Für das Leben lernen

Abitur Die Schulen sind geschlossen, die Abschlussprüfungen sollen trotzdem stattfinden. Gegen die Pläne der Kultusminister regt sich Protest. Der Appell eines Schülers
Für das Leben lernen
Die Schulen sind geschlossen – und sollten es auch für Abiturientinnen und Abiturienten bleiben. Das fordern die betroffenen selbst

Foto: Jens Schlueter/AFP via Getty Images

Als angehender Abiturient an einem Kölner Gymnasium bereitet mir die Handhabe der Kultusminister und Kultusministerinnen der Länder im Bezug auf die diesjährigen Abschlussprüfungen große Sorgen. Der vor knapp zwei Wochen gefasste Entschluss der Kultusministerkonferenz, die Prüfungen durchzuführen, sorgt innerhalb der Schülerschaft spürbar für Frustration. Anders als von einigen Seiten unterstellt, ist der Grund dafür bei der überwiegenden Mehrheit weniger der bequeme Wunsch, sein Abitur ohne Prüfungen und ohne den damit verbundenen Lernaufwand zu erhalten. Es geht ihnen nicht um egoistische Motive, die Bandbreite der Argumente umfasst sämtliche gesellschaftspolitische Bereiche von der Gesundheit bis zur sozialen Gerechtigkeit.

Die Betrachtung von epidemiologischen und gesundheitlichen Aspekten dürfte angesichts der Sars-CoV-2-Pandemie den meisten Menschen als erstes in den Sinn kommen, weshalb ich meine Ausführungen damit beginnen werde. Bis auf wenige Ausnahmen befindet sich momentan die gesamte Welt im Ausnahmezustand. Staaten, Bundesländer und Kommunen legen ihrer Bevölkerung strenge Maßnahmen auf. Kontaktverzicht und Hygiene sind die Gebote der Stunde. Wer den Entschluss der Kultusminister und Kultusministerinnen der Länder vor diesem Hintergrund betrachtet, fragt sich unweigerlich, warum diese Maßnahmen im Schulwesen nicht geboten zu sein scheinen. Damit konfrontiert, entgegnen die Kultusministerien, durch Abstandsregelungen und Hygienevorkehrungen sei keine Infektionsgefahr zu befürchten. Vor den Abschlussprüfungen werde man die Räume desinfizieren und lüften. Die Schüler würden auf mehrere Räume verteilt und zwischen jedem Tisch sei ein Abstand von 1,5 Metern vorgesehen. Schaut man sich Videoaufnahmen und Berichte aus Hessen an oder liest, wo und vor allem wie die Abschlussprüfungen, die bereits in den vergangenen Wochen durchgeführt wurden, der wird einsehen, dass diese Vorstellungen in der Praxis nicht umsetzbar sind beziehungsweise nicht umgesetzt werden.

Von wegen Sicherheitsabstand

Schüler und Schülerinnen standen wie üblich dicht gedrängt vor den Räumen und sobald einer der Prüflinge die Toilette aufsuchte oder sich nach vorne zum Pult begab, um seine Klausur bei der Aufsicht habenden Lehrkraft abzugeben, konnte von 1,5 Metern Sicherheitsabstand keine Rede mehr sein. Darüber hinaus drohen Infektionen durch im Zuge der Atmung ausgestoßene „Wolken“ aus feinen Tröpfchen. Diese sogenannten Aerosole enthalten bei einer infizierten Person Viren, die laut neuesten wissenschaftlichen Untersuchungen bis zu drei Stunden infektiös bleiben können. Zudem besteht die Gefahr, dass sich Schüler über Schmierinfektionen mit dem Virus anstecken, beispielsweise über die Türgriffe der Toilettenkabinen. Ein wirksamer Schutz vor Infektionen ist dementsprechend nicht umsetzbar.

Manch einer entgegnet darauf, Schüler gehörten aufgrund ihres jungen Alters nicht zu einer der Risikogruppen für die Covid-19-Erkrankung. Diese Sichtweise ist jedoch schnell als zynisch und obendrein unwahr zu entlarven. Es steht außer Frage, dass ein großer Teil der Schülerschaft eine Infektion mit dem neuartigen Corona-Virus vermutlich mild- oder gar asymptomatisch durchlaufen würde. Allerdings gibt es auch unter jungen Menschen – für manch einen mag es unvorstellbar sein – Asthmatiker, Diabetiker und Menschen mit anderen Vorerkrankungen. Überdies gibt es zusätzlich eine große Menge an Schülern, deren Elternteile oder Geschwister aufgrund ihres Alters oder durch Vorerkrankungen als Risikopatienten geführt werden. Diesen Schülern ist es unter keinen Umständen zuzumuten, unter fragwürdigen Infektionsschutzbedingungen ihre Abschlussprüfungen abzulegen. Von jungen Menschen, die in Sorge um ihre eigene Gesundheit oder die ihrer Liebsten sind, kann nicht erwartet werden, dass sie sich geflissentlich auf ihre Abschlussprüfungen vorbereiten und daraufhin mit voller Konzentration ihre Prüfungen ablegen.

