Ganz ernst

Maximilian Hecker "Ich glaube nicht mehr an die echte, große Liebe", sagt Maximilian Hecker. Der Sänger hat seine Versagensängste besiegt: mit einer Prostituierten und vielen Stunden Straßenmusik

Der Freitag: Herr Hecker, haben Sie schon mal versucht, sich umzubringen?


Maximilian Hecker:

Nein.


Aber Selbstmordgedanken ­plagen Sie regelmäßig?


Auch nicht. Ich bin geistig völlig gesund, ich habe keine psychische Erkrankung. Ich bin sogar ziemlich vernünftig.


Darauf kommt man nicht, wenn man Ihre Musik hört. Die ist doch sehr niederschmetternd.


Ich habe die Seele eines sechs­jährigen Kindes in mir und wenn die mal an die Oberfläche kommt, dann bin ich überflutet mit diesem Gefühl, dann empfinde ich wie ein Kind. Da kann es schon mal sein, dass ich den Tod romantisiere und eine teuflische Freude am Schattenreich habe. Aber weiter geht’s dann nicht.


Auch nicht in dieser Nacht im Tokioter Rotlichtbezirk Shibuya, in der sie die Begegnung mit einer Prostituierten hatten, die sie im Song „Nana“ als Schlüsselerlebnis beschreiben?


Das war ein Moment, in dem ich mich in der Fremde Milliarden von Kilometern weit weg von zuhause gefühlt habe, weg von dem Gefühl, Halt zu haben im Leben. In diesem Gefühl der Selbstauflösung in der Dunkelheit von Shibuya zerbrach mein Alltag, die Ratio, was einen eben so zusammen hält. In so einem Moment gerät man an basale Strukturen. Die Seele ist voller kindlicher Gefühle, voller Impulse, voller Energie, aber gleichzeitig voller Todessehnsucht.


Klingt ziemlich bedrohlich.


Im Nachhinein idealisiert man solche existentiellen Erlebnisse, diese Blicke in die Seele, in die Dunkelheit. Aber mit Hilfe dieses Liedes konnte ich mit dem Moment, mit dieser Haltlosigkeit Frieden schließen. Dann konnte ich die Schönheit dieses Verlorenseins in der Dunkelheit erleben.


Warum war das ein Schlüssel­erlebnis?


Weil ich gemerkt habe, dass es so nicht weiter gehen kann. Mit der Art, wie ich Musik mache, mit diesem Drang nach Perfektion, den ich hatte, mit den Versagensängsten. Ich stand im Studio vor dem Mikro und hatte Angst, nicht mehr das Gefühl ausdrücken zu können. Bei der Tournee im November 2008 durch Asien hatte ich dann Angst, auf der Bühne zu versagen.


Was kann da schon passieren?


Man kann den Ton nicht treffen. Nicht im Song drin sein. Nichts Authentisches abliefern. Da habe ich gemerkt: Ich komme aus dem Korsett nicht mehr raus, aus diesem Gefühl, funktionieren zu müssen, eine Erwartungshaltung zu erfüllen. Und ich dachte: Wenn das mein Beruf ist, dann sollte ich besser Taxi-Fahrer werden. So geht’s nicht weiter. Das war im Grunde die Krise, die ihre Entsprechung fand in diesem Erlebnis in Shibuya.


Da hat eine Prostituierte helfen können?


Ja. Die Frau, die ich da traf, war ein bisschen wie ein Engel. Die war für mich da, auch wenn sie dafür Geld wollte. In dem Moment habe ich gemerkt, es geht mir gar nicht um Sexualität, sondern um Nähe und darum, Halt zu finden.


Musste dieses Erlebnis in Asien passieren, wo Sie in manchen Ländern wie ein Teenie-Star gefeiert werden?


