Gestrandetes U-Boot an der Kreml-Mauer

Die Tage des "Rossija" sind gezählt Das einst größte Hotel der Welt folgt dem einst größten Land der Welt ins Reich des Vergessens

"Moscow is very nice!" Den Satz versteht Julja Tartakowskaja, die 50-jährige Etagenfrau. Auch wenn Englisch nicht zu dem gehört, was sie in ihrer Jugend einmal gelernt hat. Schon seit zehn Minuten hört die gut frisierte, rundliche Dame im blauen Kostüm hinter ihrem Hotel-Tresen dem ausschweifend gestikulierenden Hotel-Gast zu. Hin und wieder, wenn es ihr angebracht erscheint, nickt sie hingebungsvoll.

Abe Freizer ist auf der Durchreise nach Vancouver, hat Russland in Sachen Jesus besucht und mit einer Reisegruppe bibeltreuer Christen gerade Samara an der Wolga hinter sich gelassen. Dort - in einer russisch-orthodoxen Gemeinde - hätten er und ein Dutzend betagter Damen und Herren aus Kanada und dem Norden der USA gelehrigen Russen einen Film vorgeführt, erzählt er Julja Tartakowskaja, einen Film, der das Lukas-Evangelium zum Inhalt hatte.

Abe Freizer, sein Familienname habe deutsche Wurzeln, bekommt Julja zu hören. "Von Riesen, so hießen meine Vorfahren. Nun stellen Sie sich bloß diesen enormen Zeitunterschied vor!", nervt der Weitgereiste die bodenständige Etagenfrau, "in Kanada ist es jetzt acht Uhr morgens - hier in Moskau ganze zehn Stunden später! Und in Samara waren sie noch einmal zwei Stunden weiter ..."

Dass Julja höchstens die eine Hälfte versteht und die andere sie kaum erschüttern dürfte, entgeht dem missionierenden Kanadier, der mit der Selbstgewissheit und Bonhomie des Weltmannes glänzt, der Russland, einschließlich seiner Geschichte und Gegenwart, auf den ersten Blick zu durchschauen pflegt.

"Rossija" - ja, das gefällt ihm außerordentlich, dass sein Moskauer Hotel diesen Namen trägt. Wieder zu Hause werde er berichten, das riesige Hotel mit seinen kilometerlangen Fluren könne zwar mit kanadischen Touristenabsteigen in Sachen Service nicht im Geringsten mithalten, aber ihm - Abe Freizer - sei es immerhin gelungen, einer anständig gekleideten und wohl genährten Moskauer Etagenfrau die Dimensionen Russlands im Weltvergleich näher zu bringen. Julja arbeite doch in einem wunderbaren Haus. "Soouu central", dass man sowohl den Roten Platz wie auch den Kreml, das Kaufhaus GUM und überhaupt das Moskauer Zentrum zu Fuß erreichen könne.

Freizer verfällt erst recht in Begeisterung, als er erfährt, dass während seiner Moskauer Tage gar eine Episode aus dem Almanach Postkommunistische Flurbereinigung in der russischen Kapitale mitzuleben ist. Just an diesem Tag titelt die Zeitung Kommersant: "Die Sache ist entschieden!" - und meint den Entschluss der Moskauer Stadtverwaltung, das Rossija abzureißen. Und just an diesem Tag verlässt Abe Freizer das Hotel in Richtung Airport. Ist das nicht ein erstaunliches Zusammentreffen? Der weltläufige Kanadier beeilt sich, die Neuigkeit den anderen Erweckern aus Nordamerika im Stile eines Insiders mitzuteilen. Julja, die Etagenfrau, wird mit einem hastig hingeworfenen "bye-bye and good luck" zurück gelassen, dann verschlucken Freizer die Tiefen eines halbdunklen Hotel-Korridors.

