Fünf Caballeros jagen einen Stier

Venezuela/Kolumbien Schmuggel und Entführungen verunsichern die Grenzregion und belasten das ohnehin gestörte Verhältnis zwischen beiden Staaten

Einen solchen Krach gab es lange nicht zwischen Kolumbien und Venezuela. Seit die Präsidenten Alvaro Uribe und Hugo Chávez statt Bruderküssen vorzugsweise Beschimpfungen austauschen, ist das bilaterale Verhältnis auf einem Tiefpunkt. Begonnen hatte alles mit den Verhandlungen, die der venezolanische Staatschef zur Befreiung von Geiseln mit der FARC-Guerilla führte. Im Januar wurden daraufhin die Gefangenen Consuelo González und Clara Rojas freigelassen.

Was macht es schon, dass ihr zu spät seid. Der Revolution schlägt keine Stunde", entschuldigt uns David Corredor, als wir weit nach dem vereinbarten Termin in seinem Büro eintreffen, weil die Fahrt nach Cúcuta, der größten kolumbianischen Stadt direkt an der Grenze zu Venezuela, zeitraubender war als erwartet. Mit Corredor treffen wir den Nationalen Koordinator des Movimiento Socialista Bolivariano (MSB) in Kolumbien. Die Revolution, von der er redet, findet freilich im Nachbarstaat statt, doch hofft Corredor der Bolivarische Funke werden irgendwann auch die kolumbianische Flamme entzünden.

"Logisch, dass es jetzt Streit gibt zwischen Uribe und Chávez", kommen wir gleich auf das schwer angeschlagene kolumbianisch-venezolanische Verhältnis zu sprechen. "Uribe ist nicht wirklich an Frieden in unserem Land interessiert, zu viele Leute in seiner Umgebung verdienen zu gut am Bürgerkrieg. Wir vom MSB wollen einen Dialog mit der FARC-Guerilla und unterstützen deshalb Chávez, wenn er mit den Rebellen verhandelt. Wir bewundern seine Bolivarische Revolution und fahren oft zu unseren Brüdern nach Venezuela, wenn sie Hilfe brauchen."

Idealisten wie David Corredor sind die Ausnahme in Cúcuta, wo man im Augenblick auf Venezuela nicht gut zu sprechen ist. Um beide Länder - etwa vier Millionen Kolumbianer leben in Venezuela - schien lange Zeit ein Band der Sympathie geschlungen. Von "Bruderstaaten" war die Rede. Trotz enormer politischer Differenzen - hier der revolutionäre, dort der konservative Caudillo - sah man Hugo Chávez und Alvaro Uribe regelmäßig schulterklopfend hier und da auf Gipfeltreffen in Lateinamerika. Dass der "Bruderbund" nicht ewig halten würde, galt als ausgemacht. Es kam zum Bruch, als sich der venezolanische Präsident das Mandat zuerkannte, mit den FARC zu sprechen, um prominente Geiseln, darunter die Ex-Präsidentschaftskandidatin Ingrid Betancourt, frei zu bekommen. Uribe hatte zunächst nichts dagegen, reagiert aber erbost, als Chávez für seine Mission auch den direkten Kontakt zum Oberbefehlshaber der kolumbianischen Streitkräfte suchte. Dann kreuzte Ende Januar auch noch Condoleezza Rice in Bogotá auf, und alles lief endgültig aus dem Ruder. Chávez witterte die große Verschwörung, redete von einem bevorstehenden Angriff der USA und Kolumbiens auf Venezuela und nannte Uribe einen "Diener der Amerikaner", einen "Feigling und Manipulator". Vom Bruderbund ging es munter zum Bruderkrieg, das Band der Sympathie war zerrissen.

Der Wutausbruch des Comandante hatte freilich nicht nur damit zu tun, dass er sich bei seiner Fühlungnahme mit der Guerilla missverstanden glaubte. Schon lange störte Chávez der massenhafte Schmuggel venezolanischer Waren über die Grenze nach Kolumbien, gegen den die Regierung in Bogotá nichts unternahm - doch der Reihe nach.

Misión Soberanía Alimentaria

Venezuelas große Lebensmittelkonzerne, die traditionell auf die Opposition hören, drosseln seit Monaten die Produktion und argumentieren - seit die Regierung Höchstpreise für Milch, Eier, Hühner, Fleisch, Zucker, Mehl und Kaffee festgelegt habe, lasse sich nichts mehr verdienen. Warum also Großmärkte und Geschäfte, Hotels und Restaurants beliefern? Unter diesem Boykott leidet besonders die Grenzregion.

