Freigabe zum Abschuss

Bilanz des NS-Regimes Wer von 1933 und den Folgejahren nicht reden will, möge von 1945 schweigen

Im zuweilen ritualisierten Gedenken an die Verbrechen der Nazizeit – das haben gerade die Feiern und Kundgebungen zum 8. Mai gezeigt – hausen noch immer Tabus, die aufzulösen einer tatsächlichen »Bewältigung« der Vergangenheit gleichkäme. Obwohl die alte Verführungsthese vom braven deutschen Volk und den »braunen Verführern« oder wie solche Epitheta auch heißen mögen, ziemlich abgehalftert ist, tritt an ihre Stelle nun ansatzweise die These von der soziopsychischen Dynamik der »Volksgemeinschaft« mit ihrem Druck von oben und der Initiative von unten. Dabei gabelt sich der öffentliche Diskurs darüber in einen eher akademischen Teil, der jener Dynamik auf der Spur ist, und einen »volkstümlichen«, der nach Entlastungen sucht.

»Worauf basieren die Nationalsozialisten? Vor allem auf der Anziehungskraft der Macht! Die Macht, das ist für die Mitglieder und Mitläufer der NSDAP alles in allem«, schrieb die KPD (O)* Anfang 1933. Die Macht versprach, eine tiefe Kränkung der Nation durch die unerwartete und schmerzliche Niederlage im Ersten Weltkrieg wettzumachen. Besonders die vermeintlich staatstragenden Mittelschichten waren dafür empfänglich. Hitlers NSDAP wusste, was man dort hören wollte, und geizte nicht mit vollmundigen Verheißungen und einer den Kirchen entlehnten, politischen Liturgie. In säkularisierten Heilszeremonien auf Massenveranstaltungen wurden hypertrophe Blöcke der Ordnung gegen das Chaos formiert – des Eifers gegen den Müßiggang, der Größe gegen die Nichtigkeit. Das Ich verschmolz mit der Gewalt des Kollektivs, dem alles möglich schien. Furchtbar stark fühlte sich der Kleinbürger (und allmählich, nach 1933, auch der Arbeiter) mit stolzgeschwellter Brust. Er konnte wieder an die welterlösende Sendung Deutschlands glauben, an die »Weihe einer großen Mission für unser Volk vor der Geschichte« (Hitler). Vor dem frenetischen Gemeinschaftsgefühl hatte Vernunft keinen Bestand.

Hitler, der sich als völkischer Messias gab und die vorwiegend unbewussten Strebungen seiner »Gefolgschaft« bündelte, verkörperte dabei nicht mehr und nicht weniger als die kollektive Pathologie der deutschen Gesellschaft in krisengeschüttelter Zeit. Im aggressiven Akt verschmolzen Subjekt und Objekt. Diesem Glaubenwollen ist es zu verdanken, dass Hitlers Ansehen trotz katastrophaler Fehlschläge bis zuletzt in den Augen einer Mehrheit der Deutschen mit dem quasi religiösen Mythos des Allmächtigen ausgestattet blieb. Im Film Der Untergang zittert noch etwas davon nach.

Hitler und »sein Volk« begaben sich auf eine »narzisstische Himmelfahrt«, wie Gerhard Vinnai schrieb, vor der die Welt und schließlich Deutschland selbst erbebten. Es war denn auch folgerichtig, dass – wie neben der Utopie des Dritten Reiches die Apokalypse – neben der Volks- und Selbstvergottung Hitlers am Ende die Schmähung der Deutschen stand, als sie trotz allen Opfermuts den Phantasmen des Nationalsozialismus nicht mehr zu dienen vermochten.

Von Anfang an konnte sich in der von den Nazis propagierten nationalistisch-rassistischen Dichotomie der »Volksgenosse« auf der richtigen Seite fühlen und mehr oder minder willig der Verfolgung und Vernichtung designierter »Feinde« Vorschub leisten. Seine Bereitschaft zur geduldeten und ausgeführten destruktiven Aggression gegen politische und »rassische« Außenseiter überschritt dabei die Moral- und Körpergrenzen ohne nennenswerte Gewissensqual. Dabei kam dem »Volksgenossen« die abstrakt-arbeitsteilige Rationalität moderner Industriegesellschaften entgegen. Der Macht- und Lustgewinn durch Zerstörung konnte sich in Bürokratengehirnen ebenso einnisten wie in »heißen« Tätern. Es ist kein Zufall, dass diese Form der Gewalt sich besonders in der fabrikmäßigen Vernichtung der Juden auslebte. In ihr kam der Charakter des NS-Regimes als System des Todes zu sich.

