Flagge zeigen

Schwarzrotgold Anmerkungen zur deutschen Selbstachtung nach dem kollektiven Heimatrausch

Was haben sich deutsche Medien und Industrie aber auch gequält! Im September vergangenen Jahres starteten sie die Kampagne "Du bist Deutschland", zeigten sich zunächst "trotz Kritik extrem begeistert" von sich selbst und merkten, als es sich nicht mehr vermeiden ließ, doch, dass die Sache nach hinten losging oder sich gar unter der Aufmerksamkeitsschwelle verpfiff.

Als ich dieser Tage auf einen Rastplatz fuhr und ein bisschen döste, hob sich aus dem Auto vor mir ein geschmückter Frauenarm aus dem Fenster und winkte dem Fahrer zu, der ein paar Meter entfernt ein Ei aß: Ein Armband aus Federn in schwarzrotgold zierte ihn. Der Arm war keinesfalls jung, seine Besitzerin jenseits der 60. Nach der Fußball-Weltmeisterschaft ist eben alles möglich. Nicht nur das freundliche Fähnchenschwenken inklusive Heimatrausch ist zu einem während der WM-Tage auch international beobachteten, begutachteten und, alles in allem, be- und geachteten Phänomen geworden. Die Leichtindustrie hat vorgesorgt. Da wurden pünktlich zur WM Schminksets, Nagellack, Fähnchen für Auto, Hand und Balkon und eben Federbänder in Nationalfarben bereitgestellt, und ein Volk kaufte und sonnt sich auch danach noch im prallen Schein der Vaterlandsliebe. Wie schon lange nicht mehr, frust- und frostfrei. Zu Zeiten der letzten Flaggeneuphorie, 1990, war das ganz anders, da schieden sich die deutschen Groß- und Kleingeister. Man musste auf vieles gefasst sein, wenn man eine deutsche Fahne baumeln ließ: Von deutschnationalem Zuspruch bis zur antideutschen Selbstverleugnung war alles drin. Warum ist das nun so anders, so weitgehend stressfrei nach allen Seiten, und warum macht sich Erleichterung breit darüber?

Männerangelegenheiten

Die Geschichte ist eine kriegerische. Kriege werden von Männern gemacht. Fußball auch. Jedenfalls der Fußball, der zu "nationalem" Begeisterungstaumel führt. In Zeiten, in denen kaum eines der an der WM beteiligten Länder offiziell Krieg führt, tritt das Spiel an dessen Stelle. Der Brit´ möchte seinen Tritt, der Franzos´ seinen Stoß genauso rächen wie vor hundert Jahren, und beim Fußball kann er das. Nicht Armeen, sondern viel kleinere Abordnungen reichen, auch angesichts der medialen Möglichkeiten, aus, Völker miteinander die Kräfte messen zu lassen, auf kleinstem Raum agieren nationale Kleinstgruppen mit Fanblockunterstützung auf den Rängen, auf den Fanmeilen und vor den Fernsehgeräten. Gleichschaltung gelingt stärker als bei jeder anderen Sportart. Für die Industrie ist das ein gefundenes Fressen, und sie versucht ja auch nach Kräften, sich daran zu sättigen. Das muss schon deshalb besser gelingen als die Kampagne "Du bist Deutschland", weil die ein jeder für sich, im besten Fall verblüfft, in Erwartung eines anderen, "richtigen" Fernsehereignisses wahrnahm. Fußball hingegen ist ein "richtiges" Fernsehereignis ...

