Nikolaus Kowall
15.04.2013 | 15:05 31

Gigant oder Partygirl?

Staatsverschuldung Warum Deutschland nicht über, sondern unter seinen Verhältnissen lebt

In Deutschland geistern zwei sich strikt widersprechende Storys über die Potenz der eigenen Volkswirtschaft durch die Medien. Zunächst grassiert eine Art Schuldenhysterie, die immer wildere Blüten treibt. Eine bis zu sieben Billionen Euro schwere Nachhaltigkeitslücke bildet den Gipfel der alarmistischen Szenarien. Und der Chef des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft Michael Hüther assistiert: „Seit den 70ern lebt Deutschland über seine Verhältnisse.

In völligem Widerspruch dazu werden – oftmals von denselben Medien – euphorische Jubelmeldungen verbreitet, wonach Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit alle anderen Euro Staaten und die USA in den Schatten stellt. Von der deutschen Wettbewerbsfähigkeit, die oftmals an den Leistungsbilanzüberschüssen gemessen wird, träumen Medien wie Volkswirte gleichermaßen. Denn die Leistungsbilanzüberschüsse gelten als der probate Beweis für die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft, dieselbe habe eine rosige Zukunft vor sich – wenn Deutschland seine Wettbewerbsfähigkeit nicht durch hohe Lohnabschlüsse gefährdet, wie es das jüngste Lamento „führender“ Wirtschaftswissenschaftler suggeriert.

Wird die Zukunft nun düster oder rosig? Wie passt es zusammen, dass Deutschland einerseits permanent über seine Verhältnisse lebt, andererseits aber ein wettbewerbsfähiger Gigant ist? Dass es sich einerseits auf Kosten zukünftiger Generationen verschuldet, andererseits aber regelmäßig Exportweltmeister oder -Vize wird? Die kognitive Dissonanz, sich zugleich eine rosige und düstere Zukunft auszumalen, scheint die eifrigen Verbreiter dieser Botschaften nicht weiter zu stören. Vielleicht deshalb, weil die Botschaften isoliert so einleuchtend wirken: Erstens, wer mehr ausgibt als einnimmt, kommt eben in die Bredouille. Zweitens, Deutschland wirtschaftet gut, die da unten, im Süden, schlecht.

Schuldenmythen

Von wirtschaftsliberaler Seite wird man nicht müde zu betonen, dass künftige Generationen die öffentlichen Schulden zu stemmen hätten, die von Regierungen in der Gegenwart gemacht werden. Was allerdings immer verschwiegen wird, ist die Aktivseite der Bilanz, denn irgendjemand muss ja auch die Forderungen haben und die entsprechenden Zinsen kassieren. Eine kapitalistische Volkswirtschaft besteht nun mal nicht nur aus dem Staat, sondern auch aus einer wesentlich umfangreicheren Privatwirtschaft.

Es ist entscheidend, sich zu vergegenwärtigen, dass der Staat nur ein Teilsektor der gesamten Volkswirtschaft ist. Wenn also die Privaten die Zinsen aus den Staatsobligationen kassieren, bedeutet dies, dass die Zinsen, die der Staat zu zahlen hat, wieder an die deutsche Volkswirtschaft zurück fließen – wenn auch nicht an den Staat selbst. Kurz gesagt: Die gesamte deutsche Volkswirtschaft hat folglich die Schulden und hält die Forderungen aus der öffentlichen Verschuldung. Künftige Generationen zahlen zwar die Zinsen, aber sie bekommen auch die Zinsen – denn nicht nur die Schulden werden vererbt, sondern auch die entsprechenden Guthaben.

Hinzu kommt: Der Staat hat zwar auch Schulden bei ausländischen Gelgebern. Aber der deutsche Privatsektor hält umgekehrt selbst ein Vielfaches der deutschen Staatsverschuldung als Auslandsforderungen. Deutschland konnte seit 2003 seine positive Vermögensposition im Saldo sogar auf 980 Mrd. Euro (2012) deutlich ausbauen, hält also eine Billion mehr an Schulden, als es als Volkswirtschaft selbst hat.