Julja Tartakowskaja kann wieder eintauchen in ihr Reich der Schlüssel und Zettel. Ein Reich ohne Licht und Schatten. Die wenigen Sonnenstrahlen, die der Tüllvorhang am Fenster hinter ihrem Empfangsrondell erlaubt, verschluckt eine wuchernde Topfpflanze auf dem Tresen. Julja weiß es längst. Nicht erst aus der Zeitung. Ihr Reich wird untergehen. Sie kann es betrauern, und sie kann es verstehen.

Mit 3.170 Zimmern und 6.000 Betten gilt das Rossija bis heute als größtes Hotel Europas. Ein vierschrötiger Koloss in bester Lage, der in seiner Unerschütterlichkeit genau dort thront, wo im 12. Jahrhundert Moskaus erste Häuser standen - an einer sanften Biegung der Moskwa. Der Legende nach soll in dieser Gegend der wackere Recke und Susdaler Fürst Juri Dolgoruki unter einer Birke gesessen, gesungen und sich dazu durchgerungen haben, hier und nirgendwo sonst eine Festung, einen Kreml, zu bauen. Das war 1156.

850 Jahre später regiert in Moskau wieder ein Juri: der Bürgermeister Juri Lushkow. Und man sagt ihm keinen guten Geschmack nach. Immer wieder mussten es die Moskauer ertragen - sie taten es gelassen und voller Demut -, dass sich ihr Stadtoberhaupt an Bauvorhaben begeisterte, die wahrlich keine Augenweide sind. Des Bürgermeisters ästhetisches Empfinden lastet einigermaßen schwer auf der Stadt, wird es doch von der schwülstigen Erlöser-Kathedrale ebenso bedient wie den volkstümelnden Skulpturen seines Bildhaueridols Surab Zereteli oder dem dreigeschossigen Konsum-Keller unter dem Manegenplatz, dessen Aufdringlichkeit den güldenen Kloschüsseln russischer Neureicher gleicht.

Aber der Beliebtheit Lushkows tat das kaum Abbruch. Im Gegenteil, die Moskauer danken ihm mehrheitlich für jeden neuen "Supermarket". Große Teile der immer schon opportunistischen und sozial deklassierten Intelligenzija sehen in Lushkow einen der Ihren. Vielleicht, weil er Bücher über Bienenzucht und Vaterlandsliebe geschrieben hat. Vielleicht, weil er für sie gerade eine weitere Filiale des deutschen Heimwerkers OBI eröffnen ließ.

Lushkows Beschluss, das Rossija möglichst bald aus dem Antlitz der Stadt zu tilgen, hat natürlich nicht das Geringste mit einem zwischenzeitlich geläuterten Schönheitsempfinden zu tun, wie sich noch zeigen wird.

In Rufweite zum Kreml gelegen, ist das Rossija ein gestählter Beton-Goliath aus der Ära des seligen Leonid Iljitsch Breschnew und gilt als einer der größten architektonischen Fehltritte in der an Bausünden nicht eben armen Stadt. In seiner Gigantomanie wird das Rossija nur vom Kongresspalast übertroffen, den der selige Nikita Sergejewitsch Chruschtschow seinerzeit mitten in das Kreml-Areal hinein betonierten ließ.

Gleich neben den Zwiebeltürmen der Basilius-Kathedrale strebt der Hotelkasten empor und wirkt mit seinem mittig gesetzten Turm wie ein an der Kremlmauer gestrandetes U-Boot, das zwischen den niedrigen Häusern der Altstadt überwintert. Ein städtebaulicher Schiffbruch, doch die sowjetische Metropole brauchte seinerzeit genau diese perfekte Gastronomiemaschine, wie sie dem Architekten Dmitrij Tschetschulin vorschwebte.

Das am 15. Januar 1967 eröffnete Drei-Sterne-Haus vereinnahmt eine Fläche von 240.000 Quadratmetern und wird auf zwölf Stockwerken von Fluren, Fluchten und Gängen durchzogen, die zusammen genommen die beachtliche Länge von acht Kilometern aufweisen. Tourismus nach Plan, sagte man damals und meinte ein Gebäude, das sich mit allem ausgestattet fand, was für ein solches Hotel als unverzichtbar galt: Kino und Konzertsaal, dazu Sportanlagen, eine Ladenstraße, Innenhöfe mit Grünanlagen, vollgeschüttet wie Wasserbottiche mit Licht von oben, eine Sauna nebst Schwimmbad.

