Fatal Histories

Wissenschaftstraditionen Ethik wird hierzulande immer mehr als technisch praktikables Regelwerk gehandelt. Wohin eine von Moral geläuterte Wissenschaft führt, zeigt das Beispiel des französisch-amerikanischen Nobelpreisträgers für Medizin. Alexis Carrel empfahl die kostengünstige Vergasung von Kriminellen und Geisteskranken

Seit im Zuge der öffentlichen Diskussion über Gentechnologie und Stammzellenforschung überall Ethik-Kommissionen am beratenden Werk sind, lässt sich eine schleichende Entwertung des Begriffs der Moral beobachten, die sich allerdings hinter einem Rauchvorhang inflationärer Moralisierung von allem und jedem verbirgt. Solchen Gremien ist aufgetragen, unter dem Arbeitstitel "Ethik" ein technisch praktikables Regelwerk für Forschung und Industrie hervorzubringen, das von unklaren moralischen Beimischungen gereinigt ist. Ohne Ratifizierung durch naturwissenschaftlich legitimierte Kommissionen wäre etwa das "moralische Gesetz", auf das Immanuel Kant sich zu seiner Zeit selbstverständlich glaubte berufen zu können, nicht mehr wert als ein Fetzen Papier. Einer der einflussreichsten deutschen Wissenschaftsfunktionäre, Hubert Markl, Vorsitzender der Max-Planck-Gesellschaft und Senatsmitglied der Deutschen Forschungsgemeinschaft, hat sich vor kurzem der Öffentlichkeit in dieser Hinsicht bemerkenswert unmissverständlich erklärt.

Erbarmungslose Moral?

In einer programmatischen Rede, die Markl im vergangenen Juni vor der Hauptversammlung seiner Gesellschaft hielt (nachlesbar unter www.mpg.de, vgl. auch Freitag vom 27. 7. 2001), ging es wieder einmal um die Embryonenforschung. Beachtung verdient die Art der Argumentation, mit der Markl Einwänden gegen freigegebene Pränatal- und Präimplantationsdiagnostiken begegnet. Dienen diese denn nicht, meint er, einem edlen Zweck, nämlich dem Ersparen der Leiden, die das Aufziehen eines behinderten Kindes für die Eltern bedeutet? Will man Eltern durch Beschränkungen der Forschung zu solchen Leiden gar zwingen? "Mich schrecken", sagte der Max-Planck-Vorsitzende mit Blick auf Forschungskritiker, "dabei sozialethische Argumente der Art, es könnte die Stimmung in der Bevölkerung für oder gegen die Behinderten beeinflussen, wenn es Müttern frei überlassen wird, solche schweren Entscheidungen (für oder gegen das Austragen einer Leibesfrucht, bei der Entwicklungsstörungen zu befürchten sind) zu treffen."

Geschreckt zeigt sich Hubert Markl, weil er erkannt haben will, dass es einer pflegewilligen Gesellschaft gar nicht um die Personen der Behinderten und Kranken geht, die sie pflegt, sondern um das Vorzeigen ihrer eigenen moralischen Untadeligkeit. So braucht sie seiner Meinung nach geradezu Nachschub an behindert Geborenen, damit sie bei deren Aufzucht und Pflege selbstzufrieden in den Spiegel schauen kann. Dies ist für Markl das wahre Motiv der Ablehnung von Forschungen, die es erlauben, einen als geschädigt diagnostizierten Fötus gar nicht erst zu einem Menschenwesen heranwachsen zu lassen. "Mich schreckt am meisten", fährt der schon hinreichend geschreckte Vorsitzende fort, "der Geist erbarmungsloser Moral und zugleich des rechtlichen Zwanges auf betroffene Einzelne im Dienst vermeintlicher Gemeinschaftsinteressen. So als gehörten eine Frau und ihr Reproduktionsverhalten und sogar die dabei instrumentalisierten Behinderten zuerst einmal dem Staat, der dieser Frau in von Mehrheitsmeinung abhängigen Grenzen Freiheiten hinsichtlich ihres ureigensten Menschenrechts, nämlich der Entscheidung über die eigene Fortpflanzung, einräumt oder versagt und sie gegebenenfalls dazu zwingt, ein schwerst behindertes Kind sozusagen als Exempel für andere auszutragen und aufzuziehen."