Das bedeutet: zu behaupten, alle Deutschen hätten pro Kopf 25.000 Euro (Staats)Schulden, ist Unsinn – weil sie pro Kopf sogar deutlich mehr als 25.000 Euro an Forderungen verzeichnen. Belasten Staatsschulden nicht trotzdem künftige Generationen? Das kommt darauf an, ob es sich um Kinder wohlhabender Eltern handelt, die Staatsanleihen in ihren Portfolios halten, oder um Kinder mittelloser Eltern, denen kein Cent überbleibt, den sie veranlagen könnten.

Da der Staat unterm Strich vollständig im Inland verschuldet ist, fließen auch alle Zinsen an die Staatsbürger zurück. Allerdings nur an jene Privaten, die dem Staat Geld geliehen haben. Bezahlen muss aber über das Steuersystem die gesamte Bevölkerung. Die Staatsschulden sind also kein volkswirtschaftliches, sondern ein verteilungspolitisches Problem. Alle zahlen Steuern, aber nur die Wohlhabenden bekommen sie auch als Zinsen auf ihre Staatsanleihen wieder zurück. Staatsschulden könnte man somit auch anders interpretieren: Die Veranlagung durch Wohlhabende in Staatsanleihen ist nichts anderes als das überflüssige Geld, das der Staat im Vorfeld in dieser Einkommensklasse nicht weggesteuert hat.

Mit Steuern wäre das Geld gratis gewesen, so kostet es die Allgemeinheit der Steuerzahler jene Zinsen, die nur von den Anlegern in Staatsanleihen (typischerweise hauptsächlich Geldvermögende) kassiert werden. Das ist insbesondere in Anbetracht der Tatsache absurd, dass Deutschland ohne die gewaltigen Steuersenkungen der letzten 15 Jahre für Besserverdienende und Unternehmen deutliche Budgetüberschüsse einfahren würde.

Lebt Deutschland über seinen Verhältnissen?

Die Bundeskanzlerin ist sich dessen sicher. Die Leistungsbilanzen sprechen aber eine andere Sprache: Der Wert der deutschen Exporte von Gütern und Dienstleistungen überstieg den Wert der deutschen Importe 2012 laut Berechnungen des Münchener Ifo-Instituts um 210 Mrd. Euro – der in absoluten Zahlen weltweit höchste Leistungsbilanzüberschuss, noch vor China und Japan. Die deutsche Volkswirtschaft verzeichnet seit zwölf Jahren durchgehend Leistungsbilanzüberschüsse. Wenn Deutschland als Volkswirtschaft mehr exportiert als importiert, bedeutet dies, dass es mehr produziert als es verbraucht.

Das hat vor allem eine fundamentale Implikation: Die gesamte deutsche Volkswirtschaft lebt nicht über, sondern unter ihren Verhältnissen. Über seinen Verhältnissen würde Deutschland ja nur leben, wenn es mehr verbrauchen als produzieren würde. Das heißt nichts anderes, als dass Deutschland seine Bevölkerung künstlich ärmer hält als sie in Wirklichkeit ist – seit 15 Jahren sackt das Lohniveau gegenüber dem Produktivitätsniveau mehr und mehr ab. Jedes Jahr wird ein Teil der deutschen Produktivität ins Ausland abgeführt, ohne dass ein Ausgleich dieses asketischen Daseins in Sicht wäre. Deutschland gefährdet die Industrien der Handelspartner und macht andere Volkswirtschaft zu seinen Schuldnern, indem es Waren und Dienstleistungen auf Kredit ausführt, ohne einen Gegenwert zu bekommen. Eine klassische Lose-lose-Situation: Entweder hält Deutschland künftig seine Leistungsbilanzüberschüsse aufrecht und verzichtet auf die entsprechenden Forderungen (verschenkt also bewusst Waren und Dienstleitungen), oder es kassiert seine Forderungen, indem es einen Pfad einschlägt, der den Handelspartnern ermöglicht, die Mittel für die Rückzahlung zu erwirtschaften.

Dafür allerdings müssten sich die deutschen Löhne an die heimische Produktivität anpassen, was über mehrere Jahre hinweg Lohnsteigerung deutlich über dem Produktivitätszuwachs bedeuteten würde. Deutschland müsste merklich an preislicher Wettbewerbsfähigkeit verlieren. Diese politische Agenda wäre also genau das Gegenteil zu jener, von der die deutschen Eliten derzeit relativ einhellig überzeugt sind. 

Nikolaus Kowall ist Doktorand am Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung in Düsseldorf und Vorsitzender der Plattform Sektion 8 der SPÖ Wien-Alsergrund.

Dieser Text ist eine gekürzte Version eines Artikels, der im Magazin "Indes" – Zeitschrift für Politik und Gesellschaft erschienen ist. Es wird herausgegeben von Franz Walter, Institut für Demokratieforschung.

 

Kommentare (31)

lebowski 15.04.2013 | 15:45

Ich habs nie verstanden, wieso Leute, die offensichtlich nicht mal zu einfachsten Verstandesleistungen fähig sind, in diesem Land "Eliten" heißen.

Aber man täte den meisten Ökonomen unrecht, wenn man das Gerede eines Herrn Hüther als wissenschaftliche Fehlleistung qualifizieren würde. Es handelt sich bei dem Gerede dieser Leute um nichts anderes als Propaganda nach dem Motto: wessen Brot ich ess, dessen Lied ich sing.

CLW 15.04.2013 | 16:10

Amüsant:

"Die Veranlagung durch Wohlhabende in Staatsanleihen ist nichts anderes als das überflüssige Geld, das der Staat im Vorfeld in dieser Einkommensklasse nicht weggesteuert hat"

Somst liesse sich manches dazu sagen, so z.B. dass der Begriff "Investition" fehlt:

Wenn alles gut läuft, hat man für viele Schulden ja auch einen Sachwert, ezwa einen Flughafen. Tegel, zum Beispiel. Den hat man ja schon lange.

Aber an der Verwirrung ist IMO die Begriffswelt schuld, etwa die ominöse wettbewerb"Fähigkeit". Diese "Fähigkeit" nützt ja gar nichts - erstmal. Bis man tatsächlich etwas absetzt.

Wenn ich meine Wettbewerbsfähigkeit verdoppele, indem ich nur noch eimin pro Kilometer brauche, wird das meine meine Erfolsausichten bei Olympia nicht verbessern.

Was eine sinnvolle Notation leisten müsste, wäre zum einen die Listungsfähigkeit einer Firma (gern gekaufte Produkte herzustelllen und zu leifern) ohne Aussenwirkung.

Dann:

die Herstellungsbedingungrn in einem Land. Das ist es nämlich was "Deutschland* manipuliert hat. Die Bedingungen des Wettbewerbs wurden geändert. De-Fakto.Lohnkürzungen, Dumping-Löhne mit HartzIV-Aufstockung, Zumutbarkeitsregeln, die sngesprochenen Unternehmenssteuer-Senkungen auf Pump. Alles mit dem DGB abgesprochen.

Und dann wird nämlich auf einmal deutlich, dass "wir" uns in einem Wirtschaftskrieg befinden, den Deutschland mit den übrigen Nationen im Euro und in der EU angestiftet hat. Eine Nation gegen die andere. "Wir" können nur gewinnen, wenn "die anderen" verlieren.

gokahe 15.04.2013 | 20:18

Zur Unterstützung ein Video

http://www.youtube.com/watch?v=mfKuosvO6Ac

, über 1 Stunde, aber es lohnt. Als Charakterisierung der gemieteten Ökonomen(meinung) ein Ausschnitt aus einer Antwort von Friederike Spiecker auf eine Frage

......"Es ist trau­rig, dass wir auf­ge­hört haben uns vor­stel­len zu kön­nen, mit etwas ande­rem als Export­über­schüs­sen Wachs­tum gene­rie­ren zu kön­nen. So tief hat sich die neo­klas­si­sche Agenda ins öffent­li­che Bewusst­sein ein­ge­gra­ben, dass uns der Gedanke welt­weit aus­ge­gli­che­nen Han­dels – also gern hoher Han­dels­ströme, aber immer bei Sal­den von nahezu null oder wenigs­tens wech­seln­den Sal­den (mal posi­tiv, mal nega­tiv) – so voll­kom­men fern liegt. Dabei war das mal ganz frü­her, näm­lich in den 1960er Jah­ren, tat­säch­lich mög­lich: wach­sen und zwar kräf­tig und ohne große Außen­han­dels­über­schüsse. Dass der Mehr­heit der Ökono­men die­ser Gedanke und seine empi­ri­sche Ver­wirk­li­chung abhan­den gekom­men zu sein scheint, hat viel mit dem Igno­rie­ren einer dyna­mi­schen Theo­rie der Ent­wick­lung einer Markt­wirt­schaft zu tun, wie sie Joseph Schum­pe­ter ver­tre­ten hat."

hier

http://www.flassbeck-economics.de/und-noch-mal-die-wettbewerbsfahigkeit/

komplett.

das mit der Formatierung muss ich noch ein wenig üben.