Damit aus den ehrgeizigen Plänen Beton werden konnten, wurde ein zentrales Moskauer Altstadt-Viertel niedergerissen - es verschwanden die typischen dreistöckigen Kaufmann-Bauten, von denen jedes für sich ein kleines Kunstwerk war. Rund um die Wawarka-Straße hatten im Mittelalter die Ikonenmaler und Schuster gelebt, Tür an Tür mit den Fischhändlern und Tuchverkäufern, die den großen Markt vor dem Kreml zu schätzen wussten. "Es ist nicht ferne vom Schlosse in einer Gasse zur Rechten ihr Göttermarckt, da sie lauter gemalte Bilder der Heiligen zu kauffen haben", notierte der holsteinische Gesandte Adam Olearius im 17. Jahrhundert.

Heute sind neben der riesenhaften Auffahrt zum Rossija noch vier kleinere Kirchen, der britische Handelshof und das Romanow-Geburtshaus übrig - eine Konzession der Sowjetplaner an Moskaus Geschichte: Die zehn Millionen Touristen, die seit der Eröffnung vor 37 Jahren im Rossija genächtigt haben, wollten mehr sehen als die Fassade ihrer Betonburg. Auf jeden Fall schaffte es die Sowjetunion mit dieser Monster-Herberge bis ins Guiness-Buch der Rekorde, Kategorie: "Größtes Hotel der Erde". Inzwischen, wie gesagt, soll das Rossija nur noch das größte Hotel Europas sein und damit das Schicksal der Sowjetunion teilen, die schließlich auch auf das handlichere Russland-Format geschrumpft ist.

Einen respektablen Vorzug hat das Ungetüm bis heute, und das erkannte der Belgier Dirk Verhulst, Chef des Moskauer Büros der Eurovision, vor etlichen Jahren sofort: Das Rossija erlaubt einen einzigartigen Blick auf den Roten Platz und den Kreml. In der elften Etage hat Verhulst sein Büro - der 43-Jährige und seine zehn Mitarbeiter sehen von ihren Schreibtischen aus gewissermaßen der Schaltzentrale Russlands auf die Finger.

"Es war im Herbst 1991", erzählt der Belgier und zündet sich eine Zigarette an - zu Beginn unseres Gesprächs ist die Schachtel noch fast voll, doch das soll sich innerhalb einer Stunde dramatisch ändern - "da hatte sich die Eurovision dafür entschieden, in Moskau ein Büro zu eröffnen. Das bedeutete für mich, einen geeigneten Standort zu finden. Das Rossija war natürlich erste Wahl, weil ich mir sofort vorstellte, welchen Blick man von hier oben haben müsste. Korrespondenten aus aller Welt sollten mit dem typischen Moskauer Stadtpanorama im Rücken von unserem Büro aus live überall hin berichten - der Kreml als Kulisse immer dabei. Als wir das Hotel dann allerdings von innen sahen, entschieden wir uns, nur für einen überschaubaren Zeitraum zu bleiben. Damals - Sie müssen wissen, das war ´91 - unter diesen halbsowjetischen Umständen des Übergangs, Gorbatschow noch im Amt, aber nur als Präsident von Jelzins Gnaden und so weiter, da war fast alles, was wir wollten, schier unmöglich: Nichts durfte umgebaut, nichts verändert werden. ›Um den Gesamteindruck unseres Hauses nicht zu verderben‹, ließ uns das Management wissen. Also mieteten wir einfach ein paar Zimmer und zahlten wie ganz gewöhnliche Hotelgäste. Für einen Aufpreis durften wir eine Satellitenanlage aufs Dach stellen. Als Verhaltensregel wurde uns von der Hoteldirektion mitgegeben: ›Maximal den Eindruck erwecken, dass ihr nicht da seid, damit ihr keine unnötige Aufmerksamkeit erregt und nicht irgendwer für Probleme sorgt ...‹ "

