Wolfgang Wippermann
22.04.2012 | 10:00 11

Ganz und gar verbrannt

Guernica 1937 zerstörte die deutsche "Legion Condor" die baskische Stadt Guernica. Ein Zivilisationsbruch, den die Bundeswehr lange einen „vollen Erfolg der Luftwaffe“ nannte

Einfach toll“ fand der Stabschef der Legion Condor, Wolfram von Richthofen, den deutschen Luftangriff auf die baskische Stadt Guernica. Dabei wurden am 26. April 1937 innerhalb von drei Stunden über 70 Prozent der Stadt zerstört und mindestens tausend ihrer Bewohner ermordet. Dieses bis dahin im 20. Jahrhundert beispiellose Kriegsverbrechen hatte Herrn von Richthofen offenbar fasziniert. Warum?

Weil der Luftangriff auf Guernica eine Generalprobe für das war, was der deutsche General Erich Ludendorff – während des Ersten Weltkrieges Chef der Obersten Heeresleitung – einmal als „totalen Krieg“ bezeichnet hatte. Gegnerische Städte sollten nicht verschont, sondern durch Luftangriffe zerstört und ganz und gar verbrannt werden. Der italienische Dichter Gabriele D’Annunzio gebrauchte in diesem Zusammenhang das griechische Wort holocaustos, was „ganz und gar verbrannt“ bedeutet. Der Luftangriff auf Guernica war ein solcher Holocaust und markierte vor 75 Jahren einen universalen Zivilisationsbruch.

Selig gesprochen

Der Erste, der dies erkannt hat, war Pablo Picasso. Sein erstmals auf der Pariser Weltausstellung von 1937 gezeigtes Meisterwerk Guernica dokumentiert diesen Bruch und klagt seine Urheber an. Die spanischen Faschisten reagierten auf die Anklage mit einem monumentalen Altarbild von José Maria Sert. Es wurde gleichfalls auf dieser Weltausstellung der Öffentlichkeit präsentiert. Serts Machwerk trug den umständlichen, aber gleichwohl alles sagenden Titel: Die Heilige Theresa, Botschafterin der göttlichen Liebe zu Spanien, bietet unserem Herrn die spanischen Märtyrer von 1936 an. Dabei wurde die Heilige Theresa durch eine Frau dargestellt, die wie ein deutscher Stuka (Sturzkampfbomber) vom Himmel stürzt, um von den Republikanern getötete und deshalb zu „Märtyrern“ erklärte spanische Faschisten direkt in den Himmel zu bringen. Serts Heilige Theresa war die Antwort auf Picassos Guernica. Der faschistische Vernichtungskampf unter General Franco gegen die Basken und die gesamte Spanische Republik wurde damit zum „gerechten Krieg“ – zum „Kreuzzug“ – gegen den „gottlosen Bolschewismus“ verklärt. Dies entsprach dem Versuch, einen modernen Zivilisationsbruch durch den mittelalterlichen Kreuzzugsgedanken zu legitimieren, sodass die Opfer verteufelt, die Täter aber verherrlicht wurden.

An dieser These hielten im Nachkriegseuropa neben den spanischen Faschisten besonders die Päpste in Rom fest. Man schwieg über die Verbrechen der falangistischen Armee Francos und ihrer willigen Helfer aus der deutschen Wehrmacht. Es gab kein Wort des Bedauerns für die Toten von Guernica und des gesamten Bürgerkrieges zwischen 1936 und 1939. Ganz im Gegenteil: Noch vor fünf Jahren wollte es sich Papst Benedikt XVI. nicht nehmen lassen, einige seinerzeit getötete Franco-Faschisten seligzusprechen, während das Kriegsverbrechen von Guernica weiterhin geleugnet wurde.

