Geschleiftes Job-Paradies

US-Wirtschaft in Rezessionsgefahr Während der Krise des Jahres 1990 blieb sie verschont - diesmal steht in Nordamerika die IT-Branche im Zentrum des Bebens

Man muss schon auf Statistiken der achtziger Jahr zurückgreifen, um auf einen solchen Abfall bei Software-Investitionen zu stoßen wie er das laufende Geschäftsjahr in Nordamerika prägt. Ein massives Übergreifen dieser rezessiven Tendenzen auf den US-Arbeitsmarkt scheint nur eine Frage der Zeit, wenn es auch bisher noch keinen frappierenden Einbruch gibt. Sollte sich das bis zum Jahresende ändern - und dafür spricht einiges -, dann dürften in den USA und Kanada konjunkturstützende Komponenten wie Privatkonsum, Staatsverbrauch und Wohnungsmarkt nicht unbeeinflusst bleiben. Der Personalabbau im IT-Sektor setzt in dieser Hinsicht ein Alarmsignal, denn die Stimmung bei den High-Tech-Firmen in der Bucht von San Francisco bleibt äußerst getrübt. Silicon Graphics will bis Januar 2002 mindestens 400 Stellen kassieren, Sun Microsystems hadert mit seiner Gewinnprognose, auch Intel-Herausforderer Advanced Micro Devices muss gerade Kurseinbrüche in Größenordnungen verkraften.

Überinvestitionen und Überkapazitäten

Es liegt für jeden Analysten klar auf der Hand, die seit Anfang 2001 in der Branche nicht abreißende Entlassungswelle ist logische Konsequenz und Korrektiv des Überinvestments in der New Economy: Seit Mitte der Neunziger hatte der IT-Investitionsrausch zu einem Einstellungsboom geführt: Netzwerk-Spezialisten, Web-Master, Content-Redakteure. Seit einem Jahr nun folgt auf diese Flut eine offenbar länger währende Ebbe. Die Firmen verdauen erst einmal die getätigten Investitionen für Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) und nutzen letztere zum Kostensenken und Streamlinen der Produktion. Für die Arbeitsmärkte in den USA und der EU ergibt dabei die Kombination von Krise in der New Economy und traditionellen Gründen für Personalabbau wie Kostensenken und Merger-Synergien ein explosives Gemisch. Üblicherweise steigt die Erwerbslosigkeit erst dann, wenn die Wirtschaft real kontrahiert. Das ist in den USA (noch) - siehe Übersicht - nicht der Fall, trotzdem steigt die Zahl der registrierten Beschäftigungslosen merklich. Und diesmal steht die HighTech-Industrie - statt ein Job-Paradies zu bleiben wie zu Zeiten der US-Rezession 1990 - im Zentrum des Bebens. Das gilt nicht minder für die Branchen Finanzdienstleistungen und Medien, die vehement in Informationstechnologien investiert haben und jetzt ernten müssen.

Es kommt als weiterer, eine IT-Hausse dämpfender Umstand hinzu, dass der riesige Nachschub an billigem Kapital längst versiegt ist - das Venture-Kapital zieht sich zurück, an den Börsen geht nur noch wenig oder nichts mehr. Die Flut der Neu-Emissionen ist faktisch zum Stillstand gekommen. Nur noch Großkonzerne bekommen derzeit Anleihen auf den Kreditmärkten. Schon im 3. Halbjahr 2000 fielen zum ersten Mal seit 1996 die Investitionen von Venture Capital. Die Telekom- und Netz-Betreiber in den USA, die 1999 und 2000 monatlich zirka acht Milliarden Dollar (!) an den Kapitalmärkten aufgenommen hatten - per Ausgabe von Aktien oder durch Anleihen -, bekamen Ende 2000 nur noch 1,3 Milliarden.