Ja, vielleicht. Jedenfalls habe ich bei diesen Asien-Tourneen immer das Gefühl, als hätte ich noch eine uneingelöste Rechnung. Die Situation ist erotisch aufgeladen, ich werde mit Projektionen überhäuft. Auf der anderen Seite aber gibt es überhaupt keine Interaktion, weder von mir noch von den Fans. Aber wenn die vor mir stehen, vermitteln sie den Eindruck, sie wären in mich verliebt. Ich weiß natürlich, dass das nicht so ist, aber unbewusst löst das etwas in mir aus. Ich will mich nicht groß darüber beklagen, aber es ist doch ziemlich verwirrend. Das mag üblich sein, wenn man auf einer Bühne steht. Man bekommt diese ganze Aufmerksamkeit, aber dann stellt man sich die Frage, wem sie überhaupt gilt. Und mir fällt es schwer, mit Bewunderung oder Applaus um­zugehen, weil diese Bewunderung nicht mir gilt, sondern dem Schatten neben mir.


Das ist ein Dilemma, vor dem jeder halbwegs erfolgreiche Musiker steht. Warum scheinen Sie darunter mehr zu leiden als andere?


Da kann ich wohl nicht aus meiner Haut.


Ihr Lachen gerade klingt eher verzweifelt ... Haben Sie das Gefühl, Sie können nun besser damit umgehen?


Das weiß ich nicht. Aber ich werde es rauskriegen. Im April und Mai werde ich wieder auf Tour in Asien gehen und habe mir vorgenommen, diesmal nicht mehr aus der Balance zu geraten.


Wie sieht das konkret aus?


Erstmal: Ausreichend schlafen und ausreichend essen. Das ist nämlich das Schwierigste auf einer längeren Tour in einem für mich exotischen Land mit einem relativ geringen Budget. Dann nimmt man nämlich billigere Flüge, die aber so spät oder so früh sind, dass man nur noch drei Stunden am Tag schläft und irgendwann ist man dann eine Leiche.


Das ist alles?


Nein, ich muss auch versuchen, die Bewunderung noch weniger auf mich zu beziehen.


Was lässt Sie glauben, dass Sie das schaffen?


Ich bin pessimistischer geworden, was die Hoffnung auf eine funktionierende Beziehung angeht. Und das ist sehr befreiend. Wenn man denkt, dass es eh nicht klappt, dann wird man auch nicht mehr enttäuscht. Denn bisher war Liebe für mich immer etwas Selbstzerstörerisches. Voller Hingabe und sehr romantisch. Aber die narzisstischen Aspekte müssen weg. Wie sehe ich aus? Wie sieht meine Freundin aus? Wie sehen wir zusammen aus? Wie bin ich im Bett? Der ganze Scheiß. Das versaut einem doch das ganze Beziehungskonzept. Seitdem distanziere ich mich vom anderen Geschlecht und der Vorstellung, echte Liebe zu finden.


Sie glauben nicht mehr an die Liebe?


Ich glaube jetzt, dass Liebe viel mit Nähe zu tun haben muss, mit Güte und Freundschaft und Unterstützung. Ich nenne es das Yoko-Ono-Prinzip. Dass eine Frau erst mal ein inspirierender Partner ist, ein unterstützender Freund und eine starke eigenständige Persönlichkeit. Irgendwann dann auch mal Sex-Partner.


Das wäre die radikale Abkehr vom Kate-Moss-Prinzip, der Sie ja auch mal einen Song geschrieben haben.


Ja, die Abkehr von der Marienverehrung. Aber trotzdem: Richtig trennbar ist das nicht. Irgendwo sind Yoko Ono und Kate Moss doch wieder eine Person. Gegensätzlich werden die beiden ja nur oberflächlich betrachtet. Denn in mir drin, in jedem Menschen, gibt es keine Gegensätze. Und wenn man so etwas in Musik umsetzt, dann ist plötzlich auch verständlich, warum ein Lied über den Tod schön klingen kann. Oder warum etwas, was für mich Glückseligkeit ausdrückt, von anderen für traurig gehalten wird.


Ist diese Einsamkeit, unter der Sie leiden und die immer wieder Thema ihrer Lieder ist, vielleicht unterbewusst selbst gewählt, weil Sie auch der hauptsächliche Quell Ihrer Inspiration ist?


Ich glaube nicht, dass ich mich gegen eine Beziehung wehre, weil ich dann keine Lieder mehr schreiben könnte. Aber es ist durchaus möglich. Die Bedeutung der Lieder geht für mich jedenfalls deutlich über Wohlklang und Broterwerb hinaus. Die haben eine ganz existentielle Bedeutung. Oft habe ich das Gefühl, dass mich die Musik am Leben erhält. Sie erfüllt für mich die Funktion, die für andere vielleicht ein Intimpartner erfüllt.


