Gegenwart mit Schatten

Aufarbeitungsausnahmen Die rumänische Zivilgesellschaft ist antikommunistisch. Und kommt doch mit der Aufarbeitung der Zeit bis 1989 anders als im Kino nicht voran

Sechzehn Jahre nach der blutigen Revolution und wenige Monate vor dem Beitritt Rumäniens zur Europäischen Union sah es so aus, als ob das Land ernsthaft mit der Aufarbeitung der Vergangenheit beginnen wolle. Im Sommer 2006 drängt der populäre Staatspräsident Traian Basescu die Geheimdienste, zu denen ihm beunruhigend gute Beziehungen nachgesagt werden, die Securitate-Dossiers an die CNSAS weiterzuleiten. Das Gremium CNSAS, eine Art rumänische Gauck-Behörde, war bereits Jahre vorher ins Leben gerufen worden. Da ihm aber der freie Zugang zu den Akten der Staatssicherheit stets verwehrt worden war, konnte es an seiner Aufgabe, die Verstrickung von Politikern und anderen führenden Persönlichkeiten mit dem Ceausescu-Regime zu überprüfen, nur scheitern.

Nun erhält das Gremium wirklich die verlangten Dossiers, auch wenn es durchaus vorkommen kann, dass Aktendeckel bei der CNSAS eintreffen, die leer sind. Wochenlang kennen die Medien kaum ein anderes Thema, als die Enttarnung von Ministern und Staatssekretären, aber auch von Journalisten oder Vertretern der orthodoxen Kirche. Zwar werden Listen mit den Namen ehemaliger Securitate-Offiziere veröffentlicht - wenngleich die Namen derer, die noch im Dienst sind, zum "Schutz der nationalen Sicherheit" geheim bleiben. Doch diese Listen interessieren die Medien wenig. Ganz andere Fälle wirbeln Staub auf. Ausgerechnet die Kulturministerin Mona Musca, die sich für die Verabschiedung eines strengen Durchleuchtungsgesetzes stark gemacht hat, muss zugeben, als Studentin mit der Securitate kollaboriert zu haben. Ihre politische Karriere ist - vorerst - beendet.

Schlimmer noch ereilte es den Journalisten Carol Sebastian. Jahrelang hatte er in intelligenten Zeitungs- und Fernsehbeiträgen auf die Aufarbeitung der Vergangenheit gedrängt. Nun stellt sich heraus, dass auch er ein Informant des Ceausescu-Geheimdienstes war. Pure Heuchelei? Schizophrenes Verhalten? In Wahrheit war der Student Sebastian von der Securitate zur Mitarbeit erpresst worden. Wie in Mungius Film (Freitag 47/07) hatte seine Freundin eine Abtreibung vornehmen lassen. Mit dem Wissen um diese Straftat setzte der Geheimdienst Carol Sebastian unter Druck. Wenn seine Freundin nicht im Gefängnis landen sollte, müsse er kollaborieren - und der Student unterschrieb.

Solche Subtilitäten gehen im Medienrummel unter. Carol Sebastian verschwindet, im wahrsten Sinne des Wortes, von der Bildfläche, auf der sich stattdessen Figuren wie der Gründer der rechtsextremen Partei Großrumänien, Vadim Tudor, tummeln, der einst Ceausescu in Oden besang. Seine begeisterte Zusammenarbeit mit dem Geheimdienst steht außer Zweifel - nur nachweisen lässt sie sich nicht.

Kaum ein Tag vergeht ohne Ankündigung einer neuen Dekonspiration in den politischen Talk-Shows privater Fernsehkanäle. Sehr oft handelt es sich bei den Enttarnten - oder angeblich Enttarnten - um erklärte Antikommunisten oder Ex-Dissidenten. Dass die "Vergangenheitsbewältigung" zur Farce gerät, ist Ergebnis einer traditionsreichen Strategie der Manipulation, sei es durch die Geheimdienste, sei es durch die Inhaber der Fernsehsender, die auf die Schwäche der Zivilgesellschaft vertrauen können. Und auf die Tatsache, dass sich der überwiegende Teil der Bevölkerung durch das Fernsehen informiert und - laut Umfragen - großes Vertrauen in die veröffentlichte Meinung besitzt.

