Friedensfeinde

NAHOSTKONFLIKT Die offene Wunde lässt sich nur durch mehr Gerechtigkeit schließen

Innerhalb eines Jahrzehntes haben zwei arabische Potentaten versucht, die offene Wunde des Nahostkonfliktes für sich zu instrumentalisieren: der irakische Staatspräsident Saddam Hussein bei der Rechtfertigung des Überfalls auf Kuwait und Osama bin Laden nach dem Beginn der amerikanischen Bombardierung seiner Stützpunkte in Afghanistan. Immerhin versuchte Bush sen. nach dem zweiten Golfkrieg einen Ausgleich zwischen den Arabern und Israelis durchzusetzen. Mitte neunziger Jahre wurde jedoch deutlich, dass der 100-jährige Konflikt nicht zu regeln ist, solange keine Bewegung in die festgefahrenen Positionen kommt.

Ludwig Watzal zeigt uns, warum. Sein Buch ist ein engagierter Versuch, den palästinensisch-israelischen Konflikt aus seiner Entstehungsgeschichte zu analysieren, beginnend mit der Entscheidung der zionistischen Bewegung einen "Judenstaat" in Palästina zu gründen. Zwar liegt der Schwerpunkt auf der Konfliktgenese nach dem Beginn des Friedensprozesses Ende 1991. Dennoch bietet auch der historische Abriss Interessantes, weil sich Watzal hier auf die Werke sogenannter Postzionisten stützt - auf israelische Autoren also, die nahezu alle zionistischen Narrative einer strengen wissenschaftlichen Überprüfung unterzogen haben.

Der Autor macht deutlich, dass die ungleichen Partner vor und nach dem 1993 abgeschlossenen Vertrag von Oslo unterschiedliche Intentionen hatten und notwendigerweise zu unterschiedlichen Ergebnissen kamen. Hier die konzessionsbereite PLO unter Führung Yassir Arafats. Dort die Vertreter des israelischen Staates, die durch vermeintliche Kompromisse den Status quo zu zementieren suchten und dabei die PLO zum Partner der eigenen Sicherheit machten. Diese asymmetrische Struktur wird von Ludwig Watzal in allen Stadien der leidvollen und zähen siebenjährigen palästinensisch-israelischen Verhandlungen nachgezeichnet. Der vom Autor oft zitierte Spruch des israelischen Schriftstellers Amos Oz, Oslo sei der zweite große Sieg in der Geschichte des Zionismus, bildet für Watzal eine Art Leitmotiv.

Das ist durchaus plausibel, denn tatsächlich hat Israel versucht, die Madrider Formel "Land gegen Frieden" umzuinterpretieren. Spätestens nach der Wahl Benjamin Netanyahus war man bestrebt, den Frieden zu erzwingen und das Land möglichst zu behalten. Bei der kritischen Beschreibung der Verhandlungen geht der Autor auch mit der palästinensischen Führung unter Arafat hart ins Gericht. Watzal sieht in dem defizitären Demokratieverständnis Arafats und in den Interessen seiner korrupten Kamarilla einen wichtigen Grund für die Zugeständnisse der palästinensischen Führung. Die in den Osloer Verträgen festgeschriebene superiore Position Israels und der letztlich immer auf die Gnade der israelischen Führung angewiesene Arafat werden vom Autor bei allen vereinbarten Zwischenverträgen eindrucksvoll nachgezeichnet.

Die vorerst letzte Episode des Verhandlungsmarathons - das Treffen in Camp David im Juli 2000 - wird nur kurz skizziert. Watzal behauptet hier, der ehemalige israelische Ministerpräsident Ehud Barak sei kaum von den Positionen seiner Vorgänger abgewichen. Das kann man auch anders sehen. Tatsächlich war das Angebot Baraks aus israelischer Sicht eine Art Maximum. Shimon Peres, hat weiland Barak heftig kritisiert, weil der angeblich mit seinen Zugeständnissen zuweit gegangen sei. Heute steht außer Zweifel: eine solche Chance, so mangelhaft sie auch gewesen sein mag, wird in absehbarer Zeit kaum wieder kommen.

In den letzten Kapiteln seines Buches behandelt Watzal die Frage der Menschenrechte, den Umgang Israels mit den Normen des Völkerrechts, die Spaltung der israelischen Gesellschaft in Ashkenasim und Sephardim und das Dilemma Israels als Staat zwischen zwei problematischen Optionen - hier eine ethnische, sprich: jüdische, Demokratie; dort der jüdische Fundamentalismus. Watzal sieht unter diesen Bedingungen kaum reale Möglichkeiten, den Konflikts zu regeln. Israel will aus einer Position der Stärke heraus keine Konzessionen gegenüber den Palästinensern machen. Die USA - im gesamten Buch als unerschütterlicher Verbündeter des jüdischen Staates gezeichnet - werden ihre Politik fortsetzen. Und Arafat steht vor dem Scherbenhaufen der von ihm unterzeichneten Osloer Verträge.

Am Ende schließlich plädiert Ludwig Watzal für einen gerechten Frieden, für ein Minimum an Gerechtigkeit gegenüber den Palästinensern. Dies impliziert die Anerkennung auch ihrer Leidensgeschichte sowie die Achtung völkerrechtlicher Normen durch den Staat Israel. In seinem letzten Satz zeigt Watzal Perspektiven für eine Versöhnung der beiden Völker auf, wenn die Extremisten in die Schranken verwiesen werden und wenn die Mediatoren, die USA und die Europäer, ihrer Pflicht ernsthaft nachkommen. Ein Frieden ohne Gerechtigkeit, so der Haupttenor des Buches, wird weder heute noch morgen Bestand haben.

Ludwig Watzal:Feinde des Friedens. Der endlose Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern. Aufbau-Taschenbuch Verlag, Berlin 2001, 341 S., DM 17,90.

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00:00 16.11.2001

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