Geld essen Seele auf

Money, Money, Money Die Krise hat unser Verhältnis zum Geld grundlegend verändert. Heute ist die Sehnsucht der Deutschen nach Sicherheit so groß wie nie
Geld essen Seele auf
Illustration: Der Freitag, Material: Valebisba + Henry Bonn/Fotolia

Schemenhaft zeichnet sich vor dem Nachthimmel der Umriss eines Mannes ab, der ein Loch in den Boden gräbt. Neben ihm eine Kiste. Der Mann schaut sich um, als das Loch endlich tief genug ist, hievt er die Kiste hinein und schüttet Erde drauf. Er schaut sich nochmal um. Dann schiebt er ein großes Fass über die Stelle.

„Ich habe wirklich daran gedacht, mein Geld im Garten zu vergraben. Wie meine Schwiegereltern, 1945, als sie vor den Tschechen flohen“, erzählt Werner Assmann*. „Das war mir dann aber doch zu unsicher.“ Sein Geld hat er trotzdem vom Konto geholt. Einen mittleren fünfstelligen Betrag. Werner Assmann traut den Banken nicht mehr.

Wo das Geld jetzt ist, behält der 70-jährige Assmann für sich. Unter dem Kopfkissen liegt es nicht. Viel besser sei seine Lösung aber auch nicht, gibt er zu. Auf die Zinsen verzichtet er gern: „In guten Jahren fahren die Banken Milliardengewinne ein und behalten sie, aber für ihre Verluste müssen wir alle gerade stehen. Das ist ungerecht.“

Wie Assmann geht es vielen Deutschen. Die Finanz- und Eurokrise hat das Verhältnis der Menschen zum Geld hierzulande sehr verändert. Auf den Finanzmärkten handeln Banker, Fondsmanager und Spekulanten mit Geld. Mit Geld zahlen wir unsere Miete, Brot und Theaterkarten. Über das Geld überträgt sich die Unsicherheit der Finanzmärkte auf das Leben jedes Einzelnen. Seit langem grübeln Fachleute, welche Regeln die Unsicherheit zähmen könnten. Soziologen gehen noch weiter und fragen, ob sich hinter dem Misstrauen gegenüber dem Geld ein Misstrauen gegenüber der staatlichen Ordnung verbirgt.

Eines aber lässt sich schon heute mit Sicherheit feststellen: Die Sehnsucht der Deutschen nach Sicherheit ist so groß wie nie zuvor. Die Euro-Schuldenkrise ist zum mit Abstand größten Angstmacher der Gegenwart geworden. Während die Furcht vor Krankheit, Kriminalität oder Arbeitslosigkeit auf ein Rekordtief sackte, wächst die Angst vor den Krisenfolgen. Fast drei Viertel der Deutschen gehen mittlerweile davon aus, dass sie die Rechnung zahlen müssen, fand die Gesellschaft für Konsumforschung heraus. Das ist der zweithöchste Wert, der jemals gemessen wurde. Wie aber gehen die Menschen mit dieser immer größer werdenden Angst eigentlich um?

Radikale Risikostreuung

„Die Leute sind verunsichert und wollen gleichzeitig beim Grillen ihre Ruhe haben“, sagt Helge Peukert. Er ist Professor für Finanzwissenschaft und -soziologie an der Universität Erfurt und bezeichnet dieses widersprüchliche Verhalten als Normalitätsfassade. Doch in Wahrheit fragen sich die meisten, ob sie lieber ein Haus oder doch Gold kaufen, sich mit einer ausgeklügelten Investitionsstrategie beschäftigen sollen oder weiter den Kopf in den Sand stecken.

„Letztlich sind aber alle privaten Reaktionsformen mit dem gleichen Risiko behaftet“, sagt Peukert. Er persönlich versucht auf seine Art, der fortgesetzten Unsicherheit ein Stück Sicherheit entgegenzusetzen. „Ich habe lange überlegt, dann habe ich mich für radikale Risikostreuung entschieden.“ Für ein Weltportfolio, zusammengesetzt aus fünf Exchange-traded Funds. Diese Fonds werden an der Börse gehandelt und bilden Indizes nach, zum Beispiel für Rohstoffe, europäische Aktien oder Firmenanteile in aufstrebenden Wirtschaftsregionen. „Etwas Besseres ist mir nicht eingefallen.“

Radikale Risikostreuung. Ist dieser Gegensatz in sich wirklich die beste Antwort? Oder vielmehr die einzige, die bleibt?

Das Geld horten?

