Extrem normal

Verteidigung Das Militär bestimmt das Leben in Israel, alle müssen Wehrdienst leisten – für einen deutschen Kriegsdienstverweigerer unvorstellbar. Ein persönlicher Reisebericht

Eine Gruppe junger Soldatinnen schlendert im Busbahnhof von Tel Aviv an mir vorbei. Statt Gewehren und Stiefeln tragen sie Handtaschen und Flipflops. Das Ausmaß, in dem das Militär hier zum Alltag gehört, verstört mich. In den zwei Monaten, in denen ich in Israel unterwegs bin, wird mich das Thema ständig begleiten.

Ich habe vor vielen Jahren den Wehrdienst verweigert, so wie fast alle meine Freunde. Wer zum „Bund” ging, wer dem Vaterland diente, war damals in unseren Augen schlicht ein bisschen blöd. Wer den Dienst an der Waffe auch noch ernst nahm, wem das gar gefiel, dem fühlten wir uns moralisch komplett überlegen. Als die deutsche Regierung vor Kurzem den Wehrdienst abschaffte, fürchtete niemand um die Landesverteidigung. Man debattierte, wie alte und kranke Menschen ohne die Zivis gepflegt werden sollten. In Israel müssen junge Männer drei, Frauen zwei Jahre zur Armee. Der nächste Krieg ist hier stets eine reale Bedrohung, der nächste Militäreinsatz oft nur eine Frage von Tagen.

Im Bus gen Süden nach Eilat sitze ich neben einem Soldaten. Er hat für mich sein Gewehr vom Sitz geräumt und es zwischen uns gelegt. In jeder Linkskurve bohrt sich ein Metallteil in meinen Oberschenkel. Der Soldat schläft, und ich traue mich nicht, die Waffe anzufassen, um sie ein bisschen zur Seite zu schieben. Die letzte Waffe, die ich in der Hand hatte, war die Spielzeugpistole, die beim Grundschulfasching zu meinem Cowboykostüm gehörte.

In der Negev-Wüste sind mitten im Nichts immer wieder Checkpoints aufgebaut: Ein paar Betonklötze und Soldaten. Der Bus muss eine Weile warten, um die Autos aus der Gegenrichtung durchzulassen. Fast jedes dritte hält an, und der Fahrer reicht den Soldaten Getränke oder ein paar Chipstüten. Klar, denke ich, die wissen, wie hart so ein Dienst sein kann. Haben sie schließlich alle mal gemacht.

Im Ferienort Eilat, vor Kurzem wurde er wieder mit Raketen aus Gaza beschossen, schieben sich tagsüber russische Touristen zwischen Betonburgen hindurch. Ich warte auf die Nacht, um mich treiben zu lassen. Am Hafen entlang, durch Nebenstraßen. Die Menschen werden weniger, und irgendwann stehe ich in einer namenlosen Bar am Tresen. Ventilatoren wirbeln die kalte Luft der Klimaanlage durch den Raum. Auf einem Flachbildfernseher präsentiert das israelische Model Bar Refaeli Unterwäsche. Ich komme mit Shai und Alina ins Gespräch. Die beiden sind Mitte 20 und studieren – zuvor waren sie in der Armee. „Das Gute an der Armee ist, dass du mit Menschen zusammenkommst, mit denen du sonst kein Wort wechseln würdest. Aber als Soldat musst du mit ihnen arbeiten, ihnen vertrauen”, sagt Alina. Sie kennt einige Männer, die als Soldaten so grausame Dinge mit ansehen mussten, dass sie Jahre später noch darunter leiden. „Ein Bekannter von mir sah, wie ein Sprengsatz drei seiner Freunde in Stücke riss. Natürlich ist er seitdem traumatisiert. Wie willst du mit solchen Menschen einen Frieden aufbauen?”, sagt sie. Keine Ahnung, denke ich.

Warum ändert sich nichts?

Im Mai, am Gedenktag für die israelischen gefallenen Soldaten, hängen überall Plakate mit Bildern der Toten. „Früher dachte ich, das sind alles große Helden”, sagt Shai. „Später dachte ich, das könnten meine Klassenkameraden sein. Heute erschrecke ich bei ihrem Anblick: Das sind doch noch Kinder! Wie kann man die in den Krieg schicken?” Viele von ihnen kommen verwundet zurück, nicht nur körperlich. Manche verstecken sich nach ihrem Dienst in Orten wie Mizpe Ramon. Das Dorf liegt in der Negev-Wüste am Rand eines gigantischen Kraters.

In einem billigen Hostel dort treffe ich Ben. Er trägt Dreadlocks bis zum Hintern und einen Vollbart. Seit ein paar Monaten arbeitet er am Empfang. Er liebt die Einsamkeit der Wüste, wie er sagt. Seit seiner Armeezeit mag er es nicht, von vielen Menschen umgeben zu sein. Als er über diese Zeit redet, schaut er mir nicht mehr in die Augen, sondern blickt in die Abenddämmerung über der Wüste. „Am Anfang ist alles wie ein Spiel, das Training macht Spaß. Aber dann gehst du auf Missionen und es wird plötzlich ernst, Menschen sterben. Mit 18 habe ich einen guten Freund begraben. Niemand sollte das tun müssen. Man fühlt, irgendwas geht in diesem Land gerade verteufelt schief. Ich habe damals nach der Armee einfach weitergemacht mit meinem Leben und versucht, nicht zurückzuschauen.” Menschen wie Ben wenden sich innerlich von ihrem Land ab, wollen in Ruhe gelassen werden. Nur, wenn so viele Israelis den Militarismus kritisch sehen, warum ändert sich in der Gesellschaft offenbar nichts? Wieso nehmen die Menschen es hin, dass die Regierung Gesetze erlässt, welche die wenigen Menschen benachteiligen, die es wagen, den Militärdienst zu verweigern? Das frage ich Oded, einen Schauspieler und Dichter, der seit zwölf Jahren in dem Wüstendorf lebt. Er zieht lange an seiner Zigarette. „Vielleicht liegt das einfach in der Natur des Menschen. Wir wissen, wie schrecklich Krieg und Kampf sind. Trotzdem ziehen wir immer wieder los, weil wir uns auf diese Weise selbst definieren.”

