Gedichte in Plastikfolien

Berliner Abende Kolumne

Ein Teil des literarischen Lebens von Berlin spielt sich in Altbauwohnungen ab. Es sind Privatwohnungen von Dichtern, die alle eine sympathische Schwäche für hohe Decken und Parkettböden haben und regelmäßig zu Treffen einladen, bei denen Gedichte vorgelesen werden. Alles geht über Mund-zu-Mund-Propaganda, und man ist immer froh, wenn man weiß, wo man sich das nächste Mal trifft.

Vor ein paar Tagen war ein solches Treffen. Draußen war es dunkel, und drinnen war es warm und gemütlich. Wir saßen auf dem Boden und rauchten, und wir tranken Rotwein aus Wassergläsern und lasen uns Gedichte vor. Ein Stück von mir entfernt saß ein Dichter, den ich noch nicht kannte. Als er an die Reihe kam, holte er einen ziemlich dicken Aktenordner hervor, der bis zu diesem Zeitpunkt in seinem Rucksack gesteckt hatte. Ich sah diesen Aktenordner und hatte ein komisches Gefühl. Dieses Gefühl wurde noch komischer, als er den Ordner aufschlug. Er hatte seine Gedichte darin abgeheftet. Nicht nur ein paar, sondern sein gesammeltes Werk, wie er verkündete. Und jedes einzelne Gedicht steckte in einer Plastikfolie. Er blätterte ein wenig herum, bis er fand, wonach er gesucht hatte. Dann öffnete er den Verschluss des Ordners und holte ein Gedicht mitsamt Plastikfolie heraus. Den Ordner ließ er geöffnet vor sich liegen. Er saß im Schneidersitz, hielt das Gedicht jetzt in beiden Händen und begann es vorzutragen.

Ich konnte mich nur schwer aufs Zuhören konzentrieren. Ich musste die ganze Zeit auf diese Plastikfolien starren. Ein Aktenordner, na gut, wenn es nicht anders geht. Aber Plastikfolien? Es gibt eine Menge Möglichkeiten, wie man Gedichte aufbewahren kann, aber Plastikfolien sind nicht gerade ein geeigneter Ort. Ein Gedicht braucht doch Platz zum Atmen.

Das Gedicht hörte sich krank an. Es war ziemlich dunkel, nass und feucht und handelte hauptsächlich von Wolken. Grauen, hässlichen Regenwolken. Besonders viel Licht gab es nicht. Es ging auch um ein Wir, das statt eines lyrischen Ichs verwendet wurde, und es gab ein paar kleinere Wortspielereien. Man erfuhr z.B., dass die Wörter Schlaf und Falsch aus den selben Buchstaben gebildet werden. Aber eigentlich war das alles unwichtig, denn dem Gedicht ging es schlecht, und das war nicht zu übersehen. Es saß in dieser Plastikfolie wie in einer Gefängniszelle, und um es herum gab es nichts als diese Regenwolken.

Nachdem der Dichter fertig war, wollte er das Gedicht herumreichen, und dabei fiel es plötzlich zu Boden. Wie ein Bungeespringer ohne Seil oder ein unglücklicher Stein. Alle konnten sehen, dass es kein Unfall, sondern Absicht war. Auch der Dichter sah es: Sein Gedicht hatte sich in den Freitod gestürzt.

Es war aus der Plastikfolie geglitten und lag nun mitsamt den Wolken zerstreut auf dem Parkett. An der Stelle, wo eine sehr dunkle Regenwolke lag, hatte sich schon eine traurige Lache gebildet. Wir waren alle wie erstarrt. Niemand sagte etwas.

Nach einer langen Stille bewegte sich der Dichter. Er hob die Wolken und ein paar einzelne Wörter auf und schob sie vorsichtig in die Plastikfolie zurück. Er betrachtete die Reste seines Gedichtes wie etwas, das nicht mehr ihm gehörte. Dann stand er auf und nickte uns leicht mit dem Kopf zu. Wir nickten zurück oder hielten unsere Blicke auf den Boden gesenkt, wo noch immer ein angefangener Satz lag. Wir hörten wie er im Flur seinen Mantel von der Garderobe nahm und von außen die Haustür zuzog. Den Aktenordner mit seinen Gedichten hatte er dagelassen. Er lag wie ein stummes Mahnmal aufgeschlagen auf dem Boden.

Wir sahen uns an, sagten aber kein Wort, bis die Gastgeberin schließlich zum CD-Player ging und ein leises Lied einlegte. Ich glaube, wir waren alle froh, dass es dieses Lied gab. Dass es aus den Lautsprechern in den Raum hineinfloss und wir nicht über das reden mussten, was gerade geschehen war.

Ich ging an diesem Abend sehr traurig nach Hause. Ich musste die ganze Zeit daran denken, wie das verzweifelte Gedicht sich in den Tod gestürzt hatte. Ich sah es immer wieder in Zeitlupe vor mir. Es ging mir einfach nicht aus dem Kopf. Ich hätte ihm gerne geholfen, aber was hätte ich denn machen sollen? Natürlich hätte ich es gerne mit ein paar Sonnenstrahlen unter dem Kinn gekitzelt, um ihm ein Lächeln und ein wenig Lebensfreude zu entlocken, aber das war unmöglich. Ich bin nicht sein Autor gewesen.

Und jetzt war es zu spät.

Was würde mit den anderen Gedichten geschehen? Keiner von uns hatte gewagt, sie in die Hand zu nehmen. Ein ganzer Stapel herrenloser, verlassener Gedichte in Plastikfolien. Alles andere als ein schöner Anblick. Als ich ging, lag der Ordner noch immer unberührt auf dem Boden.


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00:00 13.10.2006

Ausgabe 43/2021

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