Gemeinsames Kopfschütteln

Medientagebuch Die Mediathek in Berlin stellt sich vor: Eine lange Nacht des Fernsehkrimis

Fernsehserien sind mittlerweile zum Erkennungszeichen von Generationen geworden. Wer was wann gesehen hat, solche Auskünfte machen Fragen nach Herkunft und Alter fast überflüssig. Sich an die eigene Fernsehkindheit zu erinnern ist längst eine Standardsituation moderner Konversation. Oft verspürt man nach solchen Gesprächen dann das ganz konkrete Bedürfnis, etwas wiedersehen zu wollen, selten aber reicht eine Videosammlung so weit zurück und selten auch ergibt der Zufall, dass das Gewünschte gerade dann irgendwo wiederholt wird. Wie überhaupt es im Medium selbst, also dem Fernsehprogramm keinen Platz gibt, an dem gepflegt mit diesen Erinnerungen umgegangen wird. Es gibt zwar endlose Wiederholungen, aber ohne Kontext und Gedächtnis, ohne historisch-kritischen Apparat sozusagen. Um einen Ort zu schaffen, an dem das Alltags- und Kulturgut Fernsehen auch mit seiner historischen Tiefe präsentiert werden kann, wurde das Projekt einer Mediathek auf den Weg gebracht. Im Filmhaus am Potsdamer Platz in Berlin soll sie angesiedelt sein und vergangenes Wochenende wurde im dortigen Arsenal-Kino ein Themenabend veranstaltet, der modellhaft die zukünftige Arbeitsweise der Mediathek vorstellen sollte.

Fernsehserien im Kino zu zeigen, scheint zunächst wenig attraktiv; die Veranstalter nutzten jedoch das neutrale Terrain für eine Begegnung, die so im öffentlich-rechtlichen Fernsehen aufgrund der föderalen Struktur kaum stattfindet, für die gesamtdeutsche Fernsehgeschichte aber von elementarer Bedeutung ist: Für die zwischen Ost- und West. Zwei Krimiserien der frühen Fernsehzeit, das vom DFF produzierte Blaulicht und das vom NDR produzierte Stahlnetz wurden im Zusammenhang gezeigt und diskutiert. Schauspieler und Regisseure von damals waren geladen und der Gesprächsverlauf bewies, wieviel unbekannte Geschichte es hier wirklich noch zu entdecken gibt.

Auf den ersten Blick sind sich Blaulicht und Stahlnetz sehr ähnlich: Schwarz-weiß-Fernsehen nicht nur was die Aufzeichnungsmethode betrifft, sondern auch die Erzählformen. Es gibt die Welt des Verbrechens und die der wackeren Polizisten. Beide Sphären kommen nach dem immergleichen Muster zusammen: Die Polizei klärt auf; die Verbrecher werden der gerechten Strafe zugeführt. Den damaligen Produktionsbedingungen entsprechend sind die Serien arm an Action und um so reicher an jener Art Fernsehdramatik, die das Medium in den sechziger Jahren prägte: Das Spiel mit Schatten und markanten Gesichtern, der Wechsel von ausführlichen Verhören und pointierten Dialogen, das ganze gezielt untermalt von schmissiger Musik. Beide Serien rühmen sich zudem, authentische Fälle zu zeigen - "Dieser Fall ist wahr" wurde vor jedem Stahlnetz eingeblendet, aber auch im Blaulicht orientierte man sich an real existierenden Gerichtsakten.

