Gender - und dann?

Das Unbehagen der Theorien Die Gender Studies folgen Judith Butler in ihrem schwächsten Punkt. Plädoyer für einen differenzierteren Machtbegriff

Ein Blick in die gegenwärtigen Forschungsprogramme der Gender Studies im deutschsprachigen Raum macht eines deutlich: Die junge Disziplin ist im Begriff, sich ein breites und farbiges Spektrum als Feld für ihre Forschungstätigkeit zu erobern. Ob in Ägyptologie, Biologie, Medizingeschichte oder Filmtheorie, es gibt kaum ein Gebiet, so scheint es, das sich nicht für die Geschlechterperspektive erschließen ließe, kaum ein Anwendungsbereich, für den nicht ein eigens auf ihn zugeschnittenes Gendertraining konzipiert werden kann. Und das ist gut so. Denn tatsächlich ist es der Gender-Forschung gelungen, den Mythos von der angeblichen Geschlechtsneutralität altehrwürdiger Wissens- und Praxisbereiche nachhaltig zu erschüttern.

Allerdings ist damit die Sache nicht getan. Denn was mit dieser "Gender-Perspektive" denn nun eigentlich genau gemeint ist, ist alles andere als klar. Und hier liegt auch die Krux dieser Entwicklung: Die beeindruckende Vielfalt von Forschungsfeldern kontrastiert in merkwürdiger Weise mit einer auffälligen Einförmigkeit in der Fragestellung. Was hier nämlich quer durch alle Sparten in diesen meist empirisch ausgerichteten Forschungen gesucht wird, sind "geschlechtliche Konstruktionsmechanismen". Bleibt zu fragen, was damit tun, wenn sie einmal gefunden sind? Machttheoretisch gesehen nämlich bleibt eher vage, was mit der Rede vom "Geschlecht als sozialem Konstrukt" beabsichtigt ist. Und nach der genauen Bedeutung zu fragen, scheint irgendwie inkorrekt. Denn hatte frau sich nicht darauf geeinigt, die Zuschreibung geschlechtlicher Identitäten als das eigentliche Problem zu betrachten; stereotype Bilder und Repräsentationen demnach als die eigentlichen Corpora Delicti zu begreifen, die es nicht nur am Ort ihres Entstehens zu ertappen, sondern auch gehörig zu verwirren gilt? Und die Hierarchie würde sich dann schon irgendwie auflösen ...

Queer-Theory und Trans-Gender-Bewegungen haben viel zu einer weitgehenden Akzeptanz nicht-heterosexueller Lebensweisen beigetragen. Und vielleicht sind sie in dieser Hinsicht sogar die erfolgreichste politische Bewegung der letzten Jahre gewesen. Doch eigentlich war es genau nicht ihr Anliegen, Interessensvertretungspolitik zu betreiben. Sie wollten Gesellschaftstheorie sein und mit der Dekonstruktion geschlechtlicher Identitäten verbanden sie den Anspruch, nicht nur die Hierarchie zwischen den Geschlechtern, sondern gesellschaftliche Hierarchisierungen überhaupt anzugreifen. Doch wie genau die Aufweichung von Geschlechtergrenzen oder deren Pluralisierung knallharte ökonomische Segregationsmechanismen tangieren können sollte, ist nirgends ausgearbeitet. Nach wie vor verdienen Frauen bei uns weniger als 30 Prozent der Gesamtlohnsumme, obwohl sie insgesamt 60 Prozent der Arbeit verrichten, nimmt die weibliche Armut zu, werden Frauen durch rätselhafte Mechanismen davon abgehalten, die oberen Etagen von Firmen und Politik zu erklimmen und haben damit immer noch kaum Entscheidungsbefugnisse und Zugang zu Ressourcen. Greift es nicht zu kurz, diese Phänomene auf die Frage der "Annahme des Geschlechts" zurückzuführen? Aber auch umgekehrt gefragt, ist diese "Annahme" richtig verstanden, wenn sie lediglich auf eine Frage von gesellschaftlichen Repräsentationen von Frauen und Männern und deren normierende Wirkung zurückgeführt wird?

