Frauen an die Macht

Gerechtigkeit Wer in der Geschlechterfrage weiter­kommen will, sollte nicht zuerst für Quoten oder Kitas kämpfen, sondern für mehr Macht aller Arbeitnehmer

Gewiss, Männer sind im Durchschnitt etwas kräftiger gebaut als Frauen. Bloß spielt dies nur noch in wenigen Berufen – und schon gar nicht in gut bezahlten – eine wichtige Rolle. Wahr ist wohl auch, dass Männer und Frauen oft leicht unterschiedlich ticken. Bloß hat noch niemand überzeugend darlegen können, ob und wie sich diese Unterschiede auf die betriebswirtschaftliche Produktivität auswirken. Also müsste man nach streng marktwirtschaftlichen Kriterien davon ausgehen, dass Geschlechtsunterschiede nicht markt- und lohnrelevant sind.

Sind sie aber. Frauen verdienen im Schnitt nur etwa halb so viel wie Männer. Rund die Hälfte dieses Unterschieds erklärt sich dadurch, dass Frauen mehr Teil- und weniger Vollzeitarbeit leisten. Rechnet man mit Vollzeitpensen beziehungsweise Stundenlöhnen, reduziert sich der Unterschied auf etwa neun Prozent in Dänemark, 20 Prozent in der Schweiz und – je nach Quelle und Berechnungsart – 23 bis 24 Prozent in Deutschland.

Auch diese Differenz kann man noch einmal kleiner rechnen und reden, wenn man vergleicht, wie viel Männer und Frauen verdienen, sofern sie eine vergleichbare Arbeit verrichten. Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) hat so in einer Studie einen Lohnunterschied von 13 Prozent berechnet. Dabei, so Studienleiterin Christina Anger, sei erstmals auf strukturelle Faktoren geachtet worden. Entscheidend sei, dass man wirklich nur Frauen und Männer mit ähnlicher Erwerbsbiografie vergleiche, also mit der gleichen Ausbildung, Arbeitserfahrung, Position im Unternehmen und so weiter. Wenn man das tue, schrumpfe der Unterschied. „Man muss einfach aufpassen, dass man da nicht Äpfel mit Birnen vergleicht“, sagt Anger.

Menschen machen Geschenke, um zu überleben

Mag sein, aber erstens heißt das, dass Frauen auch bei gleicher Arbeit noch immer gut anderthalb Monatslöhne weniger Gehalt pro Jahr nach Hause tragen. Zweitens darf man auch weiterhin daran Anstoß nehmen, dass die Männer – um in Frau Angers Bild zu bleiben – die süßen Birnen pflücken, während die Frauen in den sauren Apfel beißen müssen. Selbst bei der Deutschen Telekom sind nun erst zwei von sieben Vorstandsmitgliedern Frauen. Die gut bezahlten Jobs in der Finanzindustrie sind immer noch fast ausschließlich für Männer reserviert, und Teilzeitjobs bleiben die Domäne der Frauen.

Um diese Ungerechtigkeit aus der Welt zu schaffen, werden zwei Ansätze diskutiert: Top Down durch die Einführung von Frauenquoten und Bottom Up durch die Befreiung der Frauen von der Haus- und Erziehungsarbeit. Beides erscheint auf den ersten Blick sinnvoll. Wenn Frauen – wie auch immer – erst einmal oben angelangt sind, ziehen sie – so die Grundidee hinter der Quote – andere Frauen nach. Dass dabei auch weniger gut qualifizierte „Quoten-Frauen“ in Spitzenpositionen gelangen, mag zwar vorkommen, doch ist damit noch lange nicht gesagt, dass die Männer, die sie verdrängen, auch besser qualifiziert sind.

Auch die Forderung nach mehr Kinderkrippen, Ganztagsschulen und besseren Bildungsangeboten für Mütter, die wieder ins Berufsleben einsteigen, ist an sich sympathisch. Doch all diese Ansätze haben einen grundlegenden Fehler: Sie gehen ungeprüft davon aus, dass die Geldwirtschaft gegenüber der Hauswirtschaft Vorrang haben muss. Die Benachteiligung der Frauen am Arbeitsmarkt wird als „Marktversagen“ betrachtet, das mit „mehr Markt“ gelöst werden kann. Dadurch wird die Chance verpasst, das Nebeneinander von Markt- und Hauswirtschaft beziehungsweise von Geld- und Gabentausch grundsätzlich neu zu überdenken und besser zu regeln.

Beginnen wir mit den Größenordnungen. Gemäß dem Statistischen Bundesamt wurde 2001 nur gut ein Drittel aller geleisteten Arbeit finanziell entschädigt. Zudem – das zeigen andere Statistiken – nimmt die bezahlte Arbeit jedes Jahr um etwa zwei Stunden pro Kopf und Jahr ab. Rund 60 Prozent der Arbeit wurden unentgeltlich innerhalb von Familie und Nachbarschaft geleistet. Fünf Prozent entfielen auf die Arbeitswege. Selbst wenn wir annehmen, dass bezahlte Arbeit doppelt so produktiv ist wie unbezahlte, wird immer noch bloß die Hälfte unserer materiellen Bedürfnisse durch den Markt befriedigt.

Die Bedeutung der Geldwirtschaft schrumpft weiter, wenn wir sie nicht nur am materiellen Wohlstand, sondern am psychischen Wohlbefinden messen. Ob jemand glücklich ist oder nicht, hängt in erster Linie von den sozialen Beziehungen ab, und die wiederum werden in erster Linie in der Familie und in der Nachbarschaft geknüpft. Die Erwerbsarbeit übt hier zunehmend einen negativen Einfluss aus, indem sie soziale Banden immer wieder zerreißt.

