Glaubenskämpfe

11. September 2001 Wir beurteilen eine Wirklichkeit, die uns nur in - zensierten - Ausschnitten bekannt gemacht wird

Mit Sicherheit gibt es ... Was? Krieg? Gezielte Militärschläge? Verdeckte Operationen? Von allem ein bisschen? Soviel immerhin ist klar: Der Bündnisfall ist erklärt, Waffen kommen zum Einsatz. Es wird Tote geben - nicht nur Kombattanten. Sterben werden auch unschuldige Afghanen, die zu Millionen auf der Flucht sind vor den erwarteten Angriffen, vor den Taleban und vor der Dürre, die das Land heimgesucht hat. Und: Der Kampf gegen den Terror, heißt es unisono, wird lang sein und sich bei weitem nicht aufs Militärische begrenzen.

Letzteres haben wir bereits erlebt. Wäre die Bush-Administration ersten Vergeltungs-Reflexen gefolgt, hätten wir "Besonnenen" ganz sicher gemahnt, dass es andere Mittel gibt, Terrornetzwerke zu treffen. Zum Beispiel, indem man ihnen den Geldhahn zudreht. Dazu freilich müssten die deregulierten Finanzströme wieder stärkerer Kontrolle unterworfen werden. Nun: Genau das ist in Angriff genommen worden! Dürfen wir George W. Bush dafür also loben? Ja, warum nicht. Die US-Administration, so der Eindruck bisher, reagiert keineswegs wie ein schießwütiger Cowboy, sondern durchaus rational und komplex. Und sie tut Überraschendes: Im neoliberalen Mutterländle steigt die Staatsquote, fließen nach den Terroranschlägen zusätzliche Milliarden von Steuerdollar in die Kassen von Unternehmen und privaten Haushalten, um die Konjunktur anzukurbeln. Amerika zahlt seine Schulden bei der UNO, schmiedet an einer breiten internationalen Koalition.

Werden die USA also ein wenig europäischer? Ist der selbstherrliche Unilateralismus vergangener Monate damit passé? Oder erleben wir lediglich einen neuen Multilateralismus à la carte? Die Fragen werden in den nächsten Tagen und Wochen nicht beantwortet werden. Egal, was noch passiert. Aber Indizien wird es geben.

In Afghanistan finden Militäroperationen statt. Allerdings dürften wir lange Zeit - vielleicht sogar nie - erfahren, was genau passiert. Der Kampf gegen den Terror hat - das liegt in seiner Natur - etwas sehr Undemokratisches. Geheime Dienste, Dossiers und Operationen scheuen das Licht der Öffentlichkeit und damit auch die öffentliche Kontrolle. Sie müssen es, weil andernfalls der Erfolg gefährdet wäre. Damit aber legen wir unser Schicksal in die Hände weniger eingeweihter Politiker, die ihrerseits nichts anderes tun können, als um unser Vertrauen zu bitten. Tony Blair hat dies als erster europäischer Staatschef getan, als er sagte, ihm lägen zweifelsfreie Beweise für eine Verbindung Osama bin Ladens und seines Netzwerkes zu den Anschlägen von New York und Washington vor - Beweise, die er jedoch für sich behalten müsse.

Im Kampf gegen fanatisierte Glaubenskämpfer werden also auch wir gebeten zu glauben, dass Recht von Unrecht geschieden wird und unsere (Re-)Aktionen nicht nur erfolgreich sind, sondern auch im Rahmen der Verhältnismäßigkeit bleiben. Nur: Wir wollen unser Urteil nicht auf Glauben, sondern Wissen gründen. Woran also messen wir, was passiert? Wie beurteilen wir eine Wirklichkeit, die uns nur in - zensierten - Ausschnitten bekannt gemacht wird?

Der einfachste - und schwierigste - Kompass wäre ein pazifistischer. Wer dem nicht folgen kann und will, weil sich die Welt nach anderen Gesetzen bewegt, wird sagen: Ja, die Täter müssen dingfest gemacht und bestraft werden. Das geht nur mit Gewalt. Ein begrenzter Militärschlag wäre also angemessen. Aber damit ist es nicht getan. Terror hat Wurzeln. Es gibt Ursachen, warum Menschen so verzweifeln, dass sie zu massenmordenden Terroristen werden oder solche Taten doch zumindest billigen, rechtfertigen und unterstützen.

Der Zusammenhang zwischen Terror, Massenelend, individueller Perspektivlosigkeit und kollektiver Demütigung ist kein unmittelbarer, aber er ist unübersehbar. Eine "umfassende und langfristige Strategie", von der jetzt allenthalben die Rede ist, wird sich genau daran messen lassen müssen. So unzureichend es ist, Terrorbekämpfung auf die Forderung nach einer gerechteren Weltwirtschaftsordnung zu reduzieren, so gefährlich wäre es, bliebe sie auf Repression und militärische Gewalt beschränkt. Und bitte: Keine Aufrechnung von Toten!

Afghanistan wird zum ersten Test auf die Glaubwürdigkeit der Anti-Terror-Koalition. Die Frage ist nicht, ob man lediglich Osama bin Laden ausschalten will oder auch beabsichtigt, das Taleban-Regime zu stürzen. Entscheidend ist, welche Mittel zum Einsatz kommen und wie die langfristige Strategie für Afghanistan aussieht. Wenn die Koalition dort so Krieg führt wie einst die Sowjets, hat sie sehr schnell jeglichen Kredit verspielt. Es reicht auch nicht hin, lediglich "Kollateralschäden" vermeiden zu wollen. Wer in Afghanistan militärisch operiert, übernimmt Verantwortung. Der wird schnell Schutzzonen für die flüchtende Zivilbevölkerung einrichten und sich darauf einstellen müssen, lange im Land zu bleiben. Andernfalls bekommt der Terror nur ein neues Gesicht.

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00:00 05.10.2001

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