Zweifelsohne macht es Sinn, Identitäten als zutiefst in Macht eingebunden zu betrachten. Doch scheint mir, ist genau diese machttheoretische Verknüpfung aus dem Blickfeld der Gender Studies verschwunden und damit die Fruchtbarkeit des Versuchs, Identitäten als politisches Problem wahrzunehmen. Die Dekonstruktion geschlechtlicher Identitäten ist zu einem Selbstzweck geworden, dessen Ziel machtanalytisch gesehen unklar bleibt: wäre es die Vorstellung, dass die Aufhebung geschlechtsspezifischer Sozialisation auch die Hierarchisierung zwischen den Geschlechtern beseitigte? Doch mit welchem Grund würde so etwas angenommen? Ist es die Vorstellung, dass die Heterosexualität den Kapitalismus stützt? Doch wer sagt, dass homosexuelle Strukturen nicht ebenso geschlechtliche Arbeitsteilungen transportieren? Und wäre es jemals einem Marxisten eingefallen, die Ausbeutung des Arbeiters auf ein "arbeiter-spezifisches Verhalten", gar auf spezifische Repräsentationen "des Arbeiters" zurückzuführen? Zweifellos stand E. P. Thompson ein anderer Konstruktionsbegriff vor Augen, als er sein Buch The Making of the English Working Class nannte.

Den Konstruktionscharakter von Geschlecht auf die Frage der Norm, normativer Vorgaben der Gesellschaft zuzuspitzen, ist eine gravierende macht- und subjekttheoretische Verkürzung. Und man verrät kein Geheimnis, wenn man sagt, dass diese Vorstellung von der "disziplinären Erzeugung der Geschlechtszugehörigkeit" im Wesentlichen auf den Einfluss Judith Butlers zurückgeht. Es stellt sich deshalb die Frage, ob nicht im Zuge der Rezeption ihrer Werke ein großer Reduktionismus in das gesellschaftstheoretische Verständnis der Gender Studies Einzug hielt. Denn die Vorstellung von der geschlechtlichen Subjektwerdung als einem Akt der Disziplinierung oder der erzwungenen Imitation einer Norm, gar einer, um im Wortlaut Judith Butlers zu bleiben, "disziplinären Heranzüchtung", erscheint angesichts der großen Integrationskraft spätkapitalistischer Gesellschaften irgendwie anachronistisch. Es ist schwer verständlich, wieso ausgerechnet jene Generation von Forscherinnen, die vermutlich als erste genau nicht mehr mit ernst zu nehmenden normativen Weiblichkeitsvorstellungen konfrontiert sind, sich auf eine Theorie stützen, deren Formulierungen über weite Strecken eher den Papst als Gegenüber zu haben scheint als eine Gesellschaft des 21. Jahrhunderts. Das Geschlecht als Disziplin, von der wir uns losmachen müssen: Und wenn es die List der Macht selbst wäre, die uns dies glauben macht?

Tatsächlich stünde der Gender-Theorie ein sehr viel differenzierteres Instrumentarium zur Verfügung, schöpfte sie ihre eigenen machttheoretischen Grundlagen auch wirklich aus. Denn obwohl sich die meisten Ansätze von Gender auf Foucault beziehen, scheinen sie übersehen zu haben, dass Foucault selbst in seinem Spätwerk die Verbindung von Individuum und Macht sehr viel komplexer zu denken begann. Um die Funktionsmechanismen auch spätkapitalistischer Gesellschaften adäquater zu verstehen, vermutete Foucault statt der Disziplinierung eher Subjektivierungsformen am Werk, die sich gerade nicht entlang klarer Vorgaben organisieren. Merkwürdigerweise werden diese unter dem Namen "Gouvernementalitätsstudien" zunächst in Amerika bekannt gewordenen Ansätze von den Gender Studies bis heute kaum zur Kenntnis genommen, obwohl sie eine grundsätzlich andere Verknüpfung von Individuum und Macht denkbar machen. Mit ihrer Hilfe ließen sich die Gender-Ansätze und insbesondere der in ihrer Konzeption des "Konstrukts" enthaltene Machtbegriff weiter entwickeln.

