Fluch der toten Jahre

KAMBODSCHA Das Internationale Tribunal gegen die Führer der "Roten Khmer" kommt über 20 Jahre zu spät und beschwört neue Zerreißproben herauf

"Alle Überlebenden sind froh, dass der Gesetzentwurf nun auch den Senat passiert hat", kommentiert Youk Chhang, der Direktor des Dokumentationszentrums Kambodscha, das seit Jahren Beweismaterial über die fast vierjährige Diktatur der Khmer Rouge sammelt, den Beschluss vom 15. Januar, endlich ein Internationales Tribunal einzuberufen. Vor diesem Gerichtshof soll den Haupttätern des Pol-Pot-Regimes der Prozess gemacht werden. Nach über zweijährigem Tauziehen zwischen den USA, der UNO und Phnom Penh hat die Regierung Hun Sen massivem internationalen Druck nachgeben müssen: Der Genozid unter Pol-Pot wird vor einem unabhängigen Gericht untersucht, das sich aus einheimischen und ausländischen Richtern zusammensetzt. Mit der ersten Anklage wird 2002 gerechnet. 18.1.2001 Es dauerte 20 Jahre, ehe die internationale Öffentlichkeit überhaupt auf die Idee kam, den Völkermord am Volk der Khmer zu ahnden. Premier Hun Sen, der selbst unter Pol Pot eines seiner Kinder verloren hat, war immer wieder ignoriert worden, wenn er an seiner Forderung festhielt, nicht nur die Schreckensherrschaft der Khmer Rouge zwischen April 1975 und Januar 1979, sondern auch die Periode zuvor in die Ermittlungen eines Tribunals einzubeziehen: Den von Washington organisierten Putsch 1970, der das korrupte Lon-Nol-Regime an die Regierung brachte und die bis dahin kleine Rebellenformation der Khmer Rouge erst zu einer internen Macht anschwellen ließ; die massive Bombardierung Kambodschas 1973, als B-52 über eine halbe Million Tonnen Bomben (doppelt soviele, wie auf Japan während des Zweiten Weltkriegs fielen) über dem Land ausklinkten, mit dem sich die USA nicht einmal im Kriegszustand befanden. Oder den fortdauernden Schulterschluss mit den Khmer Rouge bis in die neunziger Jahre hinein durch Thailand, Singapur, China (das Pol Pot bis 1991 Waffen und Panzer lieferte und nach Auskunft des ehemaligen UN-Sonderbotschafters Thomas Hammarberg noch im Dezember von Hun Sen verlangte, das Tribunal zu verhindern), die USA und Großbritannien (dessen Special Air Services seit den achtziger Jahren in Thailand eine Anti-Hun-Sen-Guerrilla ausbildeten).

"Arrogant", wie Tony Kevin, der einstige Botschafter Australiens in Kambodscha, schreibt, "lehnten Washington und die Vereinten Nationen zunächst jede Beteiligung kambodschanischer Richter rundweg ab, weil diese zu korrupt und zu politisiert seien". Kein Wort zu der Tatsache, dass es im Land der Khmer kaum ausgebildete Juristen gibt, weil Pol Pot in seinem utopistischen und antibürgerlichen Wahn nahezu die gesamte Elite eliminieren und Zehntausende Akademiker ermorden ließ. Der Disput darüber wurde zum "Testfall für Amerikas Doktrin der begrenzten nationalen Souveränität", vermerkt Kevin weiter. Wie viele andere Länder der III. Welt lehnte auch Kambodscha die These ab, wonach seine Souveränität von der Menschenrechtslage abhängig sei. Empört hatte Hun Sen die UNO und die USA daran erinnert, dass beide Pol Pots Phantomstaat - das Demokratische Kampuchea - noch zwölf Jahre nach dessen Verschwinden anerkannt hatten. Und dies nur, um das sozialistische Vietnam, das mit seiner Intervention 1979 dem Morden ein Ende gesetzt hatte, so lange wie möglich als Aggressor geißeln zu können.

Zwar scheinen nun fast alle politischen Hindernisse eines Tribunals beseitigt, doch meldet UN-Sprecher Farhan Haq bereits Vorbehalte an. Die UN könnten einer Teilnahme an den Verfahren nur zustimmen, nachdem ihre juristischen Experten eine offizielle Übersetzung des "Gesetzentwurfs" geprüft hätten. Zentraler Punkt des 48 Artikel umfassenden Gesetzes ist die Absicht, "die hochrangigen Führer" der Khmer Rouge sowie Personen, die "besonders für die Grausamkeiten verantwortlich sind", zu verfolgen.