Mehr noch: Die unbestrittene Effizienz der Marktwirtschaft beruht geradezu darauf, dass sie Produktion und Austausch von Gütern und Dienstleistungen von der Last der sozialen Beziehungen und Gefühle befreit hat. In der idealen Marktwirtschaft kann jeder mit jedem Handel treiben: Ware gegen Geld, Geld gegen Ware. Der Meistbietende gewinnt. Wer den tiefsten Preis verlangt, erhält den Zuschlag. Die einzige Frage, die bleibt, ist die, ob die Nationalbank, die das Tauschmittel herausgibt, noch vertrauenswürdig ist.

Vor der Geldwirtschaft galten andere Regeln, die der Geschenkwirtschaft beziehungsweise des Gabentauschs. Man schenkte Waren oder Dienstleistungen, um sich die Dankbarkeit der Beschenkten zu sichern. Geschenke und Gegengeschenke waren Teil einer kollektiven Überlebensstrategie, mit der man in Notfällen die gegenseitige Hilfe innerhalb der Familie oder der Sippe sicherstellte.

Neue Umstände,niedrigere Löhne

Obwohl es die meisten Ökonomen nicht wahrhaben wollen, gelten die Regeln des Gabentauschs auch heute noch und zwar nicht nur innerhalb von Familien. Sie spielen auch bei den meisten marktwirtschaftlichen Transaktionen eine wichtige Rolle. Dies gilt insbesondere für Arbeitsverträge. Wie inzwischen Hunderte von Untersuchungen und Experimenten gezeigt haben, offeriert der Arbeitgeber mehr als den reinen Marktlohn und erhält dafür ein Gegengeschenk in Form eines Arbeitseinsatzes, der das tolerierbare Mindestmaß in jedem Fall übersteigt. Der Gabentausch überlagert die Marktwirtschaft.

Die Benachteiligung der Frauen am Arbeitsmarkt muss auch in diesem Zusammenhang gesehen werden: Männerlöhne waren einst „Ernährerlöhne“. Der (künftige) Familienvater musste mit seinem Lohn Frau und Kinder ernähren können. Ein tieferer Lohn wäre als unfair empfunden und abgelehnt worden. Die Arbeit von Frauen war in der Regel bloß „Zuverdienst“, und dafür galten andere Fairness-Regeln. Weil jedoch unterschiedliche Löhne für die genau gleiche Arbeit den Fairness-Test ebenfalls nicht bestanden hätten, wurden Frauen vorwiegend in so genannten Frauenberufen eingesetzt. Dieses soziale Arrangement blieb von den Fünfziger- bis zum Beginn der Achtzigerjahre recht stabil.

Inzwischen ist die Diskriminierung der Frauen am Arbeitsmarkt unhaltbar geworden. Gesucht ist ein den neuen Umständen angepasstes, intelligenteres Arrangement. Das wichtigste Kriterium, an dem dieses gemessen werden muss, ist immer dasselbe – ein ungefähres soziales Gleichgewicht.

Das heißt aber, dass es nicht genügt, den Frauen einen besseren Zugang zum und Aufstieg im Arbeitsmarkt zu ermöglichen. Dies würde bloß das Arbeitsangebot erhöhen und damit das Machtgefälle zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern weiter verschärfen. Schon heute gilt das Prinzip des Ernährerlohns auch für die Männer nicht mehr, zumindest nicht für die jungen Männer. Heute gilt: Fair ist, was Arbeit schafft – egal zu welchem Lohn. Gleiche Rechte für Frauen und Männer bedeuten unter diesen Umständen Recht- und Machtlosigkeit für alle.

Das Geld darf nicht alles andere unterwerfen

Gesucht ist also ein neues soziales Arrangement, das die Macht aller Arbeitnehmer – Frauen und Männer – stärkt und so das ungefähre Gleichgewicht der Macht wieder herstellt, das uns in den „goldenen 30 Jahren“ Vollbeschäftigung und breiten Wohlstand gebracht hatte. Eine notwendige ­Voraussetzung dazu ist die Stärkung der lokalen Haus- und Familienwirtschaft gegenüber der globalen Geldwirtschaft. Der Arbeitnehmer, Mann oder Frau, muss wieder sagen können: „Bei dem Lohn arbeite ich lieber zu Hause.“ Nur so können auch Frauen am Arbeitsmarkt „Ernährerlöhne“ durchsetzen.

Die Lösungen der Geschlechterfrage, die jetzt diskutiert werden, bewirken aber das genaue Gegenteil: die totale Unterordnung der Haushalte unter die arbeitsteilige Geldwirtschaft. Zu diesem Zweck soll die Haus- und Erziehungsarbeit entweder kommerzialisiert oder verstaatlicht werden. Mütter und Väter, so das Kalkül, könnten dann jederzeit und überall und ohne Rücksicht auf soziale Verpflichtungen den zurzeit gerade optimalen Job annehmen.

Eine derart auf Effizienz getrimmte Wirtschaft könnte zwar die Weltmärkte erobern und immense – aber wie wir jetzt sehen, letztlich wertlose – Guthaben gegenüber allen Handelspartnern anhäufen. Doch ein solches Modell hat keine Zukunft. Man kann nicht die Wirtschaft organisieren, indem man gleichzeitig die Gesellschaft desorganisiert.

Werner Vontobel ist Volkswirt und Journalist. Er schreibt laut eigener Aussage für Leute, die nicht verstehen, warum eine derart effiziente Wirtschaft wie die heutige so wenig dazu beiträgt, das Leben freundlicher zu gestalten

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07:00 21.07.2011

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