Nicht weniger bezeichnend als die Gemeinsamkeiten sind jedoch auch die Unterschiede: Während im Stahlnetz das spektakuläre Verbrechen und damit auch die Faszination solcher Taten (Mord aus sexueller Hörigkeit; internationaler Trickbetrug) im Vordergrund stehen, liegt im Blaulicht die Konzentration auf dem Ermittlertrio. Spektakulär sind die Verbrechen hier nur dann, wenn sie ihren Ursprung im Westen haben: In Auftrag Mord aus dem Jahr 1965 etwa zwingt ein West-Berliner Kommissar einen italienischen Zigarettenschmuggler zu einem Mord in Ost-Berlin, um mit dem Pass des Opfers einer zwielichtigen Gestalt die Flucht in den Westsektor zu ermöglichen. "Was sagst du jetzt, Makkaroni", lautet der erste Satz des einleitenden Verhörs - wie überhaupt Blaulicht im Hinblick auf West-Ressentiments eine reiche Quelle zu sein scheint. Hier tritt eine Ambivalenz zu Tage, die es in den westlichen Serien aber genauso gibt: Der Kampf gegen das Verbrechen ist immer auch einer gegen die Konsumenten-Ideologie. In ihren biederen Charakteren mit leicht melancholischen Grundzügen sind sich die Kommissare beider Serien denn auch verblüffend ähnlich. Über die Gier nach Geld und Waren, die manche zu den grausamsten Verbrechen treibt, wurde im Ost- wie im Westfernsehen voll resignativer Skepsis gegenüber der Natur des Menschen der Kopf geschüttelt.

Die gezeigten Verbrechen waren dabei selten völlig harmlos; hat man die aktuellen Klagen über die zunehmenden Gewaltdarstellungen im Fernsehen im Ohr, so lässt sich im übrigen sowohl anhand von Blaulicht als auch von Stahlnetz belegen, dass die Diskussion seit über vierzig Jahren auf der Stelle tritt. Der unerfahrene Zuschauer kann sich nur wundern, wie explizit, wie "kalt" und wie direkt ein Mord auch schon damals im Fernsehen gezeigt wurde. Sie hätten diese Taten aber nicht glorifiziert, meint der dazu befragte Regisseur Jürgen Roland; ein Argument, das heute noch genauso vielfältig Anwendung findet.

Die Frage nach der Geschichte der Gewaltdarstellung war eines von vielen in der Podiumsdiskussion nur angeschnittenen Themen, die für die künftige Mediatheksarbeit von großem Interesse sein könnten. Angefangen von den legendären Einschaltquoten (90 %) und deren notwendige Relativierung (es gab keine konkurrierenden Kanäle) über die Produktionsbedingungen (Blaulicht wurde vor allem zu Anfang in großen Teilen live gesendet) bis hin zu den Rechtsfragen im Hintergrund, ob etwa die Persönlichkeitsrechte der Verurteilten eine Rolle spielten bei der Adaption.

Als besondere Aufgabe solcher Veranstaltungen könnte sich gerade die Ost-West-Begegnung herausstellen, zeigt sich das Fernsehen doch als Ort, wo Vorurteile hartnäckig gepflegt werden. Beide Krimiserien sind ungefähr zur selben Zeit entstanden; das ostdeutsche Blaulicht ein Jahr später - 1959 - als das westdeutsche Stahlnetz. Da lag sofort der - westdeutsche - Verdacht nahe, in der DDR habe man mit Blaulicht auf den großen Erfolg der bundesdeutschen Serie reagieren wollen, um Zuschauer mit "einheimischer" Ware von der fremden Verführung abzulenken. Dass die DFF-Serie lediglich auf "Druck" des Westfernsehens entstanden sei, wollte Regisseur Hans-Joachim Hildebrandt nicht bestätigen, man habe sich genauso wie die andere Seite an amerikanischen Vorbildern orientiert. Und noch an anderer Stelle weigerte sich Hildebrandt, dem Westbild vom Ostfernsehen zu entsprechen. Gefragt nach den Eingriffen der Zensur, sprach er davon, dass die sich damals nicht groß von den heute durch Redakteure und Programmdirektoren vorgegeben Richtlinien unterschieden. Darüber kontrovers zu diskutieren, hatte auf dem gutgelaunten Podium jedoch niemand Lust. Man kann sich von einer funktionierenden Mediathek also noch viele spannende Debatten erhoffen.

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00:00 14.06.2002

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