Yuji Nawata
Ausgabe 3613 | 19.09.2013 | 06:00 1

Flaschenpostbote

Medienphilosophie Wer war Friedrich Kittler? Unser Autor, sein japanischer Schüler und letzter Habilitant, sucht in drei Büchern eine Antwort

Flaschenpostbote

Erst verstreut, dann gebündelt: Kittlers Rezeption wird der von Michel Foucault ähneln

Foto: European Graduate School

Friedrich Kittler hatte Stoffe und Themen und geistige Kräfte für viele weitere Werke, als er im Jahr 2011 mit 68 Jahren starb. Kittler heute zu veröffentlichen ist also mehr als Trauerarbeit. Es ist der Versuch einer notwendigen Reparatur einer schicksalhaften Ungerechtigkeit. Im laufenden Jahr wurden drei Bücher dieses bedeutenden Kultur- und Medienhistorikers neu aufgelegt. Und wir können mit weiteren Veröffentlichungen aus dem Nachlass rechnen. Hans Ulrich Gumbrecht, renommierter Literaturwissenschaftler an der Stanford University und alter Freund Kittlers, ist mehr als geeignet für diese Arbeit. Nachdem er die beiden 2012 bei Fink erschienenen Bücher Das Nahen der Götter vorbereiten und Isolde als Sirene mit geeigneten Texten begleitete, gibt er nun einen Suhrkamp-Band mit Texten Kittlers heraus. Es handelt sich um eine Auswahl aus den zahlreichen Abhandlungen, die Kittler zwischen 1978 und 2010 veröffentlichte. Gumbrecht, der den Werdegang der Kittler’schen Wissenschaft immer begleitet hat, reiht die Texte chronologisch auf. Der Leser lernt Kittlers Forschung systematisch in all seinen Entwicklungsphasen kennen.

Gumbrecht teilt das Schaffen des ehemaligen Ordinarius der Berliner Humboldt-Universität in drei Entwicklungsstufen ein. In seiner frühen Phase analysierte Kittler die neuere deutsche Literatur auf untraditionelle Art und Weise, beispielsweise mit Hilfe von französischen Theorien wie denen von Foucault oder Lacan. Daraus entstand die Sichtweise, Literatur- und Kulturgeschichte von der Mediengeschichte her zu betrachten. Der mittlere Kittler ging weit über den Rahmen der Germanistik hinaus und arbeitete an der Mediengeschichte des Westens.

Das Ende aller Geschichte

Diese historische Medienwissenschaft, die sich von der soziologischen Medienforschung stark unterschied, revolutionierte die Humanwissenschaften in deutschsprachigen Gebieten und bleibt auch heute einflussreich. In seiner späten Phase konzentrierte er sich auf das antike Griechenland als Ursprung der Kultur- und Mediengeschichte Europas. Aus diesen drei Stufen wählt Gumbrecht jeweils repräsentative Aufsätze.

Kittlers Wissenschaft ist vielfältig, und es kann prinzipiell keine Auswahl geben, mit der alle zufrieden wären. Auch gegen Gumbrechts Herausgabe kann man Einwände erheben. Während sich sein Interesse von der neueren deutschen Literatur zur griechischen Antike verschob, beschäftigte sich Kittler einige Jahre lang mit den neuzeitlichen Medientechniken. Parallel zu seinem berühmten Buch über die in der Moderne erfundenen Medien Grammophon Film Typewriter könnte man eine Aufsatzsammlung Wohltemperierte Stimmung, Linearperspektive, bewegliche Lettern herausgeben. Gumbrecht nimmt jedoch keine Abhandlungen aus diesem Forschungsgebiet auf. Kittlers Vortrag über Hegel Die Nacht der Substanz wurde ebenfalls nicht ausgewählt, obwohl Gumbrecht diesen im Nachwort wiederholt erwähnt.