Doch ein besseres Domizil konnte die Eurovision kaum finden und blieb. In den vergangenen zwölf Jahren gaben sich nicht nur Fernsehkorrespondenten aus aller Welt, sondern auch Politiker, die auf Staatsbesuch in den Kreml kamen, im Eurovisionsstudio Rossija die Klinke in die Hand. Dirk Verhulst streicht sich über den à la russischer Rekrut kahlgeschorenen Kopf und lächelt - ihm fallen gleich mehrere Episoden ein.

"Ich glaube, sieben Jahre muss das her sein, als der jetzige israelische Regierungschef Sharon drüben bei Jelzin zu Gast war". Verhulst steht auf und geht zum Fenster. "Das russische Fernsehen wollte mit ihm partout in unserem Rossija-Studio ein Live-Gespräch führen, weil Sharon nicht ins russische Fernsehzentrum fahren wollte oder aus Sicherheitsgründen nicht durfte, ich weiß nicht mehr ... Jedenfalls, seine Sicherheitsbeamten - die wir alle nie vergessen werden -, verlangten allen Ernstes, wir müssten das Fensterglas im Studio austauschen. Das bekamen wir genau in dem Augenblick zu hören, als Sharon umringt von seinen Leibwächtern, die übrigens Hunde dabei hatten, schon hier oben bei uns auftauchte. Von der Idee mit dem Sicherheitsglas konnten wir sie zwar wieder abbringen - schon normales Fensterglas zu ersetzen, konnte damals auch bei noch so guter Bezahlung Wochen dauern - aber unser Kameramann, Nikolai Plachin, dem haben sie einiges zugemutet. Während er das Interview aufzeichnete, hatte sich hinter ihm ein Bodyguard aufgebaut, der die ganze Zeit über die Maschinenpistole auf Nikolais Rücken gerichtet hielt. Und rundum standen bis an die Zähne bewaffnete Männer, offensichtlich bereit, jederzeit ihre Kampfhunde loszulassen oder sonst was zu veranstalten ..."

Zur Siegesfeier am 9. Mai 1995 - dem 50. Jahrestag des Sieges im Großen Vaterländischen Krieg war nicht nur Bill Clinton, sondern die gesamte Politprominenz der Welt auf einmal in Moskau. Und natürlich wollten Hunderte von Korrespondenten mit dem Kreml-Hintergrund aus dem Studio der Eurovision in ihre Länder berichten.

"Clintons Sicherheitsleute heizten uns ordentlich ein", stöbert Verhulst in seinem Anekdoten-Fundus. "Welches Fenster benutzt würde, fragten die mich. Ich zeigte ihnen genau den Platz, an dem die Korrespondenten stehen würden, und erhielt zur Antwort: ›Halten Sie vor jeder Live-Übertragung ein weißes Blatt aus genau diesem Fenster. Unsere Scharfschützen eröffnen das Feuer, sobald ein anderes Fenster geöffnet wird und dort irgendjemand auftaucht. Sie schießen auch - ohne Vorwarnung - wenn sie durch das weiße Blatt eine Lichtspiegelung aus diesem Fenster wahrnehmen. Auch wenn das nur Ihre Kamera sein sollte ...‹ - Tagelang hielten mich die Kollegen damals für vollkommen verrückt und verwirrt, weil ich ständig aufpasste, was sich an den Fenstern abspielte - ich konnte den Korrespondenten ja schlecht sagen, in welcher Lebensgefahr sie schwebten ..."

