Fantomas und Elefantenbüffel

Orientierung Das postsowjetische Russland pflegt einen pragmatischen Umgang mit Hinweisschildern, Namen und der symbolischen Ordnung überhaupt

Das symbolische Universum in Deutschland scheint trotz mancher Bedrohung ziemlich in Ordnung. Es verharrt noch in einem voreinsteinschen Zustand: nicht gekrümmt und zerlöchert, sondern mit Wegemarken versehen, die in zuverlässig bearbeitete und interpretierte Gebiete weisen. So fügen sich - und wenn nur oberflächlich - kohärente Bilder.

Die Russen geben sich dagegen postmodern aufgeklärt: Alle wissen, dass das symbolische Universum gekrümmt ist, und zwar in die unterschiedlichsten Richtungen, dass es Zeitverschiebungen gibt und schwarze Löcher, die Erfahrungen einfach aufsaugen, und Wurmlöcher, in denen Bedeutungen verschwinden, um unvermutet an völlig anderer Stelle wieder aufzutauchen. Das ist in Ordnung, irgendwie. "Aushandeln" ist zwar ein beliebter deutscher Begriff, für den es im Russischen keine wirkliche Entsprechung gibt, doch was die Alltagspraxis angeht, so verhält es sich genau andersherum. Dass ausgerechnet der Westen die Welt des "anything goes" sein soll, wie es oft heißt, möchte ich aus russischer Perspektive ausdrücklich anzweifeln.

Das konnte ich vor kurzem auf einer Reise nach Krasnodar, in den Süden Russlands, wieder einmal feststellen. Die Dienstreise begann natürlich lange bevor ich meine Tasche zum Flugplatz tragen konnte, weil sich nämlich plötzlich die Frage stellte, ob mein Visum für eine Reise nach Krasnodar überhaupt ausreichte. Wenn ich mich richtig erinnerte, dann erstreckte sich die offizielle Einladung, mit der ich seinerzeit mein Visum beantragt hatte, auf St. Petersburg, Moskau und ein paar andere russische Städte, aber ganz sicher nicht auf Krasnodar, das zur Zeit der Einladungsprozedur für mich noch gar nicht existierte. Ein kurzer Blick in mein Visum zeigte, dass es trotz der detaillierten Angaben für die Einladung nicht spezifiziert war. Ob ich nach Krasnodar reisen durfte, würde sich dort herausstellen. Nur nicht vorher fragen, lautete der übereinstimmende Rat der Leute, die ich in dieser Sache konsultierte. Ich würde so viele unterschiedliche Bescheide bekommen, dass ich am Ende gar nicht mehr nach Krasnodar zu fahren wagte. Gut, sie mussten das ja wissen, für sie ist eine derartige Situation Normalität. Die Fülle einander widersprechender oder gar nicht zu erfüllender Gesetze ist so groß, dass man sich so wenig wie nur irgend möglich um sie schert.

Da ich mich jedoch nach Krasnodar eingeladen fühlte und mir auch nicht vorstellen konnte, was die russische Staatsmacht gegen meine Anwesenheit dort einzuwenden haben sollte, kaufte ich unter Vorlage meines Reisepasses mit dem unspezifizierten Visum ein Flugticket - und tatsächlich, ohne misstrauisches Nachfragen oder Anzweifeln meiner Berechtigung überwand ich alle Pass-, Gepäck- und Personenkontrollen.

Die Überwindung der innerstaatlichen Kontrollen feierte ich mit einem Cognac, der mir ausgeschenkt wurde, obwohl die Bar gerade geschlossen hatte. Das ist ein russischer Trick: Die Verwicklung des Verkaufspersonals in ein Gespräch, bis die menschlichen Regungen die Oberhand über die amtlich oder gewerkschaftlich genehmigte Arbeitsunterbrechung gewinnen. Ich stand also da und trank meinen Cognac. Währenddessen wurde unser Flug am "Ausgang zwei" ausgerufen, über dem die elektronische Anzeige jedoch klar und deutlich das Flugziel "Ufa" auswies. Die Leute um mich herum schnappten sich ihre Gepäckstücke und stellten sich an, nur ich - ich wieder mal - wollte dem nicht folgen, bis mich mein Begleiter zur Eile antrieb. Meinen Zweifel, ob wir uns wirklich am richtigen Abfertigungs-Gate befänden, beantwortete er mit einem Gleichnis: "In Russland gibt es eine Redewendung, und die geht so: Wenn du an das Elefantengehege kommst und liest auf dem Schild ›Büffel‹, dann trau deinen Augen nicht."

Die Mehrheit hatte also beschlossen, den Büffel für einen Elefanten zu nehmen oder auch umgekehrt, und als die Flughafenangestellte am Abfertigungsschalter eine weit ausholende Armbewegung machte und etwas rief, das ich auf meiner hinteren Position nicht verstehen konnte, beschloss die Menge, sich vereint einem anderen Abfertigungsschalter zuzuwenden, über dem - wiederum sehr eindeutig - "Orenburg" stand. Außer mir waren sich offenbar alle sicher, dass es hier nach Krasnodar ging, und da meine zugegebenerweise penetrante Nachfragerei unbeantwortet blieb, überließ ich mich dem Schicksal. Letzten Endes, auch in Orenburg war ich noch nie gewesen, und da ich meiner Meinung nach genügend Devisen dabei hatte, um auch wieder nach St. Petersburg zurückzukommen, bestieg ich das Flugzeug. Wir kamen an in Krasnodar. Außer mir hatten alle damit gerechnet, warum auch immer.

