Fremd zieh ich wieder aus

Literaturlegende In „Stadt der Engel“ verweigert sich Christa Wolf den einfachen Antworten und schafft ein großes Buch des Abschieds

Vorweg muss ich ein Geständnis machen: Ich habe der Lektüre des neuen Buches von Christa Wolf mit einer gewissen Besorgnis, mit beinahe banger Erwartung entgegengesehen. Denn Christa-Wolf-Lektüre ist in den vergangenen fünf Jahrzehnten ein Teil meines Lebens geworden. Sie war Distanz-Ermöglichung, Lebens-Weiterung gegen die Enge der DDR. Christa Wolfs Melancholie, ihre gelegentlich elegische Larmoyanz wirkte durchaus befreiend gegenüber dem verordneten Optimismus, der auf uns so schwer lastete. Ihre leise, beharrliche, demütige Wahrhaftigkeit war Einspruch und Widerspruch gegen das System der Lüge und ideologischen Verkommenheit. All das machte Christa Wolfs Bücher so wichtig – für viele Leser in der DDR. Ist das jetzt noch nötig, brauche ich das noch, was Christa Wolf so notwendig und unersetzlich gemacht hat – in einer ganz anderen Welt?

„Das Vergangene ist nicht tot; es ist nicht einmal vergangen. Wir trennen es von uns ab und stellen uns fremd.“ Diese Einleitungssätze aus Christa Wolfs Roman Kindheitsmuster von 1976 hätten ganz gut auch zu ihrem neuen Buch Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud gepasst. Denn auch dieses Buch ist ein Werk schmerzlicher, bohrender Selbstbefragung. Es ist eine Inventur eigener Lebenserfahrungen, der Entstehung und Veränderung politischer und weltanschaulicher Überzeugungen, der Erosion eines ehedem so klaren Weltbildes. Indem die Autorin ihren Lebensprägungen nachforscht, sie in Episoden und Reflexionen erinnert, ein Leben in drei verschiedenen politischen Welten buchstabiert, gelingt Christa Wolf ein Buch von staunenswert selbstkritischer Radikalität.

Der letzte Lesetag

Noch einmal begibt sie sich auf Spurensuche durch die eigene Biografie und die Geschichte des 20. Jahrhunderts. Die Achtzigjährige fragt nach Brüchen, Reibungsflächen und Konflikten in ihrem Leben, in ihrer Lebenswelt. Durch heftige emotionale Erschütterungen veranlasst, will sie begreifen, was sie selbst im Laufe der Jahrzehnte von sich „abgetrennt“ hat, was sie gelöscht hat aus ihrer Erinnerung, was ihr inzwischen selbst als etwas Fremdes, als etwas Ungeheuerliches gegenübersteht. Es ist ein schmerzlicher Prozess der Selbstbefragung, dem sich das Autoren-Ich 1992/93 in Los Angeles, der „Stadt der Engel“, stellt, ja, stellen muss – während eines neunmonatigen Studienaufenthaltes am Getty-Institut.

Nur wenige Monate zuvor hatte Christa Wolf Einsicht in ihre Akten bei der Gauck-Behörde nehmen können – in ein erschreckend umfangreiches Konvolut von 42 Bänden. Über Jahrzehnte waren Christa und Gerhard Wolf vom Ministerium für Staatssicherheit in einem Operativen Vorgang „bearbeitet“ worden. Sie wurden abgehört, bespitzelt, permanent überwacht – mal besonders auffällig, um sie einzuschüchtern, zumeist aber eher unauffällig – von Bekannten, Kollegen, Freunden. Die Lektüre dieser Akten empfindet Christa Wolf als schwer erträglich, sie fühlt sich gelähmt und besudelt. Den letzten Lesetag in der Behörde sehnt sie förmlich herbei. Doch dieser bringt nicht den erhofften Abstand, sondern mündet in einem Schock. Die Betreuerin legt der Autorin ganz überraschend eine weitere Akte vor, die sie ihr nach den Regeln des Hauses gar nicht zeigen darf: Es ist die so genannte „Täterakte“ der Autorin, angelegt 1959, vor über dreißig Jahren. Christa Wolf darf sie nur flüchtig lesen – und ihr stehen die Haare zu Berge: An diese Vorgänge hatte sie keinerlei Erinnerung!