Auch Interviews mit Michail Gorbatschow wurden bei der Eurovision im Rossija geführt. "Ich kann mich erinnern, der brauchte jedes Mal eine halbe Ewigkeit, bis er endlich im Studio eintraf. Zuerst wussten wir nicht, warum das so war, aber dann klärten uns die Hotelangestellten auf, was es mit Gorbatschows Langsamkeit auf sich hatte. Der war schon vor seiner Zeit als Generalsekretär und später als Präsident viele Male im Rossija abgestiegen. Damals war er einfacher Abgeordneter, oder - wie hieß das? - ein Volksdeputierter. Und aus dieser Zeit kannte er offenbar jede "Deschurnaja" - jede Etagenfrau und alle Putzfrauen persönlich. Später dann, als Gorbatschow sein Amt als Präsident längst verloren hatte, aber weiter ein begehrter Gesprächspartner blieb - da kann man sich ja vorstellen, wie angetan die Hotelfrauen waren, wenn sich ihr früherer Staatschef noch an sie erinnerte und sie mit Handschlag begrüßte!"

Julja Tartakowskaja gehörte nicht zu den Etagenfrauen, die dem Abgeordneten Gorbatschow vor Zeiten einmal den Hotelpass, einen kleinen gelben, aus Karton geschnittenen Zettel mit der Zimmernummer darauf, gegen den Zimmerschlüssel tauschten. Das ist die entscheidende, alles sonst in den Schatten stellende Mission einer "Deschurnaja": Sie muss immer im Bilde sein, wer gerade auf seinem Zimmer und wer unterwegs ist. Und: Sie muss immer heißes Teewasser bereithalten.

"Caj budjete?" - "Möchten Sie einen Tee?" - die Frage aus Juljas Mund bedeutet dem befrackten Herrn aus Rjasan, der sich gerade - rötliche Zornesfalten auf der steilen Stirn - bei ihr über das fehlende Haarshampoo in seinem Bad beschwert, dass sie als "Deschurnaja" die Sache friedlich beilegen möchte.

"Wenn Sie noch Shampoo brauchen, bringe ich es Ihnen gleich!", fügt sie freundlich hinzu, völlig unberührt vom Ärger, den der Hotelgast an ihr auslässt.

"Das ist doch wirklich eine Schande - ein einziges Fläschchen hinzustellen!", schimpft es weiter. "Nehmen Sie doch zehn Rubel mehr für die Übernachtung!"

Juljas Taktik wird langsam klar: Sie unterlässt alles, was eine für sie hoffnungslose Debatte zusätzlich anfachen könnte. Doch ihr Herr Gast will sich weder von der Aussicht auf einen Tee noch einlenkenden Worten besänftigen lassen. Er ist vielmehr entschlossen, die post-sowjetische Dienstleistungs-Gesellschaft, deren Verkörperung als Julja Tartakowskaja vor ihm steht, ein für alle Mal zu westlichem Standard zu bekehren.

"Wir haben die Anweisung, nur bei der Ankunft des Gastes Shampoo auszugeben. Wer es möchte, kann bei uns Nachschub bekommen", gibt Julja zu Protokoll.

Bestärkt in seiner Annahme, es handele sich um einen neuerlichen, skandalösen Fall der Endlos-Soap Der Kunde ist immer der Bettler, setzt der Frackträger aus Rjasan zu einer weiteren Argumentationsrunde an.

Doch da naht Rettung für Julja: Eine englische Touristin, die nach dem richtigen Ausgang zum Kaufhaus GUM fragt. Entschuldigend hebt Julja gegenüber dem aufgewühlten Herrn den Finger - einen Moment! - soll das heißen - und dann erklärt sie, wie man auf dem kürzesten Wege zu Moskaus legendärem Einkaufstempel gelangt.

Noch immer ohne Shampoo, aber inzwischen etwas ruhiger, verschwindet der Herr aus Rjasan leise vor sich hinschimpfend in einem der endlosen Flure.

"Die Ausländer sind viel freundlicher und bereit, sich mit meinen Erklärungen zufrieden zu geben. Mir kommt es fast so vor, als hörten die noch vor der Landung in Moskau von ihrem Reiseführer, dass man in Russland immer mit dem Schlimmsten rechnen müsse. Wenn sie unzufrieden sind, versuchen sie ein- oder zweimal eine kleine Beschwerde, aber letzten Endes sind sie doch dankbar, dass alles recht glimpflich abgeht mit ihrer Russlandtour. Und das Rossija bestärkt sie in diesem Eindruck."