Werner Assmann hat zwei Systemzusammenbrüche erlebt. Einen nach dem Zweiten Weltkrieg, den anderen 1989. Mit seiner Frau lebt er in einem Haus in Thüringen. Neben dem Garagentor steht eine Bougainvillea, in der Garage ein BMW. Früher, als Assmanns Bart noch nicht weiß war, arbeitete er als leitender Mitarbeiter in einer großen Textilfirma. Über vier Jahrzehnte hat er sich einen beschaulichen Wohlstand erarbeitet.

Mit dem Geldhorten ist Assmann nicht allein. Nach aktuellen Schätzungen waren in Deutschland Ende des Jahres 2009 Banknoten im Wert von knapp 130 Milliarden Euro im Umlauf. Davon zogen die Bundesbürger 110 Milliarden Euro aus dem Verkehr. Was sie damit machen, kann man nur spekulieren. Legen sie es unters Kopfkissen, in einen Banksafe oder vergraben sie es wie Assmann im Garten?

Unmittelbar nach der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers im September 2008 registrierte die Deutsche Notenbank eine steigende Nachfrage nach 500-Euro-Banknoten, die sich besonders gut zum Horten eignen. „Im Oktober stiegen die Nettoauszahlungen dieser Stückelung immens an“, schrieben die Ökonomen in ihrem Monatsbericht aus dem Juni 2009. Das summierte sich auf 11,4 Milliarden Euro. Zum Vergleich: Im gesamten Jahr 2008 betrugen sie ohne den Monat Oktober gerade mal 10,3 Milliarden Euro.

Angst vorm Crash – oder vor Einbrechern

„Die Deutschen projizieren auf Geld das Gefühl von Sicherheit“, sagt Finanzpsychologin Monika Müller. „Aber wenn wir das permanent tun, löst das in uns noch mehr Unsicherheit aus.“ Wenn einer wie Werner Assmann sich mit dem Bargeld vermeintlich auch die Sicherheit nach Hause holt, wird andererseits seine Angst vor Einbrechern vermutlich steigen.

Für Assmann sind nicht nur Diebe Verbrecher. „Die Verantwortlichen für die Finanzkrise sind das genauso, allen voran die Banken.“ Er glaubt inzwischen nicht mehr, dass seine Rente sicher ist. Auch diese Furcht teilt er mit vielen. Fast jeder Zweite sieht in der Krise eine Gefahr für seine Versorgung im Alter, belegt eine Umfrage des Allensbacher Instituts für Demoskopie. Seit 2008 – dem Höhepunkt der Finanzkrise – spüren die Bundesbürger diese Verunsicherung.

Assmann tröstet sich damit, dass er sich und seiner Frau notfalls aus einem Pfund Knochen eine gute Suppe kochen kann. Das hat er gelernt, weil er auf einem Bauernhof aufwuchs. Das Land gehört ihm immer noch. Er hat es verpachtet. Assmann schaut jetzt sehr ernst, als stelle er sich vor, wie es wäre, wieder Rüben zu hacken. Oder in der Morgenkälte Schweine und Rinder zu füttern. Er würde das wieder tun. Wenn es hart auf hart käme.

Immer neue Krisen

Auch Ramona Schmidt* macht sich Gedanken, wie sie sich im Fall der Fälle durchschlagen könnte: „Da, wo Arbeit ist, werde ich arbeiten. Ich kann alles machen. Schuhkartons sortieren, Häuser bauen, Kinder erziehen oder alte Menschen pflegen. Aber das ist so was von hypothetisch.“ Schmidt kümmert sich lieber um konkrete Dinge. Vor zwei Jahren kündigte sie ihre Lebensversicherung. Das Geld steckte sie in ihr Geschäft. „Als Sicherheit macht so eine Anlage im Moment keinen Sinn“, sagt sie und schlägt mit der flachen Hand auf den Tisch. Der Garantiezins sei viel zu gering. Die Tatsache, dass dieser Zins über dem Marktzins liegt, wiegt für sie die Unsicherheit der Anlage nicht auf.

Auf der emotionalen Achterbahn jedenfalls ging es in den letzten Krisenjahren stetig weiter nach unten (Illustration: Apfel Zet für Der Freitag, Fotos: Privat)

Seit 18 Jahren handelt Schmidt mit Holz. In ihrem Laden mitten im Großstadtgetümmel riecht es nach Holz und Zitrusöl. Die 50-Jährige hat mit eigenen Händen ein Haus gebaut und mehrere Wohnungen renoviert. Sie schwärmt von Holzdielen und Parkettböden wie ein Metzger von einer Schinkenkeule.

