Grazien wie wir

Aktricen Den Schauspielerinnen Angelica Domröse und Jutta Hoffmann zum 70. Geburtstag – Nachdenken über Stars, Mode und Leitbilder in der DDR der sechziger und siebziger Jahre

Ruhig, ernst und konzentriert blicken uns die drei jungen Frauen auf dem Foto von Arno Fischer an. Kein Schmollmund, keine neckisches Lächeln, keine exaltierte Pose, sie sind auch nicht halb nackt, wie sich in den fünfziger Jahren die internationalen Stars oft zeigten. Das brauchten sie nicht, um von ihrer Einzigartigkeit zu überzeugen. Nun sind die „drei Grazien“, wie Fischer sie nannte, zu Ikonen geworden, weil sie die Vorstellungen von einem neuen Frauentyp auf eine Formel brachten. Jutta Hoffmann, Angelica Domröse und Annekatrin Bürger waren – zusammen mit der „vierten Grazie“ Eva-Maria Hagen – die beliebtesten jungen Schauspielerinnen der Sechziger-Jahre-DDR.

Damals, im Jahr 1965, als wir in der Redak­tion der Modezeitschrift Sibylle an der letzten Ausgabe des Jahres arbeiteten – wir hatten das Thema „Frauen im Film und Mode in den Kulissen in der Filmstadt Babelsberg“ gewählt –, erschienen die drei Schauspielerinnen in ihren eleganten farbigen Kleidern für ein Por­trät im Fotoatelier. Jede der drei wollte offenbar die Schönste sein. Das entsprach so gar nicht Arno Fischers Vorstellungen, er beabsichtigte schließlich nicht, ein Modefoto zu machen. Der Fotograf wünschte, die Damen mögen doch besser in strengem Schwarz posieren. Nachdem die drei Konkurrentinnen umgezogen waren, gelang es ihm tatsächlich, sie einträchtig, in klassisch unauffälliger Kleidung auf einem Foto zu vereinen. Die Filmjournalistin Rosemarie Rehahn nannte die drei bereits international bekannten Aktricen „Wunderkinder“. Für sie waren das keine Stars, sondern junge Frauen, erfolgreich in ihrem Beruf und im alltäglichen Leben couragiert und anerkannt.

Empfindsam und erotisch

Angelica Domröse spielte damals am Berliner Ensemble und wurde kurz darauf zur besten Schauspielerin des Jahres gewählt. Jutta Hoffmann hatte gerade den Film Karla gedreht, der wenig später verboten wurde – und dafür die Rolle in dem ebenfalls in den Giftschrank gesperrten Film Spur der Steine ausgeschlagen. Durch ihren künstlerischen Anspruch auf der Bühne und die Intensität in zahlreichen Filmrollen wurden die Aktricen für eine ganze Frauengeneration zu Leitbildern. Nicht reich, schön und sexy wie die meisten westlichen Stars wollten sie sein, sondern gebildet, empfindsam und erotisch, so wie wir sie über Jahrzehnte kennen sollten.

Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts spricht man vom Star – ein Begriff, den etwa die Schauspielerin Sarah Bernhardt mit Leben gefüllt hat. Die schöne, erfolgreiche Mimin aus Paris hatte etwas Unverwechselbares, sie trug Kreationen von Paul Poiret auf der Bühne und wurde zum Idol der Jahrhundertwende.

Die Geburt der klassischen Stars und die Erfindung der Fotografie und des Films sind eng miteinander verbunden. Erst durch die massenhaften Abbilder wurden solche Schauspielerinnen zu Leitbildern. Der überlebensgroße Film ist wie kein zweites Medium dazu da, etwas in Mode zu bringen, nicht nur Kleider und Frisuren, auch Lebensarten und Verhaltensmuster. So wurden oft Stil und Habitus von Stars zum Maßstab für die jeweilige Zeit: Marlene Dietrich Ende der zwanziger Jahre, mondän als Verführerin oder im Herrenanzug, als unangepasste, selbstständige Frau. Marika Rökk, die temperamentvolle, tanzende und singende Ungarin, im Folklorekostüm, die in ihren Filmen in den vierziger Jahren für Momente vom bedrückenden Alltag der Nazizeit ablenken sollte. Hildegard Knef, die große Illusionslose, Realistische in ihren ersten Filmen der Nachkriegszeit. Und die junge Romy Schneider als Prinzessin, die durch ihre saubere, mädchenhafte Süße zum Leitbild vieler westlicher jungen Frauen wurde, zumal ihre Traumwelt jede Schuld und Verantwortung für vergangenes Unrecht vergessen ließ.

