Georgle, cineastisches

Berliner Abende Nicht schlecht: Das Foyer wie einst im Mai, beziehungsweise April 1929, als das Babylon fertig war. "Babylon - Kino - Varieté" hieß es damals, und ...

Nicht schlecht: Das Foyer wie einst im Mai, beziehungsweise April 1929, als das Babylon fertig war. "Babylon - Kino - Varieté" hieß es damals, und der Rosa-Luxemburg-Platz trug den Namen von Bülow. Nicht schlecht, so in Gelb und Blau und Grau. Und jetzt der im Mai, im unsrigen, wieder eröffnete große Saal, stolz tragend die Veränderungen am poelzigschen Urtrakt durch die Bedürfnisse sowjetischer Filmkunst und DEFA-Premieren, jetzt schon gleich gar nicht schlecht in seinem Gelb und Blau und Grau. "Ein bisserl kühl", sagt ein Teil der Besucher, der andere "cool". Es wird alles immer komplizierter.

Jedenfalls ziemlich nichtschlecht, und sehr gut, dass die Direktion das Kino über die Jahre gerettet hat. Schon in den Siebzigern bröselte das Haus derart, dass Logen und Rang verboten werden mussten. 1994 kamen die Deckenbalken runter. Seither nur Kino im Foyer. Alles Rasiersitz. Dabei rumorte hier deutsche Geschichte am laufenden Meter.

Jetzt aber folgendes: Schmetter, DingDangDong, Trappelrappel, Huihuihui! Der lustige Dr.-Ing. Liers (Vorname bekannt) stellt das Juwel vor. Die vergessene, zufällig aus einem Bühnennebenraum erbrochene, im ganzen Haus in diverse bis dahin weitgehend unverstandene Einzelteile zerstreute und nun von ihm in jahrelanger Feinstarbeit restaurierte Kino-Orchester-Orgel, die just 1929 die Eröffnung des Baus von Hans Poelzig mit dem beinharten Melodram Fräulein Else, dargeboten von Elisabeth Bergner, untermalte beziehungsweise aufputschte. Damals schon Ost-West-Konflikte. Während die Westschnallen nur an der Bergner ihr unsauberes Ergötzen suchten, die Ostmenschen dicht fiebernd am Inhalt. Praktisch wie heute. Die Deutscher Instrumentenbau-Zeitung vom April 1929 indes bekannte Sorgen: "Die neue Kino-Orchester-Orgel dürfte berufen sein, die ausländische Konkurrenz, mit welcher der heimische Kino-Orgelbau zu rechnen hat, endlich aus dem Felde zu schlagen."

Jetzt aber Folgendes: Am vergangenen Sonntag wird die wie neu polierte Orgel, von der Liers, auch hochbegabter Entertainer, zu berichten weiß, sie sei nun die einzige am Originalschauplatz herumjubelnde Kino-Orgel im ganzen Reich, zu dem Film von 1920 Der Golem, wie er in die Welt kam, herumgenudelt haben, zu dem just Poelzig die Bauten hingestellt hat. Erstklassig, wie man sagen muss. Ein Ghetto wie ein Gedicht, wenn man so sagen darf. Und die Ghettoisierten rechte Zauseln. Sofort schwierige Fragen: Kann eine solche Darstellung unter monokulturellen Gesichtspunkten nicht alte Klischees bestärken? Noch schwierigere Gegenfragen: Können multikulturelle Freuden durchlebt werden, wenn wir sicherheitshalber alles auf unser Spiegelbild schleifen? A: Muss zauseln ohne Reue nicht selbstverständlich sein. B: Können wir zwanziger Zauseln mit dem Blick des Nachkriegsgezausten überhaupt sachgerecht intellektuell einizauseln? Die Orgel: Rembremerdeng - Huihui - Verhängnis! Und dem Golem wird das Herz hineingeschraubt und herausgeschraubt, ganz nach Bedarf! Dann wird er grantig. Aber immer steht irgendwo in der Menschheit ein weibliches Kind am Rande der Unschuld beziehungsweise Schändung herum, das ein Monsterherz bezwingt. Jauchz - Trööt - Wirbel.

So viele Knöpfchen und Hebelchen an der Konsole, am Spieltisch: Hundert Register, tausend Effekte! Hände und Füße in pausenlosem Einsatz und gleichzeitig immer der Blick auf die Leinwand. Da ist der Kino-Orchester-Organist nicht zu beneiden. Hektisch löst er elektrische Impulse aus, die links hinter der Leinwand in einen fünf Meter hohen und vierzehn Meter tiefen Raum die merkwürdigsten Dinge pneumatisch stimulieren: Schlegel auf Gongs hauen, Erbsen durch Trichter jagen, die Luft durch die Pfeifen, oder Leben in tote Hufe bringen.

Wenn alles gut geht. Manchmal hing die Musik durch. Lag´s an der Originalpartitur, daran, dass die Orgel noch nicht ganz fertig war, dass wir das Glöckerl überm Rabbi-Haus in Vollnot sich bewegen sahen, und kein adäquater Klang aus der Zauberbox erscholl? Oder an der Direktion, die einleitend sich zur Behauptung verstieg, bei diesem wertvollen Film aus Prag bräuchte man nie kein Pferdegetrappel, und zack - hoppelte Lothar Müthel als Junker Jörg wie besessen auf einem Schimmel zwischen Ghetto und Kaiserburg hin und her. Da war der cineastisch orgelnde Herr Kurz möglicherweise heimtückisch ausgebremst.

Souverän hingegen der Ingenieur: Sollte das integrierte Telefon- nicht durch ein Handy-Klingeln substituiert werden? Damit der junge Mensch es erkennt, und der Organist mehr Reaktionszeit hat, bis sich was tut?

Probleme der Neuzeit.

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

00:00 01.06.2001

Ausgabe 43/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare