Geben Sie Orthografiephreiheit!

Evolution Der "Rat für Rechtschreibung" sollte sich auflösen und die Weiterentwicklung der Rechtschreibung Microsoft und Chatrooms überlassen

Auch die "Berliner Republik" ist in erster Linie eine Räte-Republik: für alles und jedes gibt es einen Rat. Seit geraumer Zeit auch einen für Rechtschreibung. Und der hat nun - nachdem die große Rechtschreibreform im Sommer gültig wurde - neuerliche Änderungsvorschläge zur Rechtschreibung vorgelegt. So soll im Bereich der Silbentrennung die Abtrennung von Einzelbuchstaben untersagt werden. Beispiele dafür sind Trennung der Wörter "E-sel" und "Feiera-bend", die laut Rechtschreibreform erlaubt ist. Auf seiner nächsten Sitzung will sich der Rat mit strittigen Punkten der Groß- und Kleinschreibung befassen und diese kritisch prüfen. Dann steht zum Beispiel "im Übrigen" zur Disposition, das wieder "im übrigen" heißen soll. Der Rechtschreib-Rat folgt damit dem Volkswillen und es ist zu hoffen, dass die für die Schulen zuständige Kultusministerkonferenz dem folgen wird. Am besten wäre, die amtliche Regulierung würde ganz aufgegeben und auch in den Schulen einfach nur Wörterbüchern gefolgt, wie dem Duden und neuerdings der Rechtschreibhilfe im Schreibprogramm WORD, die sich schon immer am Sprachgebrauch orientiert haben.

Eine Umfrage des Instituts für Demoskopie in Allensbach zeigt: mehr als 60 Prozent der Erwachsenen in Deutschland lehnen die im Sommer gültig gewordene Rechtschreibreform ab. Und Bayern und Nordrhein Westfalen haben die umstrittene Reform erst mal ausgesetzt. Nur acht Prozent der Befragten wollen die Reform haben. Die Hälfte der Erwachsenen will sie ignorieren.

Das Ausscheren von zwei gewichtigen Bundesländern aus der Reform wurde von manchen Kommentatoren als Bankrott des Föderalismus in Deutschland angesehen, da die Landesregierungen sich noch nicht einmal über ein "Nebenthema" konstruktiv verständigen konnten. Andere betonen die wirtschaftlichen Interessen der Schulbuchverlage, denen es gar nicht genug Reformen - und damit Neuauflagen - geben könnte. Mag ja alles sein - man kann die Situation aber auch gelassener sehen: in Deutschland verliert die Attitüde des Obrigkeitsstaates, der Recht setzt ohne es nachvollziehbar begründen zu müssen, weiter an Bedeutung.


Wenn Schüler keine Noten in Rechtschreibung bekämen, wäre die Sache mit der Orthografie ganz einfach: für Millionen von Menschen sind im Alltag die gültigen Rechtschreibregeln schlicht und einfach diejenigen, die der automatischen Rechtschreibprüfung des Textverarbeitungsprogramms WORD zugrunde liegen. Was WORD nicht moniert, wird akzeptiert. Dies gilt auch für professionelle Handwerker des Schreibens - vermutlich nicht nur für den Autor dieses Artikels.

Wer WORD benutzt, muss sich keine Gedanken machen, in welchen Fällen man "ss" schreibt und in welchen "ß". Auch das Auseinander-Schreiben von Worten ist kein Problem: WORD motzt - oder auch nicht.

Über die Probleme, die der "Rat für deutsche Rechtschreibung" noch wälzt, muss man sich im Alltag des Schreibens offenkundig auch keinen Kopf machen: also Getrennt- und Zusammenschreibung (zum Beispiel "kennen lernen/kennenlernen", "Leid tun/ leidtun") und Silbentrennung (zum Beispiel "A-bend/Abend"). Und erst recht nicht bei der Zeichensetzung (freiwilliges Komma bei Infinitiv sowie bei mit "und" verbundenen Sätzen). Hier darf im Moment Toleranz geübt werden: jeweils beide Versionen sind zulässig. Am besten wäre, wenn dies auf Dauer so bliebe und der Rechtschreibrat nicht die alten Regeln wieder empfehlen würde oder irgendwelche neuen. Junge Leute, die mit der neuen Rechtschreibung aufwachsen, haben mit "unschön" aussehender Orthografie sowieso keine Probleme. Und Ältere könnten weiterhin das - freilich höchst fragwürdige - Kulturgut "alte Rechtschreibung" pflegen. Die alte Rechtschreibung ist übrigens erst 100 Jahre alt. Die einzige wirkliche Konstante der Rechtschreibung ist ihr permanenter Wandel im Detail. Der Rechtschreib-Rat könnte sich verdient machen, indem er explizit Toleranz bei der Rechtschreibung für richtig erklärt und sich dann auflöst.