Moralische Prinzipien, die womöglich auch noch Gesetzesform erhalten, sind somit als nicht nur forschungsbehindernd, sondern auch als freiheitsberaubend erkannt. Also weg mit ihnen - so sagt es der Vorsitzende der Max-Planck-Gesellschaft zwar nicht laut, aber darauf läuft die rhetorische Einkleidung seiner Argumentation hinaus. Man soll ihm jetzt nur nicht mit den Nazis kommen, darauf ist Freiheitsfreund Markl nämlich vorbereitet: "Ich will auch nicht verhehlen, wie irreführend mir hier der Vergleich mit den mörderischen ›rassenhygienischen‹ Zwangsmaßnahmen der Nazis erscheint. Wer den moralischen und rechtlichen Unterschied zwischen der Nichtannahme eines Embryos oder Fötus in eigener, gewiss nicht leichter Verantwortung der Eltern, und der zwangsweisen Ermordung behinderter Kinder oder Erwachsener im suggerierten Volksinteresse nicht erkennen will, könnte am Ende gerade dem Andenken an die Opfer des Nazi-Staatsterrors am wenigstens gerecht werden."

Irregeleiteter Forscherwahn und Staatsterror

Im Hinblick auf die Nazivergangenheit ist Hubert Markl also ein untadeliger Mann. In seine Rede flicht er wie nebenbei die Mitteilung ein, dass er sich in seiner Eigenschaft als Vorsitzender der Max-Planck-Gesellschaft kurz zuvor "für die damals aktiv oder passiv schuldig gewordenen Mitglieder der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft und der Max-Planck-Gesellschaft bei Opfern irregeleiteten biomedizinischen und rassistischen Forschungswahns für das moralische Versagen deutscher Forscher entschuldigt und um Vergebung gebeten" hat.

Der um Vergebung Bittende macht einen guten Eindruck als opfersensible Person, und vor allem wiegt er seine Zuhörerschaft in dem Vertrauen darauf, dass das, wofür er sich entschuldigt, nie mehr vorkommen wird, in Sicherheit. Hat sich das "moralische Versagen deutscher Forscher", wie Markl sich ausdrückt, gar unter den Nazis ereignet, dürfen Zeitgenossen erst recht aufatmen, denn "irregeleiteter Forschungswahn" konnte nur unter außergewöhnlichen Bedingungen entstehen, nämlich denen des "Nazi-Staatsterrors". Den aber gibt es, wie jedes Kind weiß, weder in Deutschland noch in einem anderen forschenden westlichen Land. Wiederholungen der genannten Irreleitungen des Forscherdrangs sind demnach strukturell ausgeschlossen. Darüber kann sich der Vorsitzende Markl so sehr von Herzen freuen, dass er für einen Augenblick seine eben noch vorhandenen Vorbehalte gegen moralische Prinzipien beiseite legt und vom einstigen "moralischen Versagen deutscher Forscher" spricht..

Die Nazis erweisen dem für die Sache freier Forschung streitenden Wissenschaftsfunktionär einen unschätzbaren Dienst: hat man sie erst einmal zur Hölle geschickt, nachdem man sie unter Beigabe heftigen Abscheus hat auftreten lassen, ist auch die Nabelschnur durchtrennt, die gegenwärtige biomedizinische Forschung mit ihren übrigen Traditionen verbindet. Die Operation kann freilich nur unter den Bedingungen der Totalamnesie gelingen. Deshalb halten sich Streiter für die deregulierte biomedizinische Forschung so gern an die deutschen Nazis, von denen sie sich dann effektvoll absetzen können, und verlieren kein Wort über weniger auffällige und deshalb weniger bekannte Vergangenheiten ihrer Disziplin. Dass es nämlich keines Staatsterrors bedurfte, um angesehene Forscher ausrasten zu lassen, zeigt etwa der heute großenteils vergessene Fall des Nobelpreisträgers für Medizin Alexis Carrel, der im übrigen weder Deutscher noch Nazi war.