Tritt dir Kampagnen-Kati Witt entgegen, den Motivationsspruch unglücklich aus glücklich lächelndem Mund gesäuselt, schaltest du ab, wenn dir Hartz IV am Hacken klemmt. Beim Fußball aber bleibst du, da kommt dir keiner mit den Möglichkeiten, die du angeblich hast. Im Gegenteil, du weißt ziemlich sicher, dass aus dir niemals ein Fußballheld werden wird, selbst wenn du keine Frau, zu alt oder zu dick dazu bist. Du hast die Möglichkeit, deine Vorstellungen vom eigenen Fortkommen wenigstens für den Moment abzugeben an Auserwählte. Du bist entlastet und fieberst mit, selbst wenn du es eigentlich nicht willst. Du siehst die Meere der Fähnchen und möchtest lieber darin untergehen, als die Sorgen um Obdach und Lebensunterhalt zu ventilieren. Gewissermaßen erleichtert darüber, dass du nicht allein bist, hebst du dein Glas und prostest den Fähnchenschwenkern zu. Das freut auch die Brauereien, die im Juni 2006 bis zu 20 Prozent mehr Bier produziert und verkauft haben als vor Jahresfrist. Alle sind glücklich. Alle?

Heimatinstallationen

Es gibt Nichtdeutsche in Deutschland. Von Türken ist zum Beispiel die Rede, die angesichts der WM-Nichtteilnahme der Türkei eben auch deutsch flaggten. Schnell ist man dabei, von Multikulti zu faseln. Dabei muss das Multikultigerede in Deutschland bilanzloses Gerede bleiben, solange es nicht davon ausgeht, dass die Deutschen hier in ihrer Heimat leben und in ihrer Heimat Fremde aufnehmen. Ich glaube, beobachtet zu haben, dass gerade diejenigen, die mit weit geöffneten Armen Ausländer empfangen, das oft mit schlechtem Gewissen tun, Deutsche zu sein. Als würde ihnen von ihrer Schuld wenigstens ein Quäntchen abgenommen, wenn sie einen Schwarzen aus der Altkleidersammlung versorgten. So wird das aber nichts werden mit der Integration. Man kann in einem Land der Heimatlosen für Fremde keine Heimat installieren wie ein Anschauungsobjekt. Heimat muss gelebt werden, schon jedes Kind muss ein unverkrampftes Gefühl von Heimat haben dürfen.

Das ist nicht leicht in Deutschland. Mit dem Bildungsgrad steigt die Verpflichtung, in Israel eine Kranzschleife zurechtzurücken, ehe man sich seiner Nationalität erinnern darf. Das haben wir uns selbst eingebrockt, und niemals wird den Juden der Schmerz und den Deutschen die Scham vergehen, die sie angesichts der Geschichte empfinden. Zwar lebten wir seit Mitte der siebziger Jahre in der DDR im "sozialistischen Staat deutscher Nation", wie es offiziell hieß, und waren damit, schien´s, automatisch aller Altlasten ledig, während im Westen die 68er Diskussionswelle langsam verebbte. Aber unter der Hand begann es erst richtig zu brodeln mit dem Generationenabstand zu den Tätern des Dritten Reiches.

Es war Stephan Hermlin, der mir, der knallrot aufgewachsenen FDJlerin, das Grübeln beibrachte mit seiner Weigerung, den Staat Israel als feindlich zu bezeichnen, egal, was in den Palästinenserlagern passierte. Die Dimension der Judenverfolgung war uns gar nicht geläufig, waren es doch nach DDR-Lesart in erster Linie Kommunisten, Antifaschisten und Sowjetbürger, die der Nazidiktatur zum Opfer fielen. Ich erinnere mich vieler Kommunisten, die meinten, ihr Jüdischsein sei für sie nie wichtig gewesen und deshalb auch in der DDR nicht hervorgekehrt worden. Sie hatten es abgespalten, aber als Deutsche fühlten sie sich ebenso wenig. Sie bezeichneten sich als "Internationalisten" und drückten die Ahnung dessen, dass die Kleinkariertheit und Engstirnigkeit der DDR nur das Gegenteil von Internationalismus befördern konnte, dauerhaft in den Skat.

