"Für alle reicht es nicht"

Porträt Gesine Danckwart fragt nach dem Selbstverständlichen

Früher", erzählt Gesine Danckwart, "fand ich moderne Theatertexte furchtbar." Heute schreibt sie selbst moderne Stücke. Allerdings - die Zuschreibung wird inflationär verwendet, und keiner weiß, was in Sachen Kunst modern ist. Formale Elemente können es nicht sein. Denn die alten, avantgardistischen Unterscheidungsmerkmale haben ausgedient. Experimentelle Formspiele, stilistische Extravaganzen oder provokative Tabubrüche gehören längst zum eingemachten Kanon der Bühnenkunst. Die Avantgarde hat ihr Feindbild verloren und ist zum Status Quo aufgestiegen. Der erotisierende Duft des Neuen ist zum landläufigen Gestank geworden. Weil niemand verbindlich sagen kann, was wirklich neu ist, wird alles als originell verkauft: Alles will anders als alles sein - und ist am Ende doch wieder gleich. Ein Teufelskreis, der in Höchstgeschwindigkeit auf der Stelle tritt. Es gibt womöglich nur noch einen Themenbereich, auf den unsere hektische Welt nervös reagiert - den ihrer eigenen Prämissen. Heutige Avantgarde kann nicht mehr das Immerneue suchen, will sie nicht ins seichte Reich der Belanglosigkeit absteigen. Sie muss danach fragen, was selbstverständlich ist. Das ist der Stoff, aus dem Gesine Danckwart ihre bislang sechs Theaterstücke geschaffen hat. Ein brüchiges, schwieriges Material. Was sind denn unsre verinnerlichten Selbstverständlichkeiten? Identität zum Beispiel ist so ein beliebtes Konstrukt. Nichts scheint uns so geläufig wie ein Ich-bin-Satz. Am meisten in der Variante von Rimbaud: "Ich ist ein anderer." Die fünf Figuren aus Danckwarts Täglich Brot haben diese griffige Formel auch in ihr küchenphilosophisches Repertoire aufgenommen. Und dennoch ist das Stück keines über die Identitätsproblematik. Es geht weitaus grundsätzlicher zu Werke, es forscht nach den Bedingungen unserer Selbstdefinition.

Fragt sich nur, wie derart Theoriegeschwängertes den Weg auf die Bühne findet. An den Berliner Sophiensälen ist das in den nächsten Tagen auf überzeugende Weise zu erleben. Mit einer Inszenierung, die ihre nicht mehr ganz jungen, aber auch noch nicht rentenreifen Protagonisten als Arbeitnehmer knöchelhoch ins Wasser stellt. Kleine Wellen treiben durch das flache Becken vor einer Sehnsuchtstapete mit Palmenstrand und Sonnenschein. Sie starren in die Wand hinein und singen leise ein Volkslied. Bis irgendwann eine hässliche Tröte ertönt und irgendwer anfängt zu reden. Von der Angst vorm Aufstehen, von dem Grausen vorm kommenden Tag - und letztlich von der Furcht vor dem bisschen Leben mit seinem unweigerlichen Ende in der Kiste. Und warum sitzen sie dann mit Schuhen und Socken im Nassen? Später bietet der Text den Assoziationslink "Haifischbecken" an, in dem sie vielleicht zu überleben versuchen. Und das Boot fällt einem ein, in dem wir alle sitzen.

In dem jüngsten Stück der 1969 geborenen und bei Lübeck aufgewachsenen Dramatikerin hat der fragliche Kahn einen Namen: Arbeitsgesellschaft. Den Figuren, die mehr die Stimmen des Zeitgeistes als der Ausdruck eines Charakters sind, geht es dabei wie uns allen: sie sind gefangen in dem tumben Raum, der sich ausschließlich über Arbeit oder Nicht-Arbeit definiert. Es gibt kein Jenseits des Systems. Auch eine Prämisse, auf der unsere Gesellschaft ruht. Das lässt die irritierten Fünf beinahe erstarren wie das berühmte Kaninchen vor der berüchtigten Schlange. Wie auch die Schind- und Knüppelordnung der Leistungsgesellschaft vor ihren Symptomen einfriert. Die einzig gültige Dynamik scheint die auf dem Konto zu sein. Und die einer fernen Ahnung, dass es womöglich auch anders geht. Wenn es nicht wäre, wie es ist: aufstehen, arbeiten und warten auf das Wochenende. Aber greifbar ist den Opfern und Tätern der Arbeitslogik die entrückte Sehnsucht nach einem Ausstieg aus der Karrierespirale nicht. Sie beschwören sich mit Sätzen wie "Arbeit macht Spaß" oder "Ich bin noch kein schlimmes Schicksal". Es nützt nichts. Diese moderne Welt ist mit ideologischen Formeln nicht mehr zu bewältigen.