Für nahezu alle Schreiber ist die Rechtschreibung nur ein Instrument, um das man sich nicht weiter kümmert, solange es funktioniert. Insofern besteht eigentlich nie ein Anlass für eine offizielle Rechtschreibreform. Denn im Alltag entwickelt sich mit der gesprochenen und geschriebenen Sprache auch die Rechtschreibung allmählich weiter. Will man das vornehmer ausdrücken, kann man auch sagen: Sprache und Rechtschreibung entwickeln sich evolutionär. Dabei ist es - so lehrt die Erfahrung - unvermeidbar, dass im Laufe von Jahrezehnten und Jahrhunderten auch innerhalb des selben Kulturkreises die gesprochene und geschriebene Sprache sich kräftig verändert und es Mühe macht, entsprechend alte Texte zu lesen (und in einigen Jahrzehnten werden alte Fernsehdiskussionen den dann jungen Leuten eigentümlich erscheinen - und vielleicht nicht nur wegen der Inhalte, sondern auch wegen der Sprache schwer zu verstehen sein).

Realistisch betrachtet: seitdem Zeitungen nicht mehr gesetzt und von spezialisierten Korrekturlesern auf Orthografie geprüft werden (das machen heute die Redakteure zusammen mit dem Computer), hat die ästhetische Bedeutung der Rechtschreibung im Alltag faktisch nachgelassen. Ob man will oder nicht. Ganz zu Schweigen von der sprachbildenden Kraft der Chatrooms und E-Mails, bei denen es zum Beispiel Schreiber gibt, die aufgrund möglicher Software-Inkompatiblitäten sicherheitshalber Umlaute ganz vermeiden.

Der Wandel der geschriebenen und gesprochenen Sprache ist unvermeidlich, da die Sprache sich an Veränderungen der Welt anpassen muss. Wer das beklagt, sollte sich klarmachen, dass die deutsche Sprache von der Globalisierung vergleichsweise wenig betroffen ist. Zwar nehmen wir ständig Anglizismen (oder das, was wir dafür halten) in unsere Alltagssprache auf (so Chatroom oder E-Mail), aber das ist noch harmlos gegenüber dem Wandel, dem das Englische selbst ausgesetzt ist. Für Engländer ist es zwar bequem und oftmals ausgesprochen nützlich (so zum Beispiel in der Wissenschaft), wenn Englisch als globales Kommunikationsmedium benutzt wird. Aber mit Oxford-Englisch (oder auch mit der amerikanischen Variante des Englischen) hat das globale Englisch immer weniger zu tun. Nicht Englisch, sondern "schlechtes Englisch" ist zur Weltsprache geworden.

Diese Art von "Kulturverfall" - wenn er denn einer sein sollte - hält keine Rechtschreibkommission auf. Im Gegenteil: man hat den Eindruck, dass Rechtschreib-Räte die Neigung haben von oben herab (top down wie man heute gerne sagt) das Tempo der Rechtschreibentwicklung unnötig zu beschleunigen - und damit nicht nur den "Kulturverfall", sondern auch Probleme bei Schülern und vor allem Lehrern. Immerhin haben wir ein geflügeltes Wort einer Rechtschreibreform zu verdanken: im Jahre 1901 wurde auf der "Zweiten Orthographischen Konferenz" in Berlin erstmals ein einheitliches Regelwerk beschlossen. Grundlage wird das bereits sehr einflussreiche Vollständige Orthographische Wörterbuch der deutschen Sprache, das der Lehrer Konrad Duden herausgab und das zudem für das Amtsdeutsch des mächtigen Preußens keine große Umstellung brachte. Aber zu den wenigen Abweichungen vom bereits bestehenden preußischen Regelwerk gehört, dass das h nach t in heimischen Wörtern (Thal und Thür) abgeschafft wird - am Thron wird jedoch nicht gerüttelt, wie Wilhelm II. klarstellt. Nicht zuletzt diese Anekdote zeigt: Eine Sprache gehört sicherlich zu einem bestimmten Kulturkreis. Aber sie ist trotzdem nur ein Instrument und folgt - in die Zukunft gerichtet - keinem höheren Ziel. Zumal die Sprachwissenschaft - zumindest bislang - nicht sagen kann, welche Rechtschreibung uns wirklich leichter fällt. Insofern sind alle Regeln, die Schreib-Räte für Schulen vorgeben, völlig normativ, das heißt willkürlich.