Julja besitzt eine für jede Etagenfrau unentbehrliche Eigenschaft: Sie verspürt niemals den Wunsch, Gästen beweisen zu müssen, dass sie weit mehr über den Dingen steht, als es der Anschein vermuten lässt. Aber sie könnte wie fast jede ihrer Kolleginnen allein dank ihrer praktischen Erfahrung aus dem Stand ein Examen in Psychologie bestehen.

"Etwas Psychologie täte auch unserer Geschäftsleitung gut", lächelt sie. "Die erklärte uns gerade auf einer Personalversammlung, dass selbst bei einer Schließung des Hotels niemand auf der Straße landet. Wie das gehen soll, haben die uns natürlich nicht sagen können. Ich glaube, das sind alles nur leere Worte."

Julja wird von einem lauten Hämmern übertönt, das vom Fenster her in die Korridore dringt. Selten bleibt heutzutage ein Moskauer vom kapitalen Baugeschehen verschont. Schaut man aus dem Fenster, sind allenthalben Kräne, Gerüste und Bulldozer zu sehen. Lässt man es geöffnet, lebt man im Takt dröhnender Presslufthämmer. Ausschlaggebend für Abriss, Restaurierung oder Umbau ist der Wille des Moskauer Bürgermeisters und seiner Frau Elena Baturina, Eigentümerin der Immobilienfirma INTELKO. Juri Lushkow lässt mit Vorliebe niederreißen, was ihm im Wege steht. Er begründet diese Vorliebe stets einleuchtend und nachvollziehbar: "Wir haben ein unerträgliches Verkehrsaufkommen!" - "Bei uns fehlt es an Parkplätzen!" - Wir müssen in Moskau noch immer mit einer viel zu bescheidenen touristischen Infrastruktur auskommen!"

Auch das Rossija steht Lushkow unübersehbar im Wege. Eigentümerin ist die Stadt Moskau, so dass dem Vorhaben, das Terrain einer lukrativeren Verwertung zuzuführen, kaum ernsthafte Hindernisse drohen.

Mit demselben Elan hat Juri Lushkow schon anderen Sowjet-Hotels den Garaus gemacht, dem Intourist beispielsweise. Auch das unter Josef Stalin gebaute Hotel Moskwa steht - zum Entsetzen von Denkmalschützern und Veteranen - auf der Abschussliste. Eine riesige Plane verhüllt die Fassade. Stein für Stein wird das wuchtige Gebäude unterhalb des Kremls abgetragen. Um den 1935 errichteten Bau rankt sich die Legende, er habe deshalb verschiedene Fassaden, weil Architekt Alexej Schtschussew stets fürchtete, die Wünsche des Genossen Stalin missverstanden zu haben. Der große und geliebte Führer hatte nämlich irrtümlich beide der ihm vorliegenden Vorschläge für einen Bauplan unterzeichnet. Und so erhielt das Hotel kein einheitliches Aussehen, sondern zeigt nur auf je zwei Seiten die gleiche Ansicht.

Vor zwei Jahren schon verkündete Lushkow, dass dem Moskwa die Stunde geschlagen habe. Ein neues Hotel soll entstehen, samt dringend benötigter Tiefgarage. Immerhin versprach der Bürgermeister, "was auch immer in meinen Kräften steht" zu tun, um mehr als nur einen Hauch der Erinnerung an das klassizistische Erbe Moskaus und der Stalin-Zeit zu wahren.

Ausschlaggebend für solche Entscheidungen ist nicht zuletzt die finanzielle Regsamkeit der Interessenten für egal welchen potenziellen Baugrund. Der, auf dem das Hotel Rossija steht, ist der mit Abstand teuerste an den Ufern der Moskwa.

