Gefährliche Latinos

USA Samuel Huntington fürchtet um die amerikanische Identität

Wenn der Harvard-Politologe Samuel Huntington von sich hören lässt, prallen Kulturkreise, Zivilisationen und Weltreligionen aufeinander.1997 erhitzte sein auf den Islam zielender Bestseller Clash of Civilisations die Gemüter - zur Zeit erregt er Aufsehen mit seiner kontroversen Psycho-Studie Who are we? (Untertitel: Die Herausforderungen an Amerikas nationale Identität) und bleibt beim Thema, doch wird diesmal der Kampf der Kulturen auf eher heimischem Terrain geführt, denn die Bedrohung der amerikanischen Identität kommt aus dem benachbarten Lateinamerika. Unaufhörlich heranflutende Latinos, vorwiegend aus Mexiko, bedrohten die traditionelle anglo-protestantische Kernkultur in ihren Grundfesten und wollten sich nicht assimilieren, klagt Huntington und malt Amerikas rasante Hispanisierung an die Wand.

Die jüngste demografische Prognose der US-Census-Behörde kommt ihm wie gerufen: 2050, heißt es da, wird das weiße Amerika seine klare Mehrheit eingebüsst haben. 2050 werden 49,5 Prozent der 430 Millionen starken US-Bevölkerung Minoritäten sein. Statt 33 Millionen würden dann 102,6 Millionen Latino-Hispanics in den USA leben und die amerikanische Identität von innen unterhöhlen, glaubt Huntington. "Anders als die früheren Immigrantengruppen haben sich Mexikaner und andere Lateinamerikaner nicht der Mainstream-Kultur angepasst. Stattdessen bilden sie eigene politische und sprachliche Enklaven."

Juleyka Lantigua, die 27-jährige Herausgeberin des New Yorker Urban Latino Magazins, widerspricht. Sie sieht bei ihrer jungen, englisch sprechenden Leserschaft durchaus den Willen zur Assimilation: "Wir wollen aber nicht alles aufgeben, wie andere Einwanderer vor uns. Wir sind nicht so verzweifelt, weil schon so viele von uns hier sind."

Millionen legale und illegale Einwanderer müssen sich zwar immer noch und immer wieder zum Billigstlohn als Gärtner oder Farmarbeiter verdingen, aber pünktlich zum Wahljahr hat Präsident Bush mit besseren Einwanderungs- und Arbeitsbedingungen gelockt, und längst gibt es in der zweiten und dritten Generation eine dynamisch wachsende Mittelklasse. Sie hat dafür gesorgt, dass Spanisch schon vor Jahren zweite Geschäfts- und Amtssprache wurde, dass spanisch sprechende Medien wie Telemundo und Unovision florieren und den Ruhm der heißen Latino-Kultur samt ihren Pop-Stars noch mehren. Nicht nur Jennifer Lopez und Ricky Martin haben die große US- und Welt-Karriere gemacht. Die Schauspielerin Cameron Díaz aus Cuba ist ein Mainstream-Hit, auch Antonio Banderas.

Der 76-jährige Samuel Huntington beharrt unbeirrt auf seiner These von einer "Immigrantenflut", die Amerika in ein Land mit zwei Sprachen, zwei Kulturen und zwei Völkern spalten würde. Eine mögliche Bereicherung der amerikanischen Kultur durch Latino-Einflüsse kann er nicht erkennen. "Mir scheint es eher eine Herausforderung, denn - wenn es solche gravierenden Unterschiede in Lebensweise und Lebensauffassung gibt - wird das Verhältnis zwischen den Kulturen, das Miteinander-leben, von Misstrauen geprägt. Wir haben gesehen, wie es in den vergangenen Jahrzehnten innerhalb der amerikanischen Gesellschaft zu einem Vertrauensschwund gekommen ist. Eine Erklärung dafür ist mit Sicherheit die zunehmende Fragmentierung unserer Gesellschaft."

Auf Huntingtons kontroverse Thesen ist in den USA und Mexiko von rechts und links schnell und scharf reagiert worden: "Pseudoakademischer, fremdenfeindlicher Blödsinn", schreibt der Miami Herald. Oscar Chacon, Direktor der Latino Organisation Enlaces in Chicago hält Huntingtons gesamten Ansatz für verfehlt: "Das noch nicht vollendete Experiment Amerika ist nicht so sehr durch sein ethnisches oder religiöses Erbe bestimmt worden als vielmehr durch die kreativen Kräfte seines Volkes. Dazu haben die Einwanderer entscheidend beigetragen. Latino Hispanics sind nur die jüngsten Beispiele."


00:00 23.07.2004

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