Jeden Morgen nach dem Aufstehen schaltet Schmidt ihren Laptop ein, um sich die Silber- und Goldpreise anzusehen. Denn für jenen Teil ihres Firmengewinns, den sie nicht unmittelbar zum Leben braucht, kauft sie Gold. Auf dem Bildschirm vor ihr flimmert ein Chart. Die Kurve schießt steil nach oben. „Ich bin unangenehm berührt, wenn ich das Steigen des Goldpreises sehe. Es ist ein Indiz, dass die Situation eskaliert.“ Die Brille mit dem schwarzen Rand hat sie von der Nase genommen, einen Bügel hält sie nachdenklich zwischen den Zähnen, aber in ihren Augen flimmert die Spielsucht.

Ein Blick in die Vergangenheit gibt ihr Recht. Der Wirtschaftshistoriker Charles Poor Kindleberger hat Krisen gezählt: Zwischen 1618 und 1998 fanden weltweit 46 schwere Finanzkrisen statt. In den letzten 14 Jahren dagegen haben allein Krisen in Russland, Asien, Brasilien und Argentinien sowie die Große Finanzkrise für Unruhe gesorgt. Schwere Finanzbeben treten nicht nur häufiger auf, sie werden auch heftiger.

Gold taugt nicht wirklich

Schmidt ist überzeugt, durch Goldkäufe den Wertverlust, mit dem sie rechnet, gering zu halten. „Ein maßgeschneiderter Anzug kostete 1920 eine Unze Gold und heute auch“, redet sie sich Mut zu. Auf jeden Fall ist Gold ein Schutz, sagen Experten wie Dora Borbély von der Deka-Bank. Aber nur auf sehr lange Sicht und für denjenigen, der vor der Krise kauft statt mittendrin. Jetzt ist es einfach zu teuer. 2007, im Jahr vor Ausbruch der Finanzkrise, kostete die Feinunze durchschnittlich 697 Dollar. Aktuell sind es schon über 1.700 Dollar. Und niemand kann vorhersagen, ob der Preis nach der Krise weiter steigen oder fallen wird.

Schmidts Firma ist durch das Geld aus der Lebensversicherung schuldenfrei. Eigentlich nicht besonders sinnvoll, finden Ökonomen. Denn wenn die Inflation weiter steigt, schrumpft automatisch der Wert der Schulden. Aber Schmidt braucht jetzt Sicherheit. „Wer weiß, ob ich bei schlechter laufenden Geschäften überhaupt Kredite abzahlen kann?“ Auf die Entscheidungen von Bankern und Politikern hat sie keinen Einfluss. Aber sie kann ihre Versicherung verkaufen, um sich aus der Schuldenabhängigkeit zu bringen.

Eigentlich möchte sie ihren Gewinn lieber in die Firma investieren statt in Gold. „Ich würde gern eine Maschine kaufen, mit der ich die Oberfläche von Dielen mit meinen eigenen Farbtönen beschichten kann.“ Schmidt geht es wie beinahe allen Unternehmern. Sie erwarten, dass die Finanzwirtschaft ihnen als Schmiermittel für ihre Geschäfte dient. Tut sie aber nicht. Denn auf der Suche nach neuen Einkommensquellen verdienen immer mehr Firmen ihr Geld mittels Geld statt echter Werte.

Ökonomen haben dafür den sperrigen Begriff Finanzialisierung geprägt. In ihr sehen viele den tieferen Grund der Misere. Die Entwicklung begann nach Einschätzung des italienischen Wirtschaftsforschers Christian Marazzi Ende der sechziger Jahre in den USA. „Die Finanzökonomie durchdringt heute alles“, schreibt Marazzi in seinem Essay Verbranntes Geld. „Sie überwölbt die Wirtschaftskreisläufe in ihrer Gesamtheit, begleitet sie gewissermaßen vom Anfang bis zum Ende.“ Die schiere Masse virtueller Finanzgeschäfte untergräbt die finanzielle Stabilität. Und befördert das, wogegen sich alle zu wappnen versuchen, nämlich Unsicherheit.

Der Neoliberalismus ist schuld

Hinausgezögert wurde der unvermeidliche Zusammenbruch nach Ansicht vieler Ökonomen und Politologen durch das Wachstum der Kreditmärkte für Menschen mit kleinem und mittlerem Einkommen einerseits sowie die Entstehung von Märkten für Derivate und Terminkontrakte für Menschen mit großem Vermögen. Diese Kombination brachte Colin Crouch zufolge einen Keynesianismus der privaten Hand hervor.

