Geteiltes Dorf

Grenzen Der Ort Barta’a im Norden des Westjordanlands gehört sowohl zu Israel als auch zu Palästina. Etliche Bewohner wissen das zu schätzen

Lydia Aisenberg hebt die Hand zum Gruß. Den Schlachter kenne sie schon seit Jahrzehnten, erzählt sie. Weißgraue Gedärme liegen auf einem Haufen, auch ein gehäuteter Schafskopf, Blut rinnt in ein Loch im Fliesenboden. Ein Händler an der Ecke verkauft Eier, sie liegen in der Sonne. „In Israel ist es nicht erlaubt, Eier am Straßenstand zu verkaufen. Aber er sitzt auf der anderen Seite des Kreisverkehrs. Auf palästinensischem Boden“, erklärt die Journalistin und Aktivistin Aisenberg. Eigentlich mag sie diese Bezeichnung nicht. „Ich bin Friedenssucherin“, betont die fünffache Mutter und zehnfache Großmutter.

Seit sie denken kann, kommt Aisenberg in den Ort Barta’a, das geteilte Dorf an der Grenze zwischen Israel und den palästinensischen Autonomiegebieten. Ihr Kibbuz, Mischmar HaEmek, liegt nur eine Viertelstunde Autofahrt entfernt. „Ein richtiger Kibbuz. Keine Touristenattraktion“, betont Aisenberg. Sie trägt ein schwarzes T-Shirt mit arabischen Schriftzeichen, ein Davidstern baumelt als Kettenanhänger um ihren Hals. Die gebürtige Waliserin lebt seit über fünfzig Jahren in Israel. Sie arbeitet außerhalb des Kibbuz in der Nichtregierungsorganisation Givat Haviva, die seit 1949 den arabisch-jüdischen Dialog vorantreibt und dafür schon von der UNESCO ausgezeichnet wurde. Der Ort Barta’a liegt Aisenberg besonders am Herzen. Hier werde die Absurdität und Komplexität des Nahostkonflikts besonders deutlich, so die über 70-Jährige. Am Beispiel von Barta’a könne man begreifen, warum eine Zweistaatenlösung so wünschenswert, aber auch so schwer umzusetzen sei.

Grüne Tinte trennt Familien

Im Wadi Ara bei Nazareth und dem Karmelgebirge, an den Hängen des judäisch-samarischen Berglands, liegt das 10.000-Seelen-Dorf Barta’a. Viel Weideland für Viehzucht, das Mittelmeer nicht weit entfernt. Ein Ort, der eine Idylle vortäuscht. Die Einwohner Barta’as reisen nämlich jeden Tag von einem Land ins andere. Für die Arbeit, zum Familienbesuch, zum Zahnarzttermin. 1949 wurde die sogenannte Grüne Grenzlinie mitten durch den Ort gezogen. Die Häuser am Osthang fielen damit einst unter jordanische Kontrolle, die Westhänge gehörten zu Israel. Grüne Tinte trennt seitdem Familien, Nachbarn, Geschäftspartner. Niemand weiß, ob den Verhandlungsführern von Rhodos die kleine Gemeinde nicht bewusst war, als sie beschlossen, die Grenze entlang der Talsohle zu ziehen.

„Wir alle gehören eigentlich zu einer Familie: Ddem Kabha-Clan“, erklärt Salach Kabha. Jeder im Dorf habe denselben Familiennamen. Salach besitzt ein Restaurant gleich hinter dem östlichen Ortseingang. Das macht den 47-Jährigen zum Palästinenser. Zwei seiner Brüder haben jedoch Frauen aus dem Westteil der Stadt geheiratet. Damit sind sie Israelis. 6.000 Kabhas sind zurzeit offiziell Palästinenser, 4.000 nennen sich Israelis. Weißer oder blauer Pass; weißes oder gelbes Nummernschild.