Ein paar Tage darauf erreiche ich den Kibbuz Sede Boker. Häuser und Wege sind eng und sauber. Menschen und Hunde bewegen sich ohne Eile. Sede Boker ist eines der wenigen verbliebenen traditionellen Kibbuzim in Israel – wer hier lebt, teilt beinahe alles mit den anderen. Im Moment tun das auch Gilal und seine 20 Freunde.

Nach dem Abitur wohnen und arbeiten sie ein Jahr im Kibbuz, dann gehen sie für anderthalb Jahre zur Armee, anschließend nochmal für ein halbes Jahr zurück in den Kibbuz. Sie lassen sich Bärte stehen, trinken und lachen wie große Jungs, die gerade zu Hause ausgezogen sind und ihre Freiheit auskosten.

Abends sitzen sie ums Feuer, jemand spielt Gitarre, Arak-Flaschen kreisen. Ich bin es inzwischen gewohnt, dass sich die meisten Gespräche rasch um die Armee drehen. Gilal will zur Infanterie und hofft, so nahe wie möglich an das beste Ergebnis bei der Musterung heranzukommen: Er will auf jeden Fall kämpfen und nicht im Büro landen. „Wenn du so aufgewachsen wärst wie wir, würdest du auch so denken. Dann ist das normal, dann hat man einfach das Gefühl, das tun zu müssen. Jeder ist mal dran, und jetzt ist die Reihe an uns”, sagt er.

„So ist das eben im Krieg“

Ein paar Tage später bin ich in Sderot, nahe der Grenze zum Gazastreifen. Auch dort ist der Konflikt mit den Palästinensern Alltag, immer wieder schlagen Raketen ein. „Greifen wir Ziele im Gazastreifen an, warnen wir die Leute dort vorher“, sagt Avi, ein Student Ende 20. „Trotzdem geschieht eine Menge Mist. Aber was erwartest du? Die Soldaten in der Westbank sind 18, 19 Jahre alt, haben auf einmal eine Waffe und Macht. Natürlich behandeln wir die Palästinenser schlecht. Sie hassen uns dafür. Es ist auch okay, wenn sie uns angreifen. So ist das eben im Krieg. Soldaten können ums Leben kommen.“ Avi stammt aus der Gegend von Haifa, ein häufiges Ziel für Anschläge. Wie würde ich denken, wenn ich so aufgewachsen wäre? Meine Kindheit war nicht von Explosionen, Rauch oder weinenden Menschen bestimmt. Ich bin in Tübingen in den achtziger und neunziger Jahren groß geworden. Extrem war dort, wer sich bei Stadtfesten über den Bratwurstgeruch beschwerte. Ich kenne Krieg nur aus den Erzählungen meines Großvaters. Was habe ich erlebt, dass ich über Avis Ansichten urteilen kann?

Ich reise weiter gen Norden, nach Haifa. Dort leben Juden und Muslime miteinander. Beide haben unter den Selbstmordanschlägen der zweiten Intifada gelitten. Ich bin bei Gadi, einem 28-jährigen Fotografen und seiner Mutter Osnat zum Frühstück eingeladen. Die Familie wohnt in einem Haus am Berg, von den großen Fenstern aus hat man einen wunderbaren Blick auf den Hafen, einen bedeutenden Militärstützpunkt. 2006, kurz nach dem Waffenstillstand mit dem Libanon, feuerte die Hisbollah noch einmal Raketen auf Haifa ab. „Eine schlug dort unten ein, gleich neben dem Krankenhaus, eine weitere dort drüben, hundert Meter neben unserem Haus“, sagt Osnat. „Mein jüngster Sohn diente gerade in der Armee, ich hatte keine Ahnung, wo er gerade war und machte mir schreckliche Sorgen.“ Sie erzählt von einer Verwandten aus Manhattan, die nur anruft, wenn in Israel Wahlen sind. „Sie sagt mir immer, wen ich wählen soll, welcher Politiker gut für mein Land ist. Aber sie hat nie erlebt, wie das ist, wenn eine Bombe in einem Bus explodiert und die Kinder gerade auf dem Nachhauseweg sind.”

Allmählich kann ich verstehen, warum hier viele Menschen so denken wie Osnat. Wie würde ich mich verhalten, wenn das Leben meiner Familie wieder und wieder bedroht wird? Nichts in diesem Land ist schwarz oder weiß, es gibt kein eindeutiges richtig oder falsch.

Patrick Hemminger hat während seiner Reise vorwiegend als Gast auf Sofas übernachtet

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

10:00 28.08.2011

Ausgabe 41/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare 4