Fast eine Romanfigur

Spanien 1936 Vor 75 Jahren ziehen die ersten Interbrigadisten in den Spanischen Bürgerkrieg. Einer der Kommandeure ist Hans Kahle aus Deutschland, einst kaiserlicher Offizier

Im November 1986 erfuhr der in Leipzig lebende Werner Kahle durch einen Film eher zufällig, wer sein Vater war. Genauer: Was es mit dem Mann auf sich hatte, dessen Namen er seit 60 Jahren trug. In einer Dokumentation des DDR-Fernsehens über die Internationalen Brigaden im Spanischen Bürgerkrieg (1936 – 1939) flimmerte ein Bild in Großaufnahme über den Schirm, das Werner Kahle aus dem Fotoalbum der 1940 verstorbenen Mutter kannte. Das ihm vertraute Gesicht gehörte nach Ansicht seines Onkels, bei dem er als Waise aufwuchs, einer suspekten Person – einem „Schurken“, der Mutter und Kind nach der Geburt hatte sitzen lassen. Aus dem Schurken wurde in der kurzen Filmsequenz ein Held der Schlacht um Madrid. Eine Legende im Halbschatten und ein Name: Hans Kahle – Kommandeur, Kämpfer, Kommunist.

Werner Kahle, der Sohn, arbeitet im Herbst 1986 bei einem der größten Getriebehersteller der DDR – er hat eine leitende Position, ohne politisch exponiert zu sein. Wie viele aus seiner Generation ist er nach dem Krieg jung genug, ein neues Leben im Osten Deutschlands zu beginnen, und alt genug, um von den Heimsuchungen der Kriegsjahre mit Arbeitsdienst, Fronteinsatz, Verwundung und kurzer Gefangenschaft geprägt zu bleiben.

Fast vergessen

Hat es allein mit familiärer Ächtung zu tun, dass Werner Kahle dreieinhalb Jahrzehnte DDR durchläuft, ohne Genaueres über seine Herkunft, vor allem das Leben des leiblichen Vaters, zu wissen? Hans Kahle taucht in der proletarisch-revolutionären Geschichtsschreibung zwar nicht ständig auf, aber totgeschwiegen wird er auch nicht. Nach ihm werden mit den Jahren im Norden der DDR Schulen, NVA-Regimenter, Ferienheime und das Schweriner Polizeipräsidium im Zentrum der Stadt benannt. Wer jedoch dieser Hans Kahle wirklich war, weiß niemand genau zu sagen. Bis heute hat sich daran wenig geändert – Hans Kahle bleibt eine der vielen, zwar nicht namenlosen, doch seltsam verschwommen wahrgenommenen Figuren aus den Klassenschlachten der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, deren Fronten auch Deutschland und Spanien durchzogen. Die Akteure von einst jedoch scheinen inzwischen vollends aus dem kollektiven Gedächtnis zu verschwinden.

Am 22. April 1899 in Karstädt (Prignitz) geboren, gehört Hans Kahle zu den wenigen deutschen Interbrigadisten, die 1936 nicht nur über Kriegserfahrung verfügen, sondern auch eine militärische Ausbildung vorweisen können. Er hat die Kadettenanstalt in Berlin-Lichterfelde absolviert und bringt es gegen Ende des Ersten Weltkrieges noch zum Leutnant. 1921 geht er als Prokurist einer deutschen Firma nach Mexiko. Dort lernt er seine erste Frau, Elisabeth Anna Dorner, kennen, deren Vater als Bohrmeister beschäftigt ist. Die beiden heiraten 1925 in Mexiko, am 1. Juli 1926 wird ihr gemeinsamer Sohn Werner geboren. Etwa 40 Fotos aus dieser Zeit zeigen einen gut auflegten jungen Mann beim Reiten oder bei einer Segeltour. Als Elisabeth wegen der bevorstehenden Entbindung zur Mutter nach Schlesien zurückkehrt, ahnt sie nicht, dass sie ihren Mann nie wieder sehen wird. Während sie den Sohn zur Welt bringt, verschwindet Hans Kahle für immer aus ihrem Leben. Zwar reist Elisabeth noch einmal nach Mexiko, um nach dem Verschollenen zu suchen, doch findet sie nicht die geringste Spur.

Hans Kahle taucht erst 1927 wieder in Deutschland auf und tritt ein Jahr später in die KPD ein. Aus dem kaiserlichen Offizier mit einem Hang zum Aristokratischen ist in Mittelamerika unter dem Einfluss des Weltbühnen-Autors Alfons Goldschmidt ein Kommunist geworden, der nun für den Münzenberg-Konzern, das Medienunternehmen der Kommunistischen Internationale, und für den Militärapparat der KPD zu arbeiten beginnt. Er heiratet ein zweites Mal. Diesmal „standesgemäß“; seine Frau Gertrud arbeitet für die der KPD nahe stehende Rote Hilfe. Im März 1933 wird Kahles zweiter Sohn Hans-Peter geboren. Von vorheriger Scheidung ist nichts bekannt. Weder Gertrud, noch die spätere dritte Frau, noch eines seiner Kinder scheinen je etwas von der ersten Ehe und dem Sohn Werner erfahren zu haben.

