Marie Gutbub
Ausgabe 1815 | 05.05.2015 | 06:00 4

Guten Morgen, NSA

Snowden Zum Start der 9. re:publica ein Weckruf an die Künstler, das Thema Überwachung nicht länger zu ignorieren

„Ich kann euch in meinem Zimmer spüren. Warum wurde ich euch zugewiesen? Ich weiß, dass ihr mich besser kennt, als ich mich selbst kenne“: Holly Herndon steht aufrecht, schaut in die Kamera. Ihr Lied Home singt sie für die unsichtbare Person, von der sie in ihrem Videoclip gefilmt und im realen Leben ausspioniert wird. Es geht um eines der Lieblingsthemen der jungen US-amerikanischen Künstlerin sowie der Designerstudios Metahaven, die den Clip produziert haben: die Überwachung.

Von ihrem Spion wird Holly Herndon durch Piktogramme getrennt. Sie fallen in dichter Zahl von dem oberen Rand des Videos herunter und bilden eine Art farbige Regenwand. Es sind Piktogramme aus den NSA-Dokumenten, die Edward Snowden im Sommer 2013 an die Öffentlichkeit gebracht hat. Selbstverständlich habe ich diese Piktogramme sofort erkannt, als ich das Video zum ersten Mal gesehen habe. Sie waren doch überall in der Zeitung, im Fernsehen und im Netz zu sehen, wer konnte das verpasst haben?

Das Video gefiel mir so gut, dass ich es Bekannten und Freunden aus ganz unterschiedlichen Kreisen zeigte. Es gefiel auch ihnen, aber zu meiner Überraschung wurde ich oft nach dem Sinn und der Herkunft dieser komischen kleinen Zeichnungen befragt. Von Edward Snowden hatten meine Bekannten natürlich gehört: Hat irgendetwas mit dem Geheimdienst der Vereinigten Staaten zu tun, von dem wir alle überwacht werden können. Aber irgendwie war es ihnen auch ein wenig egal, eine zu komplizierte Geschichte, „als normaler Mensch hat man doch nichts zu verbergen“ – man kennt die Argumente. Indem ich ihnen das Video zeigte, wollte ich einfach meine Begeisterung teilen, mir stand überhaupt nicht im Sinn, dass Home dazu anregen könnte, über Überwachung nachzudenken. Dafür reichte die Berichterstattung über Snowden in meinen Augen damals doch schon.

Ich beschäftige mich intensiv mit Privatsphäre- und Überwachungsthemen, aber ich fürchte, Menschen wie ich vergessen manchmal, dass unsere Themen nicht für jedermann höchste Priorität haben. Wir vergessen, dass nicht jeder sofort im Netz recherchiert, wenn auf Twitter die Veröffentlichung neue Snowden-Dokumente angekündigt wird. Und wir vergessen, dass selbst für die, die dann ein bisschen recherchieren, diese Dinge nur flüchtige, rasch wieder vergessene Nachrichten sind.

Es hat nun mal nicht jeder Zeit und Lust, sich intensiv mit Überwachung zu beschäftigen. Dass mehr und mehr Dokumente veröffentlicht und analysiert werden, dass mehr und mehr Überwachungsprogramme der NSA enthüllt werden, wird daran nur wenig ändern. Wer sich in den vergangenen (fast) zwei Jahren nicht empörte, wird nun nicht plötzlich auf die Veröffentlichung von Informationen zu einem zusätzlichen Überwachungsprogramm der NSA mit einer tiefen Verhaltensänderung reagieren. Er wird vielleicht noch nicht einmal durch den aktuellen Skandal um den BND wachgerüttelt (siehe Seite 1).

Aus dem Laptop

Das heißt natürlich nicht, dass wir die Berichterstattung nicht brauchen, ganz im Gegenteil, die Zeitungen müssen weiter- schreiben, auch wenn die nachhaltige Information eher die treue Leserschaft aufklärt, als dass sie neue Leser begeistert. Die relativ lauen Reaktionen auf die Enthüllungen der letzten Jahre sind auch nicht einfach der Beweis eines generellen Desinteresses. Sie zeigen aber, dass man mit Zeitungstexten nicht jeden erreichen kann.

