Harmonie wie noch nie

Musik Mit seinem Jazz-Trio [em] stand Michael Wollny für komplexe Klänge. Jetzt entdeckt er die Macht der Melodie
Stefan Hentz | Ausgabe 06/2014 2

Vor gut zehn Jahren saß an der Seite des Saxofonisten Heinz Sauer, einer Eiche von einem Musiker, mit einem Mal ein junger Mann am Klavier. Versenkt hinter seinem störrischen Haarschleier, in die Tastatur und manchmal auch den Klang-rahmen vergraben, führte er den Beweis, dass auf diesem Hochseil der musikalischen Verständigung Altersgrenzen keine Rolle spielen. In der fragilen Intimität des Duos setzte Michael Wollny, damals gerade Anfang 20, dem fast 50 Jahre älteren Veteranen die Präzision seines Gehörs entgegen, seinen Einfallsreichtum und die Sicherheit, mit der er jeden Klang in eine neue zwangsläufige Wendung überführte.

Etwa zur gleichen Zeit startete Wollny mit der Bassistin Eva Kruse und dem Schlagzeuger Eric Schaefer das Klaviertrio [em]. Sie ließen die Schlüsselreize des Genres links liegen und hoben sich von der zarten Melancholie der Bill-Evans-Jünger ebenso ab wie vom freundlichen Groove eines Esbjörn Svensson, vom schwelgerischen Überschwang eines Art Tatum wie von den melodischen Versuchungen aus dem Reich der Popmusik. [em] brachte andere Reize ins Spiel, Ideen aus dem Reich der Minimal Music etwa, eine Cut-and-Paste-Ästhetik aus dem Kraftfeld der Pop-Art oder dramaturgische Bögen, die eher den Gesetzen des filmischen Erzählens folgen, als denjenigen der Harmonielehre.

Mit dieser Musik, die sich nicht darum schert, ob sie eine hohe Schwelle setzt, entwickelte sich das Trio zu einem der erfolgreichsten deutschen Jazz-Ensembles. Doch aller Gleichberechtigung im inneren Kraftfeld von [em] zum Trotz, rutschte Wollny immer stärker in die Rolle des Frontmannes, der jugendliche Star des deutschen Jazz, kein bisschen Heldentenor, aber dafür vielseitig gebildet und reflektiert.

Als Eva Kruse im vergangenen Frühjahr ankündigte, in Elternzeit zu gehen, verständigten sich Wollny und Eric Schaefer da-rauf, in einer anderen Konstellation einen anderen Einstieg in die Improvisation zu ergründen.

Neutöner und Pink

Mit dem Bassisten Tim Lefebvre, einem Groove-Spezialisten von der US-Westküste, hat das Michael Wollny Trio, das den momentanen Abschied vom egalitären Anspruch der inneren Gleichberechtigung schon im Namen führt, einen Ansatzpunkt gewählt, der eher die Zentrifugalkraft des Spiels fokussiert als die Spannung der Interaktion. Konsequenterweise haben sie denn auch kaum eigenes Material für ihr Album weltentraum geschrieben und sich darauf konzentriert, Stücke aus den verschiedenen Regalen ihrer Musikbibliothek zu bearbeiten. So kommen einerseits Ideen von Neutönern wie Alban Berg, Edgar Varèse oder Wolfgang Rihm in das improvisatorische Mahlwerk des Michael Wollny Trios, aber auch Songs von den Flaming Lips, Pink sowie Filmmusik von David Lynch und Peter Ivers.

Schnell wird deutlich, dass die drei hier einen direkten Weg zur Emotionalität suchen, dass Wollny als Pianist hier in einem Maße in Melodien schwelgt, wie er das mit [em] nie versucht hat. Damit nähert er sich auch einer Sphäre von Jazzimprovisation, die er in den letzten zehn Jahren nur von weitem aus der Vogelperspektive wahrgenommen hat. Ein bisschen klingt weltentraum so, als wäre Wollny der Kometenflug seiner Musik unheimlich geworden und als hole er nun den Anschluss an die Jazzszene nach. Ganz offenbar hat er eine Menge Spaß dabei.

Weltentraum Michael Wollny Trio Act/Edel 2014


AUSGABE

06:00 19.02.2014

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