Der Mensch, das unbekannte Wesen

Der gebürtige Franzose Carrel (1873-1944) hatte den größeren Teil seines Lebens als Chirurg und Wissenschaftler in den USA verbracht, dem Traumland europäischer Forscher. Nach seiner Promotion in Lyon im Jahr 1900 ging an er an die Universität von Chicago und dann an das Rockefeller Institute for Medical Research in New York. Mit dem Nobelpreis für Medizin wurde Carrel 1912 für eine von ihm entwickelte Technik des Vernähens durchtrennter Blutgefäße ausgezeichnet. Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs kehrte er nach Frankreich zurück, wo er eine später nach ihm benannte Methode antiseptischer Wundbehandlung erfand. Gleich nach Kriegsende nahm er die Arbeit am Rockefeller Institute wieder auf. Der Kriegsausbruch 1939 ließ Carrel abermals nach Frankreich zurückkehren. 1941 wurde er zum Direktor der Fondation Française pour l´étude des problèmes humains ernannt. Hochgeehrt starb Carrel 1944 in Paris. In einer Reihe französischer Städte wurden Straßen nach ihm benannt.

Weit über die Fachwelt der Chirurgen hinaus war Alexis Carrel durch sein 1935 gleichzeitig in Frankreich und in den USA erschienenes Buch L´homme, cet inconnu (Man - the Unknown) bekannt geworden, das sich bald als populäres Standardwerk in zahllosen Haushalten beiderseits des Atlantik fand. Der Verlag Plon konnte 1940 stolz die Auflagenhöhe 196.000 melden. 1936 kam in der Deutschen Verlagsanstalt Berlin eine auf der Grundlage der amerikanischen Buchausgabe hergestellte, Der Mensch, das unbekannte Wesen überschriebene deutsche Übersetzung heraus.

Geschrieben worden sei das Buch, betont der Autor in seinem Vorspruch, für jedermann, insbesondere für alle die Zeitgenossen, die die "Schwäche unserer Zivilisation spüren" und die "der Sklaverei der Dogmen der modernen Gesellschaft zu entkommen wünschen". Was er unter diesen Dogmen versteht, gibt der Autor erst später preis, zunächst stellt er sich als "Mann der Wissenschaft" vor, der "den größten Teil seines Lebens in Laboratorien verbringt, um das Lebende zu studieren". Was er beschreibe, habe er "selbst gesehen" - oder doch wenigstens direkt von den Wissenschaftlern erfahren, mit denen er zusammenarbeite. Diese Selbstbescheidung hindert den Nobelpreisträger für Chirurgie jedoch keineswegs daran, sich über alles Mögliche zu verbreiten, nicht nur über mikrobenbedingte Krankheiten und das "unbewusste Leben der Organe", sondern auch über Elitenbildung und "freiwillige Eugenik". Das Schlusskapitel des 400 Seiten starken Buchs ist dem Thema "Wiederherstellung des Menschen" gewidmet. Der Mensch, dem Carrel zur Entfaltung verhelfen will, ist der gesunde, normale Mensch. Unglücklicherweise sieht er diesen von einer gewaltigen Bürde an der Entfaltung gehindert.

