Gibt es linken Fußball?

Systemfrage Kurz vor der WM und lange nach César Luis Menotti: Das Spiel ist heute Arbeit plus Technik plus Genieblitz
Ausgabe 23/2014

Als im vergangenen Jahr in Brasilien der Confederations Cup ausgetragen wurde, ein Vorbereitungsturnier auf die diesjährige Fußballweltmeisterschaft, da gab es wichtige Erkenntnisse. Manche Spieler konnten nach 20 Minuten kaum mehr atmen. Sie schleppten sich über den Platz, die Luftfeuchtigkeit raubte ihnen die Energie, von einem planvollen Spiel konnte nur bedingt die Rede sein. Und wer gesehen hat, wie im deutschen Pokalfinale vor ein paar Wochen oder im Finale der Champions League die besten Fußballer der Welt gegen Ende von Krämpfen geplagt wurden, wird die Hoffnungen auf großen Fußball in Brasilien ein wenig herunterschrauben. Am Ende ist alles vielleicht nicht so sehr eine Sache der Taktik, sondern des Klimas.

Unter diesem Vorbehalt steht auch die klassische Systemfrage, die zu Beginn des wichtigsten Turniers im Weltfußball regelmäßig gestellt wird. Wird es neue Erkenntnisse geben, neue Formationen, neue Stilistiken? Wird das Spiel eine Ausprägung bekommen, die es erlaubt, es als große Metapher zu lesen? Wird es, um die berühmteste dieser Metaphern zu bemühen, vielleicht sogar zu einer Renaissance eines „linken“ Fußballs kommen, wie der Argentinier César Luis Menotti ihn predigt?

Nichts wäre wünschenswerter angesichts eines oligarchischen, korrupten Fußballweltverbands, der sich mit Anmaßungen, die davor nur der Kirchenstaat ähnlich frech für sich reklamierte, von den Gesetzen ausnehmen lässt. Doch Vorsicht ist geboten. Denn Menottis Proklamation eines Spiels, das sich vom „Terror der Systeme“ und von der „Diktatur der Taktik“ befreit, war immer schon von einem Überschuss des Rhetorischen geprägt. In all den Jahren seit 1978, als Menotti mit Argentinien in Argentinien bei einem wohl teilweise verschobenen Turnier Weltmeister wurde, hat sich der Fußball in eine Richtung entwickelt, die dem Spielraum für das Spiel immer kleiner werden ließ. Und zwar durchaus in einem buchstäblichen Sinn: Es ist ungeheuer eng geworden auf den Plätzen. Nur gelegentlich vermag sich eine Mannschaft so wirkungsvoll Raum zu schaffen wie zuletzt Real Madrid in den beiden Spielen gegen den FC Bayern.

Die Kreativökonomie

Menotti vertrat einen spielerischen Fußball, in dem sich ein Volk freudvoll verwirklichen konnte. Befreiungstheologische und emanzipationspolitische Ideen klangen da an, beides sind Motive, die auch angesichts der gewachsenen Mittelklassen in Schwellenländern wie Brasilien nichts an Aktualität verloren haben. Doch mangelte es dem linken Fußball immer schon an konkreten Beispielen seiner Umsetzung.

Die argentinischen Nationalmannschaften der Ära Maradona waren geradezu Gegenbeispiele zu Menottis Theorem, jedenfalls wenn man dem großen italienischen Politologen Norberto Bobbio folgt, der in seinem Buch über Rechts und Links feststellt, dass das entscheidende Kriterium dabei „die Haltung ist, die die in einer Gesellschaft lebenden Menschen im Hinblick auf das Ideal der Gleichheit einnehmen“. Kürzer und zugespitzt gesagt: Linke Politik ist egalitaristisch, und linke Teams müssten das dann auch sein.

Dass Maradona, der einmal auch die „Hand Gottes“ bemühte, im Gegensatz zu diesem linken Fußball eher eine Genieästhetik bemühte, die später allenfalls von Zinédine Zidane noch einmal aktualisiert wurde, ändert nichts daran, dass der generelle Trend im Fußball der letzten Jahrzehnte tatsächlich in diese allgemeine „linke“ Richtung weist. Das Spiel wurde weiter kollektiviert, die Beiträge der brillanten Einzelkönner wurden stärker eingehegt, auf dem Platz muss nun tatsächlich jeder fast alles können. Manuel Neuer ist Torhüter, Libero, Ballverteiler. Thomas Müller ist Raumdeuter, aber auch Gegenpresser. Sergio Ramos ist Innenverteidiger und Goalgetter. Cristiano Ronaldo wurde erst in dem Moment zu einem wahren Weltfußballer, als er das Verteidigen lernte.