Falk 16.04.2013 | 01:03

Der Artikel ist eine gut gelungene Zusammenfassung und Anwendung der unumstößlichen Saldenmechanik. Eine Volkswirtschaft kann weder sparen noch sich verschulden, abgesehen vom Auslandssektor, sofern der sich in der selben Währung befindet.

Das ganze Gejaule über Nachhaltigkeit und Schuldenabbau ist also Propaganda, denn Saldenmechanik kann man als halbwegs gebildeter Mensch verstehen, auch Angela Merkel.

Die Frage, die sich mir stellt, warum hält sich die Politik von der Saldenmechanik fern? Ein Antwort dürfte lauten: man kann Staatsschulden nur abbauen, wenn man auch Vermögen abbaut. Deswegen wird es nicht passieren. Solange der Staat unter Schuldendruck steht, ist er beherschbar. Man kann ihn z.B. zu Privatisierungen oder Steuerenlastungen zwingen.

Unsere Politiker lassen also den Staat und die Mehrheit des Volkes finanziell abschlachten. Der Staat soll sparen, wass ihm natürlich nicht gelingt. Denn wenn er Ausgaben gegenüber Einnahme kürzt, gehen bei irgendjemanden Einnahmen verloren. Wenn irgendjemend dass aber nicht akzeptiert, kürzt er ebenfalls seine Ausgaben.

Das BIP, was bekanntlich Summe aler Ausgaben ist, muss also fallen. Offensichtlich haben sich unsere Eliten damit arrangiert. Haben sie erkannt, dass es Grenzen des Wachstums gibt? Versuchen Sie nun Wachstum durch zunehmende Vermögensungleichheit zu kompensieren? Stehen wir vor der Selbstzerfleischung des Kapitalismus, dem Übergang in eine neofeudale Gesellschaft?

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Ehemaliger Nutzer 16.04.2013 | 10:06

Sehr guter Artikel, eine echte Empfehlung, vielen Dank Herr Kowall!

Mit diesen Erkenntnissen kommen aber auch neue Fragen und Probleme:

1) Laut neoklassischer Volkswirtschaftslehre werden alle großen Vermögen sofort wieder investiert und damit zu Löhnen, warum ist das in der Praxis (zumindest in D) offenbar nicht so?

2) Wie versteuert man insbesondere Kapitaleinkommen ohne einen Kapitalabfluß zu bewirken, zZ traut sich das nicht mal Hollande, denn ausgerechnet die Reichsten werden von der "Reichensteuer" nicht tangiert.

Ich habe zu beiden Fragen meine Antworten, aber was denkt ihr?

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Ehemaliger Nutzer 16.04.2013 | 10:22

Ja, gut ergänzt.

"Das BIP, was bekanntlich Summe aler Ausgaben ist, muss also fallen."

Nicht zwingend, das ist eben das Problem. Die reduzierte Staatsverschuldung kann auch durch erhöhte private Verschuldung ausgeglichen werden oder durch Leistungsbilanzüberschüsse (Erhöhung der Verschuldung des Auslandes durch Exporte oder massiver Kapitalzufluß, etwa bei einer Steueroase).

Daher lassen sich immer Gegenbeispiele finden, wo es irgendwann mal geklappt hat, dass der Staat weniger ausgab, aber die Wirtschaft trotzdem boomte. Etwa wenn das Land durch massive Steuersenkungen eine zeitlang führend im weltweiten rat race geworden ist.

Das macht die Diskussion mit Leuten, die die grundlegenden Zusammenhänge nicht verstanden haben, so schwierig. Und leider ist das die Mehrzahl, auch unter Journalisten...

"Offensichtlich haben sich unsere Eliten damit arrangiert. Haben sie erkannt, dass es Grenzen des Wachstums gibt?"