Heute ist es für ernsthafte Schauspieler schwieriger geworden, sich als Star zu gerieren. Der Begriff hat einen eklatanten Wandel durchlaufen, ist durch „Superstars“ in den Castingshows des Privatfernsehens und von der Trivialität bekannter Dschungelcamper abgewertet und nicht selten ins Gegenteil verkehrt worden. Die Instantberühmtheiten imitieren die echten, großen Stars und lassen sich benutzen – zum Gaudi eines breiten Publikums, um nach kurzen Momenten auf den Bildschirmen wieder vergessen zu werden.

Auch die Frauen in der DDR brauchten Orientierung, Vorbilder für die Mode und das alltägliche Leben – und im besten Fall entstand aus diesem Wunsch das Bild der selbstbewussten, arbeitenden, natürlich wirkenden Frau, so wie die Schauspielerinnen auf Arno Fischers Foto es vorstellen.

Der Grund für diesen alternativen Entwurf von Attraktion, lag in den modernistischen Ambitionen der jungen DDR. Der Staat förderte in vielem eine radikale Trennung von Althergebrachtem, was für viele Menschen der Nachkriegsgeneration bedeutete, sich auch wirklich und endgültig von den Lebensmustern der Eltern zu lösen. Auch sie rebellierten wie die Brüder und Schwestern in den wilden sechziger Jahren im Westen. So war erst einmal Schluss mit der abgehobenen Eleganz, mit den Diven und unnahbaren Stars. Die Lady war in der Mode und auf der Leinwand erst einmal passé.

Natürlichkeit als Credo

Die DDR-Frauen erlernten Berufe, studierten, gingen arbeiten, wurden selbstständig, und das nicht unbedingt der Not gehorchend, sondern aus Überzeugung – um unabhängig zu sein. Sie waren vor dem Gesetz gleichberechtigt, und die neue Generation von Schauspielerinnen, Wissenschaftlerinen, Journalistinnen und Schriftstellerinnen verkörperte diesen neuen Frauentyps besonders. In den Defa-Filmen der siebziger und achtziger Jahre konnte man dann den melancholischen Rest sehen, der von vielen Glücksvorstellungen im Alltag geblieben war. Und es war wohl weniger eine Pointe als konsequent, dass einem dort die gleichen Schauspielerinnen begegneten – angefangen mit Angelica Domröse in ihrer bekanntesten Rolle in Legende von Paul und Paula und mit Jutta Hoffmanns Ric in Egon Günthers Unpaarlauf Die Schlüssel.

Am Rollenbild des Mädchens von nebenan orientierten sich die Mode und auch die Aktricen auf der Bühne und im Film. Die jungen Schauspielerinnen in der DDR sahen aus wie wir selbst, und sie lebten und arbeiteten wie alle anderen, sie inszenierten nicht ihre Außergewöhnlichkeit, sondern wohnten in Mietshäusern von Berlin-Pankow und Prenzlauer Berg. Ihre Natürlichkeit und ihr Temperament überzeugten, machten sie glaubhaft, wenn sie Rollen spielten wie aus unserem Leben. Rollen, die uns trösteten, bestärkten, bestätigten oder aufmüpfig machten. Das galt auch für die Interpretation von klassischen Figuren wie Domröses Effi Briest oder Hoffmanns Viola in Was ihr wollt, die zu zeitnahen Personen wurden.

Die Natürlichkeit galt damals als Credo in der anspruchsvollen Modefotografie wie bei der Darstellung in Filmen. Wobei natürlich nicht ungeformt und roh meinte, sondern eine Geisteshaltung ausdrückte, die als disziplinierte, konsequente Selbsterkenntnis verstanden wurde. Leitbilder wie Angelica Domröse, Jutta Hoffmann und Annekatrin Bürger wurden nie nur auf ihr Äußeres reduziert – was sie konnten, was sie können und was sie sind, verdient unsere Achtung.

Jutta Hoffmann ist am 3. März 70 Jahre alt geworden, Angelica Domröse am 4. April. Dorothea Melis war als Kulturjournalistin u. a. von 1961 bis 1970 Leiterin des Moderessorts der Zeitschrift Sibylle. Zuletzt hat sie im Lehmstedt-Verlag den Band Sibylle. Modefotografien 1962-1994 herausgegeben

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10:00 10.04.2011

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