Carola Jimenez, eine 45-jährige Hausfrau aus San Cristóbal auf der venezolanischen Seite, ist wütend. "Ich stehe hier schon den ganzen Morgen in der Schlange, weil es erst hieß, es gäbe Hähnchenfleisch, aber das ist längst ausverkauft. Jetzt darf ich noch auf Milch warten, auch die ist knapp." Der Laden, vor dem sie in der Schlange ausharrt, ist ein MERCAL, ein Supermarkt, der ausschließlich subventionierte Lebensmittel verkauft. Einen Einkauf bei MERCAL schätzen nicht nur die Venezolaner. MERCAL-Produkt werden mit Vorliebe und in Größenordnungen über die Grenze nach Kolumbien geschleust, um sie dort wegen des niedrigen Preises mit großem Gewinn zu verkaufen. Der Grenzfluss Táchira, keine zehn Minuten Autofahrt vom Stadtzentrum im kolumbianischen Cúcuta entfernt, ist flach und bietet für Lastkraftwagen überall eine ideale Furt.

"Jede Nacht überqueren Dutzende von Fahrzeugen den Táchira und damit die Grenze nach Kolumbien. Leider sind unsere Zöllner korrupt bis auf die Knochen", meint José Eustorgio Colmenares, der Direktor von La Opinion, dem liberalen Lokalblatt für Cúcuta, "solange nichts passiert, verdienen sie vorzüglich."

Doch es passiert etwas. Weil der illegale Warenstrom nach Kolumbien mittlerweile beachtliche ökonomische Verluste beschert, hat Präsident Chávez am 31. Januar die Misión Soberanía Alimentaria ausgerufen und Tausende von Soldaten an die Grenze beordert, um den Schmuggel zu stoppen. Gleichzeitig wurden Dutzende von Ladenbesitzern, die unter dem Verdacht standen, sich an den illegalen Transaktionen zu beteiligen, in der Grenzstadt San Antonio del Táchira gezwungen, ihre Tiendas zu schließen. So auch Cheo, der seinen Nachnamen nicht nennen will und mit finsterer Miene in der Mittagshitze vor seinem geschlossenen Geschäft hockt. "Vor zwei Tagen hat mich die Guardia Nacionál gezwungen, hier die Rollläden herunter zu lassen. Die Zahlen in meinen Büchern stimmen angeblich nicht", sagt er diplomatisch. "Wahrscheinlich sollte ich mir eine andere Arbeit suchen, das hier kann ewig dauern."

Obwohl Chávez mit seiner Misión Soberanía Alimentaria vor allem auf die Schmuggler im eigenen Land zielt, fühlt sich auch Kolumbien bestraft, und das nicht nur, weil der Strom billiger Lebensmittel versiegt. "Wir merken plötzlich, dass in Cúcuta alles teurer wird", meint Zeitungsdirektor Colmenares. "Außerdem leidet der Handel zwischen Venezuela und Kolumbien, denn die Grenzkontrollen sind so scharf wie noch nie. Die Trucks warten jetzt manchmal tagelang, bis sie die Grenze überqueren dürfen."

Was sich dort tut, spüren auch die kolumbianischen Pimpineros (Benzinverkäufer), die entlang der Straßen auf Kundschaft warten. "Das Geschäft läuft ausgesprochen mies", klagt Carlos Garrues. Er steht neben einigen Benzinkanistern, die er vorbeifahrenden Automobilisten anbietet. "In Kolumbien kostet ein Liter Benzin normalerweise etwa 60 Cent, in Venezuela zwei. Hier verkaufe ich für 30 Cent, aber weil im Moment so wenig venezolanischer Sprit über die Grenze kommt, sind die Preise auf fast 50 Cent gestiegen, und wir verkaufen nur wenig."

"Bewohner der Grenzregion konnten bisher die Grenze ohne Pass überschreiten und bis San Cristóbal frei reisen. Auch Leute mit weniger guten Absichten kamen so problemlos über die Grenze", erzählt der Zeitungsmann Colmenares noch und hat keinen Zweifel. "Auch verschiedene Comandantes von der FARC wohnen in Venezuela."

Wie überhaupt der kolumbianische Bürgerkrieg für einen gewaltigen Flüchtlingsstrom Richtung Nachbarland gesorgt hat. Laut Enrique Valles, Chef des Büros, das vom UN-Hochkommissariat für Flüchtlingsfragen (UNHCR) in San Cristóbal unterhalten wird, sind in Venezuela offiziell 852 Kolumbianer als Bürgerkriegsflüchtlinge anerkannt. "In Wirklichkeit gibt es etwa 200.000, Tendenz steigend", ist Enrique Valles überzeugt.

Entführt und getötet

Nicht nur Flüchtlinge treibt es von Kolumbien nach Venezuela, auch die Kriminalität galoppiert durch die Grenzregion. Das weiß Javier Pérez, Präsident des Viehzüchtervereins Asogata in San Cristóbal, nur all zu gut. Man findet ihn in seinem Büro auf dem Rummelplatz-Gelände im Norden der Stadt.