Bis zum Sechs-Tage-Krieg 1967 unter jordanischer Herrschaft, war es kaum möglich, in den anderen Teil der Stadt zu fahren. Die Ortsteile entwickelten sich unabhängig voneinander. „Seitdem gibt es hier alles doppelt: Moschee, Schule, Friedhof“, sagt Salach. Er selber könne sich nicht mehr an die jordanische Militärherrschaft erinnern. „Aber ich erinnere mich!“, ruft Masri Kabha hinter der Theke. Der 61-Jährige lebte schon damals in Ost-Barta’a und weiß, wie es war, plötzlich von Familienmitgliedern und Freunden getrennt zu sein. „Hochzeiten haben wir auf den Hügeln abgehalten, sodass die Verwandten auf der anderen Seite zuschauen konnten. Geburten und Todesfälle wurden durch Rufe verkündet. Der Friedhof wurde auf dem Berg errichtet, sodass man wenigstens wusste, wo die Liebsten ruhen.“ Manchmal sei er bis hinunter ins Tal gelaufen, um mit Freunden auf der anderen Seite zu sprechen. In ausreichendem Abstand habe man sich Neuigkeiten zugerufen. Seit die Israelis da sind, sei es besser, findet er. Nun könne man – wenn auch heimlich – zwischen den Ortsteilen hin- und herpendeln.

Im Jahre 1967, nach dem Sechs-Tage-Krieg, hat Israel den Ort unter seine Kontrolle genommen. Ost-Barta’a gehört seitdem offiziell zur sogenannten B-Zone des Westjordanlands und fällt damit unter die autonome Verwaltung der Palästinensischen Autonomiebehörde. Israelis ist der Zutritt in B-Zonen offiziell nicht erlaubt. Israelische Militärgewalt darf in diesen Gebieten nicht angewandt werden. Als die arabische Welt den Sieg des israelischen Staates betrauerte, feierten sie in Barta’a die Wiedervereinigung ihres Dorfes nach 18 Jahren. Viele Menschen schlossen eilig Ehen zwischen den zwei Seiten des Dorfes. Auch Salach hat zwei Brüder, die Frauen aus dem Westteil geheiratet haben. Eifersüchtig auf ihre Vorteile als Israelis – etwa eine israelische Kranken- und Arbeitslosenversicherung – sei er jedoch nicht. „Ich habe die Frau geheiratet, mit der ich auch zusammensein wollte“, bemerkt er kurz.

2003 sahen sich die Bewohner des Ortes wieder mit einer neuen Situation konfrontiert: Direkt durch die Äcker und Felder hinter Ost-Barta’a wurde die israelische Sperrmauer zu den palästinensischen Gebieten gezogen; seither fallen die angrenzenden Gebiete in die sogenannte C-Zone und befinden sich damit unter israelischer Militärherrschaft. „Es gibt drei jüdische Siedlungen rund um Ost-Barta’a. Deshalb wurde die Sperrmauer ein Stück versetzt, um die Siedlungen vor Eindringlingen aus dem Westjordanland zu schützen“, versucht Lydia Aisenberg die komplizierte Situation zu erklären. Ost-Barta’a ist damit so etwas wie eine palästinensische Exklave. Selbst eigentlich autonom, jedoch umgeben von israelischer Besatzung und abgeschnitten vom Rest des Westjordanlands.

Rings um den Grenzzaun: weiße Felsen, dunkelgrünes Gestrüpp, hie und da Olivenbäume. Wenn Aisenberg Hebräisch spricht, schwingt bei der geborenen Waliserin immer noch ein englischer Akzent mit. Für die meisten Menschen sei der Flickenteppich Westjordanland nicht mehr überschaubar, sagt sie. Man müsse die Chronologie der Geschichte begreifen, um die heutige Situation zu verstehen. „Dieser Konflikt ist vor allem ein geografischer. Es geht um Land. Um Wege und um Knotenpunkte. Doch mittlerweile ist es sehr kompliziert geworden. Barta’a ist wie aus einem Monty-Python-Sketch.“

Erstaunlicherweise hat der Wirt Salach nichts gegen die Mauer. Im Gegenteil: Er ist froh darüber, dass Ost-Barta’a im Niemandsland zwischen Mauer und Grenze liegt. Die Personen, die legal die Grenze vom Westjordanland überqueren, seien so bereits vom israelischen Militär kontrolliert, sagt er. Während der Zweiten Intifada habe es viel Ärger gegeben. „Nun kommt niemand rein, der Unruhe bringen könnte. Seit dem Bau der Mauer leben wir in Frieden. Ich möchte nicht, dass sie abgerissen wird.“ In den benachbarten Orten Jenin im Westjordanland und Umm al-Fahm in Israel kommt es dagegen immer noch oft zu Zusammenstößen. Barta’a sei eine Insel zwischen den Grenzen.

