, wird bald zur leidenschaftlichen Suche nach den eigenen Wurzeln.

Zwar kommt dieser Einstieg in die Chronik der Lasalles und der Montes eher konventionell daher, doch einmal in der Vergangenheit angekommen, findet Osorio zu einem eigenen, dem Tango abgeschauten Rhythmus. Sie erzählt zwar chronologisch, wechselt aber immer wieder die Erzählperspektive sowie die Zeitebene, geht vor und zurück wie beim Tanz. Die Toten, die "im Tango Ewigkeit erlangt haben", nehmen kommentierend am Leben der nachfolgenden Generationen teil, und immer wieder fährt der Tango selbst dazwischen. Er meldet sich mit Haken zu Wort, wie sie der Fuß der Frau zwischen die Beine des Mannes schlägt. So, als Carlota, die Geliebte von Anas Urgroßonkel Vicente, ihn zum ersten Mal tanzt: "Du und ich, wir beide wussten, in diesem Moment, dass niemand Dich mehr von diesen Brettern wegbringen würde, auf denen wir zusammen zu Höhenflügen ansetzen sollten."

Hernán und Asunción sollten sich zwar ein Leben lang lieben, doch sie kamen nicht zusammen, denn es konnte nicht sein, dass eine kleine Modistin einen Lasalle ehelichte, den Spross einer der vornehmsten Familien des Landes. Man heiratete unter sich, gesellschaftlichen und geschäftlichen Interessen und nicht etwa der Liebe gehorchend, und flüchtete sich dann, wie Inés, Hernáns Schwester, in eine Traumwelt, oder in die Arme einer Geliebten, wie deren Mann Vicente.

Ohne in Klischees zu verfallen, schildert Osorio mit der Geschichte der armen Montes und der reichen Lasalles die argentinische Klassengesellschaft, an der sich bis heute nur wenig geändert hat, und aus der auszubrechen einen hohen Preis fordert - den Bruch mit der Familie -, wie Anas Großtante Mercedes und ihr Vater schmerzhaft zu spüren bekommen. Vor hundert Jahren war es den Männern vorbehalten, sich wie Vicente mit der Geliebten im Tangoschritt zu wiegen, aber der Tochter zu verbieten, dessen Melodien auf dem Klavier zu spielen. Heute steht auch den Frauen der Oberschicht die Flucht in die Doppelmoral offen.

Ana entdeckt bei den Nachforschungen über Luis´ Familie die Welt der Menschen am unteren Ende der sozialen Leiter, die sich, wie dessen Großmutter Rosa, für ein paar Pesos abschufteten, sich dagegen auflehnten und mit gnadenloser Verfolgung rechnen mussten. Rosa hatte Glück. Ihr gelang schließlich der Aufstieg zur beliebten Tangosängerin.

Der gemeinsame Film und wachsende Zuneigung für Luis führen Ana schließlich in ihre Geburtsstadt, an die sie bis dahin kaum einen Gedanken verschwendet hat. In Buenos Aires schlagen gerade die Wogen hoch, und Präsident Fernando de la Rua sieht sich auf Druck der Straße gezwungen, sein Mandat niederzulegen. Hier driftet der Roman für einige Seiten ins Pamphlethafte ab, denn Osorio sitzt nicht nur der Mär vom guten Armen auf, sondern beschreibt zudem als spontanen Volksaufstand, was ein von Teilen der Oberschicht und der peronistischen Partei systematisch vorbereiteter Handstreich war. Doch dies schmälert die literarische Leistung wenig.

Sieht man einmal davon ab, dass ein Pimpollo im argentinischen Spanisch eine Knospe, und nicht, wie in Spanien, ein junger Trieb ist, hat sich die Übersetzerin Stefanie Gerhold bravourös durch die Argentinismen gekämpft und dazu beigetragen, dass Im Himmel Tango zu einem Lesegenuss wird.

Elsa Osorio Im Himmel Tango. Roman. Aus dem Spanischen von Stefanie Gerhold. Insel, Frankfurt 2007, 504 S., 19,80 EUR

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00:00 11.04.2008

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