„Es geht um Gedächtnis, es geht um Erinnerung: Mein Thema seit langem, verstehst du. Und das hatte ich vergessen können.“ So steht es ziemlich genau in der Mitte des Buches. Das ist ihr Skandalon, das sie umtreibt (mehr, viel mehr als die öffentlichen Kritiken und Beschimpfungen der Jahre 1992/93, an die sie erinnert). Denn sie weiß, wie unglaubwürdig jede einfache Erklärung klingt, gerade in ihrem Fall, gerade für sie selbst. Sie war es doch, die zu DDR-Zeiten die „Erkundung der blinden Flecken der Vergangenheit“ als vordringliche Aufgabe von Literatur beschrieben und betrieben hatte. Ihre eigenen, auch im Westen gefeierten Bücher ließen sich als Manifeste gegen das individuelle wie gesellschaftliche Vergessen und Verdrängen lesen – Nachdenken über Christa T., Kindheitsmuster, Kassandra. Die IM-Akte ist schmal: ein handschriftlicher Bericht über einen Kollegen sowie Aufzeichnungen zweier Kontaktleute über drei, vier Treffs. Geführt wurde sie unter einem literarischen Decknamen – „Margarete“ (Margarete – die Angebetete des Doktor Faust). Wer hatte diesen Namen gewählt? Das bleibt offen.

Das Bemerkenswerte an dem neuen Buch von Christa Wolf besteht nicht darin, dass sie über ihre IM-Akte spricht. Diese hat sie längt vollständig veröffentlicht, schon 1993 unter dem Titel „Akteneinsicht Christa Wolf“, zusammen mit Auszügen aus den Spitzelberichten über sie und den Presseartikeln. (Diese, heute vergriffene Publikation wurde leider kaum wahrgenommen.) Das Besondere, das Außerordentliche des neuen Romans besteht vielmehr im Vermögen der Autorin, Autobiografie und Zeitgeschichte, Individuelles und Exemplarisches ineinander zu verweben. So entsteht ein virtuoses Geflecht von Erzählung und Reflexion, von Anekdote und Erörterung, von Ich und Du der Erzählerin, von erfundenen und authentischen Figuren, von fiktiven Handlungssträngen und präzisen zeitgeschichtlichen Verortungen, von Tagebuch und Roman, von verschiedenen Zeitebenen, die in rasanter Geschwindigkeit wechseln.

Was so erreicht wird und vor dem Leser sich allmählich entfaltet, ist das, was wohl Christa Wolfs Absicht war: ein, ihr Lebensmuster, in dem der widersprüchliche Zusammenhang der Geschichte des 20. Jahrhunderts sichtbar wird!

Die Erzählerin wühlt fern der Heimat in ihren Erinnerungen, geht „der Spur der Schmerzen nach“. Sie kämpft an gegen quälende Selbstzweifel und Schuldgefühle, während das Faxgerät in L.A. immer neue „Enthüllungsartikel“ und Skandalberichte ausspuckt. Die Erzählerin selbst ist wie gelähmt, aber das Tonband in ihrem Kopf – es läuft und läuft. Unterbrochen werden die Grübeleien durch die neuen Freunde. Sie helfen dem Quälgeist auf die Sprünge in vielen Gesprächen, etwa über den Nutzen von Utopien, den Verlust des Glaubens, die Folgen historischer Umbrüche für den Einzelnen. Sie psychologisieren und streiten mit der Erzählerin, kritisieren aber auch ihre als bedrängend empfundene Schwermut, ihr demonstratives Leiden.