Weil ihre Gewinne zurückgehen, kürzen zur Zeit ausnahmslos alle Großkunden aus sämtlichen Wirtschaftsbereichen fest geplante Technologie-Investitionen. Besonders betroffen sind PC-Akquisitionen. Die vorhandene PC-Ausrüstung lasse sich bis auf weiteres mit der alten Windows- und Office-Version nutzen, heißt es. Ebenso streichen viele Firmen die Beschaffung neuer Telefonanlagen, da sich deren Anschaffung nicht schnell genug amortisiert. Es handelt sich aber nicht nur um einen zyklischen Nachfrageeinbruch bei PCs oder Netzwerk-Hardware. Vielmehr hat das Treibhausklima aus ungebremstem Nachschub an billigem Kapital und neuen Technologien in den USA zu enormen Überkapazitäten in Gestalt von Millionen Firmengründungen, die oft kein marktreifes Produkt hatten, in Gestalt von Handy- und Chip-Fabriken geführt. Jetzt zeigt sich: Die Weltbevölkerung will nicht 500 Millionen Handys pro Jahr, sondern höchstens 300 oder 400 Millionen - wenn überhaupt. Und nicht jede neue Technologie aus dem IT-Sektor verdient es, vermarktet und mit vielen Millionen Venture-Kapital begossen zu werden. Jetzt ist Marktbereinigung im großen Maßstab angesagt - das überschüssige Kapital muss verschwinden.

Beschleunigung der Zyklen

Der unternehmerische Vorteil, durch die Informationstechnologie tages- oder stundengenau Auftragseingang, Lagerbestände und Verkäufe, Kosten und Gewinn pro Produkt zu erfassen und blitzschnell entsprechende Management-Entscheidungen treffen zu können, offenbart jetzt seine Kehrseite: Das Auf und Ab im Einzelunternehmen - aber auch auf dem globalen Markt - vollzieht sich wesentlicher schneller und abrupter als zu Zeiten eines Konzernmanagements ohne die Werkzeuge von SAP, Oracle, Siebel, Intel. In den vergangenen Jahren haben die marktbeherrschenden Unternehmen - die Technologieriesen in vorderster Front - Software für das Management der Wertschöpfungskette (supply chain management) eingeführt, um das komplexe Netzwerk von den zahlreichen Zulieferern bis zu den Endkunden zu steuern. Nach der immanenten Logik dieser Software soll die Durchlaufzeit vom Vorprodukt bis zur Auslieferung des Endprodukts möglichst kurz, die Lagerhaltung auf allen Fertigungsstufen möglichst gering, die Produktion vollends kundenfixiert sein. Geht die Nachfrage zurück, werden sofort auf allen Stufen der Lieferkette - das gilt vorrangig für das Netzwerk von Sub- und Sub-Sub-Unternehmern - die Bremsen angezogen. Da alle Firmen, die auf den gleichen Märkten operieren, kurzfristig dieselben Entscheidungen treffen, ist der makroökonomische Achterbahn-Effekt programmiert. So sind im Technologiesektor zuletzt nur wenige Monate zwischen hochfliegenden Wachstumszielen etwa bei Handys - auf Basis der Daten in den IT-Systemen der Konzerne - und Umsatzeinbrüchen vergangen.

Unter Entscheidungsdruck

Dasselbe Spiel gilt bei den Kosten: Kaum zeigen die SAP-Finanzmodule, dass geplante Gewinnziele nicht erreicht werden, aber die Kosten trotzdem anfallen, ergeht aus den Konzernzentralen die Order, dass von einzelnen Filialproduzenten sofort Einsparpläne für x Milliarden Dollar vorgelegt werden müssen und binnen drei Monaten wieder eine Marge - ein Rohgewinn - von x Prozent vom Umsatz erreicht werden muss. Also werden umgehend Aufträge an Zulieferer storniert, die nicht direkt zum nächsten Quartalsergebnis beitragen. Und es werden möglichst schnell Aufhebungsverträge mit Beschäftigten abgeschlossen, weil die noch zu zahlenden Löhne und Gehälter dann nicht mehr als Kosten des laufenden Geschäftsbetriebs verbucht werden - das heißt, eine Rezession lässt den Arbeitsmarkt heute viel unmittelbarer (fast zeitgleich mit dem Auftreten erster Krisensymptome) reagieren als noch vor einem Jahrzehnt.

Fazit: Der reale Wirtschaftsprozess verzeichnet durch den Siegeszug der Informationstechnologie, der keinen Winkel der Unternehmen verschont, inzwischen eine ähnliche Volatilität wie die Finanzmärkte. Auch wenn die in den Unternehmen eingesetzten Programme zur Steuerung des Geschäftsbetriebs noch nicht automatisch entscheiden - wie manche Börsenhandelsprogramme bei bestimmten Kursverläufen -, ist die Richtung von Management-Entscheidungen durch die quasi objektiven internen Zahlen faktisch vorgegeben. Verstärkt durch den Druck der Kapitalmärkte und Analysten entsteht so auch in der Realwirtschaft schnell eine Krisenvirulenz, weil alle Player mit ihren Entschlüssen in die gleiche Richtung gehen.

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00:00 07.09.2001

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