Foucault prägte den Neologismus "Gouvernementalität" im Rahmen einer grundlegenden Erweiterung seiner Machtanalytik, wie er sie ab Ende der siebziger Jahre in seinen Vorlesungen zu entwickeln begann. Zwar hatte auch er zunächst, um die von ihm so bezeichnete "Produktivität der Macht" zu erfassen, der Vorstellung reiner Repressivität jene "Disziplinarmacht" gegenübergestellt, von der sich die Gender Studies im wesentlichen inspirieren ließen. Doch führte ihn seine Beschäftigung mit dem Liberalismus zur Überzeugung, dass die Machttechnologien spätkapitalistischer Gesellschaften über Einbindungsmechanismen operieren, die weniger vorschreiben als vielmehr "Offenheiten" schaffen. In seiner dritten und letzten Schaffensperiode konzentriert sich Foucault deshalb auf das, was er nun das "Regierungshandeln" nennt: eine Weise der Führung der Menschen, die deren Freiheit zu ihrer wichtigsten Voraussetzung nimmt: "Im Rahmen neoliberaler Gouvernementalität", schreibt Thomas Lemke, "signalisieren Selbstbestimmung, Verantwortung und Wahlfreiheit nicht die Grenzen des Regierungshandelns, sondern sind selbst ein Instrument und Vehikel, um das Verhältnis der Subjekte zu sich selbst und zu den andern zu verändern."

Lemke, einer der ersten Gouvernementalitätstheoretiker des deutschsprachigen Raumes, weist deshalb zu Recht darauf hin, dass Foucaults Konzentration auf Fragen des Subjekts in diesem Zusammenhang zu sehen sind und nicht etwa, wie oft behauptet, einem neu erwachenden Interesse an Ethik entsprangen: Anstatt die "Machtverhältnisse" von den "Herrschaftstechniken" aus zu betrachten, wollte Foucault diese nun ausgehend von dem untersuchen, was er jetzt die "Selbsttechniken" nennt: "Man muss die Punkte analysieren", schreibt Foucault, "an denen die Herrschaftstechniken über Individuen sich der Prozesse bedienen, in denen das Individuum auf sich selbst einwirkt. Und umgekehrt muss man jene Punkte betrachten, in denen die Selbsttechnologien in Zwangs- oder Herrschaftsstrukturen integriert werden. Der Kontaktpunkt, an dem die Form der Lenkung der Individuen durch andere mit der Weise ihrer Selbstführung verkoppelt ist, kann nach meiner Auffassung Regierung genannt werden."

Regierung als "Führen der Führungen": Mit diesem Doppelsinn des Wortes "Regieren", als Anführen und Sich-Verhalten zugleich, hatte Foucault also eine Machtform vor Augen, die nicht auf klar fassbare Identitäten abstellt, sondern umgekehrt die Menschen gerade dazu befähigen will, sich in einem offenen Feld von Möglichkeiten stets neu und anders zu verhalten. Nicht die Anpassung oder Normierung, sondern die Verführung durch einen in Aussicht gestellten Raum unendlicher Möglichkeiten scheint hier das machtintegrierende Moment zu sein. Es lässt die Menschen die Anpassung an fortwährend drohende Gefahren als "Herausforderung", die Zumutung beständiger Selbstmodulation als "Selbstverwirklichung" erfahren. Eine Verführung durch den Plural und eine Machttechnologie, die weitgehende Akzeptanz zu schaffen vermag: Läge es nicht näher, wenn schon, nicht die Norm, sondern allenfalls deren Kontingenz, als das zu betrachten, was uns heute zu schaffen macht? Denn wenn, wie Foucault zu Recht vermutet, die Rationalität moderner Machtstrukturen auf der Gleichzeitigkeit von Individualisierungs- und Totalisierungsverfahren beruht, wenn, mit andern Worten, gerade das Individuelle machtintegrierend wirkt, dann ist die Kritik an normativen Zuschreibungen ein ebenso ohnmächtiges Instrument, wie die im Namen der Individualität erhobene Forderung nach unendlicher Pluralisierung, zum Beispiel geschlechtlicher Identitäten.

Ja, wollte man mit Hilfe von Foucaults machttheoretischen Überlegungen auf die Gender-Theorie selbst reflektieren, könnte die Frage entstehen, ob ihre Anhängerinnen sich nicht gründlich in ihren Befreiungszielen irren. Wenn heute die Abnorm zur Norm geworden oder, um mit Marion von Osten zu sprechen, die "Norm der Abweichung" regiert, dann könnte eben genau die angebliche "Befreiung" von Disziplin uns noch viel tiefer in Macht einbinden.