"Jetzt kommt es auf die Definition an", meint Youk Chhang, "wer sind die Führer? Wer sind jene, die große Verantwortung tragen?" - Saloth Sar alias Pol Pot, die Galionsfigur für jenen barbarischen Agrarsozialismus, dem über 1,5 Millionen Menschen zum Opfer fielen, kann nicht mehr zur Rechenschaft gezogen werden. Er starb vor drei Jahren im Dschungel Kambodschas. Bislang sind nur zwei der schlimmsten Schlächter seines Regimes hinter Gittern: Der heute 74jährige Oung Choeun alias Ta Mok, der einbeinige einstige Chef der Südwestzone des Demokratischen Kampuchea und spätere Nachfolger Pol Pots als "Bruder Nr.1", der für die Parteisäuberungen, die Zehntausende das Leben kosteten, verantwortlich zeichnete. Erst nach 19 Jahren Buschkriegs war der vom buddhistischen Mönch zum maoistischen Massenmörder konvertierte "Schlächter", wie er genannt wird, Anfang März 1998 in Begleitung von nur noch vier seiner Getreuen aus Thailand über die Grenze gehumpelt und hatte sich den Behörden gestellt. Der Einzige, der bislang Reue zeigte, ist Kaing Kien Iev, der unter dem Pseudonym Dëuch berüchtigte, einstige Kommandant des Folter- und Todeslagers Tuol Sleng in Phnom Penh, wo 30.000 Menschen starben. Nach dem Abzug der vietnamesischen Truppen 1989 arbeitete Dëuch einige Jahre unerkannt für die UNO und konvertierte zum christlichen Glauben. Er sei bereit, "für alle Sünden zu zahlen", sagte er bei seiner Verhaftung im vergangenen Jahr. Nur durch Buße könne er Frieden finden.

Zwei Monate vor Ta Moks Festnahme hatten zwei der letzten Paladine Pol Pots - Khieu Samphan alias "Hem" sowie Nuon Chea, "der Chefideologe" - aufgegeben und waren nach Phnom Penh gebracht worden. Dort empfing sie Hun Sen, dem vorrangig am Ende des lähmenden Guerillakrieges lag, wie Staatsgäste: "Wir sollten ein tiefes Loch finden, um die Vergangenheit zu begraben und mit einem klaren Schlussstrich ins 21. Jahrhundert eintreten", ließ er wissen und schickte den einstigen Wirtschaftsfachmann Khieu, der an der Pariser Sorbonne promovierte und später Sekretär des berüchtigten "Büros 870" (das Herz des Partei, als die sich nur noch Angkar - Organisation - nannte) war, sowie Nuon Chea nach Pailin an der Thaigrenze. In dieser Region wurde ihnen eine Art autonomer Status gewährt. Die früher so puritanischen "Revolutionäre", die einmal ohne Geld und ohne Städte ein makabres Utopia errichten wollten, betreiben dort heute ein Spielkasino, Restaurants und Hotels, handeln mit Smaragden sowie Edelhölzern und vergnügen sich mit billigen "Taxigirls".

Inzwischen scheint Hun Sen bereit, die Vergangenheit nicht vollständig zu begraben. Ein Internationales Tribunal werde kein Problem haben, Khieu Samphan und Nuon Chea anzuklagen, erklärte er erst im Dezember. Doch immer noch fürchtet der Regierungschef massive Unruhen, sollte eine weitere Schlüsselfigur auf der Anklagebank landen: Ieng Sary oder "Genosse Van", wie sein Codename als Khmer Rouge lautete, Pol Pots Studienfreund in Pariser Tagen, sein Schwager und Außenminister. 1979 war er von einem Volkstribunal in Phnom Penh wegen Völkermords in Abwesenheit zum Tode verurteilt und 1997 - nachdem er gemeinsam mit 1.000 Männern seiner Guerrilla den Kampf aufgegebenen hatte - von König Sihanouk begnadigt worden. Der inzwischen gebrechliche Ieng, der im illegalen Holzhandel Millionen Dollar verdient hat, verfügt über ausreichend Einfluss unter demobilisierten Khmer-Rouge-Soldaten, um regelmäßig mit einem Wiederaufflammen der Kämpfe drohen zu können, sollte er nicht in Frieden gelassen werden.

00:00 19.01.2001

Ihnen gefällt der Artikel?

Dann lesen Sie noch mehr Beiträge und testen Sie die nächsten drei Ausgaben des Freitag kostenlos:

Abobreaker Startseite 3NOP plus Verl. ZU Baumwolltasche

Kommentare