Wer sind denn nun die Ungeimpften?

Corona Im Kampf gegen die Pandemie sind die Nicht-Geimpften als Gegner ausgemacht. Dabei haben Politik und Medien ein falsches Bild dieser Menschen. Höchste Zeit für eine differenzierte Sicht
Wer sind denn nun die Ungeimpften?
Wer hat sich bisher noch nicht gegen Corona impfen lassen? Ganz so wenig weiß man über diese Menschen eigentlich nicht

Foto: Arne Dedert- Pool/Getty Images

In den Debatten darum, wie die Linke auf die aktuelle Situation reagieren soll, taucht immer wieder die Frage auf: „Wer sind eigentlich die Ungeimpften?“. Dabei gehen die meisten – gerade auch viele Linke – von der Auffassung aus, alle nicht geimpften Personen seien eine festgefahrene und ideologisch gehärtete Gruppe. Aus dieser angenommenen Tatsache erhebt sich die Forderung nach einer allgemeinen Impfpflicht und die Rechtfertigung für „hartes“ Vorgehen gegen Ungeimpfte. Alle „milden“ Mittel seien ausgeschöpft. Da die Zeit dränge, sei der einzige Weg, so die einhellige Meinung, mit Strafe und Zwang die Menschen zur Impfung zu bewegen. Das sei nicht schön, aber notwendig.

Zu diesem Standpunkt mischt sich bei manchen eine gehörige Portion Wut und manchmal sogar Hass auf ungeimpfte Menschen. Der für Coronaleugner:innen geprägte Begriff „Covidiot“ ist zum neuen Synonym für ungeimpft geworden. Frank Ulrich Montgomery, Vorstandsvorsitzender des Weltärztebundes, bemerkte jüngst gar, Deutschland erlebe eine „Tyrannei der Ungeimpften“. Manche Linke sehen in Ungeimpften die Fußsoldat:innen der Barbarei. Was liegt also näher, als sich mit einer Mistgabel bewaffnet gegen diese Gruppe zur Wehr zu setzen?

Neben der martialischen Wortwahl Einzelner taucht in den Wortmeldungen über Ungeimpfte ebenso Ungeduld und Überheblichkeit auf: Wie kann ein Menschen nach zwei Jahren Pandemie immer noch so blöd sein und nicht verstanden haben, warum das Impfen so wichtig ist? „Mit Trotteln reden bringt nichts!“, so das Credo.

Ungeimpft wählt immer rechts?

Als Beweis oder zumindest als Indiz dafür, dass die Ungeimpften eine festgefahrene und ideologisch gehärtete Gruppe seien, diente eine Umfrage des Forsa-Instituts im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums. Mehr als 3000 ungeimpfte Menschen beteiligten sich an der Befragung unter dem Titel: „Befragung von nicht geimpften Personen zu den Gründen für die fehlende Inanspruchnahme der Corona-Schutzimpfung“. Ein Ergebnis: Die Hälfte der Befragen gaben an, die AfD gewählt zu haben. Ebenso gaben 65 Prozent der Befragen an, sich in den kommenden acht Wochen „auf keinen Fall“ impfen lassen zu wollen. Die Pressemitteilung des Bundesgesundheitsministeriums ließ dann auch keine Zweifel mehr übrig. Sie lautet: „Ungeimpfte wollen sich nicht überzeugen lassen“. So gut wie alle Medien übernahmen diese Darstellung. Auch in den Sozialen Medien erregte die Meldung großes Aufsehen.

Wenn man sich allerdings die Resultate der Umfrage genauer ansieht, wird schnell klar, dass hinter die mediale Aufarbeitung ein dickes Fragezeichen gesetzt werden muss.

Dazu reicht eine schnelle Hochrechnung der Zahlen zu den AfD-Wähler:innen und den Ungeimpften. Zum Zeitpunkt der Forsa-Umfrage waren von den erwachsenen Einwohner:innen circa 15 Millionen impffähig, aber ungeimpft. Laut Umfrage müssten also 7,5 Millionen Menschen die AfD gewählt haben. Selbst, wenn wir der unrealistischen Annahme folgen würden, dass alle AfD-Wähler:innen ungeimpft wären, ist diese Zahl viel zu hoch. Die AfD hat bei den Bundestagswahlen nur 4,8 Millionen Stimmen bekommen. Umgekehrt ist klar, dass auch unter AfD-Wähler:innen die Ungeimpftenquote nie 100 Prozent erreichen wird.

