Oliver Tolmein
26.08.2009 | 13:00 3

Geschlecht kann man nicht testen

XY Der Leistungssport hat gute Regeln, mit Intersexualität umzugehen. Er muss sie nur endlich anwenden. Ein paar grundsätzliche Überlegungen zum Fall Caster Semenya

Frauen dürfen heute in Deutschland Nachtarbeit verrichten, sie sind international als Soldatinnen gefragt, Menschen haben mittlerweile sogar in der gesamten Schweiz unabhängig von ihrem Geschlecht das Wahlrecht. Frauen geben auf der Bühne den Hamlet und Männer dürften grundsätzlich auch Brünnhilde singen, Modefotografen hängen dem Ideal der Androgynität nach und selbst bei Germany‘s Next Topmodel, einer alles andere als geschlechterindifferenten Sendung, versuchte, wenn auch vergeblich, ein transsexueller Mensch ganz nach vorn zu kommen. Geschlecht ist zwar nach wie vor eine Kategorie, aber eine, nach der nur noch in den seltensten Fällen offen und öffentlich qualitativ differenziert wird.

Eine der wichtigsten Ausnahmen bildet der Leistungssport, der nach wie vor, zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung, eine Hochburg der Geschlechtertrennung ist. Intern allerdings sind auch hier die Verhältnisse weitaus stärker in Bewegung gekommen, als es die öffentlichen Spekulationen um das Geschlecht der südafrikanischen 800-Meter-Läuferin Caster Semenya jetzt vermuten lassen.

Der Vater der Olympischen Spiele, Pierre de Coubertin, hatte vor gut 120 Jahren noch selbstbewusst festgestellt: „Olympische Spiele sind ein Ausbund männlicher Athletik, und der Beifall der Frauen ist deren Lohn.“ Inzwischen kassieren ganz selbstverständlich auch Frauen Beifall – und Medaillen. Mit der Teilnahme von Frauen am sportlichen Kräftemessen wuchs in der Herrenriege des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) allerdings die Sorge, von seinesgleichen betrogen und getäuscht zu werden: Um zu verhindern, dass Männer als Frauen getarnt Medaillen ergattern, die ihnen eigentlich nicht zustehen, wurden 1968 Geschlechtstests eingeführt, die die Goldmedaillengewinnerin im Modernen Fünfkampf, Mary Peters, als „die härteste und demütigendste Erfahrung meines Lebens“ empfand. Ähnliche Tests wurden auch bei anderen internationalen Spitzenwettkämpfen durchgeführt. Den standardisierten gynäkologischen Untersuchungen fiel Ewa Klobukowska, Bronze-Medaillengewinnerin über 100 Meter bei den Olympischen Spielen in Tokio 1964, zum Opfer: Weil man nachträglich bei ihr einen XXY-Chromosomensatz feststellte, musste sie ihre Medaille zurückgeben.

Der allgemein als demütigend empfundene Geschlechtstest wurde nach jahrelanger Kritik vor den Olympischen Spielen im Jahr 2000 in Sydney abgeschafft. Bei den Olympischen Spielen von Athen entschloss sich das IOC auf Drängen vor allem seiner medizinischen Kommission zu einer weitgehenden Liberalisierung: Erstmals durften offiziell auch transsexuelle Sportler und Sportlerinnen starten. Internationale Verbände, insbesondere die International Association of Athlethic Federations (IAAF) zogen nach, verzichteten ebenfalls auf regelmäßige Geschlechtstests und ermöglichte transsexuellen Sportlerinnen unter bestimmten Bedingungen den Start. 2006 verabschiedete die IAAF ihre Policy on Gender Verification, die jetzt im Fall von Caster Semenya ­Anwendung findet. Während in den Sportredaktionen vieler Zeitungen und Rundfunkanstalten offenbar noch ein recht schlichtes Geschlechterbild vorherrscht, in dem es nur Menschen gibt, die entweder eindeutig Mann oder eindeutig Frau sind, nimmt die IAAF seit 2006 offiziell zur Kenntnis, dass es Menschen gibt, bei denen die Frage: „Athlet oder Athletin?“ nicht einfach zu beantworten ist.