Die »Freigabe zum Abschuss« der Missliebigen ließ die großen und kleinen Täter zu »Herren über Tod und Leben« (Peter Gingold) werden – und sie machten mit, nicht selten genossen sie es. Was die Zustimmung nicht zuwege brachte, besorgten formale Legalität, Verschleierung und Terror. Die überlieferte Bereitschaft des deutschen Volkes zu überschießendem Gehorsam tat ein Übriges. »Sie werden nicht mehr frei ihr ganzes Leben«, beschrieb Hitler die organisatorisch ummantelte Normbiographie des »Volksgenossen«.

Hinter dem Rauchvorhang der »Volksgemeinschaft« akzentuierten sich nach der Zerschlagung der Arbeiterbewegung die Klassenstrukturen schärfer denn je. Die neue Elite war praktisch die alte, das heißt, Industrielle, Großagrarier, Militärs und Staatsbeamte, ergänzt durch »alte Kämpfer«, denen die eigentliche Macht gehörte. Aber die »Volksgemeinschaft« insgesamt profitierte von der imperialen Expansionspolitik des Reiches und der Überausbeutung von acht Millionen Zwangsarbeitern während des Krieges.

Zugleich trat neben die weltanschauliche Selbsterhöhung des »Ariers« die sozialmoralische Korruption durch den im mehrfachen Sinn »richtenden« Staat jenseits christlich-humaner Werte. Verantwortung wurde an ihn abgegeben verbunden mit der Volksseuche der Denunziation, dem Halbwissen um den Massenmord und der Phantasmagorie eines »einigen Volkes von Herren«. Die »Arisierung« jüdischen Besitzes und die Beute aus eroberten Gebieten füllten nicht nur Staats- und Industriekassen, sondern auch den Beutel der Volksgenossen. Aus wohlberechneten Gründen versuchte das Regime – vorzugsweise auf Kosten Russlands und der Ukraine – bis zum Schluss die zermürbende Not von 1917/18 fernzuhalten. Doch versiegte der Strom des Raubguts zusehends, und es mehrte sich die Erfahrung »des Soldaten Weib«: »Aus Russland bekam sie den Witwenschleier, zur Totenfeier den Witwenschleier« (Brecht).

Gegen die ideologische Verblendung wie materielle Korrumpierung zeigte sich kein Kraut gewachsen. Die opferreiche kommunistische, sozialdemokratisch-gewerkschaftliche und christliche Opposition wurde nahezu ausgelöscht. Nicht nur Wilhelm Leuschner** hatte resigniert und schrieb: »Wir sind Gefangene in einem großen Zuchthaus. Zu rebellieren... wäre Selbstmord.« Ein Umsturz konnte nur noch aus den bürgerlich-konservativen und militärischen Randzonen des Regimes kommen. Doch die zu Helden des Widerstands apostrophierten Männer des 20. Juli standen gegenüber einer in Gehorsam und Konsens erstarrten Masse auf verlorenem Posten. Deutschland musste von außen befreit werden, wobei die Rote Armee die Hauptlast trug. In der Flut des Gedenkens wurde das in den vergangenen Wochen gern übersehen.

Wer von 1933 und den Folgejahren nicht reden will, möge von 1945 schweigen. Wer den Zivilisationsbruch durch den Nationalsozialismus nicht begreifen will, halbiert im besten Fall das Gedenken. »Wer das lebensfeindliche, das zerstörerische, das irrationale Potential unserer Kultur verstehen will, muss sich mit dem deutschen Faschismus auseinandersetzen, in dem dieses offen zum Ausdruck kam. Das Dritte Reich ist nicht wirklich vergangen, es wirkt noch in der Gegenwart fort.« (Gerhard Vinnai). Der Widerstand war eine Ehrenrettung des »anderen Deutschlands«. Es ist gut und wichtig, sich auf ihn zu beziehen, so wie es dringlich ist, den Neonazis zu wehren. Die eigentliche Gefahr aber liegt heute woanders: in der schleichenden Aushöhlung der Demokratie und der Aufrüstung des Westens im Namen des Anti-Terrorismus, dem sich nur eine Kultur der Humanität und Kritik entgegenstellen kann. Der Überlebende von Auschwitz, Hermann Langbein, wurde nicht müde, als seine Hauptlehre zu formulieren, dass man auf dem eigenen Urteil beharren müsse und die Verantwortung dafür nicht abgeben dürfe. Eine offene, solidarische Gesellschaft mit selbstbewussten und sich freiwillig assoziierenden Individuen, das wäre ein schönes Ziel jenseits einer verblendeten NS- Volksgemeinschaft.

(*) Abspaltung von der Kommunistischen Partei Deutschlands

(**) Bis 1933 Gewerkschaftsführer, gehörte zum Kreis der »Männer des 20. Juli«, im September 1944 hingerichtet


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00:00 13.05.2005

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