Gleiche Chancen für alle

Urheberrecht Die Tonträgerfirmen sollten legale Musikangebote fördern, statt ihre Kunden zu verklagen. Ein Verbreitungsrecht für Musik im Netz würde Künstlern und Unternehmern nützen

Piraten – sind das nicht die Internet-Anarchos, die kostenlose Musik-Downloads für alle wollen? Immer wieder wird man als Mitglied der Piratenpartei mit solchen Vorurteilen konfrontiert. Nicht jeder versteht die Ironie unseres Namens. Ein Blick in unser Parteiprogramm zeigt jedoch, dass wir keineswegs das Urheberrecht abschaffen wollen – wohl aber für eine faire Abwägung zwischen den Interessen der Urheber und denen der Konsumenten sorgen. Laut dem Weltverband der Phonoindustrie (IFPI) ist der weltweite Online-Musikmarkt in den vergangenen sechs Jahren stetig gewachsen. Im Jahr 2008 wurden 3,7 Milliarden Dollar mit dem Online-Verkauf von Musik umgesetzt. Online trägt damit bereits 20 Prozent zum Gesamtumsatz der Musikindustrie bei – obwohl nach IFPI-Schätzung 95 Prozent der Downloads illegal sind.

Überall dort, wo es gute legale Angebote gibt, geht die Zahl illegaler Downloads zurück. Laut einer Studie der Marktforschungsfirma GfK haben 60 Prozent der schwedischen Besucher illegaler Musikbörsen deren Nutzung eingestellt oder deutlich zurückgefahren. Rund die Hälfte nutzt seitdem legale Angebote wie Spotify, das Musik als kostenlosen Stream anbietet und mit Werbung Geld verdient. In Dänemark haben 40 Prozent der Nutzer des Internet-Providers TDC das illegale Herunterladen reduziert, seit dieser eine Breitband-Flatrate inklusive legaler Musiknutzung anbietet. In Großbritannien ist der Anteil der Nutzer illegaler Angebote seit 2007 von 22 auf 17 Prozent gesunken. Diese letzte Zahl ist besonders interessant, weil in Großbritannien, anders als in Skandinavien, bisher keine restriktiven Gesetze gegen Raubkopierer eingeführt wurden. Das Land hat dafür jedoch eine der höchsten Dichten legaler Musikangebote: Spotify ist hier sehr früh auf den Markt gekommen und zwei der führenden Internet-Provider haben das „Broadband-plus-Music“-Modell von TDC übernommen.

Zuckerbrot und Peitsche

Dies zeigt: Nicht die Peitsche drakonischer Strafen bringt die Internet-User vom illegalen Herunterladen ab, sondern vor allem das Zuckerbrot, nämlich ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis legaler Angebote. Die Tonträgerfirmen sollten also aufhören, ihre besten Kunden mit Klagen zu vergrätzen, sondern stattdessen legale Musikangebote fördern. Bisher sind die legalen Musikangebote den illegalen nämlich deutlich unterlegen – nicht nur in punkto Umfang des Angebots, sondern auch hinsichtlich der Aktualität. Viele Musiktitel, die man im Radio bereits hören kann, sind online zunächst nur bei den illegalen Anbietern erhältlich, weil die Rechteinhaber die Titel künstlich zurückhalten, um möglichst hoch in die Charts einzusteigen. Doch diese aus dem Vor-Internet-Zeitalter stammende Taktik treibt die Musikfans in die Arme der Illegalen – wer das neue Stück seiner Lieblingsband sofort besitzen will, hat gar keine andere Chance.

Was kann die Politik dazu beitragen, die Situation auf dem Musikmarkt zu verbessern? Von der sozialistischen Idee, eine staatlich vorgeschriebene Abgabe für alle Internet-Provider einzuführen, die dann irgendwie unter den Künstlern verteilt wird, halte ich wie die meisten Piraten wenig. Diese euphemistisch „Kulturflatrate“ getaufte Zwangsgebühr würde nur zu einer überbordenden Bürokratie führen.

Grundsätzlich ist meine Haltung als überzeugter Marktwirtschaftler, dass sich die Politik aus dem Marktgeschehen heraushalten sollte – die Kreation neuer Geschäftsmodelle ist Sache der Unternehmen, nicht der Politik. Ausgiebige Diskussionen mit Tim Renner, früher Universal-Chef, jetzt mit Motor Entertainment selbst Musikunternehmer, haben mich jedoch in diesem Fall zum Umdenken gebracht. Durch die Marktmacht der großen Musik-Labels („Majors“) und der GEMA sowie deren innovationshemmender Blockadepolitik reichen die Selbstheilungskräfte des Marktes hier nicht aus. Der Gesetzgeber ist gefordert, die Benachteiligung legaler Online-Angebote gegenüber den illegalen auszugleichen.

Verbreitungsrecht fürs Netz

Die AG Musikwirtschaft der Piratenpartei hat daher gemeinsam mit Tim Renner ein Modell entwickelt, das zur Zeit innerparteilich diskutiert wird. Es basiert auf einem gesetzlich garantierten Verbreitungsrecht, das es jedem Online-Unternehmen ermöglicht, Musik legal anzubieten – egal ob es sich um einen Internet-Provider oder einen kleinen Musikshop handelt. Mit einer ähnlichen Lösung kam die Musikindustrie schon aus einer früheren Krise heraus, nämlich nach Einführung des Radios in den zwanziger Jahren. Die Krise endete erst, als der Gesetzgeber das Senderecht einführte. Seitdem kann jeder Radiosender alle veröffentlichten Musiktitel spielen, ohne sich mit den Rechteinhabern einzeln einigen zu müssen. Gleichzeitig wurden Radiosender und Rechteinhaber mit sanftem Druck dazu gebracht, sich auf ein allgemein verbindliches Vergütungsmodell zu einigen. Zunächst gab es sowohl bei den Radiosendern als auch bei den Schallplattenfirmen heftigen Widerstand gegen diese staatlichen Eingriffe. Doch tatsächlich führte die so geschaffene Rechtssicherheit nach dem Zweiten Weltkrieg zu einem langen Boom der Musikwirtschaft.

Mit einem Verbreitungsrecht wäre es für Online-Musikanbieter nicht mehr nötig, Verträge mit jedem einzelnen Rechteinhaber abzuschließen. Die Majors, die über 80 Prozent des Musikmarktes beherrschen, reden in der Regel nur mit Anbietern, hinter denen Großkonzerne wie Apple, Nokia oder Google stehen. Ein Verbreitungsrecht würde hingegen allen Anbietern die gleichen Chancen einräumen. Im Gegenzug verpflichten sich die Anbieter, die Urheber angemessen an den Einnahmen zu beteiligen, sei es über Einzelverkäufe, Flatrates oder Werbung. Eine solche Initiative würde eine Dynamik in den Markt bringen, die Urhebern, Fans und innovativen Musikunternehmen gleichermaßen zugute kommt.

Aaron Koenig ist Medienunternehmer und Musiker. Er gehört dem Bundesvorstand der Piratenpartei sowie deren AG Musikwirtschaft an

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12:30 21.02.2010

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jacob-fricke | Community
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