Freundschaft

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Da bin ich wieder. Können Sie sich noch an mich erinnern? Natürlich können Sie. Der Brief, derjenige, den Sie im Bus gefunden haben und als Schreibversuch eines Spinners abgetan haben (ich weiß es, Sie haben es am nächsten Tag einem Freund gesagt, am Telefon, Paul, glaube ich). Jetzt wird Ihnen etwas bange, kann ich verstehen, aber ich fahre nur fort, wo ich aufgehört habe. Sie können sich schon denken, wie die Sache abgelaufen ist: Ich bin nicht aus dem Bus ausgestiegen, wie es ursprünglich mein Plan war.

Ehrenwort, als ich es schrieb, wollte ich es noch. Aber dann hat mich die Neugier des Schreibers nach seinem Publikum gepackt, und ich habe sofort eine Rückfahrkarte gekauft.

Ich habe überhaupt ein großes Interesse an Ihrem Leben entwickelt: Ich weiß, wo Sie arbeiten, wann Sie mit jemandem ins Bett gegangen sind, ich habe Ihre Freunde beobachtet, den Laden an der Ecke besucht, wo Sie immer einkaufen. Ich war bei Ihren Eltern und habe mich als Ihr Freund vorgestellt; wir haben Kaffee getrunken und uns gut unterhalten.

Ich denke, Sie mögen mich, natürlich, Sie haben ja den letzten Brief gelesen, Sie verstehen mich. Überhaupt habe ich das Gefühl, dass sich zwischen uns ein zartes Band der Freundschaft entwickelt, von meiner Seite recht anonym, zugegeben, doch offenbare ich mich in meinen Briefen an Sie mehr, als ich durch das Schnüffeln in Ihrem Privatleben jemals über Sie erfahren kann.

Die Fairness gebietet es, dass ich Ihnen von einem etwas unangenehmen Zwischenfall erzähle, der sich letztens ereignet hat. Einem Streit zwischen uns sozusagen. Es war wenige Tage, nachdem Sie meinen ersten Brief gelesen hatten. Sie gingen an einer Polizeistation vorbei und hatten den Brief dabei. Ich weiß es; es war dieselbe graue Jacke, die Sie damals im Bus anhatten, und Sie haben den Brief nicht herausgenommen. Nun, Sie blieben einen Augenblick stehen und ich war ein wenig verärgert, dachte ich doch in meiner Paranoia, Sie wollten sich an den Arm des Gesetzes wenden. Da stand ich nun, mit dem Messer in der Tasche, zwei Schritte hinter Ihnen und bereit, es Ihnen in die Leber zu stoßen, um die Pfortader zu durchtrennen. Glauben Sie mir, kein Notarzt hätte Sie vor dem Verbluten retten können. Aber Sie haben sich nur eine Zigarette angezündet. Ich will mich hiermit förmlich für dieses Missverständnis entschuldigen, welches beinahe zu Ihrem Tod geführt hätte. Und, bei der Gelegenheit: Sie rauchen mehr, als gut für Sie ist.


Ich musste eine Pause machen, denn ich bin es nicht gewohnt, lange Texte zu schreiben. Die Sachen, die ich üblicherweise notiere, haben mehr den Charakter von "Das war eine Warnung" oder "Dieses Mal ist es das Blut der Katze, das nächste Mal Ihres". Kläglich, aber wahr. Wie ich Ihnen schon das letzte Mal sagte, macht mir mein Beruf viel Freude, aber je länger ich in Ihrer Gegenwart bin, desto mehr genieße ich das normale Leben, morgens aufstehen, zur Arbeit gehen, Freunde treffen (ich spiele auf Ihre Freunde an, da ich selber keine habe, zumindest nicht in Ihrem Sinne). Ach, ich hatte es ganz vergessen: Wir sind jetzt Nachbarn. Nicht ganz natürlich - wenn ich in Ihrem Haus wohnen würde, wäre es ein Leichtes für Sie, mich ausfindig zu machen. Ich werde mich in nächster Zeit sowieso etwas zurückhalten müssen, da ich finde, dass wir uns schon sehr nahe gekommen sind. Eigentlich könnten wir uns das "Du" anbieten, auch wenn ich meinen Namen nicht nennen kann. Deinen jedenfalls kenne ich, sogar den zweiten Vornamen, den ich wirklich lustig finde. Ich hatte mal einen Auftrag, da musste ich eine Person mit demselben Namen eliminieren. Schon wieder etwas, was uns verbindet, doch ich will es nicht zu sehr an den Haaren herbeiziehen.