Die Emigrantenkolonie

In die zahllosen Selbstfindungsdiskurse eingeflochten sind Anmerkungen zum amerikanischen Lebensstil, Berichte über gemeinsame Ausflüge und kuriose Erlebnisse, über noble Partys und anregende Filmabende. Diese neuen Alltagserfahrungen setzen im Kopf der Erzählerin alte Bilder, Geschichtsfragmente, Erinnerungsschnipsel frei: an den Untersuchungsausschuss zur Feststellung antiamerikanischer Betätigung des FBI-Chefs Hoover und die von ihm hinterlassenen Aktenberge, an die Folgen des Stalinismus für die osteuropäischen Gesellschaften, an die Veränderungen in Ostdeutschland nach 1989/90. Einzelne Schicksale kommen in den Blick, darunter Lew Kopelew, der langjährige Freund und Vertraute der Erzählerin. Die Passagen über diesen Dichter zählen zu den einfühlsamsten Porträts, die in dem Buch gezeichnet werden. Die Erzählerin spürt, und das war der eigentliche Anlass ihres Studienaufenthaltes, jenen Exilkünstlern und Intellektuellen nach, die während der NS-Zeit in Kalifornien Zuflucht gefunden hatten – Thomas und Heinrich Mann, Leonhard Frank, Bertolt Brecht, Franz Werfel, Lion Feuchtwanger, Hanns Eisler, Adorno, Berthold Viertel. „New Weimar unter Palmen“ wurde die Emigrantenkolonie einst genannt. Dazu erfindet die Autorin in Rückblenden und Gesprächen vor Ort das Schicksal einer aus Nazi-Deutschland vertriebenen jüdischen Psychologin, deren Briefe der Erzählerin vererbt wurden.

Dass Christa Wolfs Bücher, ihre Schreibweise, ihre Ansichten polarisieren, ist keine neue Erfahrung. Irritierend ist allerdings, dass es offenbar noch immer zwei unterschiedliche Rezeptionsmuster gibt. Als Christa Wolf vor wenigen Tagen ihr neues Werk vorstellte, war der Besucherandrang in der Berliner Akademie der Künste riesig. Ingo Schulze führte in das Buch ein und moderierte das Gespräch. Auf seine Frage, warum sie die DDR nicht verlassen habe, antwortete Wolf, sie habe bis zuletzt das Gefühl gehabt, gebraucht zu werden – von ihren Leserinnen und Lesern.

Das Wörtchen, „gebraucht zu werden“, hat manche westsozialisierte Rezensenten offenbar schwer beunruhigt. Nach der Veranstaltung wurde Schulze in der Süddeutschen Zeitung vorgeworfen, hier nicht nachgehakt zu haben. Denn Schriftsteller wie Pfarrer seien in der DDR doch vor allem deshalb gebraucht worden, „weil es keine unabhängigen Gerichte, keine freien Rechtsanwälte und nur staatlich gesteuerte Journalisten in ihr gab“, dies „hätte man schon gerne noch gehört“! An wen richtet sich diese Belehrung?

Soll sich Christa Wolf dafür entschuldigen, dass sie in der DDR viele Leserinnen und Leser hatte, die ihre Texte schätzten und in ihren Büchern nicht selten Ermutigung und Orientierung fanden? Soll sie sich, das wäre dann ja konsequent, auch für die Ehrungen und Literaturpreise entschuldigen, mit denen sie vor 1989 in der Bundesrepublik bedacht wurde? Waren das auch nur Ersatzhandlungen, Selbsttäuschungen? Soll sie sich – und wer sonst noch – für ihr Leben im falschen System entschuldigen?

„Im Übrigen ist die Zeit der Klagen und Anklagen vorbei, und auch über Trauer und Selbstanklage und Scham muss man hinauskommen, um nicht immer nur von einem falschen Bewusstsein ins andere zu fallen.“ So lautet eine der Tagebucheintragungen.

Meine Besorgnis ist widerlegt. Christa Wolf hat ein wichtiges und notwendiges Buch geschrieben, weil sie sich – gerade in der Selbstreflexion und Selbstverteidigung – den einfachen Antworten und Urteilen entzieht, das Schwarz-Weiß auch jetzt verweigert (wie sie das schon früher getan hat), sich larmoyanter Selbst-Apologetik entzieht und ebenso flotter Verabschiedung vom Vergangenen. Sie nimmt – selbstverständlich – ihr Leben ernst und auch – weniger selbstverständlich – den kommunistischen Großversuch, der im realen Sozialismus gescheitert ist – und schreibt ein Buch des Abschieds, quälend und traurig und ironisch und heiter zugleich.

Wolfgang Thierse (geb. 1943) ist Germanist und Kulturwissenschaftler. Seit 2005 ist er Vizepräsident des Deutschen Bundestags

Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud, Christa Wolf, Suhrkamp, Berlin 2010, 416 S., 24,80

11:25 23.06.2010

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