Krasnodar, zwei Stunden vom Schwarzen Meer entfernt und in einer Übergangszone zum Kaukasus gelegen, ist südrussische Provinz, Siedlungsgebiet der Kuban-Kosaken, die in vorsowjetischer Zeit die südliche Grenze gegen die Kaukasusvölker verteidigten. Auch hier rollt die Welle westlicher Ästhetisierung, doch der Druck ist geringer als in Moskau und St. Petersburg.

Auf der Fahrt vom Flughafen nach Krasnodar kommt man an der Statue eines Mannes vorbei, der über die Bäume hinweg mit strengem Ausdruck stadtauswärts blickt. Meine Frage, wem das Denkmal gewidmet sei, wurde mit einem Achselzucken beantwortet: Das wüsste niemand, die Unterlagen seien nicht aufzufinden. Daher würde es "Fantomas" genannt.

Unsere Konferenz fand im "Haus der Offiziere" statt, doch am ersten Tag konnte ich den Veranstaltungsort erst nach längerem Suchen finden, weil die Fassade in der Stilrichtung "sowjetische Dekadenz" von einer Leuchtreklame beherrscht wurde, die "Spielautomaten" ankündigte. Die Eingangshalle wurde von einem Wettbüro beherrscht sowie von einer mit künstlichem Efeu und Moos ausgelegten Nische, in der einst eine jetzt versiegte Quelle sprudelte - das Ganze vor einer Landschaftstapete, Berge, Täler und eine friedlich weidende Schafherde thematisierend. Nur in den Nebengängen standen verstaubte sowjetische Militärexponate und erst im nächsten Stockwerk wurde klar, wo man sich befand. Hier hingen liebevoll gerahmte Fotografien, verlogene Tschetschenienkriegs-Romantik: der junge Soldat, malerisch auf einem Panzer ausruhend, untertitelt "Und so träume ich von der Heimat"; der Abtransport eines verletzten Soldaten, Titel "Halt durch, Bruder" und so weiter. Alles in Farbe, aber ohne Blut.

Das Mittagessen nahmen wir in der Biene Maja ein. Schwer vorstellbar, welches Unternehmen das Restaurant sponsorte, denn an den Themenschwerpunkt erinnerten nur die Serviettenhalter in Form einer freundlich lächelnden Biene. Das übrige Interieur wies höchstmöglich in andere Richtungen - eine Beleuchtung wie in einer Bar, dunkel, mit flimmernden Lichtkegeln in den Ecken, wodurch sich die weiße Unterwäsche der anwesenden Damen phosphoriszierend unter der Sommerbekleidung abzeichnete; an den Wänden Genrebilder und Stilleben des 18. und angehenden 19. Jahrhunderts.

Die Konferenz bot die übliche Tagungsmischung. Klar, der Alltag ist verwirrender als die Wissenschaft. Auf der Fahrt zum Flughafen begehrte ich wieder zu wissen, wessen Denkmal da am Stadtrand steht. Die Antwort: Das weiß niemand, wir nennen ihn "Fantomas" oder "Der Mann, der seiner aus der Kur zurückkehrenden Frau entgegensieht."

Nun gut, das ist Provinz, hätte ich denken können. Doch auf dem Rückflug las ich in der St. Petersburger Tageszeitung einen Aufmacher mit dem spannenden Titel Ein Denkmal dem, den niemand kennt. Wie ich in dem Artikel erfuhr, plant die Stadtverwaltung, die Festlichkeiten zur 300-Jahr-Feier St. Petersburgs im Mai 2003 im größten Stadtbezirk, der Vasilien-Insel, mit einem besonderen Beitrag aufzuwerten: Es soll ein Denkmal errichtet werden, das - ich zitiere - "diesem Vasilij gewidmet ist, nach dem, unbekannt wann und unbekannt warum" der Bezirk benannt wurde.

Wie ich weiter erfuhr, gibt es inzwischen sieben Vasilijs, die historische Größe beanspruchen können. Ein Vasilij könnte unter den ersten Bewohnern der Insel gewesen sein, die bereits 1478 erwähnt wurden, also glatte 300 Jahre früher als die Stadtgründung durch Peter den Großen. In Frage kommen auch einige Ansiedler aus Novgorod, ein heidnischer Fürst, der bei seiner Taufe in der Newa den Namen Vasilij erhielt, ein bekannter Kaufmann sowie ein Soldat von Iwan, dem Schrecklichen.

Unter der Leitung der Vorsitzenden für Kultur, Galina Vasiljeva (man beachte den Nachnamen!), wurde ein Wettbewerb zur Denkmalsgestaltung ausgeschrieben, worin sich die Stadtbürger als wahre Meister der Postmoderne erweisen dürfen. Sehr wahrscheinlich wird das Denkmal eine Mischung aus all den sieben möglichen Vasilijs werden, da keiner wirklich historisch verbürgt ist; etwas zum Anfassen und womit sich jeder gern fotografieren lässt. Eigentlich keine schlechte Lösung, zumal einige Zehntausende St. Petersburger auf den Namen Vasilij hören.

Ingrid Oswald ist Mitbegründerin und stellvertretende Leiterin des Centre for Independent Social Research in St. Petersburg.

00:00 10.01.2003

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