Dabei bietet Hegels Geschichtsbeschreibung, in der Gegenwart das Ende der Geschichte (im Sinne der Erfüllung aller möglichen Entwicklungen) zu sehen, für den mittleren Kittler ein grundlegendes Modell: Er beschrieb das Computerzeitalter immer als Ende der Mediengeschichte. Die Zusammenfassung des Schaffens der mittleren Phase durch Kittler selbst, Geschichte der Kommunikationsmedien, kann man in diesem Buch leider auch nicht lesen. Trotzdem darf sich der Leser über diese Aufsatzsammlung freuen. Wenn man Kittlers seltenen urbanistischen Text (Die Stadt ist ein Medium) oder seinen Aufsatz über den in seinen Büchern oft, aber verstreut erwähnten US-amerikanischen Romancier Thomas Pynchon lesen wollte, musste man bislang in die Bibliothek gehen. Nun sind auch solche schwer auffindbaren Texte in diesem Taschenbuch zusammengestellt. Außerdem ist das Kapitel über Kittlers Denkform in Gumbrechts Nachwort eine der bislang besten Einführungen in die Theorien des großen Medienwissenschaftlers.

Kittler gehörte nicht zum Typ Denker, der ad hoc erfundene Thesen auf diese und jene Phänomene der Gesellschaft anwendet und viele Bücher daraus macht. Das Objekt von Kittlers Denken und Schreiben war, so könnte man zugespitzt sagen, nur eines: die Kulturgeschichte Europas. Nur dann, wenn er sich gewiss war, dass er eine Tiefenstruktur dieser Geschichte herausfinden und auch belegen konnte, veröffentlichte er seine Ergebnisse, akribisch mit vielen Fußnoten versehen.

Es gab allerdings viele originelle Gedanken unter seinen Betrachtungen über vergangene Kulturen und moderne Gesellschaften, die er in Vorlesungen und persönlichen Gesprächen äußerte, die er sich jedoch nicht getraut hat, als Aufsätze zu formulieren. In seinen Vorlesungsmanuskripten und Interviews liegt deshalb ein besonderer Reiz.

Die Vorlesung Philosophien der Literatur hielt Kittler an der Humboldt-Universität zu Berlin zuerst im Wintersemester 1994/95 und dann in aktualisierter Form im Sommersemester 2002. Zu seinen Lebzeiten stellte er zwar den Zuhörern das Manuskript in digitaler Form zur Verfügung, publizierte es jedoch nicht. Nun erscheint es in der Fassung von 2002 im Merve Verlag. Es geht um die Analyse dessen, was europäische Philosophen wie Aristoteles, Kant, Hegel, Nietzsche oder Heidegger über die Literatur dachten. Da das Thema Philosophien der Literatur für die europäische Kultur eine zentrale Rolle spielt, lässt sich diese Vorlesung auch als eine Kulturgeschichte Europas von der Antike bis zum 20. Jahrhundert lesen.

Gerade um das Jahr 2002 herum fing Kittler an, sich mit seinem letzten Projekt zu beschäftigen, die Kulturgeschichte Europas vom antiken Griechenland bis zur Gegenwart zu schreiben. Von den geplanten acht Bänden des Großwerks Musik und Mathematik konnte er allerdings nur zwei Bücher publizieren. Das Konzept des Ganzen spiegelt sich jedoch in der Vorlesung von 2002 wider. Das Buch Philosophien der Literatur ist vor allem deshalb wichtig, weil es erahnen lässt, wie Musik und Mathematik in abgeschlossener Form ausgesehen hätte. Hier können wir in roher Form lesen, wie sich der phänomenale Kulturhistoriker in seiner letzten Phase das Gesamtbild der Kulturgeschichte Europas vorstellte.

Kittler starb nicht urplötzlich, er hatte Zeit, seinen Nachlass selbst zu regeln und zum Beispiel Manuskripte dem Deutschen Literaturarchiv Marbach zu übergeben. Einige Monate vor seinem Tod führte er ein längeres Gespräch mit dem Regisseur und Schriftsteller Till Nikolaus von Heiseler, das nun bei Kadmos erscheint. Eingangs sagte Heiseler: „Wir wollen uns Folgendes vorstellen: Alle Ihre Werke, alles, was Sie geschrieben und gesagt haben, ist verloren. [...] Und nun versuchen wir in einem einzigen Gespräch zu retten, was zu retten ist. Eine Flaschenpost an die Zukunft.“