Wie man es dreht und wendet, die Zahl der AfD-Wählerinnen unter Ungeimpften in dieser Befragung erscheint viel zu hoch. Wie ist diese Verzerrung in der Forsa-Umfrage zu erklären? Das ist ganz einfach: AfD-Wähler:innen sind in der Stichprobe überrepräsentiert, während etwa Nichtwähler:innen oder Nicht-Wahlberechtigte nicht gut repräsentiert sind. Forsa weist darauf auch brav in einer Fußnote zu Beginn der Auswertung der Umfrage hin, dass eben bei der Interpretation der Ergebnisse zu beachten ist, dass bei Online-Befragungen solche Untererfassungen vorkommen. Also was lässt sich aus dieser Umfrage ableiten?

Ideologie spielt kaum eine Rolle

Wenn man die Ergebnisse der Umfrage liest, wird an unterschiedlichen Stellen sehr klar, dass die Gleichung „Ungeimpft = Grundsätzliche Impfgegner:innen = nicht mehr dialogbereit“ auf Grundlage dieser Umfrage nicht haltbar ist. Die Gründe, die von den Teilnehmenden für die Ablehnung der Impfung angegeben werden, sind eben nicht hauptsächlich ideologisch motiviert. Zu diesem Fazit kommen auch die Studienmacher:innen selbst. Dort heißt es am Ende: „Wenig bedeutsam scheinen hingegen die Beweggründe »klassischer« Impfgegner: Nur sehr wenige Nichtgeimpfte geben jeweils an, dass sie Impfungen allgemein ablehnen oder dass sie generell Angst vor Impfungen haben.“

Dass die mediale Aufarbeitung der Umfrage aber zumeist das Gegenteil behauptet, reiht sich ein in eine Politik, die die Ungeimpften zum Sündenbock machen will. Wer indes die Umfrage ernst nimmt, wird schnell feststellen: Es sind reale Sorgen und Ängste, die Menschen dazu bringen, sich zur Zeit nicht impfen lassen. Laut der Forsa-Umfrage ist die am häufigsten genannte Begründung für Nichtinanspruchnahme der Impfung, dass die Betroffenen die verfügbaren Impfstoffe für nicht ausreichend erprobt halten: Drei Viertel (74 Prozent) geben an, dass dieser Grund voll und ganz auf sie zutrifft. Fast die Hälfte der Befragten kennt nach eigenen Angaben Personen, die die Impfung sehr schlecht vertragen haben (41 Prozent) und hat Angst, die Impfung selbst nicht gut zu vertragen (38 Prozent). Zu ähnlichen Schlussfolgerungen kommt auch das Projekt Cosmo – COVID-19 Snapshot Monitoring der Universität Erfurt, welches sich seit letztem Jahr mit dem Befinden der Menschen in einer globalen Pandemie befasst.

Diese Sorgen und Ängste als irrational abzustempeln, ist nicht hilfreich. Der Intensivmediziner Christian Karagiannidis entwickelt im NDR-Corona-Podcast eine andere Haltung. Das Klinikpersonal befrage die, die die Krankheit überleben, regelmäßig zu den Beweggründen ihrer Entscheidung gegen eine Impfung: „Ich habe bei uns in Köln keinen einzigen überzeugten Impfgegner gesehen“, sagt Karagiannidis. „Das waren normale Menschen, die sich einfach nicht aufgerafft haben zur Impfung oder die ein bisschen Vorbehalte hatten und das im Großen und Ganzen hinterher bereut haben.“ An anderer Stelle sagte er, es ginge darum „noch mehr aufzuklären und die Ängste zu nehmen.“

Spritzen für Reiche – und Linke beschimpfen Arme

Was bei der Debatte um die Ungeimpften indes völlig untergeht, ist der Zusammenhang von Impfstatus, Armut, Bildungsabschluss, Wohnort sowie Diskriminierungs- und Rassismus-Erfahrungen. Viele Impfkampagnen laufen sozial asymmetrisch. In den Vierteln der Reichen bestehen gute bis sehr gute Angebote, in den Vierteln und Regionen mit hoher Armut wenig bis schlechte. Auch in Deutschland sind Menschen mit geringen Einkommen überproportional unter den Ungeimpften vertreten, ebenso Menschen mit Migrationshintergrund: Das fand eine Umfrage der gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung im Juni 2021 heraus. Diese Tendenz bestätigt auch der im November veröffentliche Bericht COVID-19 Impfquoten-Monitoring vom Robert-Koch-Institut.