Kann es sein, dass Sie ein Opfer der Populärkultur und ihren klischierten Vorstellungen von Liebe und Gefühl sind, dass Sie Probleme haben, das, was man in TV-Serien oder Popsongs lernt, mit dem eigenen Leben in Einklang zu bringen?


Kann gut sein. Ist ja nicht besonders schwer, davon Opfer zu sein. Ich gucke nun mal gern Popcorn-Liebesfilme, weil ich in den Filmfiguren dieses Liebesgefühl empfinden kann, bei mir nicht.


Ist das denn die Liebe? Oder nicht eher ein Gefühl, das man für Liebe hält, weil man viele Filme gesehen hat?


Ja …


Warum seufzen Sie?


Wird das eigentlich ein Feature oder ein Interview?


Ein Interview.


Na prima. Ich seh’s schon: Hecker, Doppelpunkt, seufzt.


Gut, dann lassen Sie uns darüber sprechen, wie Sie aus dieser Krise herausgekommen sind.


Durch den Verwesungsprozess.


Verwesungsprozess?


So nenne ich ihn. Es ging um Selbsterkenntnis und Selbstfindung, indem ich den Materialismus und den Narzissmus erst mal zerstört habe. Das führte zu Haltlosigkeit und Auflösung von Struktur im Leben. Dadurch kam ich mir aber näher. Ich habe gewagt, mich anzuziehen, wie ich es gemütlich finde. Ich hab mich nicht mehr rasiert. Wenn man das immer gemacht hat, ist das eine Art Rebellion. Dass das jetzt im Trend liegt, konnte ich ja nicht wissen.


Der Bart ist gar nicht so lang.


Der war auch schon mal länger, aber der Verwesungsmodus ist ja auch schon wieder vorbei. Aber ich musste die Last von mir werfen. Ich wollte unattraktiv sein, ich wollte nicht mehr für die Öffentlichkeit verwertbar sein, als Musiker und als Mann für die Frauenwelt. Und das Interessante war: Dass ich merkte, wenn der äußere Glamour weg ist, dann ist er auf einmal innen da. Ich habe gemerkt, wie viel Energie noch in mir steckt, auch wie viel musikalische Energie.


Dann sind Sie wieder auf die Bühne gegangen?


Nein, ich hab wieder mit Straßenmusik angefangen. Ich bin einfach zuhause vor meine Haustür in Berlin gegangen und habe gesungen. Das war wie Therapie, weil ich die Sehnsucht, mich musikalisch auszudrücken, ausleben konnte. Auf der Bühne oder im Studio konnte ich das nicht mehr. Also habe ich wieder eine Situation aufgesucht, in der mir das früher Spaß gemacht hat. Vielleicht vergleichbar mit einem Profisportler, dem der Fußball keinen Spaß mehr macht, der aber mit seinen Söhnen auf den Bolzplatz zum Kicken geht und entdeckt, wie toll das doch ist.


War das Experiment erfolgreich?


Unglaublich erfolgreich, weil ich wieder gemerkt habe, wie viel Spaß mir Singen macht. Aber es hat mich weder jemand erkannt noch ist jemand stehen geblieben.


Gab es wenigstens Geld zu verdienen?


Ach was, nein, gar nichts. Das wäre mir auch unangenehm gewesen. Das waren öffentliche Meditationen. Die dauerten bis zu sechs Stunden, wenn es nicht so kalt war. Ich hab das gebraucht wie die Luft zum Atmen, ich konnte nicht mehr aufhören, ich habe mich versenkt in dieses Gefühl. Und dieses Versenken war mir vor Publikum nie so möglich gewesen.


Wo ist der Unterschied zu Bühnenauftritten?