Mit erstaunlicher Genauigkeit hat Regisseurin Christiane Pohle den verdichteten und brisanten Gehalt der Stückvorlage ins Sinnliche überführt. Immer wenn die Inszenierung in die erschreckenden Abgründe harter Fakten zu fallen droht, nimmt sie die schlimmstmögliche Wendung, die in den Slapstick. Pohle setzt dabei auf den Rhythmus des Textes - auch wenn sie diesen mitunter kräftig umarbeitet. "Die absurde gesellschaftliche Situation", wie Danckwart meint, wird dennoch (oder gerade deshalb) sichtbar: "Dieser Gesellschaft kann doch nichts besseres als die Arbeitslosen passieren." Sie setzt die Arbeitslosenzahlen hemmungslos als Druckmittel ein. Wenn die Wirtschaft mit Arbeitsplatzabbau droht, steht die Politik stramm.

Auf einen Nenner sind die unterhaltsamen wie beunruhigenden 70 Minuten aber nicht zu bringen, obwohl sie auf den Punkt inszeniert sind. Was auch an den hervorragenden Darstellern - Rosa Enskat und Victor Calero vor allem - liegt, die alle Nuancen in der Schwebe halten. Erstaunlich, wie hoch und verschieden damit das Identifikationspotential ist. Den fragmentarischen Charakter des Stückes hat der Abend in eine fragile Bühnentotalität übersetzt. Am Ende ist einem, als habe man das Destillat unsrer Gegenwart durchschmeckt.

Der Eindruck stellt sich bei jedem der Danckwart-Texte her. Schon der erste, Girlsnightout, verschmelzt auf wenigen Seiten die Gemengelage unserer Zeit zu einer harschen Partitur. Ein Stück, das fast nur aus Antworten besteht. Und aus diesem Grunde die ganze große Frage nach dem Leben unter raubtierkapitalistischen Koordinaten aufwirft. Gesine Danckwart geht es dabei nie bloß um ästhetische Formspielchen, es geht um politische Inhalte. Politisch? "Es ist schwer mit diesem Begriff", gesteht sie. Weil er mit Agitprop verwechselt wird. Bei ihr bedeutet politisch, Spuren aufzeigen, die Gesellschaft in ihren Subjekten hinterlässt. Es sind deformierte, ausgehöhlte Individuen, die von Zwängen gehetzt nach Sinn schnappen und das Gefühl der Überflüssigkeit einfangen. Es sind die Variablen einer Gesellschaftslogik, die sich selber frisst. Carl Amery, Münchner Schriftsteller und Essayist, hat das mit seinem Buch Hitler als Vorläufer vielleicht am schärfsten ausgedrückt: "Wohl noch nie fühlten sich so viele Menschen gleichzeitig überflüssig wie heute." Denn heute, so Amery, hat sich die Hitlerformel "für alle reicht es nicht" als bewährtes Selektionsmuster durchgesetzt. Das legitimiert auf perfide Weise die normative Kraft der faktischen Arbeitslosenzahlen und erhöht den Druck auf den Rest. Für alle aber gilt das Gleiche: "Ein Hinausrennen ist ein Hineinrennen.", wie Friedrich Dürrenmatt es nannte. Eine böse Diagnose.

Danckwart hat mit ihrem sezierenden Blick auf die Eingeweide der Gegenwart natürlich keine Lösungen parat. Er legt den Finger in die Wunde. Aus dem Schmerz muss der Leser selber lernen. Er tut das mit einem Vergnügen, das von der Lust an der Erkenntnis herrührt. Und beim Zuschauer von der Sinnlichkeit einer Inszenierung wie bei der von Täglich Brot. Das Stück braucht genau so einen mutigen inszenatorischen Zugriff. Ein Theaterstück ist eben allein vom Schreibtisch aus nicht mehr zu bewältigen. Bei Danckwart gilt das vielleicht mehr als sonst. Solche Regiegriffe können freilich auch ins Leere fassen. Wie die Inszenierung von Summerwine beim diesjährigen Festival "reich berühmt" in Berlin. Hier hat Regisseur Remsi Al Khalisi aus den chiffrierten Rollen Charaktere gebastelt. Und den Abend dadurch ans dramaturgische Nirgendwo verloren. Ein Missgeschick, das Christiane Pohle mit Täglich Brot gekonnt umschifft. Zu verdanken ist dieser Abend im übrigen auch dem Theater in der Fabrik Dresden und dem Theaterhaus Jena, die an Gesine Danckwart einen Auftrag vergeben haben. Und gemeinsam mit den Sophiensälen und dem Thalia Theater Hamburg die Veranstaltung koproduzieren - wobei Jena und Dresden die finanzielle Hauptlast tragen. Bislang hat es sich ausgezahlt. Mit einem Erfolg beim Publikum, der mit Wirkung nicht gleichzusetzen ist. In Berlin dürfte das nicht anders sein.

Sophiensäle, Berlin, Sophienstraße 18, Karten unter (030) 283 52 66, vom 1. bis 4. und vom 7. bis 10. Juni, 21.00 Uhr

Thalia Theater Hamburg, Hamburg, Raboisen 67, Karten unter (040) 32 18 40, am 2. und 3. Juli, 20.00 Uhr

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00:00 01.06.2001

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