Ging nicht anders

HILFLOSE TÄTER In "Unter Glatzen" beschreibt Christiane Tramitz ihre Begegnungen mit Skinheads

Starnberg - ein lauschiger Freitagabend im Sommer am Starnberger See etwa eine halbe Autostunde südlich von München. Lichter funkeln vom Strandbad und von der Ortschaft Berg am Ufer gegenüber her. Liebespaare genießen die Zweisamkeit, und auf einem Steg hat sich eine Gruppe junger Leute bei Wein und Zigaretten versammelt. Plötzlich wird es laut, ungemütlich, bedrohlich: "Hast du Nazischwein zu mir gesagt?" Es sind knapp zehn völlig betrunkene Skinheads; einer von ihnen tritt mit seinen Stiefeln in die am Boden kauernde Runde. Kurz darauf muss sich auch die Wissenschaftlerin und Buchautorin Christiane Tramitz, die sich gleich daneben aufhält, anbrüllen lassen. Für sie wird in diesem Moment eine Szene bittere Realität, die aus einem ihrer Albträume stammen könnte. "Da habe ich wahnsinnige Angst gehabt", erzählt sie später.

Eigentlich war sie von ihrem Wohnort Leutstetten die paar Kilometer zum See gefahren, um zu entspannen, um an alles Mögliche zu denken, aber bestimmt nicht an Skins. Denn mit denen, ihren Gedanken und Hassgefühlen, ihrer Brutalität und Gefühlskälte hatte sich die 41-Jährige in den Monaten zuvor gründlich beschäftigt. So intensiv, dass sie körperlich unter der Belastung litt, davon krank wurde, einen Hautausschlag bekam, in Träumen von dem Thema verfolgt wurde. Sie geriet nach eigenen Worten in einen "depressiven Ausnahmezustand". Um diese Last wieder los zu werden, hat sie ein sehr persönliches Buch geschrieben: Unter Glatzen. Meine Begegnungen mit Skinheads. Am Ende steht die Schilderung der Szene am See.

Tramitz ist eigentlich keine primär politische Autorin. Sie veröffentlichte in der Vergangenheit zum Beispiel ein Buch, das von der Therapie eines autistischen Jungen handelt oder untersuchte das Flirten von Männern und Frauen; das Ergebnis ist in dem Beststeller Irren ist männlich nachzulesen. Tramitz hatte nach dem Studium der Sprachwissenschaften, der Psychologie und Pädagogik an der Forschungsstelle für Humanethologie beim Max-Planck-Institut in Seewiesen promoviert. Schon 1995 begann sie aber, in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Jugendinstitut München, das Verhalten rechtsorientierter Jugendlicher zu erforschen.

Ihr neuestes Werk, ein 318 Seiten umfassender Band ist eigentlich das Nebenprodukt einer wissenschaftlichen Arbeit. Tramitz war ein Jahr lang mit einem Team im Auftrag des Bundesinnenministeriums kreuz und quer durch die Bundesrepublik gefahren, um rechte Gewalttäter zu befragen. Es war ein immenser Aufwand, auch bei den organisatorischen Vorbereitungen, mehr als hundert Gespräche wurden geführt. Die einzelnen Interviews in Gefängniszellen, Wohnungen, Kneipen dauerten bis zu sechs Stunden. Diese Berichte handeln von Gewaltexzessen, Brutalitäten und sogar Mord.

Aber nicht nur das. "Die haben manchmal unheimlich viel von sich preisgegeben", erzählt die Wissenschaftlerin. Sie sah zu langen Haftstrafen verurteilte Schläger mental in die Knie gehen. "Ich hatte das Gefühl, dass der eine oder andere den Tränen nahe war." Sie begegnete zwar Tätern, aber auch Menschen, die völlig hilflos und selbst Opfer von Misshandlungen geworden waren. Im Lauf der vielen Interviews muss schließlich sogar eine Art Nähe entstanden sein. "Wenn die von ihrer Kindheit gesprochen haben, habe ich Mitgefühl mit denen gehabt. Das waren zum Teil sympathische Menschen. Manche nur noch ein Häufchen Elend. Die sind vor mir zusammengebrochen", berichtet die Verhaltensforscherin. Mit ihr, der Wissenschaftlerin, die so lange zuhört und so viel nachfragt, haben offenbar einige der Skinheads ihr erstes richtiges Gespräch seit langem geführt. Voller Dankbarkeit schrieb einer in das Buch: "Für den ersten Menschen, der mich verstanden hat."

Über einen schreibt Tramitz aber auch: "Ihm tat nichts leid, er fühlte nichts, und ich verabscheute ihn dafür, verachtete ihn. Gleichzeitig war mir bewusst, dass dieser Kerl in der Gesellschaft nie mehr seinen Platz finden würde, ihr schaden wird. Einsicht und Reue kannte er nicht." Ein anderer schilderte ihr eiskalt, wie "Bordsteintreten" exekutiert wird, bei dem das Opfer sich auf den Boden legen und in den Bordstein beißen muss, wonach ihm auf den Hinterkopf getreten wird. Zitat aus einem Protokoll: "Nachdem wir alle zugeguckt haben und auf ihn eingetreten haben, sind wir gegangen. Der hier, der hat so ´ne Platzwunde, da habe ich so mit der Faust draufgeschlagen, bis der Kopf kaputtgegangen ist ... ging nicht anders, weil der hat mich irgendwo gestört." Beispiele dieser Art gibt es viele in diesem Buch. Das Forschungsteam, das im Auftrag des Ministeriums unterwegs war, hat mit etlichen der "ganz harten Jungs" gesprochen, deren Taten durch die Presse gegangen waren.