Wir brauchen mehr als Artikel, mehr auch als den Austausch innerhalb einer Szene von Nerds und Aktivisten, die – wie ich – in Hackerspaces arbeiten und kommunizieren. Denn es geht um Massenüberwachung, nicht nur um das Speichern der Daten einer Handvoll besonders gefährdeter, in digitalen Dingen besonders exponierter Menschen. Es geht um das Recht auf Privatsphäre und um den Schutz unserer Demokratie. Es geht um ein Thema der Allgemeinheit.

Und hier nun kommen Künstler und Künstlerinnen wie Holly Herndon ins Spiel. Sie sind deswegen so wichtig, weil sie es ermöglichen, mehr und auch jüngere Menschen zu erreichen. Herndon, die 35-jährige Queen of Tech-Topia, wie sie vom Guardian gerade genannt wurde, gehört mit ihrem Clip Home zu den wenigen Künstlern, die es geschafft haben, die Dringlichkeit von Themen wie Privatsphäre und Überwachung in eine breitere Öffentlichkeit zu tragen. Mit ihrer Kunst spricht Holly Herndon nicht primär die Leserschaft der Artikel über Edward Snowden und die NSA an, sondern ein junges Publikum, das sich für elektronische Musik interessiert.

Ein Publikum, das in der digitalen Welt zu Hause ist, wie Herndon selbst, die nicht nur sagt, dass der Laptop ihr wichtigstes Instrument ist, sondern auch, dass sich der NSA-Skandal für sie schlimmer anfühlte, als wenn jemand bei ihr eingebrochen wäre. Was hätte er dort schon gefunden außer Socken, jedenfalls nichts richtig Persönliches. Durch die NSA aber wurde ihr wahres Zuhause, ihr wahres home attackiert. Und doch ist ihr Song komplizierter: Ihren Enthusiasmus für die Technologie will sie sich durch die Geheimdienste gerade nicht nehmen lassen. Und sie trifft damit auf das Lebensgefühl einer ganzen Generation.

Natürlich ist Holly Herndon, soeben erschien ihr neues Album Platform, nicht die einzige Künstlerin, die sich mit diesen Themen beschäftigt. Mit Citizenfour gewann die Regisseurin Laura Poitras den Oscar für den besten Dokumentarfilm. Künstler wie Trevor Paglen oder Angela Richter beschäftigen sich seit Jahren mit Überwachungsthemen. Die Romane Little Brother und Homeland von Cory Doctorow sollte jeder gelesen haben, der die Überwachungsproblematik verstehen will. Im Staatstheater Karlsruhe wurde 2014 Ich bereue nichts, ein Theaterstück über Edward Snowden, produziert. Der deutsche Rapper MoTrip brachte mit Guten Morgen NSA das Thema in die deutsche Hip-Hop-Szene. Im Netz bilden Youtube-Videos wie Big Brother is WWWatching you von Juice Rap News unterhaltsame Alternativen zu den etablierten Medien.

Alles außer elitär

Das reicht aber nicht. Wir sprechen immer noch von Ausnahmen, großartigen Ausnahmen zum Teil. Aber eine Massenüberwachung verlangt eine Massenbewegung. Was wir brauchen, ist ein gemeinsamer Aufschrei: Transparenz für den Staat, Privatsphäre für uns alle. Und eine Welle von engagierter Kunst, die sich mit einer der wichtigsten Thematiken am Anfang des 21. Jahrhunderts beschäftigt. Eine Kunst, die alles sein darf außer elitär, Überwachungsthemen müssen zum krassen kulturellen Mainstream werden. Meint: Künstler, Schriftsteller, Musiker, Theaterschaffende, Filmemacher, Kreative aller Art – ihr werdet gebraucht! Ihr habt die Mittel, komplizierten Themen auf eine neue Art und Weise darzustellen. Ihr habt die Macht, aus dem komplizierten Thema Überwachung ein Thema für alle zu machen.

