Gut, dass wir drüber geredet haben

Vertraute Fernsehgesichter II Wieland Backes ist ein geborener Gutmensch. Wenn er zur Plauderstunde ins "Nachtcafé" des SWR einlädt, dann steigt der Pegel des Fernsehniveaus merklich an

Ich bin ein großer Fan von Talkshows. Wenn sich ein paar illustre Leute vor der Kamera zum Plauderstündchen verabreden und aus ihrem Leben erzählen oder ihre Meinung zu diesem und jenem kundtun, dann kommt das Fernsehen zu sich selbst und der Zuschauer auf seine Kosten. Nirgends ist die Herkunft des Mediums - Radio und Journalismus - so deutlich zu spüren wie hier und nirgends werden dessen Möglichkeiten - die visuelle Gestaltung des Bildes - so sehr außer Acht gelassen. Man sieht ja lediglich talking heads in meist ähnlich spärlicher Kulisse. Das begünstigt eine meditative Stimmung. Ob Je später der Abend, Drei nach neun, Vis-a-vis oder die NDR-Talkshow - nirgendwo kann man sich einen so guten Eindruck von den Menschen auf dem Bildschirm machen, lernt ihren Humor und ihre Marotten kennen und schaut ihnen bei der allmählichen Verfertigung der Gedanken beim Reden zu. Wie tiefsinnig, exzentrisch oder gewitzt es dabei zugeht, hängt nicht nur von den Gästen selbst ab, sondern auch von den Fähigkeiten des Moderators, vom Talkmaster.

Einer der sein Geschäft gar meisterlich beherrscht, ist Wieland Backes. Der groß gewachsene Fernsehmann ist seit 1987 das Gesicht des Nachtcafés im Südwestrundfunk (SWR), wo er als "ungekrönter König des Niveau-Talks" gilt und mit Spitzenquoten bis zu 17,8 Prozent, bei durchschnittlich einer Million Zuschauern, seinen Intendanten, Peter Voß, erfreut. Dank Kabel und Kooperation mit anderen Dritten Programmen reicht die Beliebtheit Wieland Backes aber weit über die baden-württembergischen Landesgrenzen hinaus. Jeden Freitagabend um 22 Uhr lädt der elegante Talkmaster sechs, sieben Gäste zu sich ins Schloss Favorite in Ludwigsburg bei Stuttgart ein, um über Themen wie "Vorbilder heute", "Streitfall Erbe" und "Die Lust am Laster" zu reden. Sein Fach ist die journalistische Unterhaltung, sein Markenzeichen das gepflegte Gespräch. Wieland Backes vermittelt dem Zuschauer das Gefühl, aus jedem Dilemma herausfinden zu können - man muss nur drüber reden. Mit der "Aura eines Vertrauenslehrers", die ihm einmal attestiert wurde, lockert er die Zungen noch der schwierigsten Gäste.

Natürlich kann es in der Sendung auch kontrovers zugehen. Darauf bedacht, ein möglichst breit gefächertes Meinungsspektrum zu erhalten, ist die Gästerunde des Nachtcafés stets mit Befürwortern und Gegnern bestückt, Prominente wie Normalbürger. "Am schönsten sind die Nachtcafés, wenn Welten aufeinander treffen", verrät Backes im Gespräch. Dann ist er in seinem Element und kann demonstrieren, wie mühelos er es versteht, aus den verschiedenen Positionen einen eleganten Meinungszopf zu flechten. Gezieltes Fragen, ein wacher Geist, Zuhören können, aber auch Standpunkte pointieren und sie manchmal mit etwas launischen Kommentaren versehen, gehören zu seinem Berufsverständnis. Den Redeschwall einer 64-jährigen Abiturientin mit Zeugnisnote Eins-Komma-Sieben kann er mit der Bemerkung unterbrechen: "Unser Respekt wächst ins Grenzenlose". Schärfer schießt er selten. Geschliffene Formulierungen und feine Ironie sind die Stilmittel, bei denen es Wieland Backes belässt.

Einen richtigen Eklat hat es im Nachtcafé daher so gut wie nie gegeben. Einmal ist der Regisseur Dieter Wedel in einer Sendung zum Thema Seitensprung wütend aufgesprungen und hat das Studio verlassen. Fast schon ein wenig stolz wird diese Folge besonders häufig wiederholt. Wedel war von einem anderen Gast bezichtigt worden, wegen zahlloser Affären seine Hormone nicht unter Kontrolle zu haben, und beklagte sich daraufhin umgekehrt über den Niveauverlust des öffentlich-rechtlichen Fernsehens. Den kann man dem Nachtcafé nun wirklich nicht vorwerfen. Im Gegenteil: Der allgemeine Pegel steigt merklich an, wenn das Mineralwasser im Schloss Favorite perlt. Mit dem trivialen Nachmittagsgeschwätz bei den Privaten hat das so gar nichts gemein. Und auch vom immer "bunteren" Parlando der anderen öffentlich-rechtlichen Talkrunden hebt das Nachtcafé sich mit Leichtigkeit und Tiefgang ab.

Talkshow funktioniert für Wieland Backes ganz klassisch als Transfer zwischen dem Geschehen auf der Bühne und dem Selbsterlebten des Zuschauer. Nimmt dieser eine Anregung für sein eigenes Leben aus einer Sendung mit, hat der Aufwand sich für Backes gelohnt: "Auf spielerische Art und Weise wollen wir Lebenskunde betreiben", sagt der Moderator. Deshalb soll die ausgewählte Runde möglichst unterschiedliche Gesellschaftstypen repräsentieren, die etwas besonderes erlebt und zu erzählen haben und an denen der Zuschauer sich orientieren kann. Das nachgerade bildungsbürgerliche Konzept ist sich vermutlich nicht in jedem Moment des eigenen Exhibitionismus bewusst, der eben auch eine Schaulust bedient, einen bürgerlichen Voyeurismus. Der würde allerdings von Backes ohnehin anders umschrieben werden: "Beim größten Teil des Publikums gibt es eine Sehnsucht nach Niveau".

Dass diese Sehnsucht vom Nachtcafé ernst genommen wird, ist nicht Backes alleiniges Verdienst. Hinter jedem guten Moderator steckt ein gut eingearbeitetes Team. In der Redaktion des Nachtcafé arbeiten, seitdem die Sendung wöchentlich läuft, 14 Redakteurinnen und Redakteure dem Frontmann zu. Meist sind vier Sendungen gleichzeitig in Vorbereitung - eine besondere Anforderung an die Arbeitsdisziplin und den Überblick. Dass Wieland Backes hierbei wiederum stets interessiert wirkt, als hätte er schon immer einmal mit seinem Gast über das Thema reden wollen, macht sowohl seine Professionalität aus, als es auch Teil seiner Persönlichkeit ist, seiner großen Identifikation mit der Sendung.

Natürlich hat es Abwerbungen gegeben, lukrativere Angebote seitens der Privatsender. Auch existierten bereits Überlegungen, mit der Talkshow ins erste Programm zu ziehen. Doch Backes hat sowohl der Konkurrenz als auch einem eilfertigen Umzug in die ARD widerstanden. "Man darf kein erfolgreiches Format in einen riskanten Zusammenhang bringen", sagt er bescheiden und macht den überzeugenden Eindruck, als entspreche das Nachtcafé und seine zweite Sendung im SWR, Ich trage einen großen Namen, vollauf seinen Interessen und Ambitionen: "Das Richtige ist, das, was funktioniert, zu optimieren." Nur zu, Wieland, the sky is the limit!


00:00 17.09.2004

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