Das wage ich zu bezweifeln.

"dem Übergang in eine neofeudale Gesellschaft?"

Die neofeudale Gesellschaft haben wir längst. Wer super-reich ist, unterliegt nicht den selben Gesetzmässigkeiten wie ein kleiner Arbeiter. Wer super-reich ist muss nicht arbeiten, kann sich das Land aussuchen in dem er wohnt, kann seine Steuern bis nahe Null optimieren, wird von allen hofiert, kann sich ganze Anwaltskanzleien leisten um sich Recht (oder Unrecht) zu verschaffen. Kann sich Politiker und Medien kaufen usw.

Die Grenze zum Neofeudalismus ist fliessend. Aber wenn Milliardäre keine Ausnahmeerscheinung mehr sind und auf der anderen Seite ein gegängeltes Heer an nahezu rechtlosen Geringverdienern steht und ein total überschuldeter Staat, ist sie längst überschritten...

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Ehemaliger Nutzer 16.04.2013 | 10:32

Yep, ein Grundproblem.

Liegt imho nicht nur an den Neoklassikern, sondern an der hohen (oberflächlichen) Plausibilität. So wie man eben "spart", wenn man "verschuldet" ist, so versucht man auch zu "verkaufen", wenn man mehr Geld haben will.

Es sind diese fatalen Analogien zum betriebswirtschaftlichen Alltag der Menschen, die solche Zugkraft entwickeln, ungeachtet der Tatsache, dass die selben Begriffe in der Volkswirtschaftslehre ganz andere Bedeutungen haben.

Und die Volkswirtschaftler, allen voran die neoklassischen Formeldeppen, haben versäumt gängige alternative Begriffe einzuführen. Warum z.B. spricht man von Staats"schulden", warum sagt man nicht "Steuerminderaufkommen" oder "notwendige staatliche Geldschöpfungsquote" dazu?

Toga 16.04.2013 | 11:10

Endlich mal ein Artikel mit Verstand *freu*

Heiße Empfehlung für den Journalisten von mir: Nehmen Sie sich bitte mit gleicher Gründlichkeit das Thema Wirtschaftskreisläufe vor. Stichwort Überproduktionskrisen. Der Zusammenhang von verteilungspolitischen Fehlern und den sich ableitenden Überproduktionskrisen.

Ein weiteres überaus interessantes Thema ist das volkswirtschaftliche Verhalten beim weltweiten Kampf um Investoren ;)

thinktankgirl 16.04.2013 | 16:05

Danke für das Flassbeck-Video, sehr interessant.

Zur seiner Vita habe ich Wikipedia konsultiert und dabei etwas entdeckt:

Nach dem Regierungswechsel im Oktober 1998 wurde er [Flassbeck] zum Staatssekretär im Bundesministerium der Finanzen berufen (Kabinett Schröder I). Er beriet den damaligen Bundesfinanzminister Oskar Lafontaine bei dessen Vorhaben, gemeinsam mit dem französischen Finanzminister Dominique Strauss-Kahn eine keynesianischeFinanz- und Währungspolitik auf europäischer Ebene zu etablieren sowie das Weltwährungssystem zu reformieren.

Verschwörungstheorie:

Strauss-Kahn mußte von seinem Job als IWF-Chef entfernt werden, da er eine keynesianische Finanzpolitik verfolgen wollte, deshalb die mediale Schlachtung als Sexualstraftäter.

Falk 16.04.2013 | 23:58

@ Rupert Rauch

"Nicht zwingend, das ist eben das Problem. Die reduzierte Staatsverschuldung kann auch durch erhöhte private Verschuldung ausgeglichen werden oder durch Leistungsbilanzüberschüsse...."

Das ist natürlich richtig, aber nur, wenn private auch bereit sind, die Einnahmeneinbuße komplett durch Schulden auszugleichen (in der Saldenmechanik heißt das Deckung von Plänen). Davon ist aber nicht auszugehen. Ebenso sind Leistungsbilanzüberschüsse auch problematisch und nicht unbegrenzt möglich. Die Ausgaben des Auslandes erhöhen zwar das BIP aber auch das Risiko eines Schuldenschnittes, der alles wieder in Frage stellt.