Wenn zuhause kein Schreibtisch steht

Ein weiterer unbedingt zu beachtender Gesichtspunkt ist der soziale. Sollten die Abschlussprüfungen trotz der Schulschließungen durchgeführt werden, dann geschieht dies auf dem Rücken derjenigen, die im Schulsystem auch unter Normalbedingungen stets gebeutelt sind. Der Unterrichtsausfall trifft die gesamte Schülerschaft sehr stark. Schüler aus sozial benachteiligten Familien werden jedoch noch stärker getroffen. Drei Wochen weniger Unterricht mögen für Außenstehende vielleicht nicht nach viel aussehen. Aber besonders die drei letzten Schulwochen vor den Abiturprüfungen dienen üblicherweise der Wiederholung und Verfestigung der Unterrichtsinhalte in den Kursen. Für lernstarke Schüler, die zuhause große Unterstützung erhalten, ist die fehlende Wiederholung vielleicht kein besonders großes Problem. Davon kann bei einer großen Menge an Schülern allerdings keine Rede sein.

Besonders für Schüler, deren Eltern aufgrund fehlender Zeit, fehlenden Geldes oder fehlender eigener Kompetenzen den dringend benötigten Rückhalt nicht ausreichend bieten können, sind die drei letzten Schulwochen essenziell. Um den Unterrichtsausfall auszugleichen, setzen die Kultusministerien der Länder auf Online-Homeschooling. Die Lehrer und Lehrerinnen sollen ihren Kursen Übungsaufgaben über digitale Wege zukommen lassen. Es gibt einige wenige, meist junge Lehrer und Lehrerinnen, die sich extrem gut um ihre Schüler und Schülerinnen kümmern. Viele ihrer Kollegen tun sich mit der neuen Art des Unterrichtens jedoch schwer. Die jahrzehntelange Stagnation der Digitalisierung im Schulwesen wird momentan auf schmerzliche Art und Weise sichtbar.

Das eigenständige Arbeiten von zuhause aus ist mit dem normalen Unterricht dementsprechend in keinster Weise vergleichbar. Nicht nur die fehlende digitale Kenntnis und Ausrüstung an den Schulen sorgt für eine überdurchschnittliche Benachteiligung von Schülern und Schülerinnen aus unterprivilegierten Familien. Viele besitzen keinen eigenen Computer und wohnen mit ihrer Familie auf beengtem Raum. Für Schüler und Schülerinnen, die ihre Übungsaufgaben mühsam vom Handy ablesen müssen und sich ihre Zimmer mit zwei Geschwistern teilen, gestaltet sich die Vorbereitung auf die Abschlussprüfungen schwierig. Hierbei handelt es sich keineswegs um ein zu vernachlässigendes Randproblem. Der Bildungsforscher Stephan Huber sagte in einem kürzlich bei Zeit Online veröffentlichten Interview, die Zahl der Schüler und Schülerinnen, denen technische Ausrüstung fehlt, läge bei etwa 15 Prozent. Unter normalen Bedingungen könnten sich diese Schüler und Schülerinnen zum Lernen in die Bibliothek oder zu Mitschülern begeben. Sie könnten sich in Lerngruppen organisieren und hätten neben dem Lernen einen Ausgleich durch ein aktives Sozialleben. All dies ist ihnen momentan verwehrt. Noch einschneidender sind die Schulschließungen für Schüler und Schülerinnen, die in einem oder mehreren abiturrelevanten Fächern die vorgesehenen Unterrichtsinhalte noch nicht vollständig erarbeitet hatten. Anders als von den Kultusministern und Kultusministerinnen behauptet ist dies bei vielen Schülern der Fall. Sollten die Abschlussprüfungen tatsächlich, wie momentan vorgesehen, auf Biegen und Brechen durchgeboxt werden, ist der Glaube an bildungspolitische Grundsätze wie die Gedanken von „Chancengleichheit“ und „Aufstieg durch Bildung“ zumindest stark zweifelhaft!

Her mit dem Durchschnittsabitur!

Auch psychologische Folgen der Pandemie müssen berücksichtigt werden. Schüler und Schülerinnen, deren Eltern infolge der wirtschaftlichen Verwerfungen in die Arbeitslosigkeit zu rutschen drohen oder es bereits sind, haben momentan andere Sorgen, als die Vorbereitung auf die Abschlussprüfungen. Dasselbe gilt selbstverständlich für Schüler und Schülerinnen, deren Angehörige oder enge Freunde mit dem neuartigen Corona-Virus infiziert sind oder zu einer der Hochrisikogruppen gehören. Von jungen Menschen, die von Existenz- und Zukunftsängsten wachgehalten werden, kann niemand guten Gewissens verlangen, sich gut auf die anstehenden Abschlussprüfungen vorzubereiten. Und selbst die kaltherzigsten Bildungspolitiker müssen sich eingestehen, dass es diesen Schülern und Schülerinnen nicht möglich ist, diese Sorgen für die Dauer der Abschlussprüfungen über mehrere Stunden auszublenden.