Draußen ist der Jahrmarkt in vollem Gange, auch wenn sich mit einem finsteren rötlichen Grau am Himmel die Nacht ankündigt. Venezolanische Cowboys ziehen mit großen Hüten, Stiefeln und Polarbier-Dosen in Massen über das Gelände zwischen den zur Versteigerung ausgestellten Rindern. Halbwüchsige lassen sich lachend mit gewaltigen Stierhoden in der Hand von ihren Kumpels fotografieren. Steaks brutzeln in der Hitze auf riesigen Grills vor sich hin. Hinter den hier gleichfalls zum Verkauf angebotenen Traktoren zieht ein ohrenbetäubendes Spektakel die Besucher in seinen Bann: Coleo - Schwanzziehen - nennt sich der Wettkampf. In einer Art überdachtem Schuhkarton von etwa 100 Metern Länge mit Tribünen zu beiden Seiten reiten fünf Caballeros hinter einem Stier her. Wer als erster dessen Schwanz zu fassen kriegt und das Tier auf den Boden zerrt, hat einen Punkt gewonnen.

Die Zuschauermasse kocht, aber Javier Pérez hat dafür kein Auge und kein Ohr. "Heute sind wieder zwei Viehzüchter aus der Gegend entführt worden", erzählt er in seinem geräumigen Büro, während uns eine Sekretärin die Listen aller seit 2001 verschleppten Männer zeigt. "Einer der gerade erst Gekidnappten kommt aus San Cristóbal - der andere wohnte weiter nördlich in Zulia. Wohnte, denn ihn haben sie schon getötet." Laut Pérez sind momentan 27 der etwa 1.800 Mitglieder seines Vereins Asogata spurlos verschwunden. Überfallen würden die Leute sowohl von Kriminellen als auch von Guerilleros der FARC. "Es geschieht immer mit dem Ziel, möglichst viel Geld zu erpressen."

Die Gefahr, irgendwo auf einer Farm an der Grenze entführt zu werden, hat in den vergangenen Jahren so stark zugenommen, dass viele Viehzüchter in die Stadt gezogen sind. Sie behalten zwar ihre Finca, überlassen aber die laufenden Geschäfte einem Verwalter. "Deswegen hat die Entführungswelle mittlerweile auch die Stadt erreicht, der neueste Trend", meint Pérez nüchtern." Ob er Angst habe? "Natürlich! Wenn ich unterwegs bin, sorge ich dafür, immer telefonisch mit anderen in Kontakt zu bleiben. Am liebsten erledige ich alle Wege nur noch in Begleitung."

Durch die fürchterliche Unsicherheit und Angst würden die Farmer immer weniger investieren. Auch deshalb gäbe es derzeit diesen Milch- und Fleischmangel in Venezuela. Was sollte geschehen? "Um ein normales Leben zu garantieren, sollte die Regierung noch mehr Militär schicken. Die haben in Caracas doch keine Ahnung vom Leben hier in den Bergen. Absolut nicht. Chávez streitet sogar die Entführungen durch die FARC auf venezolanischem Boden ab. Für uns ist das eine Beleidigung." n

Alvaro Uribe Vélez

Für die Präsidentschaftswahl im Mai 2002 kandidierte der frühere Gouverneur von Antioquia Uribe als unabhängiger Kandidat, obwohl er zeitweise Mitglied der Liberalen Partei war, und setzte sich bereits im ersten Wahlgang durch. Anders als sein Vorgänger Andrès Pastrana verfolgt Uribe einen harten Kurs im Kampf gegen die Guerilla-Organisationen FARC und ELN und kann sich dabei des Beistandes der USA sicher sein. 2006 wurde er für eine zweite Amtszeit gewählt.

Kolumbiens Guerilla

FARC - Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia

Erste Verbände der FARC werden 1959 formiert und stehen zunächst der KP Kolumbiens nahe. Operationsgebiete sind die Nordprovinzen Santander, Norte de Santander, Arauca und Boyaca. In den siebziger Jahren entstehen erste "Befreite Zonen" mit autonomen FARC-Verwaltungen, aus denen sich die kolumbianische Armee zurückzieht. Zehn Jahre später beginnen die FARC, sich mehr und mehr über Drogenanbau und -handel zu finanzieren. Zwischen 1998 und 2000 kommt es zu Friedensverhandlungen mit der damaligen Regierung des Präsidenten Andrès Pastrana, die aber scheitern.

Die Gesamtstärke der FARC-Guerilla wird auf 8.000 bis 10.000 Mann geschätzt.

ELN - Ejercito de Liberación Nacional

1965 gründen die Ordensbrüder Fabio Vázquez Castaño und Víctor Medina Moró den ELN, der von Anfang an ein gespanntes Verhältnis zu den FARC hat. Kurz nach den ersten Operationen schließen sich berühmte Geistliche an - zunächst der legendäre Priester Camillo Torres, 1978 der spanische Pater Manuel Pérez. Bevorzugte Angriffsziele des ELN sind ausländische Ölgesellschaften. Durch Vermittlung Kubas führt auch diese Guerilla Ende der neunziger Jahre einem Versöhnungsdialog mit der Regierung, der gleichfalls ohne Ergebnis bleibt.

Ende 2007 rekrutierte der ELN noch etwa 2.500 bis 3.000 Kämpfer.

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