"Laut neoklassischer Volkswirtschaftslehre werden alle großen Vermögen sofort wieder investiert und damit zu Löhnen, warum ist das in der Praxis (zumindest in D) offenbar nicht so?"

Die Antwort ist relativ einfach: Geldvermögen sucht nur Anlage mit Rendite und die gibts es realwirtschaftlich nicht mehr. Das Reinverstieren hat 20 Jahre nach dem 2. Weltkrieg noch funktioniert. Dummerweise geht die klassische Volkswirtschaftslehre von einem exponentiellen Wachstum aus, bzw. läuft darauf hinaus. Aber jegliche realen Größen können nicht exponential wachsen. Diese Einsicht konnte man bereits in der 70zigern gewinnen, nur konnte man mit Staatsverschuldung, Globalisierung und Privatisierung den Wachstumspfad einigermaßen stabilisieren.

Eine Lösung ist qualitatives Wachstum, also z.B. Arbeitszeitverkürzung, Optimierung stofflicher bzw. Schaffung umweltneutrale Kreisläufe, u.a. auch durch schöpferische Zerstörung. In unserem Wirtschaftssystem aber nicht denkbar.

Deswegen gehen wir den neofeudalen Weg: Verschmelzung von Vermögen und politischer Macht. Wachstum ja, aber leider für wenige Menschen.

Peter A Bruns 17.04.2013 | 08:45

Lieber Rupert Rauch, das meiste habe ich verstanden, besonders den letzten Abschnitt. Als Ökonom bin ich nicht so helle, ich gehe als selbständiger Handwerker in der Industrie tätig, mehr nach meinem Bauch- und Gerechtigkeitsgefühl. Das kann natürlich täuschen. Fragen tue ich mich allerdings oft, wer denn die ca. 40 Mrd. Euro Zinseszinsen für unsere 2 Billionen Staatsschulden jährlich zahlt und an wen diese gezahlt werden, "Roß und Reiter" bitte. Ich bin auch verwirrt, wenn ich lese, daß die Banken sich Staatsanleihen für quasi Null Komma Nix einsacken und sie dann für einen vielfachen Zins weiterleihen, oft an den Staat, von dem sie sie ursprünglich geliehen haben. Pardon, sehen Sie bitte einem Habenichts die Verwirrung nach. Irgendwie verwirren mich die Supervermögen die sich in den tausenden Yachten in Antibes oder in pompösen Villen irgendwo, sonstwo manifestieren. Regiert eigentlich Geld noch immer die Welt? Wird das auch am Hindukusch verteidigt? Fragen über Fragen. Da sehen Sie, was Sie mit ihrem Kommentar angerichtet haben. Grüße Sie freundlich.

Robert Zapf 17.04.2013 | 11:47

Meine Meinung:
zu 1. große Teile des Vermögens werden schon "investiert", aber nicht in der Realwirtschaft, sondern im Finanzsektor. Die Zeiten, als man Geld dauerhaft in Aktien der Industrie investierte, sind schon lange vorbei. Es wird gekauft und verkauft, kleinste Schwankungen werden ausgenutzt, alles in Bruchteilen von Sekunden dank Internet.
Dies führt aber eher dazu, dass Löhne gedrückt werden ( Wettbewerbsfähigkeit ) und nicht gesichert oder erhöht.
Da bei diesem ganzen Zirkus mittlerweile auch sogenannte "Kleinsparer" mitmachen, angestachelt durch ihre Bankberater,( sie haben doch nicht zu verschenken, oder es werden Sicherheiten in Verbindung mit sehr hohen "Erträgen" vorgegauckelt, die bei diesen Leuten auch nur Gier wachsen läßt ), bläht sich dies noch zusätzlich auf.
Das dies alles platzen muß, ist den Führern sehr wohl bekannt, es geht nur darum, wer bezahlt. Wie uns die letzten Jahre gezeigt haben, ist dies geklärt worden.
Weshalb der DAX ja in dieser Zeit stetig gestiegen ist und schon mal kurz an oder sogar über der 8000-er Marke lag.
zu 2. Dazu kann ich nur sagen, wenn alle es wollen, geht es auch.
Man kann es zwar auch einzeln und mit Druck tun ( s. USA und Schweiz ), die Frage die für mich bleibt, ist aber, warum die USA nicht erst die Steueroasen vor ihrer eigenen Haustür trockengelegt haben. Vielleicht einfach deshalb, weil es die Superreichen in den USA und vor allen die Industrie bedeutend mehr getroffen hätte, als das in der Schweiz der Fall war. Und außerdem trifft man auch noch Europa, bzw. deren Geldadel. Nun hackt zwar eine Krähe nicht unbedingt der anderen ein Auge aus, aber das Futter nimmt man ihr doch mal gern weg. Vor allem wenn man weiß, wo man selbst noch was vergraben hat, an das die anderen nicht rankommen.
Das Grundübel ist aber für mich Zins und Zinseszins.
Nicht Geld arbeitet, sondern Menschen. Und Werte werden nicht in Banken sondern in der Wirtschaft geschaffen ( leider zählen dazu auch Rüstungsgüter ). Weshalb in dieser Gesellschaft Kriege ein probates Mittel sind, die Wirtschaft kurzfristig anzukurbeln.
Früher haben die Völker verschiedener Staaten Kriege geführt, heute entfacht man Kriege in einem Staat unter verschiedenen Ethnien. Den Wiederaufbau, wenn es denn überhaupt einen gibt ( s. Irak ) wird aber dann von eben denjenigen Staaten finanziert, die Schulden haben die betroffenen Länder.
Nach diesem Prinzip wäre der Westen Deutschlands nach 1945 nie auf die Beine gekommen.