Bei all dem ist unübersehbar, dass sich das Verhältnis von Arbeit und Inspiration stark verschoben hat. Der Fußball ist zu einer Kreativökonomie geworden, die auf Verausgabung beruht. Zwölf, dreizehn Kilometer läuft ein Spieler heute in einer wichtigen Begegnung, und dabei kommt es manchmal nur auf die 20 Meter an, die er in einem entscheidenden Moment vielleicht nur schleicht, um sich in eine bessere Stellung zu bringen. Der „Terror der Systeme“, von dem Menotti sprach (er meinte damit auch die argentinische Militärdiktatur, der er 1978 den WM-Titel nicht kampflos zur propagandistischen Verwertung überlassen wollte), hat sich auf ganzer Linie durchgesetzt. Er hat dem Spiel aber nicht die brillanten Momente geraubt, er hat sie nur in ein anderes Verhältnis zu primären Tugenden der Werktätigkeit gesetzt. Fußball ist heute Arbeit plus Technik plus Genieblitz. Erst der Blitz wendet das Bild nach links.

Mit dem Aufstieg von Spanien und dem paradigmatischen Stil, den Pep Guardiola zuerst mit dem FC Barcelona und nun mit dem FC Bayern etablierte, tauchte eine neue Kategorie auf, die auch das Links-Rechts-Schema im Fußball anders akzentuiert: Nun ist die große Streitfrage, ob Ballbesitz gut oder schlecht ist. Barcelona ließ sich in seinen besten Tagen zwischen 2006 und 2012 ohne Weiteres als linkes Exempel betrachten: eine Mannschaft, der es Freude macht, den Ball zu haben, ihn zirkulieren zu lassen, und aus diesen Zirkulationen heraus gelegentlich einen geradezu sanft anmutenden Stich zu setzen, der zu einem Tor führt, nicht selten erzielt von einem „Floh“ namens Messi, der hastdunichtgesehen hinter die gegnerische Verteidigung kam.

Im Spiel, das der FC Bayern über weite Strecken dieser Saison zeigte, wurde dann auch die Kehrseite dieses Modells sichtbar: ein hegemoniales Spiel, das dem Gegner den Raum, die Luft, das Spiel raubte. Ein oppressives Spiel, das Widerstand provozierte, wie ihn Real Madrid schließlich vorführte, mit dem prototypisch linken Stilmittel des schnellen Konters, gegen den Bayern sich nicht ausreichend rückversichert hatte. Zum Pokalfinale nach Berlin kam Guardiola dann mit einem Libero und einer Fünferkette, was spätestens seit Otto Rehakles und dem EM-Sieg von Griechenland als reaktionär gilt.

Mit einiger Sicherheit werden wir bei der Weltmeisterschaft der Nationalmannschaften nur wenige reine Ausprägungen von Stilistiken sehen. Spanien dürfte noch einmal in der bewährten Manier versuchen, zum Erfolg zu kommen. Das EM-Finale 2012 müsste César Luis Menotti eigentlich gefallen haben, denn damals verband sich tatsächlich Brillanz mit Effizienz, wurde die solide Arbeit durch große Momente veredelt.

Doch die Balance von linkem und rechtem Fußball ist schon deswegen schwer zu finden, weil die Voraussetzungen einfach zu ungleich sind. Viele Teams haben gar keine andere Möglichkeit, als ihr Glück zuerst einmal mit Spielzerstörung zu versuchen. Zynisch wird es nur, wenn schwerreiche Teams wie der FC Chelsea das tun.

Emanzipation als Ausnahme

Der linke Fußball, wie immer man ihn genauer fassen will, hat es noch aus einem anderen Grund sehr schwer. Er verweist auch auf die neuen Konfliktlinien in den mediatisierten Gesellschaften. Fußball ist durch die Informationstechnologien ungeheuer transparent geworden. Von Spielen und Spielern werden heute Myriaden von Informationen erfasst und ausgewertet. Sie selbst wiederum lernen an den Spielekonsolen eine ungeahnte Beweglichkeit, der sie dann auf dem Platz nacheifern. So ergibt die Partikularisierung des Spiels, zusammen mit seiner immer konsequenteren Organisation, ein Schema, an dem sich auf absehbare Zeit nicht viel ändern wird: Fußball ist zu einem Spiel geworden, in dem Momente wie Emanzipation und Exaltation nur noch als Ausnahme Platz haben.

Es ist jedoch diese Ausnahme, auf die alles hingeordnet ist. Und es ist wohl kein Zufall, dass die Spieler, die diese Qualität am interessantesten verkörpern, einen ambivalenten Charakter haben wie Mario Balotelli, dem ein Element des Nichtintegrierbaren eignet, das immer wieder auch rassistisch konnotiert wird. Balotelli, der Italiener aus Ghana, steht für einen weiteren linken Fußballtraum: dass Afrika irgendwann die Dominanz der alten Fußballländer brechen könnte. Das wäre ein Sieg nicht nur für die Freude, sondern auch gegen den Rassismus.

Ich hoffe auf Ghana und auf den Berliner Bad Boy Kevin-Prince Boateng. Da bliebe dann wohl dem ganzen Weltfußball für eine Weile die Luft weg.

Bert Rebhandl, im Brotberuf Filmkritiker, bloggt auf marxelinho.net über Fußball

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