Solange wir uns - unter freundlicher Mit-Hilfe der von WORD gesetzten faktischen Regeln - verständigen können, funktioniert die Rechtschreibung offensichtlich. Die große Rechtschreibreform war überflüssig. Die Schüler wären auch mit den alten Regeln weiter zurechtgekommen. Als Erwachsene schreiben sie sowieso anders - nämlich wie WORD es will. Mit dem Aussetzen der Reform durch die großen Länder Bayern und NRW ist die Situation jetzt auf den ersten Blick grotesk. Immerhin führt sie - vom Rechtschreib-Rat aber bekämpft - zu mehr Liberalität: alte und neue Regeln gelten weiterhin. Warum lassen wir es nicht dabei und machen den toleranten "Schwebezustand" permanent ? Zumal in Österreich, das die Reform scheinbar durchzieht, Lehrer bei einigen Regeln auch im neuen Schuljahr weiterhin Toleranz walten lassen. Die alten Schreibweisen sind für Schüler genauso richtig wie die neuen.


Private müssen sowieso nicht umstellen - und solange die Lager nicht leer sind wird es noch auf Jahrzehnte Bücher des selben Verlags sowohl in alter als auch in neuer Rechtschreibung geben. Zumal die Verlagshäuser im Belletristik-Bereich sich sogar für Neuerscheinungen meist den Wünschen ihrer Autoren anpassen. Günter Grass und Hans-Magnus Enzensberger bleiben bei der alten Rechtschreibung. In etlichen Zeitungshäusern gelten "Hausschreibungen".

Wenn die alten und neuen Regeln parallel gelten, wird auch die Mobilität von Schülern und Eltern zwischen Bundesländern nicht behindert. Lediglich die Lehrer müssen mehr Regeln als in der Vergangenheit beherrschen. Und die Schüler werden ohnehin Flexibilität beweisen müssen: aufgrund der leeren Staatskassen kommen Neuauflagen von Schulbüchern bei vielen Schülern gar nicht an. In zunehmend zerfledderten Schulbüchern wird noch auf Jahre - wenn nicht sogar ein Jahrzehnt oder länger - die nach Ansicht des Rechtschreib-Rates veraltete Orthografie zu lesen sein. Hinzu kommt, dass in Lehrbuch-Sammlungen zeitgenössischer Literatur die alte Rechtschreibung weiterhin gedruckt wird, da die Autoren das so wollen.

Bleibt das wichtige Argument, dass Rechtschreibfehler in Bewerbungen faktisch nach wie vor sich für Bewerber fatal auswirken können. Angesichts der vielfältigen Vorurteile, die Personalchefs haben, ist das wahrscheinlich noch das kleinste Problem. Zumal man sich faktisch nicht sicher sein kann, welche Rechtschreibregeln ein älterer Personalmensch im Kopf hat. Wahrscheinlich sollte man Bewerbern empfehlen sich streng nach WORD zu richten. Denn das Schriftbild, das WORD erzeugt, dürfte auch das sein, das Personalchefs gewohnt sind.

Gelassenheit ist angezeigt: während Schüler durch Abweichungen von der Norm schlechte Noten bekommen können, ist der normensetzende Staat an anderer Stelle gelassen: so sind die Behörden zwar verpflichtet seit dem 1. August 2005 auf die neue Rechtschreibung umzustellen. Tun sie dies aber nicht, hat das keine Auswirkungen: auch Bescheide mit Rechtschreibfehlern sind voll und ganz gültig.

Professor Gert G. Wagner lehrt Volkswirtschaft an der TU Berlin. Er ist Mitglied im Wissenschaftsrat (und war zuvor Mitglied im Zuwanderungsrat und diversen anderen Beratungsgremien).


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00:00 18.11.2005

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