Viele, die dann in Haft von ihren Taten berichten, waren erst neun, zehn oder elf Jahre alt, als sie mit der Skin-Szene in Kontakt kamen. "Da waren die so alt, wie meine Kinder jetzt sind", sagt Tramitz, selbst Mutter von zehnjährigen Zwillingen. Und laut Verfassungsschutz gehe das Einstiegsalter immer weiter herunter. Viele der befragten Skins waren selbst misshandelt worden, geschlagen mit der Hand oder mit der Faust, mit einem Gürtel oder einem Glockenspiel. Sie hatten nach und nach verlernt, bei den Schlägen von Vater oder Mutter Schmerz zu empfinden. Hatten dann auch noch verlernt, überhaupt Gefühle zu empfinden, um dann selbst zuzuschlagen. "Ich glaube, dass man nur dann einen Menschen halb tot treten kann, wenn überhaupt keine Gefühle mehr da sind", sagt Tramitz. Als noch etwas zu retten war, hat niemand gehandelt, obwohl die Schreie bei den Misshandlungen in der Familie jemand gehört haben, obwohl die Verletzungen an Körper und Gemüt jemand bemerkt haben müsste. "Man schaut viel zu oft weg", klagt Tramitz.

Die 41-Jährige musste für ihre Arbeit dann ganz genau hinschauen, als nur noch nachzuvollziehen war, wie es so weit kommen konnte. Es gab zu viel Brutalität, um die Distanz eines Wissenschaftlers noch wahren zu können. In ihrem Buch wechseln daher Passagen mit Schilderungen der Gespräche mit Reflexionen über das Gehörte. Da treten dann die emotionalen Nöte der Autorin in den Vordergrund und ihre Sorge um ihre beiden Buben und ihre Gedanken über deren Erziehung. Schließlich erörtert Christiane Tramitz auch noch ihre Überlegungen und Bedenken hinsichtlich der Veröffentlichung, "dass ich eines Tages vor den öffentlich preisgegebenen Gefühlen fliehen will". Da wird sie - und das ist ein Manko - etwas zu autobiografisch.

Ihr Buch hat seither auch international großes Aufsehen erregt. Besprechungen erschienen nicht nur in deutschen Zeitungen, sondern beispielsweise auch in Spanien und England. Mittlerweile ist die Autorin eine gefragte Referentin. Bei zahlreichen Veranstaltungen - ob bei einem Kulturforum der Sozialdemokratie zum Beispiel oder in Schulen - hat sie von ihren Recherchen und ihren Gefühlen dabei erzählt.

Dabei kam es auch schon einmal zu einer brenzligen Situation: Es war eine Lesung in einem Kellergewölbe in Leipzig und im Publikum waren Dutzende Glatzen und Punks. Kein Fluchtweg, nur ein schlauchartiger Gang. Die Veranstaltung drohte zu kippen, doch die beeindruckende und hübsche Autorin beginnt ihren Vortrag mit fester Stimme. Und sie kann sich durchsetzen. Der Abend läuft ruhig ab. "Man hätte eine kleine Maus durch den Saal laufen hören können. Die haben sogar applaudiert, als ich den Saal verlassen habe", wunderte sich dann sogar die Autorin. Zwei Stunden lang hätten Punks und Skins konstruktiv miteinander diskutiert. Der Verlauf dieses Abends mag auch der Ausstrahlung der Autorin zu verdanken sein. Sie schildert bei ihren Lesungen mit großer Klarheit und scheinbar kontrolliert, nur sparsam gestikulierend, aber mit leidenschaftlicher Stimme.

Was zu tun ist, wollte in einer Abendveranstaltung in Starnberg nicht nur der Starnberger Schriftsteller Johano Strasser wissen, der als Zuhörer gekommen war. Eine Art Ersatzfamilie, neue gefühlsmäßige Bindungen könnten gefährdete Jugendliche retten, sagte die Autorin, um bei Fragen nach Lösungen aber einräumen zu müssen: "Da fühle ich eine Ohnmacht." Zum Ende äußerte sie eine Prognose, die hoffnungsvoll klang: "Die Skinheads werden in der Form in zehn Jahren nicht mehr da sein". Aber: "Sie werden Platz machen für eine andere Form von Randgruppe, die ebenfalls gewaltaktiv ist." Dann werden vielleicht wieder Wissenschaftler herauszufinden versuchen, wie Kinder in den Einfluss solcher Gruppen geraten konnten.

Das eigentliche Thema, das Credo des Buches und noch mehr der Vorträge ist, wie Gewalt wieder Gewalt erzeugt. Und wo bleiben dabei die Opfer? Das war nicht Gegenstand der Untersuchung im Auftrag des Ministeriums. Dennoch: Bei der Konfrontation mit dem, was sich unter Glatzen abspielt, bei der Lektüre der Schilderungen von Blutorgien, von dieser vollkommenen Emotionslosigkeit beim Schlagen und Treten fragt man sich irgendwann schon auch, wie es den Misshandelten eigentlich geht, soweit sie ihre Begegnungen mit Skinheads überlebt haben. Das wäre schon auch einmal eine Untersuchung wert, etwas über deren Gefühlswelt, über ihre Leiden und ihre Art und Weise zu erfahren, damit umzugehen. Da gäbe es viel zu erzählen. Auf etwa 8.600 Skinheads wird die Szene in Deutschland geschätzt. Und was deren Taten angeht, vermutet sie: "Was auf deutschen Straßen geprügelt und nicht in Polizeiakten erfasst wird, kann man sich gar nicht vorstellen".

Christiane Tramitz:Unter Glatzen - Meine Begegnungen mit Skinheads, 2001, Droemer-Knaur-Verlag, München 2001, 317 S., 20,40 €

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00:00 11.01.2002

Ausgabe 39/2020

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