Dem Medienmogul und Vorsitzenden der Konservativen Partei, Dan Voiculescu, schadet es jedenfalls nicht, als bekannt wird, dass auch er sich geheimpolizeilich betätigt hat. Obwohl er vom Staatspräsidenten öffentlich nur noch bei seinem Decknamen "Felix" genannt wird, spielt sich der ehemalige Direktor der Bukarester Filiale des Securitate-Unternehmens CRESCENT als Saubermann und Verfassungshüter auf und ist maßgeblich daran beteiligt, als Basescu im April 2007 vom Parlament zeitweilig suspendiert wird.

Warum Basescu Voiculescus Erzfeind ist, liegt auf der Hand: Erstens zieht der Staatspräsident gegen die Verflechtungen von Politik und Geschäft zu Felde, denen der Oligarch Voiculescu den großen Einfluss seiner kleinen Partei verdankt. Zweitens hat Basescu im Dezember 2006, gestützt auf den Bericht einer extra eingesetzten Historikerkommission, im Parlament den Kommunismus öffentlich verurteilt, ein für Rumänien bislang unerhörter Vorgang - empfindlich gestört durch das Trillerpfeifenkonzert von Parlamentariern und Anhängern der Partei Großrumänien. Im Vorfeld wiederum versucht der Journalist Ion Cristoiu auf einem Fernsehkanal Voiculescus den Verdacht zu streuen, in dieser Historikerkommission säßen ehemalige Kollaborateure der Securitate.

Das Geflecht aus produzierter Hysterie und Manipulation hat den Zweck, Verwirrung zu stiften, die sich als Aufklärung tarnt. Sogar die Vertreter der antikommunistischen Zivilgesellschaft - und eine andere existiert in Rumänien nicht - beginnen, sich gegenseitig zu verdächtigen. Umso wehrloser ist das große (Fernseh)Publikum, dem es an Erfahrungen mit der Öffentlichkeit mangelt. Die fehlenden Informationen in der Ceausescu-Zeit waren jahrzehntelang durch das Gerücht ersetzt worden, was wiederum der verbreiteten bäuerlichen Mentalität entgegenkam. Im Herbst 2006 ebbte schließlich die Welle der wahren und vermeintlichen Enttarnungen ab, das Fernsehen - und mit ihm das ermüdete Publikum - wandte sich anderen Themen zu.

So wie die Gesellschaft im Ganzen, haben auch Literaten und Filmregisseure bislang nur vereinzelt den Blick zurück gewagt. Dabei liegen die Stoffe auf der Straße. Etwa der Fall des Ingenieurs Gheorge Ursu, der im November 1985, knappe zwei Monate nach seinem Haftantritt, auf Befehl höherer Stellen von einem Mitgefangenen erschlagen wurde. Das Verfahren gegen Ursu war wegen illegalen Valutabesitzes von lediglich 17 Dollar angestrengt worden. In Wahrheit hatte sich Ursu geweigert, mit der Securitate zusammen zu arbeiten. Sein schlimmeres "Vergehen" hatte allerdings darin bestanden, 40 Jahre und 61 Hefte lang, ein Tagebuch über das Leben im Kommunismus geführt zu haben. Nach 1990 strengte Ursus Familie ein Verfahren gegen die Verantwortlichen des Mordes an, das sich über viele Instanzen und 13 Jahre schleppte, bis es zu einer rechtsgültigen Verurteilung der Securitate-Offiziere Stanica Tudor und Mihai Creanga kam. Bezeichnend, dass der angeblich seit 2004 an Krebs im Endstadium leidende Milizchef Tudor bereits seit drei Jahren auf freiem Fuß ist. Noch bezeichnender für die systematische Unterdrückung der Erinnerung an die Vergangenheit, dass die Tagebücher des ermordeten Ursu nach 1990 verschwunden sind.

