Gimme Shelter

Ausstellung Die Fotografien von Iwan Baan zeigen, was die globalisierte Welt architektonisch zusammenhält
Moritz Scheper | Ausgabe 51/2013

Den Dezemberregen hätte es nicht gebraucht, um zu zeigen, dass das MARTa Herford nicht das Guggenheim Bilbao ist. Zwar trägt das Museum im ostwestfälischen Verdichtungsgebiet unverkennbar die verschnörkelte Handschrift des Architekten Frank Gehry, doch fehlt hier eine Freifläche, die verhindert, dass der skulpturale Bau im Kontext absäuft. So zeugt es womöglich von einer selbstkritischen Haltung, wenn man den ersten Stock des Hauses nun dem Architekturfotografen Iwan Baan freigeräumt hat, dem der Ruf vorauseilt, Architektur ganz unprätentiös und kritisch als soziale Größe einzufangen.

Die Ausstellung 52 Wochen, 52 Städte nähert sich dem niederländischen Architekturfotografen als jetsetendem Ein-Mann-Unternehmen an, das jeden Tag auf einem anderen Kontinent operiert. 60 Aufnahmen, von Baan selbst mit kurzen Erläuterungen versehen, ergeben die zwischen China, New York, Nigeria und Neufundland springende Bilderzählung eines Jahres. Mit interessantem Effekt, denn Baan ist keineswegs nur Handlungsreisender für die Großkopferten der Branche, OMA/ Rem Koolhaas, Zaha Hadid, Herzog & de Meuron. Seine Begeisterung für tradierte Bautechniken und informelle Architektur treibt ihn in den Slum über der Lagune von Laos und zu den Müll sammelnden Zabbalin nach Kairo. Oder in die chinesische Provinz Henan, wo die Menschen aus Mangel an Baumaterial Löcher in den porösen Lösboden eines Hochplateus graben, Stuckaturen in die Wände ritzen und somit eine eigene Architektur unter umgekehrten Vorzeichen schaffen. Ein anderes Foto zeigt eine traditionelle Wohnstatt im afrikanischen Lobi. Hier besteht das gesamte Dorf aus einer einzigen schützenden Lehmwand, in der sich alle Wohnstätten befinden. Diese sind von oben über Leitern erschlossen, denn das Gemeinschaftsleben des Dorfes findet auf dem Dach statt – die Gesellschaft sitzt also sprichwörtlich auf den einzelnen Haushalten auf.

Wenn die Herforder Ausstellung solche Aufnahmen neben den zurückgenommenen Modernismus der Japaner SANAA, Sou Fujimoto oder den Fassadenfetisch von Zaha Hadid reiht, entsteht ganz nebenbei eine Geschichte des Häuslebauens als anthropologische Konstante: Menschen haben an jedem Ort und zu jeder Zeit Schutz gesucht. Ob sie sich dafür nun einbuddeln oder Stelen auf Wasser errichten müssen, stets legen die Menschen einen erstaunlichen Erfindungsgeist an den Tag. Der Stararchitekt, will uns Baan mitteilen, steht in dieser Tradition, die er mal weiterschreibt, mal strapaziert.

Die Stille der Stadtwüste

Das eklektische Nebeneinander der Aufnahmen produziert aber noch mehr Verknüpfungen. Wenn einzigartige Lehmbauweisen in Ostbrasilien oder dem chinesischen Hinterland aus dem kollektiven Gedächtnis verschwinden, weil etwa monströse Staudammprojekte die Landbevölkerung in die Städte treiben, kann man den Zusammenhang mit Aufnahmen von Prestigebauten in Beijing oder Niemeyers Copan-Tower in São Paulo kaum leugnen. Es sind diese Momente, in denen sich Muster aus Baans globaler Erzählung herausschälen. Neben den urbanen Siedlungsströmen ist vor allem das angeschlagene Ökosystem dieses Planeten Leitmotiv seines Fototagebuchs. Implizit begegnet man ihm in der Fotografie von Toyo Itos Kindergarten in einem Barackendorf von Fukushimaflüchtlingen. Ganz explizit in der inzwischen ikonischen Luftaufnahme, die Manhattan Island von Hurrikan Sandy getroffen zeigt.

Während der Schuss aus dem Helikopter ein Makrogemälde des Desasters zeichnet, findet sich in der Ausstellung auch ein leises, nicht weniger eindrückliches Bild. Ein Hotdog-Verkäufer sitzt an einer sonst belebten Kreuzung in Central NY, die komplett von der Dunkelheit geschluckt wird – die Lampe des Würstchenwagens ist die einzige Lichtquelle in der stillen Stadtwüste. Aufnahmen wie diese sind in Herford eher Ausnahme denn Regel, was nicht verwundern sollte. Baan legt mehr Wert auf seinen soziologischen Ansatz als auf ästhetische Parameter. So zeigt er seine Fotografien auch nicht fein passepartouriert, sondern auf Alu-Dibondplatten, was wegen der spiegelnden Oberfläche keine glückliche Entscheidung ist. Und doch finden sich auch ästhetisch ansprechende Aufnahmen. Neben dem Hotdog-Trolly etwa das Bild von Sou Fujimotos Serpentine Pavilion, dessen weiße Streben sich im gleißenden Frühlingshimmel Londons zu verlieren drohen. Oder die gekonnte Inszenierung der Setonomori Houses vom selben Architekten, denen aus der Entfernung aufgenommen einige Grabsteine im Vordergrund entsprechen, während der Frühnebel mit dem Anstrich der Häuser korrespondiert. Bei der ockerfarbenen Fassade des MARTa hingegen müsste sich Baan etwas anderes einfallen lassen. Der Nieselregen reißt es nicht heraus.

52 Wochen, 52 Städte. Fotografien von Iwan Baan MARTa Herford bis 16. Februar 2014

06:00 27.12.2013

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