Obwohl Subjektivierungsformen zutiefst in Herrschaft eingebunden sind, müssen sie nicht notwendig die Form reiner Herrschaft tragen. Neoliberale Subjektivierungsweisen ködern Individuen darüber, dass sie sie mit der Überwindung der eigenen Begrenztheit locken, und diese Verheißung funktioniert auf einer Ebene, die uns kaum zugänglich ist. Es stellt sich damit aber auch die Frage, ob das dem Gender-Ansatz eigene Verständnis von Identitätskritik nicht einen ganzen Bereich ausblendet, den die Psychoanalyse das "unbewusste Begehren" nennt. Aus ihrer Perspektive nämlich hat Macht über uns nicht so sehr das, was uns sichtbar einschränkt, Zuschreibungen und Bilder, sondern das, was unsere unsichtbaren Wünsche und Begehrlichkeiten zu formen vermag. Doch gerade hier, so scheint es, folgt die Gender-Theorie Butler in ihrem schwächsten Punkt: Das Unbewusste ist nicht einfach eine Kopie normativer Vorlagen, auf die Butler das Begehren letztlich auch in ihren jüngsten Werken reduziert. Denn psychoanalytisch gesehen befindet sie sich mit ihrer Kritik an Geschlechternormen auf der Ebene des Imaginären, auf der sich eben sehr viel ändern kann, ohne dass dies auch nur den geringsten Einfluss auf unsere unbewussten Einbindungen und Verstrickungen hätte. Und die Aufhebung bewusst erlebter Einschränkungen mag hier oft wenig bewirken. Es kann sich deshalb an den offen zu Tage getragenen Identitäten und Verhaltensweisen alles Mögliche wandeln - unsere heimlichen Präferenzen, jene privilegierten Orte, die nach unserem Dafürhalten einzig Anerkennung zu spenden vermögen, bleiben davon weitgehend unberührt. Und folglich auch die Richtung, in der unser Begehren zielt.

Anstatt deshalb am neoliberalen Karneval der Identitäten teilzunehmen, täte die Gender-Theorie besser daran, auf das diesem Treiben zugrunde liegende Subjektkonzept zu achten. Hier nämlich setzt sich kaum verhohlen ein altes Allmachtsideal durch, für dessen "Abfall" traditionellerweise schon immer Frauen zuständig waren. Die Kosten, die bei der Aufrechterhaltung dieses Phantasmas von der totalen Verfügbarkeit über das Leben mit seiner Betonung von Autonomie, der Negierung von Abhängigkeit und menschlicher Begrenztheit anfallen, werden nicht von beiden Geschlechtern gleich getragen. Und diese Asymmetrie verwischt die Rede vom sozialen Konstrukt, das beide Geschlechter gleichermaßen adressiert. Sowohl Foucaults Gouvernementalitätsanalyse als auch das psychoanalytische Subjektverständnis könnten Anstöße geben zu einer genuin feministischen Kritik an diesen neoliberalen Subjektivierungsweisen, einer Kritik, die weiter geht, als Subjektkonstitution lediglich als Verinnerlichung einer Norm zu begreifen. Vielmehr ginge es darum zu reflektieren, dass wir heute als Frauen paradoxerweise dazu aufgerufen sind, an einem Subjektmodell zu partizipieren, mit dessen fall out wir historisch gesehen verknüpft sind. Für die leidenden Seelen, die nicht Schritt halten sind in der einen oder anderen Weise auch heute wiederum Frauen zuständig, beziehungsweise als "weiblich" wahrgenommene Personen.

Für eine Kritik dieses abendländischen Subjektmodells, dessen Geschlechterasymmetrie allen Unkenrufen zum Trotz Bestand hat, müsste sich die Theorie auf die ehemalige Erkenntnis der feministischen Philosophie besinnen, dass das Weibliche nie selbst Subjekt, sondern immer nur Mangel des männlichen Subjekts war. Doch diese Erkenntnis, so scheint es, ist beim Umzug in die Abteilungen der Gender Studies irgendwo auf der Strecke geblieben.

Tove Soiland ist Historikerin in Zürich mit dem Arbeitsschwerpunkt feministische Theorie. Von ihr wird ein weiterer Essay zum selben Thema im nächsten Heft des Forum Wissenschaft (Nr. 3/2003, Ende Juli) erscheinen; ein Essay Irigaray mit Marx lesen ist kürzlich in der Zeitschrift Widerspruch erschienen (Widerspruch Nr. 44, 2003; Heftschwerpunkt: Feminismus, Gender, Geschlecht).

00:00 11.07.2003

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