In der „freien Welt“ war dies anders. Hier konnte Guernica nicht einfach übergangen werden. Schließlich gab es ja Picassos gleichnamiges Bild. Seine anklagende Wirkung wurde gefürchtet. Auch vom einstigen US-Außenminister Colin Powell. Bevor der am 5. Februar 2003 im UN-Sicherheitsrat mit – wie man heute weiß – gefälschten Dokumenten die Wochen später beginnende Intervention gegen den Irak zu rechtfertigen suchte, ließ er eine Kopie des Picasso-Bildes verhüllen, die sich im Saal befand.

Und wie war es bei „uns“ – den Deutschen in Ost und West? In der DDR wurden zwar nicht unbedingt alle Opfer der NS-Diktatur und ihrer europäischen Vasallen, wohl aber die Kämpfer gegen den Faschismus geehrt. So auch die Interbrigadisten, die nach Spanien gingen, um hier den Faschismus zu schlagen. Das war gut und berechtigt. Nicht gut und nicht gerecht war freilich, dass einige dieser wirklich ehrenwerten Antifaschisten damals andere Antifaschisten verfolgt und ermordet haben. So die Mitglieder des als trotzkistisch geltenden POUM (Partido Obrero de Unification Marxista). Dass diese Verbrechen, an die erst in George Orwells Buch Mein Katalonien und dann in Ken Loachs Film Land and Freedom erinnert worden ist, in der DDR verschwiegen wurden, bezeugt eine selektive Wahrnehmung von Geschichte.

In der Bundesrepublik war vieles anders, aber kaum besser. Hier war zwar Picassos Bild, aber nicht das Schicksal der Stadt bekannt. Ich zum Beispiel habe von Guernica im Kunst-, aber nicht im Geschichtsunterricht gehört. Mein Unwissen hatte mit dem allgemeinen Nicht-wissen-Wollen zu tun. Das deutsche Kriegsverbrechen von Guernica ist von Militärhistorikern im Westen konsequent geleugnet worden. Man habe doch nur eine Brücke treffen wollen, wurde stets versichert. Dass man diese übrigens nur zehn Meter breite Brücke gar nicht getroffen hat und auch gar nicht treffen wollte, blieb ungesagt.

Für einige Militärs in der Bundeswehr war die Bombardierung von Guernica kein Verbrechen, sondern „ein voller Erfolg der Luftwaffe“. Dennoch wollte Generalmajor Jürgen Schreiber von dem „Guernica-Geschwätz“ nichts mehr hören. Davon fühlte sich die Bundeswehr bei ihrer Traditionspflege gestört. Schließlich waren einige ihrer Kasernen und Fliegerhorste nach ehemaligen Angehörigen der Legion Condor benannt.

Herzogs Bekenntnis

Übertroffen wurde die Traditionspflege der Bundeswehr noch von der Lufthansa. Eines ihrer Tochterunternehmen hieß Condor Flugdienst GmbH und transportierte sonnenhungrige Deutsche in spanische Städte, von denen einige durch Flugzeuge der Legion Condor bombardiert worden waren. Guernica befand sich nicht darunter, doch nach Guernica fuhr ohnehin keiner.

Auch die 68er taten es nicht. Sie gingen lieber nach Nicaragua oder gleich nach Mallorca. Ansonsten schwärmten sie für den fernen Internationalismus und betrieben nationale ­Nabelschau. Dabei wurde dann auch der Holocaust entdeckt und als Zivilisationsbruch gedeutet. Man verstand darunter den Völkermord an den Juden – nicht den Genozid an den Sinti und Roma, nicht sonstigen faschistischen Rassenmord, nicht den Holocaust von Guernica. An ihn erinnerten wenige. Zu nennen sind Petra Kelly von den Grünen, die SPD-Politikerin Ute Vogt, die Stadt Pforzheim, die eine intensive Partnerschaft mit Guernica aufnahm, und der kleine, aber rührige Deutsch-Baskische Kulturverein Guernica, dem seit 1997 verschiedene Gedenkveranstaltungen zu verdanken sind.