Als im Juli 1936 General Franco putscht und die Kommunistische Internationale zur Verteidigung der Spanischen Republik Freiwilligenverbände aufstellt, ist Hans Kahle einer der ersten, die im Herbst 1936 in Alicante eintreffen. Unter den deutschen Interbrigadisten gibt es nur drei Offiziere: Arnold Friedrich Vieth von Golßenau alias Ludwig Renn, Wilhelm Zaisser – und Hans Kahle. Zaisser wird als General Gómez Kommandeur der XIII. Interbrigade und steigt später in der DDR zum ersten Minister für Staatssicherheit auf. Der Romancier Ludwig Renn übernimmt den Stab der berühmten XI. Brigade, die Hans Kahle kommandiert und ab November 1936 in die fast zwei Jahre währende Verteidigungsschlacht um Madrid führt. Die Hauptstadt ist von den republikanischen Streitkräften zu Beginn des Bürgerkrieges schon fast aufgegeben worden.

Um sie zu verteidigen, muss Kahle aus einem Haufen antifaschistischer Idealisten eine schlagkräftige Einheit formen, die er durch Charakter, Charisma und taktisches Geschick zusammenhält. So jedenfalls ist es den Berichten von Zeitzeugen zu entnehmen, denen in Erinnerung blieb, dass Kahle als Einziger im Führungszirkel der deutschen Interbrigadisten fließend Spanisch sprach. So ist er als Interbrigadist auch Verbindungsmann zur republikanischen Armeeführung und wird in der letzten Phase des Bürgerkrieges Befehlshaber der 17. und dann 45. Spanischen Division. Die nehmen Interbrigadisten auf, nachdem Frankreich und Großbritannien 1938 die Spanische Republik gezwungen haben, die Freiwilligenverbände aufzulösen.

Nach Mecklenburg

Nach dem Bürgerkrieg geht Kahle illegal nach Frankreich und von dort ins etwas komfortablere, aber ungeliebte Exil nach London. Der Mann ist Kommunist und fühlt sich unwohl in einem Refugium abseits des Weltgeschehens. Er will gebraucht werden, doch hat ihn die KPD-Führung offenbar in die Reserve versetzt und weiß ihn gut versorgt.

Als im Sommer 1940 ein Angriff der Wehrmacht auf die britischen Inseln unausweichlich scheint, wird Hans Kahle interniert und später nach Kanada verbracht. Ernest Hemingway, den er aus Spanien kennt, und der ihn fast zu einer Romanfigur gemacht hätte, setzt sich halbherzig für ihn ein. Ohne Erfolg. Thomas Mann, mit dessen Tochter Erika Kahle in Spanien eine Affäre hat, schreibt an den „lieben General Hans“ und lädt ihn ein, in das Haus des Vaters nach Princeton zu kommen. Der Kontakt zu Thomas Mann bricht jäh ab, als der den Hitler-Stalin-Pakt verurteilt und Kahle sich der Parteidisziplin unterwirft.

Der republikanische General, der einen Bürgerkrieg überlebt hat und sich für die Partei nicht schont, nimmt gern das Recht in Anspruch, die Freuden des Lebens auszukosten. Er ist gebildet, geistreich, den Annehmlichkeiten eines bürgerlichen Ambiente zugetan, wenn sich die Gelegenheit dazu bietet. 1946 nach Deutschland zurückkehrt, bittet er die KPD-Führung um eine angemessene Aufgabe in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ). Dabei dürfte das Misstrauen der Gruppe um Walter Ulbricht gegen Parteimitglieder, die aus der Westemigration kamen, Hans Kahle bekannt gewesen sein. Er wird zum Chef der Volkspolizei in Mecklenburg berufen, was bedeutungsvoller klingt, als es ist – die reale Macht liegt im Osten zunächst allein bei der Sowjetischen Militäradministration (SMAD). Völlig unerwartet stirbt Kahle am 1. September 1947 unter bis heute nicht restlos geklärten Umständen nach einer Notoperation in Ludwigslust: Folge einer schweren Erkrankung oder eines Selbstmordversuchs?

Sein Sohn Werner, der zwischenzeitlich die Lebensgeschichte genau kannte, war zuletzt davon überzeugt, sein Vater habe sich erschossen, weil er eine Säuberung befürchtete. Beweisen konnte er das nicht mehr. Werner Kahle starb im Herbst 2010.

Jakob Taube ist Historiker und lebt in Leipzig

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10:00 27.11.2011

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