In vielen Familien müssen angehende Abiturienten und Abiturientinnen zudem zur Zeit vermehrt im Haushalt helfen und beispielsweise auf ihre kleinen Geschwister aufpassen. Viele Schüler und Schülerinnen engagieren sich darüber hinaus in der Nachbarschaftshilfe, erledigen beispielsweise für ihre älteren Nachbarn den Einkauf.

All diese Gesichtspunkte müssen als Grundlage für die unbedingt notwendige Neu-Evaluation der Thematik in den Kultusministerien dienen. Im Sinne der bestmöglichen Vergleichbarkeit ist die einzige sinnvolle Lösung, den Absolventen dieses Jahrgangs ihre Abschlüsse ohne Abschlussprüfungen zu verleihen. Die Durchschnittsnote muss aus den bisher erbrachten Leistungen berechnet werden. Über die zwei, beziehungsweise drei Jahre der Oberstufe haben die Abiturienten und Abiturientinnen Dutzende Klausuren geschrieben. Dies muss unter den gegebenen Umständen ausreichen, um eine Gesamtnote zu berechnen und die Abschlüsse dieses Jahr ohne Abschlussprüfungen auszuhändigen. Um auch denjenigen Schülern und Schülerinnen, welche die Abschlussprüfungen nutzen wollten, um ihre vorherigen Leistungen durch intensive Vorbereitung zu verbessern, einen möglichst gerechten Abschluss zu gewährleisten, sollte die Möglichkeit bestehen, Prüfungen freiwillig abzulegen. Da die beiden Bundesländer Hessen und Rheinland-Pfalz bereits in den vergangenen Wochen die Abschlussprüfungen durchgeführt haben, muss auch hier für möglichst viel Vergleichbarkeit gesorgt werden. So könnten beispielsweise Klausuren nur dann angerechnet werden, wenn Verbesserungen im Vergleich zu den vorherigen Leistungen erzielt wurden. Grundsätzlich ist jedoch natürlich anzumerken, dass eine Vergleichbarkeit im Bildungsföderalismus ohnehin niemals gegeben ist. Dafür braucht man sich nur die Menge an Abiturienten und Abiturientinnen mit einem Schnitt von 1,0 in den einzelnen Bundesländern vor Augen zu führen. Bei knapp 25 Prozent mehr Einwohnern in Nordrhein-Westfalen gegenüber Bayern, erhalten dort doppelt so viele Absolventen und Absolventinnen den besagten Schnitt von 1,0.

Bei einigen angehenden Absolventen und Absolventinnen geht die Sorge um, ein Abschluss ohne die üblichen Prüfungen sei ein Abschluss zweiter Klasse im Vergleich mit den Abschlüssen der vorherigen und folgenden Jahrgänge. Diese Sorge ist jedoch unberechtigt. Dafür spricht zuerst einmal das immer wieder von den Kultusministern und Kultusministerinnen betonte Einvernehmen, die gegenseitigen Abschlüsse unter allen Bedingungen anzuerkennen. Außerdem muss man bedenken, wofür der Schulabschluss überhaupt von Bedeutung ist - für die Bewerbung an Universitäten, Fachhochschulen und bei Betrieben. Danach interessiert keinen Arbeitgeber mehr die erreichte Durchschnittsnote des Schulabschlusses. Natürlich stellt die Aufnahme an Universitäten, Fachhochschulen und in Betrieben für die Absolventen und Absolventinnen einen wichtigen Punkt in der Vorbereitung auf das Leben als Erwachsener und im Beruf dar. Jedoch wird nach kurzem Reflektieren jedem bewusst, dass diesen Institutionen überhaupt nichts anderes übrig bleibt, als den Jahrgang 2020 genauso zu behandeln, wie die vorherigen und folgenden Jahrgänge. Sie können es sich nicht leisten, einen gesamten Jahrgang nicht aufzunehmen oder zumindest sehr viel schlechter zu behandeln und es gibt für sie auch überhaupt keinen Grund, daran ein Interesse zu haben.

In einer Petition auf der Plattform für Online-Aktivismus „Change.org“ fordern die Schülerin Filippa Steffens und ihr Mitschüler Paul Gringel aus Hamburg das vorangehend beschriebene sogenannte „Durchschnittsabitur“ mit der Möglichkeit, Prüfungen freiwillig abzulegen. Innerhalb weniger Wochen haben über 138.000 Schüler und Schülerinnen die Petition unterschrieben. Die Kultusministerien der Länder müssen dem umgehend Gehör schenken! In der momentanen Ausnahmesituation die Durchführung der Abiturprüfungen gegen einen derart breiten und argumentativ fundierten Widerstand durchzuboxen, wäre gefährlich, unverantwortlich und vor allem unsolidarisch.

Lovis Danneck ist 18 Jahre alt und besucht ein Gymnasium in Köln

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18:01 09.04.2020

Ausgabe 33/2020

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