Diese besteht für Carrel in der "ungeheuren Masse an Schwachsinnigen und Kriminellen", die auf der gesunden Bevölkerung lastet. Für immer mehr Geld immer größere Kliniken und Gefängnisse bauen? Warum, fragt der Mediziner, "verfährt die Gesellschaft mit den Kriminellen und Geisteskranken nicht auf ökonomischere Weise?" Die weniger gefährlichen Kriminellen, meint Carrel, könnten wahrscheinlich "mit der Peitsche" zur Raison gebracht werden. "Was jedoch die anderen angeht, jene, die getötet, die mit der Waffe in der Hand geraubt, die Kinder entführt, Arme ausgenommen, die das Vertrauen der Öffentlichkeit schwer missbraucht haben, so könnte sich eine mit geeignetem Gas ausgestattete Einrichtung der Euthanasie ihrer auf humane und ökonomische Weise annehmen."

Warum so nicht auch die kriminell gewordenen Verrückten auf diese Weise loswerden?, fragt Nobelpreisträger Carrel rhetorisch und fährt fort: "Man darf nicht zögern, die moderne Gesellschaft im Hinblick auf das gesunde Individuum zu ordnen. Gegenüber dieser Notwendigkeit müssen die philosophischen Systeme und die sentimentalen Vorurteile verschwinden."

Von postnataler zu pränataler Selektion

Dass Carrel 1935 für Euthanasie mittels Gaskammer plädierte, macht ihn noch nicht zum Nazi-Schreibtischmörder (bemerkenswerterweise fehlt die entsprechende Passage in der 1955 wieder von der DVA, diesmal Stuttgart, herausgebrachten deutschen Neuausgabe). Inspirieren lassen hat sich der zu jener Zeit in den USA lebende Forscher wahrscheinlich durch das Beispiel des Staats Nevada, der 1924 die erste Hinrichtung durch Gas durchführte. Die deutschen Nazis brauchte er nicht, um auf seine Gedanken zu kommen, Eugenik und Euthanasie lagen in den dreißiger Jahren als Problemlösungen fast überall in der Luft und dürften auch unter den Forschern des Rockefeller Institute for Medical Research in New York erörtert worden sein. Von irgendeinem Markl´schen "Staatsterror", der als Entschuldigung für ausgebrochenen Forscherwahn dienen könnte, waren die USA des New Deal nicht heimgesucht.

Nüchtern betrachtet plädierte Alexis Carrel 1935 für nichts Anderes als für post-natale Selektion. Beseitigt werden soll, was sich im Erwachsenenalter als geschädigt und schädlich herausstellt. Der Fortschritt, den die Genforschung heute ermöglicht, besteht darin, dass die Selektion bereits pränatal stattfinden kann, somit kein Aufsehen erregt und die Gesellschaft bei gleicher Zweckerfüllung zudem billiger kommt. Mit Nachfolgern wie dem Max-Planck-Präsidenten Hubert Markl könnte der einstige Direktor der vom Vichy-Regime ins Leben gerufenen Französischen Stiftung für das Studium der Probleme des Menschen Carrel durchaus zufrieden sein. Was sie gemeinsam haben, ist die Geringschätzung moralischer Motive, die bei Carrel "sentimentale Vorurteile" heißen und als Hindernisse für die Forschung und deren Anwendung erkannt werden. Zufrieden sein könnte Carrel auch mit Bundeskanzler Schröder, der nach seinen eigenen Worten zu der Überzeugung gelangt ist, dass gewisse Sexualstraftäter "nicht therapierbar sind" und deshalb weggeschlossen werden müssen - "und zwar für immer". Was hindert den sozialdemokratischen Sparkanzler eigentlich daran, sich der von Carrel vorgeschlagenen "ökonomischen" Radikallösung der Euthanasierung durch Gas anzuschließen? Ein "sentimentales Vorurteil"?

Wie praktisch ist es doch, dass es einmal die mordenden Nazis gab, auf die man bei jeder Gelegenheit eindrücklich mit Fingern zeigen kann. Das Fortleben fataler Wissenschaftstraditionen - auf denen allerdings kein abschreckendes Hakenkreuz-Etikett klebt - darf dann bei gleichzeitigem emsigen gentechnischen Weiterwerkeln mit Schweigen übergangen werden.

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00:00 26.10.2001

Ausgabe 41/2021

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