Fremde gab es in der DDR lediglich als kasernierte Arbeiter ohne Kontakt zur einheimischen Bevölkerung, wenn man von den lebenslustigen Algeriern oder Kubanern absieht. Die ließen es sich nicht nehmen, einheimische Frauen zu becircen, und die wiederum ließen es sich nicht nehmen, aus der kleinen DDR auszubrechen, wenn das Becircen Folgen zeitigte. Die Folge der Folgen war allerdings, dass Kubaner und Algerier lieber nicht mehr kaserniert, sondern nach Hause geschickt wurden und man auf disziplinierte Vietnamesen umstieg. Wer im Westen aufwuchs, mag diese Geschichte um die der Gastarbeiter und Asylbewerber ergänzen und hat die andere Seite ein und derselben Medaille: Es ist ein verwickelt Ding mit der deutschen Selbstachtung. Im Moment größter Anspannung machst du den Fernseher an und schaust hinaus aufs Meer der Fähnchenschwenker, erleichtert, dass du jetzt an etwas anderes denken kannst.

Schwarzer Mantel

Deutschland ist der größte Geldgeber innerhalb der EU. Ein reiches, ein mächtiges Land. Eines, das die Geschicke der EU entscheidend prägt und sich seiner Rolle doch niemals offen bewusst sein darf, wenn es beispielsweise nach den rechtsnationalen Zwillingen Kaczynski in Polen ginge. Die Tatsache, dass Deutschland in der Vergangenheit Krieg angezettelt hat gegen Polen, wird heute in unverantwortlich populistischer Weise genutzt, Stimmung gegen Deutschland zu machen. Deutschland kann sich dieser Stimmungsmache nur geduckt erwehren, eine Hand immer am europäischen Fahnenmast, mit der anderen die Nationalflagge verdeckend. Alte Rechts-Rechts-Feindschaften polnischer und deutscher Erznationalisten leben auf. Polen ist EU-Mitglied und muss sich natürlich gegen abschätzige Beobachtung und Benachteiligung aus dem Westen auflehnen. Wenn das aber unter altmännlichem Kriegsgeschrei geschieht, kann einem schon angst und bange werden. Zumal offiziöse und offizielle Berichte über legale und illegale Waffenexporte und Zuliefererdienste nahe legen, dass auch Deutschland weiterhin von kriegerischen Auseinandersetzungen allerorten profitiert, selbst wenn das zumindest einem Teil der Regierenden nicht klar sein sollte. Tja, die Welt hinter der Welt ist ein alter, verquickter Sumpf, dessen Kröten wir schlucken, weil wir oft nicht wissen, was uns unter all der Garnierung da auf den Teller kommt. Soll heißen, ich kann verstehen, dass Altlinken das Herz stockt bei dem Gedanken, Deutschland solle sich selbstbewusst der Verantwortung stellen, die es kraft seiner Wirtschaftsmacht hat. Aber es wäre ein Schritt weg von der Heuchelei, dass Deutschlands Gutmenschen den schwarzen Mantel der Scham übers schwarzrotgoldene Prachtkleid ziehen und die, die das Sagen haben, sich darunter so frei bewegen, wie sie wollen ... Auch das, man verzeihe, wäre mir eine Erleichterung.

Provozierte Befreiung

Es ist schon aberwitzig, dass ein industriell und medial gesteuertes Event unbeabsichtigt eine Befreiung provozieren kann. Eine Befreiung vom Druck, nicht Flagge zeigen zu dürfen, wenn einem danach ist. Möglicherweise ist dieser medienindustrielle Auslösereiz aber auch gerade ein Garant dafür, dass sich das deutsche Flaggezeigen eben nicht in einen nationalistischen Taumel hineinsteigern wird, weil andere Auslösereize folgen werden, die in anderen Massenreaktionen einen ebensolchen Kick hervorrufen. Das schwarzrotgoldene Zusammengehörigkeitsgefühl einmal erlebt zu haben, sei den Jungen gewünscht, die sich der Konflikte ihrer Eltern und Großeltern auf diese Weise einfach entzogen haben. Um zu ihrer Tagesordnung überzugehen. Das wär´s.

Kathrin Schmidt, geboren 1958 in Gotha, lebt seit 1994 als freie Autorin in Berlin. Zuletzt erschien 2005 ihr Roman Seebachs schwarze Katzen.


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00:00 21.07.2006

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