Gott der Pastafaris

Porträt Das Fliegende Spaghettimonster veralbert andere Religionen und kämpft für die Trennung von Kirche und Staat
Pascal Beucker | Ausgabe 31/2015 7

Falls es das Fliegende Spaghettimonster wirklich gibt, dürfte es mit einer guten Portion Humor ausgestattet sein. Und nicht eitel sein. Zumindest, wenn es wirklich so aussieht, wie es der Prophet Bobby Henderson als Erster gezeichnet hat: ein verknäultes Wesen mit Stielaugen und Tentakeln. Oder auch einfach wie ein großer Haufen Pasta mit Fleischklößen. Es soll die Welt erschaffen haben, zumindest laut der in den USA gegründeten Church of the Flying Spaghetti Monster, die in diesem Jahr ihr zehnjähriges Jubiläum feiert. Auch in Deutschland erfreut sich das Spaghettimonster wachsender Beliebtheit. Im brandenburgischen Templin streiten die Anhänger der neuen Religion nun mit juristischen Mittel dafür, dass sie an den Ortseingängen ihre Hinweisschilder für die freitägliche Nudelmesse aufhängen dürfen.

Was auf den ersten Blick etwas absonderlich erscheinen mag, hat einen durchaus rationalen Kern. Die „Pastafari“, wie sich die Gläubigen des Teigwarenkultes nennen, sind keine esoterische Sekte. Auch wenn sie ihr Bekenntnis von einem Nudelholz ablesen und – je nach Auslegung ihres Evangeliums – ein Piratentuch oder ein Nudelsieb auf dem Kopf tragen. Vielmehr wollen sie demonstrieren: Der Pastafarianismus ist nicht weniger plausibel als jede andere Religion. Reine Glaubenssache. Obwohl ein Preisgeld von einer Million Dollar winkt, ist es jedenfalls noch keinem gelungen, den empirisch schlüssigen Beweis zu führen, dass Jesus Christus nicht der Sohn des Fliegenden Spaghettimonsters ist.

Atheisten weltweit sind begeistert

Am Anfang war das Wort. Und zwar in Form eines offenen Briefes, den der Religionsstifter Bobby Henderson im Mai 2005 an die Schulbehörde des US-Bundesstaates Kansas schrieb. Die hatte kurz zuvor beschlossen, im Biologieunterricht neben Darwins Evolutionslehre gleichberechtigt das „Intelligent Design“ christlich-fundamentalistischer Kreationisten als vermeintlich alternative Erklärung für den Ursprung des Lebens lehren zu lassen. Der damals 25-jährige Henderson forderte eine Lehrplanerweiterung: Er glaube „fest daran, dass das Universum von einem Fliegenden Spaghettimonster erschaffen wurde“. Wenn der Hokuspokus des „Intelligent Design“ als Wissenschaft anerkannt würde, dann müsse das auch für den Pastafarianismus gelten.

Also beantrage er, „dass diese alternative Theorie in Ihren Schulen neben den anderen beiden Theorien unterrichtet wird“: ein Drittel für das „Intelligent Design“, ein Drittel für den Fliegenden Spaghettimonsterismus und ein Drittel für logische Vermutungen, basierend auf beweisbaren Befunden.

Hendersons satirischer Protest gegen den Kreationismus fand begeisterte Resonanz bei Atheisten und Laizisten weltweit. Sie erkannten in der Nudelreligion eine einmalige Gelegenheit, um mit parodistischen Mitteln wirkungsvoll für die konsequente Trennung von Kirche und Staat zu streiten.

So fordert die Kirche des Fliegenden Spaghettimonsters Deutschland „die absolute Gleichberechtigung aller Religionen, aber nicht auf dem Niveau der Großkirchen, sondern auf unserem“. Heißt: „Alle Kirchen sollen dem Vereinsrecht unterstellt, alle religiösen Sonderrechte abgeschafft und entsprechende Zahlungen an religiöse oder weltanschauliche Gemeinschaften eingestellt werden.“

Streit über die Nudelmesse

Zu den Sonderrechten gehören die Gottesdienst-Tafeln an den Ortseingängen, geregelt in einer Richtlinie des Bundesverkehrsministeriums. Um dieses Privileg lächerlich zu machen, hatte Bruder Spaghettus, der mit bürgerlichem Namen Rüdiger Weida heißt, Hinweisschilder in Templin aufgehängt: für seine „Nudelmesse“ – immer freitags um zehn Uhr. Das führte zu heftigen Reaktionen der Konkurrenz: „Das Schild muss weg“, empörte sich der evangelische Pfarrer Ralf-Günther Schein. „Das wäre ja so, als ob der Ziegenzüchter-Verein sein Schild unter unserem anbringt.“

Der Fall beschäftigte sogar den brandenburgischen Landtag. SPD-Kultusministerin Sabine Kunst beschied, es fehle die Grundlage für die Genehmigung des Nudelmesse-Schildes. Es handele sich bei der Kirche des Fliegenden Spaghettimonsters „um eine Religionsparodie ohne ernsthafte religiöse Substanz“. Das wollen die Pastafari nicht auf sich sitzen lassen. Sie verklagen das Land Brandenburg. Dass sich ihre Kirche „satirischer Mittel bedient, ist Teil der Ausgestaltung, wie sie ihren Glauben ausüben und verbreiten will“, heißt es in der Anklageschrift. „Die individuelle und korporative Freiheit, das eigene Verhalten an den Lehren des Glaubens auszurichten und innerer Glaubensüberzeugung gemäß zu handeln, würde entleert, wenn der Staat bei hoheitlichen Maßnahmen uneingeschränkt seine eigene Wertung zu Inhalt und Bedeutung eines Glaubenssatzes an die Stelle derjenigen der verfassten Kirche setzen und seine Entscheidungen auf dieser Grundlage treffen könnte.“ Es dürfte ein spannender Prozess werden.

Gescheitert ist in der vergangenen Woche der Versuch, sich mit Hilfe des Spaghettimonsters die Rundfunkgebühren zu sparen. Michael Wladarsch hatte sein Grafikdesignbüro in München-Schwabing „nach dem religionstypischen Ritus des Fliegenden Spaghettimonsters weihen lassen“ und die Befreiung gefordert. Im Rundfunkbeitragsstaatsvertrag steht, dass „Betriebsstätten, die gottesdienstlichen Zwecken gewidmet sind“, keine Gebühren zahlen müssen.

Der Bayrische Rundfunk hielt dagegen: „Es liegt auf der Hand, dass der Kläger seine Betriebsräume überwiegend für betriebliche Zwecke nutzt“, deshalb müsse Wladarsch zahlen. In einer Kirche sei schließlich auch nur der Sakralbau selbst beitragsfrei, nicht jedoch Pfarrheim oder Gemeindehaus. Das Verwaltungsgericht München schloss sich dieser Argumentation an und wies die Klage ab. In Bayern müssen die Pastafari noch einige Aufklärungsarbeit leisten.

06:00 04.08.2015

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