Erreicht wurde nicht viel, aber doch etwas. Der Bundestag lehnte es zwar 1997 ab, sich für die Zerstörung Guernicas zu entschuldigen. Noch im gleichen Jahr korrigierte aber der damalige Bundespräsident Roman Herzog dieses Versäumnis. Er ließ den Bürgern der Stadt ausrichten, dass er sich „zur schuldhaften Verstrickung deutscher Flieger“ ausdrücklich bekenne. Die Bundesregierung bewilligte daraufhin einen Zuschuss von drei Millionen DM für den Bau einer Sporthalle in Guernica. Im Berliner Bezirk Zehlendorf geschah auch etwas. Hier erhielt eine Straßenkreuzung den Namen Guernica-Platz. Der liegt an der vormaligen Wannsee-Allee, die 1939 zu Ehren der siegreich aus Spanien zurückkehrenden Legion Condor in Spanische Allee umbenannt wurde. Für Lokalpolitiker im Bezirk Prenzlauer Berg war der Guernica-Platz zu viel Vergangenheitsbewältigung. Hier wurde die Artur-Becker-Straße in Winrich-von-Kniprode-Straße umbenannt. Warum? Artur Becker war ein kommunistischer Interbrigadist, der in einem Gefängnis der Franquisten erschossen wurde – Winrich von Kniprode hingegen war ein guter Kreuzritter. Jetzt fehlt nur noch die Heilige Theresa.

Wolfgang Wippermann hat in dieser Serie zuletzt über die verweigerte Wiedergutmachung für Sinti und Roma geschrieben

Kommentare (11)

Tedfell 22.04.2012 | 13:37

Danke fuer diesen Beitrag. Die Art und Weise des Umgangs mit diesem Teil der Geschichte Deutschlands spiegelt immer den ideologischen Zustand der alten wie der "neuen" Bundrepublik wider. Verleugnen, wegsehen, bis hin zu offenem Geschichtsrevisionismus. Dieser Zustand fuehrt dann auch dazu, dass ein so genannter Alt-68er, oder wie er sich selbst bezeichnete: einer aus der "Rock-Generation", den Weg zur Bombardierung von Jugoslawien freimachte.

fahrwax 22.04.2012 | 14:13

Danke für diese Darstellung der Kontinuität im Gedankengut der Kreuzritter. Bis heute werden Söldnerhorden zunächst mit passenden Ideologien verdummt um sie dann fanatisiert zum Massenmord einsetzbar zu machen.
Das der faschistische Probelauf deutscher Waffentechnik im spanischen Bürgerkrieg bis heute in militaristischen Kreisen zur „Traditionspflege“ benutzt wird ist kein Zufall, sondern System.
Kleine Missgeschicke wie Guernica oder der Tanklastwagen am Hindukusch sind systembedingt und werden verschwiegen. Nur die selektive Wahrnehmung von Zusammenhängen erlaubt Heldenfeiern in Mörderbanden.

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Ehemaliger Nutzer 22.04.2012 | 21:35

Ich bin auch der Meinung, dass dieser Bericht gut zu dem jetzigen Deutschland paßt. Auch heute ist es ein voller Erfolg, wenn deutsches Kriegsgerät in alle Länder exportiert wird, damit dort durch deutsche Waffen Menschen ermordet werden.
In Afghanistan hat sich die BRD an einem Kriegsverbrechen beteiligt, was aber bewußt gedeckelt wird.
Es hat sich eben nichts geändert. Schlimm ist, dass man heute wieder von Patriotismus spricht, wenn deutsche Söldner ins Ausland eingesetzt werden, für mich ein hanebüchener Vorgang. Man hat einfach nichts gelernt.
Man maßt sich an, andere Staaten als Schurkenstaaten zu bezichtigen und ist kein Deut besser. Schlimmer noch, man schließt mit Despoten (Usbekistan, Aserbeidschan) einen Pakt, um von deren Gebiet Waffen nach Afghanistan zu transpotieren.
Menschenrechte spielen hier plötzlich keine Rolle mehr. Das ist die Wirklichkeit der BRD!