Viel wichtiger für mich wäre aber, die wirklich Asozialen oder "vaterlandslosen Gesellen" oder spätrömisch Dekadenten dieser Welt zu benennen.

Das sind für mich nicht Hartz 4 Bezieher oder prekär Beschäftigte, die mal schwarz arbeiten, sondern eben gerade jene, die sich als "Elite" bezeichnen. Die aber nichts weiter kennen als Gier, Neid und Verachtung.

Robert Zapf 17.04.2013 | 12:06

Lafontaine wurde nach seinem Rücktritt dafür von der deutschen Presse geschlachtet.

Für mich war er einer der wenigen deutschen Minister, der Rückgrat bewiesen hat.

Dass er mit seinem Rücktritt gewartet hat, bis seine Pensionsansprüche gesichert waren, trübt das ganze halt, aber ich kündige halt auch erst, wenn ich weiß, dass ich Leistungen von der Agentur kriege.

Liegt zwar auf einem anderen Niveau, aber wenn es denn Gesetze gibt, wird man sie halt auch zu seinem Vorteil nutzen.

thinktankgirl 17.04.2013 | 12:28

Fragen tue ich mich allerdings oft, wer denn die ca. 40 Mrd. Euro Zinseszinsen für unsere 2 Billionen Staatsschulden jährlich zahlt und an wen diese gezahlt werden, "Roß und Reiter" bitte.

Die Zineszinsen werden von allen Bürgern gezahlt, gehen dann aber in die Taschen einzelner Bürger.

Wenn ich es richtig verstanden habe, funktoniert es so:

Privates Kapital (entstanden durch Arbeit, Erben, Unternehmertum etc.) wird z.B. auf die Bank getragen, diese wiederum leiht dieses Geld an den Staat weiter, wodurch dieses Geld Teil der Staatsverschuldung wird. Später, bei der Schuldentilgung, fließt das Geld, angereichert durch Zinsen, wieder in private Hände zurück.

Die Frage ist nun, wie entstehen die privaten Überschüsse, die angelegt werden wollen? U.a. dadurch, daß in den letzten 30 Jahren die Besteuerung großer Einkommen und Vermögen stark zurückgegangen ist. Da aber dadurch das Steueraufkommen des Staates rückläufig wird, muß Geld geliehen werden - von denjenigen, die wegen niedrigeren Steuern mehr Kapital zur Verfügung haben!

Robert Zapf 17.04.2013 | 12:35

Danke für den Beitrag, 5 Sterne


Die Veranlagung durch Wohlhabende in Staatsanleihen ist nichts anderes als das überflüssige Geld, das der Staat im Vorfeld in dieser Einkommensklasse nicht weggesteuert hat

Das sehe ich auch so. Durch eine vernünftige Steuerpolitik könnte der Staat eben bei denen, die viel haben, etwas holen, ohne sich dies im Nachhinein borgen zu müssen.