Ich weiß, dass diese Tatsache vielen Künstlern bewusst ist. Ich habe unzählige Gespräche mit enthusiastischen Menschen geführt, die sich in allen möglichen Kunstbereichen, allen möglichen Szenen bewegen. Viele hatten Ideen für Werke über Überwachung: ein Theaterstück, das die Kosten der Überwachung auch für Menschen zeigt, die nichts zu verbergen haben oder nichts zu verbergen zu haben glauben; ein Lied über den Umgang von Aktivisten mit Smartphones; eine Elektroparty, bei der man das Verschlüsseln lernen kann. Eine Bilderserie, eine Installation, eine Performance ...

Seit Edward Snowdens Enthüllungen sind fast zwei Jahre vergangen. Und wie wenig ist seitdem passiert. Es ist schon ein wenig peinlich.

Info

Die Digitalkonferenz re:publica findet von 5. bis 7. Mai in den Hallen der Station Berlin statt

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 18/15.

Kommentare (4)

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Ehemaliger Nutzer 05.05.2015 | 12:03

"...Big Data im Zusammenhang mit der digitalen Revolution für jeden einzelnen von uns ein größerer Anschlag auf die Freiheit ist, als es der Angriff auf das World Trade Center war oder die Ermordung der Journalisten von Charlie Hebdo". Richard David Precht

Dem stimme ich uneingeschränkt zu.

Reinhold Schramm 05.05.2015 | 13:45

Snowden und "wie wenig ist seitdem passiert". So kann Frau/Mann sich auch am modifizierten Kapitalfaschismus [gewöhnlichen Alltags-Faschismus] gewöhnen!

Nichts Neues von der heute bereits gewöhnlichen und teils allgemeinen Überwachungsfront.

Auf meine naive Frage an einen Mitarbeiter einer Internet/Telefonie-Firma: Wäre es von außen technisch möglich, meine Programmierung am Computer zu begleiten und zu kontrollieren. Es folgte die Antwort: Wenn Sie damit einverstanden sind, dann kann man Sie [auf dem Monitor] extern [von einem anderen Ort aus] begleiten. //

Also, wenn es für gewöhnliches PC-Einrichten extern möglich ist, dann erst recht auch ohne Zustimmung des Nutzers.

Alle anderen Behauptungen, u. a. über den gesetzlichen Schutz und die Sicherheit der Privatsphäre etc., ob nun Internet, private oder gewerbliche PC-Nutzung, Speicherung oder Telefonie (ob nun Festnetz oder Handy etc.), gehören in den Bereich der pseudo-demokratischen und pseudo-rechtlichen Märchenstunde, -- fürs treubrave und bewusst dummgehaltene werktätige (Wahl-)Volk.

ske 07.05.2015 | 00:36

Politische Entscheidungen werden in Parlamenten und durch Lobbyarbeit getroffen, nicht auf den Bühnen von Kultureinrichtungen.

Der Umweg über die Kunst ist auch gar nicht notwendig, um das Thema stärker publik zu machen. Dafür gibt es Medien, die darüber seit Jahren kontinuierlich berichten - und zwar tagesaktuell und verständlich und nicht als verklausulierten Artefakt (siehe Herndons Clip).

Viele Menschen wissen sehr wohl, das Geheimdienste und Firmen Daten abgreifen. Das zu beeinflussen sehen sie sich jedoch außer Stande bzw. für viele sind bisher kaum negative Auswirkungen spürbar.

Eine einflusstarke Partei oder Lobbyorganisation für digitale Bürgerrechte exisitiert nicht. Das zu ändern braucht andere Strategien und Leute als Künstler.

NullAchtFuffzehn 07.05.2015 | 08:46

Wir sind eine demokratie und wenn die mehrheit das will ist das so PUNKT und jeder der die Union oder SPD, FDP oder die Die Grünen gewählt hat dem war klar das abgehört wird PUNKT und wer jetzt auf ahnungslos macht sollte mal besser hinhören PUNKT

"Wir werden nicht zulassen, dass technisch manches möglich ist, aber der Staat es nicht nutzt."

A. Merkel - CDU - 2008