"Hätten wir uns Anfang der neunziger Jahre nicht relativ bald entschieden, mit dem Rossija dann doch einen langfristigen Mietvertrag für unsere Studios hier oben abzuschließen", erzählt Dirk Verhulst, der inzwischen eine neue Schachtel Zigaretten aus dem Automaten in der Eurovisionseigenen Küche im elften Stock holen musste, "würde wir jetzt nicht hier sitzen. Sich so einfach und prompt wie damals einzumieten - heute wäre das undenkbar."

Verhulst lässt sich noch ein wenig von den Erinnerungen treiben. Es sei schon schade, dass es mit dem Rossija vielleicht bald vorbei sein werde. "In diesem Hotel konnte es sich schließlich jeder leisten, irgendwann einmal in seinem Leben zu übernachten. Selbst die einfachsten Leute aus den entferntesten Gebieten Russlands habe ich unten oft an der Rezeption stehen sehen. Die konnten dann zu Hause erzählen, sie hätten direkt gegenüber dem Kreml gewohnt. Da geht viel verloren jetzt, und viele spüren das. Die Russen lieben ja die Nostalgie, besonders, wenn sie ein bisschen schwermütig macht."

Im Bürgermeisteramt auf der Twerskaja-Straße, der Prachtmeile Moskaus, die zum Kreml und zum Roten Platz führt, kennt man keine Nostalgie. Dass dem glatzköpfigen Bauherren Lushkow gelegentlich die Denkmalschützer auf die Füße treten, gilt als zumutbares Ärgernis.

Und wo nicht kaltblütig geschleift werden kann, gibt es auch andere Wege. Man munkelt hinter vorgehaltener Hand, der Brand in der historischen Moskauer Manege, die am Abend des 15. März, dem Tag der Wiederwahl Wladimir Putins zum Präsidenten, bis auf die Grundmauern zerstört wurde, sei dem Bürgermeister Lushkow nicht unlieb gewesen. Er hatte sich so inständig einen Umbau des alten Ausstellungsgebäudes gewünscht und war dabei immer wieder auf den hinhaltenden Widerstand von Architekten und Konservatoren gestoßen. Verblüffend war die Eile, mit der nur wenige Tage nach dem Brand die Bautrupps anrückten, um die hässlichen Trümmer aus dem Weg zu räumen. Immerhin verspricht Lushkow auch hier eine Wiederkehr des äußeren Erscheinungsbildes. Die Umfassungsmauern des einst als Reithalle errichteten Bauwerks stehen noch.

Das "Bau auf! Bau auf!" lässt jedenfalls den Rubel unablässig in die Kassen des kommunalen Wirtschaftsimperiums Moskau rollen. Die Stadt ist an den meisten Projekten direkt oder indirekt beteiligt. Monatsmieten bis 12.000 Dollar für große und komfortable Wohnungen an der Twerskaja- oder Gorki-Straße sind längst keine Seltenheit mehr. Der Kaufpreis pro Quadratmeter liegt mancherorts bei 10.000 Dollar. Den gewieften Pionieren des russischen Kapitalismus winken sagenhaften Gewinne, und sie wissen, was sie zu verlieren haben.

Um so spektakulärer dürften deshalb die bisher noch geheim gehaltenen Ergebnisse eines städtischen Untersuchungsausschusses sein. Der hatte über den technischen Zustand öffentlicher Bauten zu urteilen, die sich eines regen Publikumsverkehrs erfreuen. Die Kommission - soviel wurde bereits bekannt, ohne für Überraschungen zu sorgen - habe sich zu dem Befund durchgerungen: Sollte es zu Naturkatastrophen kommen, sollte es Brände oder Sprengstoffanschläge geben, müssten mindestens 60 Gebäude als "akut gefährdet" eingestuft werden. Darunter sämtliche Sportstätten, die einst für die Olympischen Spielen von 1980 errichtet wurden. Auch Streckenabschnitte und Stationen der Metro, auch Wolkenkratzer aus der Stalinzeit wie das Hauptgebäude der Universität oder das einstige Nobelhotel Ukraine. Doch bleibt die Expertise vorerst unter Verschluss und ohne Folgen. Die Kommission untersteht der Stadtregierung und damit Juri Lushkow.