Schriftsteller und Schriftstellerinnen, wie etwa die Autorin des in den achtziger Jahren erschienenen Klassikers der rumänischen Literatur Dimineata pierduta (Verlorener Morgen), Gabriela Adamesteanu, verlegten sich nach 1989 vor allem darauf, mit publizistischen Mitteln in die Transformationszeit einzugreifen. Nicht zuletzt mit dem Ziel, eine moderne Öffentlichkeit zu schaffen.

Adamesteanu war bis 2004 Chefredakteurin der Wochenzeitung 22 (benannt nach dem 22. Dezember 1989, dem Tag der Flucht Ceausescus). 2003 veröffentlichte sie den Roman Intalnirea (Die Begegnung), die Geschichte um einen im Exil lebenden Rumänen, der seiner Heimat einen Besuch abstattet und dabei selbstredend von der Securitate überwacht wird. Kein Zufall, wenn die Autorin als Grundlage für dieses Buch eine Erzählung verwendete, die sie bereits in den achtziger Jahren geschrieben hatte. Ihre Romancollage setzte sich, neben der Erzählhandlung, aus Träumen und lyrischen Passagen einerseits und Geheimdienstdokumenten andererseits zusammen. Erst in der überarbeiteten Neuausgabe von 2007 wagte es Adamesteanu, die in der Zwischenzeit Gesprächsprotokolle von Securitate-Offizieren kennengelernt hatte, ihrem Geheimdienstpersonal Dialoge in den Mund zu legen.

Mircea Cartarescu, der vor einigen Jahren meinte, die soziale Dimension sei oberflächlich, der wahre Mensch sei der innere Mensch, erzählt in seinem letzten Werk Orbitor (Rechter Flügel) auch über die Zeit unter Ceausescu und die Revolution, was dem Sprachmagier prompt den Vorwurf eines banalen Realismus eintrug. Der junge Autor Dan Lungu wiederum hat in seinem jüngsten Roman Sunt o baba communista (Ich bin ein altes Kommunistenweib) der Geschichte und Mentalität einer verlorenen Generation sein literarisches Denkmal gesetzt. Trotzdem besitzt eine sich mit der Vergangenheit vor 1989 auseinandersetzende Literatur noch Ausnahmecharakter.

Dasselbe gilt für den Film. Was die rumänische Presse an Mungius Abtreibungsdrama in erster Linie interessierte, war sein Erfolg im Ausland. Typisch für ein Land, das sich seiner kulturellen Leistungen im Spiegel des Westens versichert - von der Oscar-Anwärterschaft bis zum, noch ausstehenden, Literaturnobelpreis. Nicht so sehr Mungius Film steht für eine Tendenz - wenn von einer solchen überhaupt gesprochen werden kann - im derzeit spannenden rumänischen Kino. Das tun eher drei Filme, die gleichzeitig, im Herbst 2006, auf die Leinwand kamen, und auf ganz unterschiedliche Weise die Geschichte der Revolution erzählen, mal verspielt-poetisch wie in Cum mi-am petrecut sfarsitul lumii (Wie ich das Ende der Welt verbrachte) von Catalin Mitulescu. Mal satirisch wie in A fost sau nu a fost (12:08 östlich von Bukarest) von Corneliu Porumboiu. Oder eher einer, auch psychologisch, spannenden Handlung verpflichtet wie in Hirtia va fi albastra (Das Papier wird blau sein) von Radu Muntean. Alle drei Werke befassen sich mit dem Sündenfall der heutigen rumänischen Gesellschaft: einer Revolution, die blutig verlief und sich doch nur auf der Oberfläche abspielte. Vielleicht fokussiert sich die Aufmerksamkeit dieser Filme auch deshalb auf den inszenierten Umsturz, damit endlich der Schleier über ihm zerrissen werden kann, der den unverstellten Blick auf die Vergangenheit verhindert.

Der Schriftsteller und Publizist Jan Koneffke lebt abwechselnd in Wien und Bukarest. Er veröffentlichte zuletzt die Erzählung Abschiedsnovelle (2006) bei Dumont.

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