Gegen die Krise rappen

Polit-Hip-Hop Rapper aus Spanien, Griechenland und Deutschland touren zusammen, um gegen Spardiktate und Nationenklischees zu kämpfen
Lina Verschwele | Ausgabe 09/2014 1

"Entflieht den Kerkern", steht auf dem Banner über der Bühne. Gleich da-runter prangt das A für Anarchie. An den Wänden hängen, mit schwarzem Gaffa-Klebeband befestigt, weitere Banner. Zum Beispiel mit der Parole: "Auf dass unsere Leidenschaft für die Freiheit die Mauern zum Einstürzen bringt." Letzteres ist fast geschafft. Der Boden vibriert. 300 Leute tanzen, hüpfen, feiern die Musik der Rapper Refpolk, Kronstadt, Daisy Chain und Mis Zebra. Buntes Licht schweift durch den Saal des Biergarten Jockel in Kreuzberg. Und die Plakate sollen mit all ihrem Pathos daran gemahnen, dass es hier nicht nur ums Vergnügen geht, sondern ums Abfeiern mit kritischer Grundhaltung.

Es ist Samstagabend und Tag zwei der Tour "The Future is still unwritten". Mit einer Reihe von Konzerten wollen Rapper aus Deutschland, Spanien und Griechenland zum Widerstand gegen Sparzwänge und Austeritätspolitik aufrufen. Einen Monat lang spielen sie in Metropolen wie Berlin, Barcelona und Athen, aber auch in kleineren Städten wie Göttingen oder dem spanischen Logroño. Den Erlös wollen sie sozialen Projekten spenden. Ihren Song „The Future is still unwritten“ verstehen sie als Kampfansage an das Politikergerede von der vermeintlichen Alternativlosigkeit und den Zwängen der Kapitalmärkte.

Emotionen statt Zahlen

In ihren Liedern erzählen sie – jeder in seiner Muttersprache – ihre persönlichen Geschichten der Euro-Krise. Es sind Schilderung von einem Leben ohne Perspektiven für junge Menschen in Spanien und Griechenland, aber auch von Hoffnung und gegenseitigem Beistand. Emotionen treten an die Stelle von Haushaltsdefizit und Umschuldungsstrategien.

Das Leben in den Zeiten der Wirtschaftskrise ist auch das Thema der Podiumsdiskussion, die mit den Rappern vor dem Konzert stattfindet: Nur zwei Gleichaltrige in ihrem Freundeskreis hätten nach ihrem Abschluss überhaupt Arbeit gefunden, berichtet Daisy Chain, eine junge Hip-Hopperin aus Griechenland. Die 27-Jährige, die eigentlich Venia heißt, hat einen Bachelorabschluss als Tontechnikerin und beendet in diesen Tagen ihr Masterstudium.

Als sie zwischen Bachelor und Master in Vollzeitjobs arbeitete, verdiente sie keine 500 Euro im Monat, leben lässt sich davon in Athen kaum. Bald werde sie wieder vor der Frage stehen, ob sie von ihrer Arbeit überhaupt leben könne, wenn sie eine finde. Über ihre Zukunft sagt sie, für eine Rapperin überraschend bürgerlich: „Ich würde gern eine Familie gründen. Aber im Moment kann ich von meinem Geld nicht mal einen Hund füttern. Wie soll ich dann ein Kind ernähren?“

Ihrer Kollegin Eleni alias Mis Zebra, ebenfalls aus Griechenland, geht es ähnlich. Sie hat sogar zwei Abschlüsse – und kein Job in Sicht. Krankenversicherung oder Unterstützung vom Staat? Fehlanzeige. Anders als in Deutschland gibt es in Griechenland nur ein Jahr lang Sozialhilfe, danach nichts mehr. Trotzdem wollen beide die Hoffnung nicht aufgeben: Pessimismus könnten sie sich gar nicht leisten, sagt Venia. Später beim Konzert reckt die zierliche Frau die Faust in die Luft und ruft: „We keep fighting!“ Bange machen gilt nicht.

Bei der Ursachenforschung ist man sich auf dem Rapper-Podium an diesem Abend schnell einig: „Kapitalismus ist immer Krise“, sagt der Spanier Kronstadt, Venia stimmt zu. Was die Alternativen angeht, haben sie verschiedene Vorstellungen. Während Kronstadt schon seit Jahren für die anarchistische Szene und eine Welt ohne Staatsgewalt wirbt, lehnt Venia Regierungen nicht grundsätzlich ab. Sie habe keine klare Antwort auf die Frage nach einer Alternative. „Ich wünsche mir einfach mehr Solidarität, weniger Unterdrückung.“ So allgemein, so konsensfähig.

Fragen als Antwort

Ähnliche Antworten bekommt man aus dem Publikum. Ein Besucher sagt, er habe die Lösung für die Krise auch nicht parat: „Die Diskussion muss von unten kommen. Niemand kann die Antwort von oben über den Leuten abwerfen. Das wäre dann ja wieder Diktatur.“ Es klingt sehr demokratisch und ein bisschen nach Politikseminar, vor allem drückt es sich aber um jede klare Positionierung herum.

Egal, ob auf der Bühne oder davor, die Anwesenden wollen vor allem eins: den Dialog anstoßen und das Stellen von Fragen bereits als Antwort verstehen. Konkreter ist nur ein anderes Ziel der Rapper: Mit ihrer Tour kämpfen sie auch gegen die Abschottung zwischen Nationen, deren Radikale die jeweils anderen wahlweise als Nazis oder Schmarotzer beschimpfen. Sie wollen Vorurteile abbauen und zeigen, was in den Medien oft untergeht: die Menschen hinter der Krise. „Die Deutschen sind ja nicht schuld an der Krise“, sagt Venia. „Dass Griechenland zahlen soll, haben internationale Eliten beschlossen. Deutschland hätte uns davor beschützen können. Aber das haben sie nicht getan, weil sie unser Leiden nicht sehen wollen.“ Dafür stünden sie nun die nächsten Wochen auf der Bühne – um Leuten, die sonst gar nicht mehr hinschauen, einen anderen Blick zu vermitteln.

Auch Carsten Schulze, Mitveranstalter des Konzerts, zielt eigentlich auf ein breites Publikum. Der Biergarten Jockel passt dafür gut. Sein Ambiente ähnelt eher dem einer Cocktail-Bar als dem des klassischen Anarcho-Lokals: beige Wände, große Spiegel, weiße Lampions, Terracotta-Imitate an den Wänden. Tatsächlich gibt es statt des obligatorischen Biers auch Cocktails, 3,50 Euro ein Mojito. Von dem „anderen Publikum“ ist dennoch kaum einer gekommen. Im Raum stehen trotz Toskana-Optik, trotz Cocktails zu 90 Prozent Hoodie-Träger, Schwarz und Rot dominiert. Die Texte des deutschen Rappers Refpolk können viele mitsingen.

Es wirkt, als seien hier bereits alle einer Meinung. Zur Podiumsdiskussion zu Beginn kamen höchstens 50 Leute, Fragen aus dem Publikum gab es keine, man wartete auf die Musik. Ein Rap-Konzert ist eben doch kein Politik-Seminar – und so bleibt an diesem Abend nur, gegen die Krise anzutanzen.

Noch bis zum 1. März sind die Künstler mit ihrer Tour "The Future is still unwritten" in Deutschland zu sehen.

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