Bei der Straßenmusik bin ich zwar in der Öffentlichkeit, aber die Leute gehen vorbei, bleiben auf der anderen Straßenseite stehen oder gucken vielleicht aus dem Fenster. Aber sie lösen keinen Erwartungsdruck aus. Man hat da eher einen virtuellen Zuschauer und dieser virtuelle Zuschauer ist sehr inspirierend. Das ist das Schönste für mich, so ein Publikum, das ich erahne, aber nicht konkret wahrnehme. Ich war mal in einem Studentenwohnheim, in dem es ein Klavier gab. Ich wusste, dass um mich herum in den Zimmern überall Menschen waren, aber ich konnte sie nicht sehen, während ich spielte. Am besten sind auch die Konzerte, bei denen keiner zuhört. Ich hab letztens in der Bar Tausend gespielt, aber niemand hat sich um mich gekümmert, wie ich da auf der Bühne stand. Ich dachte nur: Wie geil ist das denn. Endlich kann ich machen, was ich will.


Will man denn nicht das Publikum auf seine Seite ziehen?


Ach nein. Das Tolle ist doch, wenn man merkt, dass man selbst in der Musik drin ist: Jetzt singe ich und es klingt gut und ich spüre es.


Sie haben aber ständig Angst, ­dieses Gefühl nicht wieder zu finden?


Ja klar, sicher. Vielleicht sollte ich nur noch Konzerte ohne Eintritt geben, denn dann bin ich nicht der Arsch, wenn ich mitten im Lied aufhöre. Wenn ich machen könnte, was ich wollte, wenn ich nicht immer dieses Schuldgefühl auf der Bühne hätte, dann könnte ich ein richtig gutes Konzert geben.


Die Bringschuld.


Ja. Ich muss das Publikum ausblenden. Oder vergraulen. Deshalb wirke ich vielleicht seltsam, weil ich immer hadere mit dem Über-Ich, das streng auf mich blickt. Deshalb werde ich sarkastisch und breche die Erwartungshaltung, aber es geht mir nur darum, Freiheit zu finden.


Aber die Kunstfigur Maximilian Hecker, die sie so einengt, die haben Sie selbst geschaffen.


Es gibt keine Kunstfigur, die von mir kontrolliert wird. Ich fand es nie attraktiv, eine Rolle zu spielen. Ich habe auch nie verstanden, warum ich das machen sollte – bei der Art von Musik, die ich mache. Aber in der Tat erlebe ich in Deutschland eine gewisse Aggression. Die Leute zweifeln an, ob ich das ernst meine. Andere glauben, ich würde sie veräppeln wollen. Und der Rest findet meine Sachen aufgesetzt. Aber ich meine es eben ernst. Alles. Und in Asien nimmt man mir das ab und zweifelt nicht. Ich habe in Deutschland oft das Gefühl, ich müsste mich verteidigen.


Was ist eigentlich aus Nana geworden?


Ich musste im Morgengrauen mein Flugzeug kriegen. Aber ich habe ihre Telefonnummer.


Und?


Ich habe mal versucht, ihr eine SMS zu schreiben. Und sie anzurufen. Aber aus irgendeinem Grund komme ich nicht in das japanische Netz. Oder die Nummer, die sie aufgeschrieben hat, stimmt nicht.




Das Gespräch führte Thomas Winkler

Der Musiker

Kalt lässt Maximilian Hecker niemanden. Den einen ist er einer der großartigsten deutschen Popsänger, den anderen eine nervtötende Heulboje. Immerhin die New York Times kürte das Debütalbum des Berliners zu einer der zehn besten Platten des Jahres 2001.

Eines jedenfalls waren seine Songs von unerfüllter Liebe und ewiger Einsamkeit stets: Sehr ehrlich. Nun treibt der mittlerweile 32-jährige Hecker seinen Ansatz radikal auf die Spitze: Sein sechstes Album I Am Nothing But Emotion, No Human Being, No Son, Never Again Son(Blue Soldier/ RTD) nahm er im Alleingang im eigenen Wohnzimmer auf, am Klavier sitzend oder mit der Gitarre klimpernd, die Songs frei improvisierend, manchmal direkt nach dem Aufwachen, um zum, wie er sagt, reinen Gefühl vorzustoßen. Dieser danach nicht weiter bearbeitete Bewusstseinsstrom mit dem Bandwurmtitel entstand nach einer existentiellen Sinn- und Schaffenskrise, aus der ihm ein prägendes Erlebnis mit einer Prostituierten in Tokio den Weg wies

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

21:20 23.03.2010

Kommentare