Gebt uns Tünche, und wir sind erbötig

Kapitalismusdebatte Die Begegnung zwischen besonderen Vorkämpfern gegen den Antisemitismus und linken Hütern der reinen Leere

Vorzugsweise unternehmernahe Medien geißelten in Franz Münteferings Vergleich der neuen Finanzinvestoren mit Heuschrecken antisemitische Muster. Besonders heftig entzündete sich der Vorwurf an der Mai-Ausgabe von metall, der Mitgliederzeitschrift der IG Metall. Dort hatte ich die Titelgeschichte Die Plünderer sind da verfasst (s. auch Freitag 06/2005). Die Redaktion hatte Karikaturen beigegeben, in denen US-Investoren als Mücken dargestellt sind, die mit Nadelstreifenanzug, Geldkoffer und US-Hut sich auf Unternehmen niederlassen und mit langen, spitzen Rüsseln aussaugen. US-Firmen in Deutschland. Die Aussauger - stand auf der metall-Titelseite. In zahlreichen Medien wurde die Ausgabe inzwischen als antisemitisch angeprangert.

Den Start hatte Michael Wolffsohn von der Bundeswehrhochschule München gegeben. Er bezeichnet sich als jüdischer Historiker, Reserveoffizier der israelischen Armee und Preisträger des Deutschen Druiden-Ordens. Wenn man Menschen mit Tieren und Investoren mit Heuschrecken gleichsetze, tue man dasselbe wie damals, als man Juden als Ratten bezeichnet und damit gemeint habe, dass sie auszurotten seien. Das werde heute nicht gesagt, schwinge aber "unausgesprochen" mit. Wolffsohn behauptete ebenso, dass in heutigen Aufrufen zum Boykott von Unternehmen das Denkmuster "Kauft nicht bei Juden!" wieder da sei. (Rheinische Post vom 3. 5. 2005) Mit solcher Phantasie kann auch ein Boykottaufruf gegen Nestlé und Nike als antijüdisch gesehen werden.

Auch die jüdische Herkunft von Finanzinvestoren war von Wolffsohn aufgerührt worden: "Mindestens zwei sind jüdisch". Auch das werde heute "natürlich nicht offen erwähnt", doch, so meinte er: "... wer´s weiß, der weiß." Aus den "mindestens zwei" konnte die Financial Times zwanglos folgern, die Investoren seien "zum großen Teil jüdischer Abstammung". Ob "mindestens zwei" oder "zum großen Teil": Beides wäre so banal wie unerheblich, denn es ist nicht bekannt, dass jüdische Investoren sich sozialer oder unsozialer verhalten als etwa protestantische oder atheistische. Prosemiten à la Wolffsohn blasen einen jüdischen Popanz auf, um ihrem Vorwurf des Antisemitismus zusätzliche Nahrung zu geben.

Handelsblatt-Chefredakteur Bernd Ziesemer sieht eine zweihundertjährige Allianz zwischen Antikapitalismus und Antisemitismus. Nachdem er Hitler und die KPD zitiert hat, springt er zu 1968. Die entscheidende Phase lässt er aus: Zwischen 1933 und 1945 galt nämlich eine andere Allianz: zwischen Prokapitalismus und Antisemitismus. Das arische Kapital-Eigentum wurde gefördert, das jüdische wurde mithilfe des NS-Staats enteignet, durch Neckermann, Deutsche Bank, Dresdner Bank, Otto Wolff und so weiter. Handelsblatt friends halten bis heute daran fest, dass die Arisierungen nicht revidiert werden. Und dass die Ausbeutung und das Zu-Tode-Quälen jüdischer Zwangsarbeiter sechs Jahrzehnte später bestenfalls durch ein Almosen abzugelten sind. Diese Vorkämpfer gegen den Antisemitismus behandeln gerade die schrecklichsten Folgen des Antisemitismus bis heute mit verständnisvoller Milde. Heute stehen sie unter den Finanzinvestoren argumentativ mit dem Rücken zur Wand und usurpieren eine moralische Legitimation, die gerade sie jeden Tag verspielen.

Handelsblatt friends haben von den Jahresrenditen der neuen Finanzinvestoren ab 20 Prozent aufwärts geschwärmt, haben detailgetreu beschrieben, wie viel rabiater als sonst im maximal fünfjährigen "Verwertungszyklus" Leute entlassen und Löhne gesenkt werden und wie im schnellen "Exit" noch einmal ein paar hundert Millionen herausgeholt werden. Es ist eine aufschlussreiche Pointe, wenn dieselben Medien die Diskussion über die von ihnen selbst ausgebreiteten Fakten mit dem Vorwurf des Antisemitismus im Keim ersticken.