In diese Richtung gehen auch die Aussagen von Cihan Çelik, Oberarzt und Facharzt für Innere Medizin und Pneumologie auf der Corona-Isolierstation im Klinikum Darmstadt. Er argumentiert mit qualitativen Stichproben aus der Praxis. Im Interview mit der FAZ erklärt er: „Aber nach wie vor ist die Gruppe der überzeugten Impfgegner unter den ungeimpften Patienten sehr klein. Die Mehrheit unserer ungeimpften Patienten zeigt keine radikale Ablehnung. Sie wird von der Aufklärung nicht erreicht.“ Und auf Twitter schrieb Çelik: „Bildungsferne, Geringverdienende, Minderheiten sind unter den Ungeimpften überrepräsentiert.“

Es gibt ein Muster in dieser Pandemie: Das Virus trifft die Armen und die Schwächsten der Gesellschaft mit größerer Wucht als die Reichen. Diese soziale Asymmetrie setzt sich beim Impfen fort. In der Debatte über die Ungeimpften werden diese gesellschaftlichen Dimensionen wenig bis gar nicht mit einbezogen. Das ist ein wirklicher Schwachpunkt in der Intervention der Linken. Anfang November sprach der Ministerpräsident von Thüringen, Bodo Ramelow, von einer „Pandemie der Ungeimpften“ und legte nach: „Und wir werden niemanden mehr garantieren können, der ungeimpft ins Krankenhaus kommt, dass er überhaupt noch in Thüringen behandelt wird.“ Statt die seit Jahren rückläufige Zahl an Intensivbetten zu kritiseren, sagte er seinem eigenen Wählerklientel lieber, dass ihre Doofheit sie ins Grab bringen könnte.

Österreich als Warnung

Die Impfpflicht ist vor dem Hintergrund der eigentlichen Ursachen eine unnütze und völlig unverhältnismäßige Maßnahme. Zudem ist ihr Erfolg ungewiss. Dass es auch anders geht, ganz ohne Zwang und Strafe – geschweige denn über eine Impfpflicht –, zeigt ein Blick in Länder mit hohen Impfquoten. Portugal, Spanien, Island oder Dänemark erreichten Rekordwerte in Europa. Hinter diesen Erfolgen steht eine simple Einsicht: Impfvertrauen ist vorrangig keine individuelle, sondern eben vor allem eine gesellschaftliche und soziale Frage. Auch in Deutschland gibt es positive Beispiele: Bremen hat die höchste Impfquote aller Bundesländer. Fast 80 Prozent aller Menschen dort sind vollständig gegen das Coronavirus geimpft.

Das Erfolgsrezept der Hansestadt? Eine nachhaltige Impfkampagne in Stadtteilen mit großer Armut durch niedrigschwellige Angebote und persönliche Ansprache.

Angesichts solcher Befunde und Aussagen ist es ein Armutszeugnis für die Bundesregierung, dass sie ihre Impfkampagne eben gerade nicht auf die Bedürfnisse und Fragestellung von Ungeimpften zugeschnitten hat. Dasselbe gilt für viele Medien, die das falsche Bild über die Ungeimpften tagtäglich in Print, TV und Online-Beiträgen unkritisch reproduzieren. Die Linke darf bei all dem nicht mitmachen. Natürlich sollte niemand ignorieren, dass es eine relevante Minderheit von ideologisch gefestigten Impfgegner:innen gibt, in deren Kern die faschistische Rechte agiert, welche sich zur Zeit dadurch aufbauen kann. Diese Bewegungen und Organisationen müssen von der gesamten Linken politisch scharf bekämpft werden. Das gilt aber nicht für die Mehrheit der Ungeimpften

Das Abfeiern einer Impfpflicht, eines Lockdown für Ungeimpfte via Regierungsprogramm mit 2G/3G ist die schlechteste Antwort auf die aktuelle Situation – sowohl aus epidemiologischen, als auch aus politischen Gründen. Es ist eine Pandemie, nicht nur eine der Ungeimpften. Die Infektionsdynamik wird durch diese Maßnahmen nicht schnell gebrochen. Schlimmer noch: Gestärkt werden durch die Stigmatisierung der noch nicht geimpften Personen vor allem die radikale Rechte und andere harte Impfgegner:innen. Das Beispiel Österreich sollte der Linken in Deutschland eine Warnung sein.

Yaak Pabst ist Politikwissenschaftler und befasst sich intensiv mit der gesellschaftlichen Linken und ihrer Haltung zur Pandemie

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06:00 24.11.2021

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