Ironischerweise hat Barta’as Isolation manch einem zum wirtschaftlichen Aufschwung verholfen. Fern von Regulierungen durch die Palästinensische Autonomiebehörde ist der Ort so etwas wie eine Freihandelszone. An den Wochenenden fahren arabische Israelis gern für Shoppingtouren nach Ost-Barta’a. Wer hier Handel betreibt, zahlt geringe Steuern, daher die niedrigen Preise – und ein üppiges Angebot. Bis zu 20.000 Autos schieben sich an manchen Tagen durchs Dorf, einige mit israelischen, andere mit palästinensischen Kennzeichen. Es gibt Teppiche, Kitsch und Haushaltswaren, Spielzeuge, Kosmetik, und Textilien. Glitzer, Neon, Plüsch, Schaufensterpuppen mit geblümten Kopftüchern. Die Ost-Barta’aner können sich vor Kunden kaum retten. Abgeschnitten von der eigenen palästinensischen Regierung, meist ignoriert von der israelischen, hat sich der Ort zu einer Art Wildem Westen entwickelt.

Pendeln nach Tel Aviv

Viele Autos hätten keine Nummernschilder und manche Anwohner besäßen Waffen ohne Lizenz, erzählt Achmad Kabha, Cafébesitzer in West-Barta’a. Er habe den Eindruck, dass seine Familienmitglieder aus dem Osten ihn um seine Privilegien als israelischer Staatsbürger beneiden. Gestern noch sei er in Tel Aviv gewesen. Auch die Lebensmittel für das Café bezieht er aus Israel. Während er arabischen Kaffee brüht, trinken zwei israelische Soldaten süßen Tee. Ihre Waffen liegen auf den Plastikstühlen neben ihnen.

„Vor ein paar Tagen wurde im Ostteil ständig in die Luft geschossen“, erzählt Kabha, „Jugendliche wahrscheinlich. Ob aus Langeweile oder Jubel, das weiß ich nicht.“ Die israelische Polizei sei gekommen, habe einige Männer verhaftet. Das sei neu. In Ost-Barta’a habe sie eigentlich nichts zu suchen. Vielleicht werde das noch zu Ärger führen. „Ich glaube, die Palästinensische Autonomiebehörde hat sie darum gebeten. Sie hat keinen Einfluss mehr auf Ost-Barta’a.“

Zurück auf der anderen Seite des Ortes betreibt Rateb Kabha seinen Friseursalon. Einer seiner zwei Brüder hat nebenan eine Hühnerschlachterei, der andere ist Direktor in der Schule gegenüber. Seine beiden Schwestern leben jedoch mit ihren Ehemännern im Westen. Manchmal besuche er sie. Das ist zwar offiziell nicht erlaubt, aber er mache es trotzdem: „Wenn man erwischt wird, bezahlt man eine saftige Strafgebühr. Aber die Gesetze sind hier nicht in Stein gemeißelt. Es kommt darauf an, welchem israelischen Polizisten man gerade begegnet.“ Bisher habe er Glück gehabt. Außerdem: „Sobald man über 50 Jahre alt ist, ist man den Israelis egal. Sie beobachten die jungen Männer. Bei denen ist die Gefahr viel größer, dass sie sich radikalisieren und etwas Unüberlegtes tun.“ Einer seiner Söhne sitzt seit anderthalb Jahren in einem israelischen Gefängnis. In einem Monat wird er entlassen. „Meiner Meinung nach war er zur falschen Zeit am falschen Ort“, sagt Rateb Kabha und zieht an seiner Zigarette. „Ein paar Kinder haben Steine auf eine Militärstreife geworfen. Er war dabei.“

Dann erhebt er sich vom Salon-Sofa, streicht die Falten seiner Hose glatt und entschuldigt sich. Der Muezzin ruft zum Gebet. Es ist später Nachmittag. Wer jetzt das Dorf verlassen will, sollte es bald tun, sagt auch Rateb. Der Stau, die Autokolonnen. Er deutet mit dem Finger in die Höhe, bewegt ihn langsam von links nach rechts und lächelt. Leicht versetzt hört man aus der Ferne zwei Stimmen singen, fast in Stereo: eine vom Westturm, eine vom Ostturm der Stadt.

06:00 14.06.2017

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