Dass es sich um die Bitte um sein wissenschaftliches Vermächtnis handelte, war Kittler natürlich klar. Und Heiseler war gut vorbereitet. Er entlockte dem schwer kranken Wissenschaftler lebendige Antworten. Kittler ging oft ins Private hinein, verriet, dass er einige Zeit an Selbstmord dachte, gegen Ende des Gesprächs musste er schluchzen. Viele Passagen über seine Liebesverhältnisse wurden weggelassen. Einige allzu direkte Äußerungen über Bekannte und Freunde hätte man auch streichen sollen.

Intimes Vermächtnis

Hier in diesem Buch können wir aber vor allem Kittlers wichtigste Thesen in seinen eigenen Erklärungen lesen. Zuletzt beschäftigte ihn zuforderst eine Frage: „Warum wurde Jesus gekreuzigt?“ Kittler fand seine medienhistorische Antwort, erzählte diese in seinem Kreis, wagte jedoch nicht, sie zu drucken. Flaschenpost an die Zukunft scheint die einzige Publikation, in der wir die Antwort lesen können.

Kittlers posthume Rezeption wird der von Michel Foucault ähneln. Foucaults Abhandlungen wurden zuerst verstreut gedruckt, dann in einzelnen Büchern zusammengestellt und schließlich systematisch gesammelt. Kittlers Werk wird sich hoffentlich ähnlich entwickeln. Seine Präsenz bleibt gerade nach seinem Tod für die Human- und Kulturwissenschaften unverzichtbar. Denn zwei Jahre nach seinem Tod müssen wir uns fragen: Gibt es rückläufige Tendenzen in den deutschsprachigen Humanwissenschaften, zu deren Reform er einen fundamentalen Beitrag leistete? Vermeiden einige Kulturwissenschaftler, zugunsten aktueller, eigentlich oberflächlicher Themen, nicht die wichtige Arbeit, nämlich in die Tiefen der Kulturgeschichte zu sehen, was die Belesenheit und Strenge eines Kittlers verlangt? Die nun schon publizierten drei Titel tragen jedenfalls dazu bei, hier eine Mahnung zu sein und das Werk dieses großen Theoretikers lebendig zu halten.

Die Wahrheit der technischen Welt. Essays zur Genealogie der Gegenwart Friedrich A. Kittler, Hans Ulrich Gumbrecht (Hg.), Suhrkamp 2013, 432 S., 18€ Philosophien der Literatur. Berliner Vorlesung 2002 Friedrich A. Kittler Merve 2013, 294 S., 25€ Flaschenpost an die Zukunft: Eine Sendung Friedrich A. Kittler, Till Nikolaus von Heisele Kadmos 2013, 192 S., 19,90€ Yuji Nawata lehrt an der Chuo University / Faculty of Letters in Tokio. Er habilitierte bei Kittler über vergleichende Mediengeschichte

 

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 36/13.

Kommentare (1)

André Rebentisch 09.09.2013 | 10:10

"Seine Präsenz bleibt gerade nach seinem Tod für die Human- und Kulturwissenschaften unverzichtbar. ... Vermeiden einige Kulturwissenschaftler, zugunsten aktueller, eigentlich oberflächlicher Themen, nicht die wichtige Arbeit, nämlich in die Tiefen der Kulturgeschichte zu sehen, was die Belesenheit und Strenge eines Kittlers verlangt? Die nun schon publizierten drei Titel tragen jedenfalls dazu bei, hier eine Mahnung zu sein und das Werk dieses großen Theoretikers lebendig zu halten."

Somit wäre dann wohl das Bronzedenkmal fällig. Mit Bronzedenkmalen an den richtigen Stellen ist Berlin sowieso unterversorgt: "Wir treffen uns am S-Bahnhof Ladida, am Kittler."

Lassen wir die Wahrheit sprechen, der Ausflug in antike Tiefen diente F. Kittler nur dazu noch freier abjerken zu können. Dafür lieben wir sein Werk. Frei Kittlers Diktum: Alle Hirne einschalten.