Experiment an der Leine

Das Oberstufenkolleg Bielefeld Ein Unikum der deutschen Bildungslandschaft, das auch Hauptschülern einfachen Zugang zur Uni ermöglicht, soll zur Unkenntlichkeit reformiert werden

»Wenn die Zukunft von uns lebenslanges Lernen, eigenständiges Lernen verlangt, das (...) immer wieder auf die Veränderung einer dynamischen und vielfältigen Umwelt reagiert, dann muss auch die Organisation des Lernens anders, vielfältiger und selbstständiger werden.« Das schrieb Gabriele Behler, SPD-Kultusministerin in Nordrhein-Westfalen, vorige Woche anlässlich des Starts eines neuen Modellschulprojekts namens »Selbstständige Schule«. Eine reformeifrige Ministerin, scheint es. Doch während 300 Modellschulen im Land mit mehr Lehrkräften ausgestattet werden, wird einem der Leuchttürme der Reformschulbewegung in diesen Tagen die Luft zum Atmen eng.

Auch dies ist einer der Pläne Behlers: Das Bielefelder Oberstufenkolleg soll reformiert, oder wie die örtliche Neue Westfälische Zeitung schreibt, »auf Normalmaß glatt geschliffen werden.« Das Kolleg ist ein Unikum in der deutschen Bildungslandschaft. 1974 von dem renommierten Reformpädagogen Hartmut von Hentig gegründet, verbindet es auf einmalige Weise Schule und Hochschule. Nach einer vierjährigen Ausbildung bekommen die Absolventen sowohl die allgemeine Hochschulreife als auch einige Fachsemester an der Universität angerechnet. Außerdem werden erst im Abschlusszeugnis Zensuren erteilt.

Der Unterricht findet fächerübergreifend und in Projektphasen statt. Da kann es sein, dass beispielsweise im Mathekurs zu »Logik und Sprache« die Philosophie-, Linguistik- und Mathe-Lehrer gemeinsam darüber nachdenken, wie ihre Fächer zusammenhängen. Neben dem Projektunterricht steht bisher das wissenschaftliche Arbeiten im Mittelpunkt der Ausbildung. Von Hentig vertrat die These, dass das Gymnasium die Schüler nicht optimal auf das Hochschulstudium vorbereitet.

Nun soll die alternative Bildungseinrichtung Behlers Plänen wieder ein Gymnasium werden. Nach Ansicht des Lehrenden Dr. Jochen Kupsch wird dabei aus dem bewährten College-Modell »eine gymnasiale Oberstufe gemacht. Und das ist etwas völlig anderes. Aus der Kritik am Abitur wird nun das Abitur«.

Aber nicht nur die Wissenschaftsorientierung wird aufgegeben, auch das bildungspolitische Verständnis von Chancengleichheit. Bisher gab es in Bielefeld einen speziellen Aufnahmeschlüssel, um auch so genannte »bildungsferne Schichten« leichter integrieren zu können. 50 Prozent der neuen Kollegiaten haben kein »Qualifikationsmerkmal« in ihrem Zeugnis - ein Vermerk, der in NRW sonst für den Besuch der gymnasialen Oberstufe zwingend ist. Am Oberstufenkolleg haben deshalb nicht nur Hauptschüler die Möglichkeit zur Hochschulreife zu gelangen, sondern auch Immigranten unterschiedlichster Herkunft, insgesamt ein Viertel aller Kollegiaten. Neben »deutschstämmigen« Einwanderern aus Kasachstan und anderen östlichen Ländern sind der größte Teil von ihnen »türkischstämmige« Einwanderer der zweiten oder dritten Generation. Auch sie sollen nun durch schärfere Eingangsprüfungen und häufigere Leistungskontrollen aus der Einrichtung herausgedrängt werden.

Diesen Plänen ist eine lange Auseinandersetzung zwischen dem Schulministerium und dem Oberstufenkolleg vorausgegangen. Seit der Gründung wird immer wieder versucht, das unangepasste Kind an die kurze Leine zu nehmen. Obwohl auch in den vergangenen 25 Jahren ein ums andere Mal die Schließung drohte, konnte die Einrichtung sich vor allem wegen des bildungspolitisch günstigeren Klimas der siebziger und achtziger Jahre immer wieder behaupten.

1999 wurde das Oberstufenkolleg vom Bildungsministerium aufgefordert, ein verändertes Konzept zu erarbeiten, aber auf die dann eingereichten Eckpunkte ein Dreivierteljahr lang nicht reagiert. In einem Interview mit der Neuen Westfälischen verkündete Bildungsstaatssekretär Wolfgang Meyer-Hesemann schließlich, das Kollegmodell habe sich nicht bewährt und werde aufgegeben. »Die Strukturänderung hin zur Regelschule muss sein ... Die Schulzeit wird von vier auf drei Jahre herabgesetzt. Die Kollegiaten machen dann ein Abitur wie alle anderen auch.«

Seit Ende Juni 2001 gibt es ein Rahmenkonzept zur Weiterentwicklung des Oberstufenkollegs, dass nicht nur das Abitur nach drei Jahren vorsieht. Die Unterrichtszeiten der Lehrenden werden um fast 30 Prozent erhöht, und zwanzig der 94 Stellen werden abgebaut. Und es wird diskutiert, Pflichtkurse und Noten einzuführen.

Dass von den Zielen des Oberstufenkollegs nichts in die zukünftige Institution eingebracht werden kann, sei deshalb offenkundig, meint Irene Below, Mitbegründerin und Lehrende am Oberstufenkolleg. »Das Spezifische ist zum Teufel: selbstbestimmtes Lernen, viele Wahlmöglichkeiten, häufig Qualifizierung von Leuten, die im Bildungssystem sonst keine Chance haben oder scheitern.«

Doch die Proteste gegen die elitäre rot-grüne Bildungspolitik mit ihrer Demontage der Reformschule Oberstufenkolleg halten sich in Grenzen. Zwar erhielt das Behler-Ministerium viele Protestbriefe und -Mails von Ex-Kollegiaten und bildungspolitisch Interessierten; sogar progressive Befreiungspädagogen aus Lateinamerika meldeten sich zu Wort. Auch gab es lautstarke Unmutsäußerungen, als die Ministerin die Universität Bielefeld besuchte und eine Demonstration vor dem Düsseldorfer Landtag. Inzwischen fühlt sich die Ministerin aber wieder siegessicher. Am 7. September will sie dem Oberstufenkolleg persönlich einen Besuch abstatten.

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00:00 31.08.2001

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