Darunter versteht der britische Soziologe eine Umschichtung bei den Schuldnern: Nicht nur der Staat nahm Kredite auf, um die Wirtschaft anzukurbeln, sondern in immer größerem Umfang verschuldeten sich Privatleute; nicht zuletzt solche, deren Einkommen gering waren. Damit umreißt er das neoliberale Modell, das Einkommen und Vermögen zu Gunsten der Reichen umverteilt. Die Lasten trügen die weniger Betuchten.

„Dieser politische Wandel“, schreibt Crouch in seinem Buch Das befremdliche Überleben des Neoliberalismus, „war grundlegender als alles, was durch reguläre Regierungswechsel von nominell sozialdemokratischen zu neoliberal-konservativen Parteien hätte bewirkt werden können. Er hat zu einem Rechtsruck im ganzen politischen Spektrum geführt, da man die kollektiven und die individuellen Interessen der Bürgen den Finanzmärkten überließ, die keineswegs jeden gleich behandeln, sondern ungeheure Einkommensunterschiede produzieren.“

Ein wackliges Kartenhaus

Berlin-Lichtenberg. Gut 30 Frauen und Männer sind in den „Piekfeinen Laden“ gekommen. Es gibt nicht genug Stühle für alle, man sitzt auf dem Fensterbrett und schaut auf Samirah Kenawi. „Die Finanzmärkte bringen unendliche Unsicherheit über die Welt“, ruft sie und wippt in den Knien. Ihre Silbermähne ist mindestens so beeindruckend wie die von Karl Marx. „Es liegt am Geldsystem. Früher oder später wird es wie ein Kartenhaus in sich zusammenbrechen.“

Einige Tage zuvor sagt sie, während sie mit einem Glas Rotwein in der Hand auf der Couch sitzt: „Diese Krise ist so umfassend, dass man sich nicht schützen kann. Ich selbst kann allenfalls Schadenminimierung betreiben, indem ich von der Hand in den Mund lebe und kein Vermögen mehr anhäufe.“ So reduziere sie ihre Furcht, in Unsicherheit zu leben. Kenawi glaubt, dass Unsicherheit durch Geld überhaupt erst in die Welt kommt.

Seit 20 Jahren versucht die Frankfurterin, das Rätsel des Geldes zu lösen. Sie schrieb das Buch Falschgeld. Die Herrschaft des Nichts über die Wirklichkeit. Eigentlich ist sie Ingenieurin für Holzschutz. Ihren Lebensunterhalt verdient sie mit Tischlerarbeiten, baut Bücherregale und Komposttoiletten. Außerdem hält sie Vorträge über Physik, Frauen und vor allem aber über die Fehler im Finanzsystem. „Alles hat seine Zeit“, sagt sie.

Während die meisten Deutschen darauf hoffen, dass die Politiker doch noch was bewegen, schafft Samirah Kenawi für sich selbst mehr Sicherheit. Seit Mai bewirtschaftet sie einen kleinen gepachteten Acker am Stadtrand von Frankfurt am Main. „Unabhängig werde ich auf diese Weise nicht. Aber landwirtschaftliches Wissen ist viel wichtiger als alles andere. Auf Computer können wir verzichten. Auf Gemüse nicht.“

So ein ungutes Gefühl

„Das Signum der kapitalistischen Moderne ist die Freisetzung des kommerziellen Motivs von moralischen Bezügen“, sagt Sophia Spiliotis. Ihr Blick wandert zum Bundesfinanzministerium. Von ihrem Schreibtisch aus schaut die 46-Jährige auf den Dienstsitz des vermeintlichen Euro-Retters Wolfgang Schäuble. Sie residiert in einem der vielen Glaspaläste Berlins. Die bodentiefen Fenster in ihrem Büro geben einen weiten Blick über die Dächer frei.

Spiliotis ist die Vizechefin der Internationalen Handelskammer (ICC) in Deutschland. Sie sieht aus wie eine Mischung aus Audrey Hepburn und Maria Callas. Sie verdient gut und hat es geschafft. „Aber so ein ungutes Gefühl, dass das nicht immer so bleiben wird, das ist schon manchmal da“, sagt sie.

Ihr Gefühl der Unsicherheit habe viel mit dem Streben nach Versorgungssicherheit zu tun. „Das bringt mich auf den Gedanken, es wäre gut einen Brunnen zu bohren, ein Stück Land zu haben und ein Haus. Vor vier Jahren habe ich über so was noch gelacht.“ Wie schnell Sicherheiten schwinden können, erlebt Spiliotis in ihrer eigenen Familie. Ihr Vater ist Grieche. Einige ihrer Verwandten im Süden haben ihre Krankenversicherung verloren, nachdem sie ein Jahr arbeitslos waren. Spiliotis schickt ihnen Geld.