Wolffsohn Mitläufer meinen, dass sich seit 1968 zur Allianz von Antikapitalismus und Antisemitismus (wieder) der Antiamerikanismus gesellt habe. Zunächst fehlt da in den historischen Rückblicken ebenfalls manches. Zum Beispiel Henry Ford, der das Machwerk Der internationale Jude veröffentlichte (das noch heute zur rechtsextremen Standardliteratur gehört) und Hitlers "Braunes Haus" in München finanzierte. Die IBM führten 1933 die Volkszählung durch, weil sie die beste Methode hatten, Juden zu identifizieren, und bewarben sich erfolgreich um den Auftrag für die Datenverarbeitung in NS-Musterbetrieben und Konzentrationslagern.

Und es ist ein simples Faktum, dass die Finanzinvestoren ihre Methoden in den USA entwickelt haben. Hier fanden sie mit den Deregulierungen seit Ronald Reagan das beste Betätigungsfeld, ebenso für Hedgefonds, fiktives Leasing (cross border leasing) und die großflächige Privatisierung des Staates. Nirgendwo sonst sind mit Unterstützung des Staates aggressivere Methoden der Selbstbereicherung der Elite - changierend ins Kriminelle - entwickelt worden. Der Antiamerikanismus wird dann beschworen, wenn diese Fakten geleugnet oder beschönigt werden. Übrigens: "Antiamerikanismus" ist eine nationalistische Kategorie wie "Volksgemeinschaft" - es wird eine nationale Einheit beschworen, die soziale oder politische Spaltungen übertünchen soll.

Dass diejenigen in Deutschland, die den Finanzinvestoren die Tore geöffnet haben, die Fakten vernebeln (sobald sie öffentlich werden), liegt nahe. Von sich als links bezeichnender Seite entstand aber ebenfalls der Vorwurf des Antisemitismus. Die "AG für gewerkschaftliche Fragen Marburg" und der AK Internationalismus der IG Metall Berlin etwa bringen vor, in metall würde eine "heile deutsche Firmenwelt" dargestellt, in der "angemessene Profite" gemacht werden, während nur die ausländischen Investoren böse seien. Dieser Gegensatz zwischen gutem, schaffendem deutschen Kapital und bösem, raffendem amerikanischen Kapital sei nationalistisch und antisemitisch.

Doch in dem kritisierten Text wird weder eine heile deutsche Firmenwelt beschrieben noch ein Begriff wie "angemessene Profite" verwandt. Ich nenne lediglich die Unterschiede zwischen einem Durchschnittsprofit von 15 und einem von 30 Prozent, und ich beschreibe, wie eine noch asozialere Version des Kapitalismus eine andere ablöst. Die Kapitalisten seien aber überall "gleich gierig", wird dem entgegengehalten. Das mag schon sein. Nur kann diese "marxistische" Banal-Psychologie nicht erklären, warum die gleich Gierigen ihre Gier nicht immer in gleicher Weise befriedigen können. Der Nationalsozialismus befreite deutsches Kapital von vielen Fesseln, die ihm danach wieder angelegt wurden. Heute zeigt sich die deutsche Wirtschaftselite deshalb so unterwürfig gegenüber dem US-System (auch seinen Kriegen), weil dort das Kapital gegenwärtig die größten Freiheiten hat. Die möchte man hier auch haben.

Die Globalisierung sei "keine amerikanische Erfindung", schreibt der AK Antirassismus des verdi-Bundesjugendvorstands, nachdem er den metall-Text als "der NPD-Kritik sehr ähnlich" ortet. Die Wächter der reinen antikapitalistischen Lehre klammern sich verbissen an ihre als sicher vermeinten Leitbegriffe wie "Globalisierung" und "shareholder value-Kapitalismus". Es ist aufschlussreich, dass diese Propagandabegriffe der Kapitalismuserneuerung hier als analytische Termini verwendet werden. So bedeutet etwa shareholder value in der Realität keineswegs, dass "die Aktionäre" die Herrschaft übernommen haben. Vielmehr soll das Millionenvolk der Kleinaktionäre die Akzeptanz liefern, während Großaktionäre und das Topmanagement bei Fusionen Sonderzahlungen in ganz anderen Dimensionen einstreichen und mit gesetzlicher Hilfe Minderheitsaktionäre "hinausquetschen" können.

Bei "Globalisierung" wird von diesen Linken unterstellt, dass der Kapitalismus immer und überall gleich sei. Mit Hilfe des Antisemitismus-Vorwurfs schotten sich diese Hüter der reinen Lehre beziehungsweise Leere vor der Frage ab, wie der Kapitalismus heute genau beschaffen ist.

Ursprünglich sollte auch dieser Beitrag in metall veröffentlicht werden. Bisher jedoch hielt sich die Redaktion nicht an ihre Zusage.


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00:00 10.06.2005

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