Neulich war ich in Deiner Wohnung und muss sagen: Du hast Geschmack. Nur die Vorhänge mag ich nicht, mir gefällt die Farbe einfach nicht. Aber Deine CDs sind fantastisch. Ich habe ja selber keine Musik, da ich zumeist auf Reisen bin und so was nur behindert. Hin und wieder habe ich mir ein paar CDs gekauft, aber daran habe ich mich schnell satt gehört und sie weggeschmissen. Wie so vieles in meinem Leben. Nun ja, ich weiß nicht, ob es Dir aufgefallen ist, aber ich habe mir ein paar ausgeliehen - ich werde sie demnächst wieder zurückbringen. Bitte mach Dir nicht die Mühe, nach Fingerabdrücken zu suchen, wie Du inzwischen mitbekommen hast, bin ich kein Amateur. Nun, ich bin keiner von den ganz Großen, aber die gehen in der Regel schnell zu Boden, und ich mache meinen Job nun schon einige Jahre. Apropos: Ich muss für einige Tage weg - ein Auftrag wartet. Aber ich werde schnell wieder da sein, um so wenig zu verpassen wie möglich.


Da bin ich wieder. Scheiße, es ist nicht gut gelaufen. Du hast sicherlich in der Zeitung davon gelesen (ich habe nachgeschaut; in der, die Du abonniert hast, war ein großer Artikel). Ich meine, ich habe den Auftrag ausgeführt, aber eine saubere Arbeit war das nicht. Ich sollte ein Rasiermesser benutzen, halte mich bitte nicht für perfide, Spaß macht mir das nicht. Jedenfalls hatte der Kerl eine dieser kleinen Pistolen, die man in sein Strumpfband steckt. Gott, Strumpfbänder! Da soll ich drauf kommen! So was trägt doch heute kein Mensch mehr. Jedenfalls hatte er plötzlich diese Waffe in der Hand. Geschossen hat er dann nicht - Du kannst Dir nicht vorstellen, wie viele Menschen nicht in der Lage sind, tödliche Gewalt auszuüben, selbst wenn ihr eigenes Leben in Gefahr ist. Können einfach nicht abdrücken. Mit Messern ist es noch schlimmer: Sie schleppen es mit sich rum und prahlen vor ihren Freunden damit, aber sterben lieber selber, als es einem in die Eingeweide zu stoßen. Diesem Mann jedenfalls konnte ich mit beruhigenden Worten die Pistole abnehmen. Obwohl ich, wie Dir bekannt ist, sehr überzeugend sein kann, verstehe ich nicht, wie man jemanden mit einem Rasiermesser in der Hand glauben kann. Vielleicht wollte er sterben. Gewehrt hat er sich dann trotzdem, das ganze Haus war voller Blut - eine Riesensauerei. Ich hatte noch zwei Tage später welches unter den Fingernägeln.

Ich möchte nicht, dass Du schlecht von mir denkst: Inzwischen haben wir immerhin so etwas wie eine Freundschaft. Ich beginne, darunter zu leiden, was ich tue - jetzt, wo ich Dein Leben mit all den Nuancen, den Höhen und Tiefen vor Augen habe, kommt mir meines schal und nichtssagend vor: Dabei habe ich in dieser Welt sicherlich mehr bewegt, als Du es je wirst. Dieses kleine Bild, das neben Deinem Bett hängt, zum Beispiel: Eine Freundin hat es für Dich gemalt und ich finde es ganz wunderbar. Es besteht eine Beziehung zwischen euch, ich weiß nicht, ob ihr euch noch seht, aber sie erinnert sich Deiner. Da war zumindest mal etwas, etwas Tiefes, Bleibendes. Wie sollte ich so was in meinem Leben finden? Manchmal bin ich sehr neidisch auf Dich.


Mir geht es nicht gut. Ich will Dir keine Angst machen, aber im Moment habe ich selber Angst. Etwas entgleitet mir. Ich bin heute Morgen aufgewacht und konnte mich nicht mehr an den gestrigen Abend erinnern. Aber alle Wände waren vollgeschrieben, auch ich war voller Farbe. Ich muss die ganze Nacht auf gewesen sein und geschrieben haben. "Ich bin auch ganz leise", stand da, oder "Ich mach keinen Ärger". Beängstigend, nicht wahr. So was sollte einem rationalen Menschen nicht passieren. Ich würde jetzt so gerne zu Dir rübergehen und ein Glas Wein mit Dir trinken, auf Deinem Balkon. Dir von dem ganzen Mist erzählen. Ich meine, ich hab das noch keinem gesagt, aber manchmal bereue ich einiges. Aber solche Dinge kann man nur einem Freund erzählen. Ich denke, ich werde es tun. Irgendwann komme ich einfach bei Dir vorbei, wir reden miteinander und erzählen uns alte Geschichten. Dann essen wir diese kleinen ummantelten Nüsse, die Du in der untersten Küchenschublade aufbewahrst und die Du immer nur isst, wenn Du schon betrunken bist. Ich freue mich darauf.

Ja, ich denke, ich werde bald mal vorbeikommen. Ich mach keinen Ärger. Ich werde auch ganz leise sein.

Stefan Boskamp (*1973) lebt und arbeitet als Arzt in Hamburg. Zuletzt erschien im Freitag (14/2006) sein Text Pandämonium.


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00:00 19.05.2006

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