Doch auf jedem Gipfel drohen auch Abstieg oder Fall. Es mehren sich die Anzeichen, die inzwischen elfjährige Regierungszeit des Moskauer Maurersohns und Hobby-Imkers Lushkow könnte ein Ende finden, ein jähes unter Umständen. Der Einsturz des Aqua-Parks Transwaal am 16. Februar, bei dem 25 Menschen starben - Teile des Erlebnisbades sind Eigentum von Lushkows Ehefrau Elena Baturina - soll Gerüchten zufolge durch teilweise groteske Konstruktions- und Baumängel verursacht worden sein und Präsident Putin ernsthaft empört haben. Dem wäre es ohnehin lieber, einer aus seiner Petersburger Equipage könnte Moskau möglichst bald übernehmen. Moskau und Umgebung, das ist immerhin ein Markt mit rund 17 Millionen Verbrauchern. Ein Gelobtes Land, in dem ein Fünftel des russischen Bruttoinlandsprodukts erwirtschaftet und fast dreimal so viel Lohn gezahlt wird wie in der Provinz. Hier herrscht das Grundgefühl: Es geht aufwärts! Und Wladimir Putins Heimat Sankt Petersburg in den Rang einer Hauptstadt der Russischen Föderation zu erheben - dafür hat sich nach diversen Test-Ballons und Pseudo-Debatten bislang keine Mehrheit finden lassen.

Es würde nicht verwundern, bekäme Lushkow seinen Rücktritt mit einer staatlichen Auszeichnung versüßt. Angeblich soll es schon im September soweit sein.

Die Dunkelheit in ihrem Deschurnaja-Verlies macht Julja zu schaffen. Wann sie ihr letztes Teewasser im Rossija aufsetzt, weiß sie nicht. Wann das Hotel wie ein U-Boot abtauchen wird und die letzten Gäste für immer ausziehen, weiß auch niemand. Julja sieht dem Abschied, der auch ein Abschied von einem Stück ihres Lebens sein wird, schicksalsergeben entgegen. Sie hält sich an die Goldene Lebensregel der meisten Russen: "Es kommt, wie es kommt. Wenn es soweit ist, werden wir schon wissen, was zu tun ist."

Heute hat sie ohnehin keine Zeit für Trübsinn und düstere Zukunftsahnungen, denn über das Management wurde gerade ein "strategischer Sieg" errungen, wie sie meint: Es geht um den Arbeitstakt, in dem die Etagenfrauen eingesetzt werden. "Wir dürfen jetzt 24 Stunden hintereinander arbeiten!" - Das scheint zunächst eine eher weniger erfreuliche Nachricht zu sein. Aber Julja erklärt die nicht von der Hand zu weisenden Vorteile: "Jetzt ist Datschen-Saison. Und ich habe gerade die Tomaten gepflanzt! Wenn ich wie früher zwölf Stunden am Stück arbeite, bekomme ich nur zwei Tage frei. Bei 24 Stunden sind es drei. Die Johannisbeeren müssen nämlich auch dringend gedüngt werden. Das ist in diesem Jahr ein so stiller Sommer draußen vor der Stadt, da will man ..." - doch da wird sie schon wieder von ihren Dienstpflichten eingeholt: Eine Gruppe von Touristen steht am Tresen und ist auf der Suche nach Ansichtskarten. "Aber nicht vom Kreml, sondern hier von diesem Hotel!" - "Davon gibt es bei mir leider nur wenige - unten im Souvenirgeschäft sollten sie nachfragen". Julja schickt die jungen Leute um mehrere Ecken und durch mehrere Gänge bis zum richtigen Fahrstuhl. Wendet sich dann um und sagt: "Sehen Sie sich bei uns nur in Ruhe um. Man muss sich Zeit nehmen für das Hotel Rossija - wer weiß, wie lange das alles noch steht."


00:00 25.06.2004

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