Geschlecht ist keine einheitliche Kategorie. Biologen und Medizinerinnen unterscheiden psychische, phänotypische, soziale, chromosomale, hormonelle und genitale Geschlechtsmerkmale. Im Idealfall passen alle Merkmale zueinander, weitaus häufiger, als es sich die Öffentlichkeit und ihre Medien vorstellen, fallen die Merkmale auseinander. Es gibt Menschen, die einen (männlichen) xy-Chromosomensatz aufweisen, aber deren Körperzellen keine Testosteronrezeptoren haben – sie werden meist als „weiblich aussehend“ wahrgenommen und leben oft als Frauen. Die IAAF will diesen so genannten XY-Frauen, deren Besonderheit als Androgen-Insensitivitäts-Syndrom (AIS) beschrieben wird, erlauben bei Wettkämpfen zu starten, weil sie gegenüber anderen Frauen keinen physischen Leistungsvorteil haben. Auch Menschen mit Turner-Syndrom, die nur über ein Chromosom verfügen (statt über zwei), sollen als Frauen starten dürfen, ebenso wie Menschen mit anderen Fehlentwicklungen der Keimdrüsen, bei denen das IAAF allerdings wünscht, dass sie operativ entfernt worden sein sollen. Von Betroffenen wird das häufig als Zwang zur Kastration abgelehnt. Das recht häufig vorkommende Andrenogenitale Syndrom, bei dem Menschen zwar über einen weiblichen Chromosomensatz verfügen, aber durch eine Besonderheit der Nebenniere „männliche“ Hormone produzieren, soll einer Starterlaubnis als Frau ebenfalls nicht entgegenstehen. Wie komplex die Geschlechtsbestimmung durch die IAAF ist, wird auch daran deutlich, dass ein Mediziner-Team, das sich mit den kritischen Fällen befasst, aus Endokrinologen, Humangenetikern, Psychologen, Gynäkologen, Internisten und einem Spezialisten für Gender/Transgender-Themen bestehen soll.

Grundsätzlich will die IAAF die Entscheidung über eine Starterlaubnis im Rahmen der Gender Verification nicht allein von Laborergebnissen abhängig machen, sondern von einer Gesamtbewertung des jeweiligen Einzelfalls. Geschlecht ist also auch im Leistungssport damit als normative Kategorie erkannt und nicht mehr als ein natürliches, eindeutiges Merkmal, das nur vielleicht verborgen gewesen ist und jetzt von Medizinern eindeutig bestimmt und ans Licht gebracht werden könnte.

Das wirft aber die Frage auf, welchen Sinn überhaupt diese Art der Geschlechtsbestimmung macht. In der New York Times hat die Medizinethikerin Professorin Alice Dreger, die sich seit Jahren mit Intersexualität und Hermaphroditen befasst, in einem Essay die gängigen Maßstäbe kritisch hinterfragt: „Sicher, in bestimmten Sportarten hat eine Frau mit einem hohen Level an Androgenen einen Vorteil. Aber ist das schon ein unfairer Vorteil? Das sehe ich nicht so. Es gibt auch Männer, die einen höheren natürlichen Level an Androgenen haben als andere. Ist das unfair? Grundsätzlich sind Männer auch größer als Frauen. Aber schließen wir deswegen Frauen, die ‚männliche’ Größen erreichen von Wettkämpfen aus, weil sie gegenüber kleineren Frauen einen Vorteil haben?“ Ähnlich skeptisch zeigt sich die deutsche Akademie für Ethik in der Medizin, deren Präsidentin, die Medizinethikerin Claudia Wiesemann in einer aktuellen Stellungnahme zum Fall von Caster Semenya festgestellt hat: „Die 800-Meter-Läuferin Santhi Soundarajan hat versucht, sich das Leben zu nehmen, als ihr nach den Asienspielen 2006 die Medaille aberkannt wurde, weil sie ein Y-Chromosom hat – ein Befund, der nachgewiesenermaßen völlig unerheblich für den Sport ist. Es ist endlich Zeit, dass der Sport anerkennt: Es gibt keinen ‚Geschlechtstest‘. Aber es gibt Menschen, deren Leben durch gedankenlose Funktionäre und eine sensationsgierige Öffentlichkeit zerstört werden kann.“ Bei den Olympischen Spielen 1996 in Atlanta durften sechs Athletinnen starten, bei denen, wie bei Soundarajan ein Y-Chromosom gefunden worden war.

Würde die IAAF mit dem Thema Geschlecht so offensiv umgehen, wie die eigenen Richtlinien von 2006 erlauben, könnte die Bastion der Zweigeschlechtlichkeit zum Vorreiter werden – für die gesellschaftliche Anerkennung der Tatsache, dass es zwar zwei Geschlechter gibt, aber nicht nur zwei Geschlechter, sondern mindestens zwei Geschlechter. Solange Sportfunktionäre wie auch Toilettenkonstrukteure darauf verzichten, der Vielgestaltigkeit des menschlichen Lebens Rechnung zu tragen, indem sie viele Wettkämpfe austragen oder von der Geschlechterdifferenzierung Abstand nehmen, mag man das als Gewohnheit hinnehmen. Die Öffentlichkeit sollte aber wenigstens wissen, was ihr dort vorenthalten wird.

Oliver Tolmein ist Publizist, Fachanwalt für Medizinrecht und Gründungspartner der Kanzlei Menschen und Rechte. Zuletzt erschien: Keiner stirbt für sich allein. Sterbehilfe, Pflegenotstand und das Recht auf Selbstbestimmung (2008)

Kommentare (3)

rama 28.08.2009 | 13:43

Immer wieder schön, was von Oliver Tolmein lesen zu dürfen. Verdammt viel Wissen als Grundlage, ordentliche Recherche des Gegenstandes auf aktuellem Niveau, und dann lässt er an diesem Wissen teilhaben und äußert seine Meinung. Eine Art der Publizistik, der nachzustreben die Wortmenge, die von der Freitag-Community produziert wird, wohl erheblich vermindern dürfte. Ein Verlust wäre das allerdings, der sich verkraften ließe.