Pickelhaube 23.04.2012 | 12:52

Käse

1. Natürlich weiß jeder einiger Maßen historisch gebildete Deutsche, was Guernica (eigentlich: Gernika) ist, und welche Rolle das deutsche Reich und die Legion Condor dabei gespielt haben. Wenn Herr Wippermann davon lediglich im Kunstunterricht gehört hat (da wurde das Thema natürlich AUCH behandelt), hatte er vielleicht einen desinteressierten Geschichtslehrer.

2. Dass der Name der Lufthansa-Chartertochter "Condor" etwas mit der Legion Condor zu tun hat, halte ich für ein veritables Gerücht.

Vaustein 23.04.2012 | 16:19

Picassos eindrucksvolles Gemälde "Guernica" hat in Madrid ein dafür eigens genutztes Museum mit den Studien Picassos zu dem Werk, einschl. Entwurfsskizzen.

Das Bild selbst ist gewaltig und in der Tat erschütternd. Einige Meter weiter ist der Prado mit seiner einmaligen Sammlung von Bildern von Goya. Darunter Goyas Skizzen "Die Schrecken des Krieges". Ich vermute mal ganz laienhaft, dass sich Picasso bei seinem Gemälde "Guernica" von Goya inspirieren ließ.

Columbus 24.04.2012 | 16:18

Sehr guter Artikel, der die lange falsche Traditionspflege der Bundewehr aufs Korn nimmt. Mölders, Galland und v. Richthofen, die den Einsatz als kommandierte Freiwillige in Spanien gerne als Experimentierfeld für die neuen Luft-Waffen und als Taktikübraum für den kommenden Luftkrieg sahen, galten später als besonders geübte Kriegstechniker und wurden in dieser Rolle nicht nur geehrt, befördert und geradezu vergöttert (Galland und Mölders), sondern waren nach dem Kriege aktiv am Aufbau der Bundesluftwaffe und der NATO-Luftflotte beteilig (Galland), bzw. in die "Traditionspflege" mit ihren "soldatischen Leistungen" einbezogen. Die Bundeswehr hat deren Vermächtnis und Gedächtnis lange nicht kritisch hinterfragt.

Pforzheims Partnerschaft mit Guernica hat sehr viel Sinn. Es sind beides Mal Städte, die fast völlig durch den Bombenkrieg zerstört wurden.

Vielleicht ist noch im Zusammenhang mit Sinti und Roma interessant, dass der Nobelpreisträger Günter Grass einer der ersten deutschen Schriftsteller war und ist, der sich öffentlich und dauerhaft für deren Belange einsetzte und die gleichberechtigte Anerkennung derer Leiden im Dritten Reich forderte.
Er hatte dazu und zum Erhalt derer Kultur eine Roma-Stiftung mit gegründet und wohl auch selbst erhebliche Mittel gespendet.

Beste Grüße und
weiter
Christoph Leusch

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kingprussia 09.05.2012 | 19:42

Was verlangt man denn von der Bundeswehr? Wenn man eine hat, muss diese auch töten dürfen. Das nur mal generell gesagt. Ich würde mich freuen, wenn man auch mal neutral darüber berichtet, wie England um 1900s KZs teste in Südafrika, und wie Churchill den Bombenkrieg über Deutschland began..
(Bomber Harris => Dresden)

Nein, man nimmt dadurch keine NAZIs in Schutz, sondern den Rest der Deutschen ;)

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kingprussia 09.05.2012 | 19:42

Was verlangt man denn von der Bundeswehr? Wenn man eine hat, muss diese auch töten dürfen. Das nur mal generell gesagt. Ich würde mich freuen, wenn man auch mal neutral darüber berichtet, wie England um 1900s KZs teste in Südafrika, und wie Churchill den Bombenkrieg über Deutschland began..
(Bomber Harris => Dresden)

Nein, man nimmt dadurch keine NAZIs in Schutz, sondern den Rest der Deutschen ;)