Oder nach Shakespeare: Ist's Wahnsinn auch, so hat es doch Methode.

http://www.hohenlohe-ungefiltert.de/?p=14575

Das würde aber auch eine völlig andere Steuergesetzgebung erfordern. Selbst wenn ich dem Bundestag unterstelle, etwas in wirklich guter Absicht verabschiedet zu haben, gibt es Heerscharen von Steuerberatern, die nichts weiter tun, als in eben diesem Gesetz Lücken zu finden, die ausgenutzt werden können. Und bei diesem Konvolut an Gesetzen, Ergänzungen, Kommentaren, richterlichen Grundsatzentscheidungen wer wird da wohl die Oberhand behalten?

Robert Zapf 17.04.2013 | 12:52

Regiert eigentlich Geld noch immer die Welt? Wird das auch am Hindukusch verteidigt?

Ich persönlich beantworte beide Fragen mit einem klaren JA.
Das Erschreckende für mich ist leider die Tatsache, das sich daran seit Jahrhunderten nichts geändert hat.
Ihre Frage läßt allerdings erahnen, dass Sie andere Informationen haben könnten.
Deshalb meine Frage: Was veranlaßt Sie zu dieser Frage?

Robert Zapf 17.04.2013 | 13:10

Ob man es nun als Wirtschaftskrieg oder Wettbewerb bezeichnet, ist für mich eigentlich egal. Krieg klingt sehr martialisch und impliziert Zerstörung und Leichen, Wettbewerb klingt freundlicher und fairer. Deshalb werden diese Begriffe ja auch verwendet. Der Autohändler, wo ich vielleicht das Gefühl haben konnte, übers Ohr gehauen zu werden, heißt nun Autopartner, was in mir wahrscheinlich Gefühle der Zuversicht und des Vertrauens erwecken soll.
Und egal ob man es so oder so nennt, in diesem ganzen System geht es nur darum: einer gewinnt, einer verliert.
Jedenfalls kurzfristig. Insgesamt werden alle verlieren, aber wann das sein wird, da möchte ich mich nicht festlegen.
Den Status quo kann man aber nur noch mit Gewalt aufrecht erhalten, in welcher Form auch immer.

Attalos 17.04.2013 | 13:45

So einen linken und unwissenschaftlichen Quatsch habe ich schon lange nicht mehr gelesen. Auch beim Freitag nicht.

Denn es haben ja wohl auch Privat-BankenKredite an die öffentliche Hand raus gegeben. Und zwar massenweise. V.a. an Länder und Kommunen und mit deutlich höherem Zinssatz als der lächerlich geringe bei der Bundesbank.

Wenn man den Steuerzahlern die letzten Anreize zum Sparen nimmt, dann wird unser gesamtes System der Geldwirtschaft nicht mehr funktionieren. In den USA hat man im Zuge der Subprime-Krise am Beispiel der Immobilien-/ Haushaltskredite ja gesehen, wozu das dann führen kann, sofern noch keine Alternative da ist...

Und vielleicht sollte man es auch mal so sehen: Wenn der Staat auf geliehenes Geld keine Zinsen zahlen müsste, würde er sich vermutlich immer noch weiter verschulden. Und je schneller er den Schuldenberg abträgt, desto geringer die Last durch Zinses-Zins.

Zu einer objektiven Sichtweise gehört also ein ganzheitliches Denken, Herr Kowall.

Robert Zapf 17.04.2013 | 14:57

Und vielleicht sollte man es auch mal so sehen: Wenn der Staat auf geliehenes Geld keine Zinsen zahlen müsste, würde er sich vermutlich immer noch weiter verschulden

Das mag schon sein, aber auch diese Schulden müßte der Staat begleichen, nur ohne Zinseszinseffekt. Sie würden ihr Geld schon wiederkriegen, hätten nur nicht mehr als vorher. Wenn es aber Gesetze gäbe, die vorsehen, dass Geld über einen gewissen Betrag sehr stark steuerlich belastet wird, sprich immer weniger wird, wäre ja schon wieder ein Anreiz vorhanden, lieber dem Staat das Geld zu leihen, um danach wenigstens den Ausgangsbetrag zurückzuerhalten.