Neben ihrem Hauptberuf ist Spiliotis angehende Professorin für Geschichte. In ihrer Habilitationsschrift fragt sie, warum die meisten großen Unternehmen auf Profit setzen, statt die langfristigen Folgen ihres Handelns zu bedenken: „Es kann doch nicht sein, dass Firmen ein schlechtes Produkt anbieten, ein kompliziertes und undurchschaubares Wertpapier zum Beispiel, das unser Finanzsystem destabilisiert.“

Instabilität als Regelfall

Warum das eben doch so ist – darauf hat der lange in Vergessenheit geratene und im Zuge der Finanzkrise neu entdeckte Berkeley-Ökonom Hyman Philip Minsky eine Antwort gegeben. Das kapitalistische System, schrieb er bereits 1986 in seinem Buch Stabilizing an Unstable Economy, ist „von sich aus ruinös.“ Denn, kurz gesagt: Die innere Dynamik eines kapitalistischen Wirtschaftssystems führe zu Finanzstrukturen, die einer Finanzkrise förderlich seien.

Anders als in der Idylle der klassischen Lehre begriff Minsky finanzielle Instabilität als Regelfall einer kapitalistischen Wirtschaft. Für ihn hat sie viel damit zu tun, wie sich die Preise von Kapitalgütern, Maschinen zum Beispiel, und Krediten entwickeln. In wirtschaftlich stabilen Phasen werden Unternehmer leichtsinnig. Sie spekulieren auf noch mehr Gewinne und nehmen zusätzliche Kredite auf. Laufen die Geschäfte nicht mehr so gut, bekommen sie Probleme beim Abzahlen ihrer Schulden. Das System wird fragil.

Die ganz großen Banken tragen zur Instabilität bei. „Aber man darf nicht alle über einen Kamm scheren“, sagt Spiliotis. Als ICC-Repräsentantin vertritt sie auch die Interessen von Finanzunternehmen. „Ein Teil des Geschäfts ist reine Außenhandelsfinanzierung. Die sind ganz brav.“ Sie sagt aber auch: „Das Finanzsystem ist die Herzkammer unserer Wirtschaft. Wir hängen alle daran. Es auf eine neue Grundlage zu stellen, ist eine schlichte Frage des Überlebens.“

Zu spät und zu wenig

Helge Peukert sieht das auch so. Weil Geld ein quasi-öffentliches Gut ist, müsse die Gemeinschaft bestimmen, was damit geschieht. „Alle individuellen Strategien, die Unsicherheit zu überwinden, sind ehrenwerte Versuche, aber letztlich wirkungslos.“ Diese Hilflosigkeit sei dem politischen Chaos geschuldet. „Die Politiker schummeln rum, um die Bürger nicht zu verunsichern, damit die ihr Geld nicht abheben. Zehn Prozent auf einmal reichen, dann brechen Banken zusammen.“

Damit sich die Menschen auf Geld verlassen können, ist nach Auffassung des berühmten Krisenökonomen John Maynard Keynes die wichtigste Aufgabe der Wirtschaftspolitik, das Ausmaß der unvermeidlichen Unsicherheit zu reduzieren. „Doch die Politiker hecheln der Lösung der Krise hinterher, eingespannt in ein ewiges Zuspät und Zuwenig“, sagt Spiliotis. „Spätestens nach dem nächsten großen Crash haben sie den Mut dazu.“

Werner Assmann würde die Politiker am liebsten selbst auf Trab bringen. „Wenn es hier in der Stadt Demonstrationen geben würde, ich wäre sofort dabei. Und wenn es sein muss, fahre ich auch nach Berlin.“

* Name von der Redaktion geändert

 

Uli Müller, geboren 1968, lebt als freie Autorin in Berlin. Sie schreibt über Ökonomie und Literatur

 

Samirah Kenawi versucht seit 20 Jahren, das Rätsel des Geldes zu lösen. Die Ingenieurin für Holzschutz verdient ihren Lebensunterhalt mit Tischlerarbeiten. Ihre Ersparnisse gingen drauf, als sie 2009 das Buch Falschgeld. Die Herrschaft des Nichts über die Wirklichkeit schrieb

Helge Peukert ist Professor für Finanzwirtschaft und -soziologie an der Universität Erfurt. Sein Fokus liegt auf der Geschichte ökonomischen Denkens. Er schreibt unter anderem für das Blog postwachstum.de und ist Mitglied im Beirat von Attac Deutschland

08:00 06.12.2012

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