Haus mit Ufer

Theater-Eröffnung Das "Radialsystem V" will endlich das Kunststück vollbringen, Kultur ohne Subventionen zu betreiben

Das Haus ist der Star. Vom Wasser aus betrachtet wirkt es, als wolle ein avantgardistischer Luxusliner jeden Moment ablegen. Aus den Fenstern dringen beschwingte Barockklänge. Oben auf dem Dach jagen sich zwei Tänzer, umschlingen sich, vollführen Tangofiguren.

Das Gebäude, das sich derart gekonnt zu inszenieren weiß, nennt sich Radialsystem V und ist nach Ballhaus Ost und Admiralspalast die Nummer 3 im Berliner Theatereröffnungsreigen. Theatereröffnung? Tatsächlich - in einer Stadt, die lange durch die Schließungen von Kulturinstitutionen bekannt war, scheint ein neuer Geist zu wehen. Doch braucht diese Stadt neue Theater? Und kann sie sie finanzieren?

Folkert Uhde und Jochen Sandig, künstlerische und geschäftsführende Leiter des Radialsystems V, wissen, das Berlin pleite ist: "Wir rechnen nicht mit Subventionen. Was wir ausgeben, müssen wir auch einnehmen." Privatwirtschaftlich soll das Konzept funktionieren, das die beiden entwickelt haben: Während die künstlerische Gestaltung eine eigens gegründete Stiftung übernimmt, wird der wirtschaftliche Betrieb durch eine GmbH gesichert.

Für jeden der beiden Bereiche halten die erfahrenen Kulturmacher - Sandig ist Mitbegründer vom Tacheles, den Sophiensaelen und Direktor der Waltz-Compagnie, Uhde Manager der Akademie für Alte Musik - einen Trumpf bereit. Künstlerisch heißt er Sasha Waltz. Die Choreographin, bis zur vergangenen Saison Teil der Berliner Schaubühne, suchte nach einem neuen Spiel- und Probenort. Fündig wurde sie im vom Berliner Architekten Gerhard Spangenberg umgebauten Pumpwerk an der Holzmarktstraße.

Als Teil des Berliner Abwassersystems Ende des 19. Jahrhunderts erbaut, wurde das Gebäude im 2. Weltkrieg teilzerstört. Für die Ergänzung und Erweiterung hat Spangenberg eine ebenso schlichte wie überzeugende Lösung gefunden: Von der Straße aus kaum sichtbar, umarmt ein Riegel aus Glas und Beton beinahe schwebend den Altbau und gibt dem Ensemble sein prägnantes Spreegesicht. So sind einerseits wunderbar lichtdurchflutete Studios und Probenräume entstanden. Andererseits bleibt der leicht ruinöse Charme des Altbaus erhalten. Doch nicht nur die vielen Möglichkeiten der Bespielung machen das Radialsystem V zum idealen Ort für unkonventionelle Projekte. Die zuweilen schroffe Klarheit belässt den Räumen eine Unbestimmtheit, die sich für verschiedene Bedeutungsaufladungen anbietet.

Dieses architektonische Wunderwerk ist der zweite, wirtschaftliche Trumpf: "Das Haus ist käuflich!" So hofft die GmbH auf solvente Mieter, die Räume oder das ganze Gebäude für Tagungen und Feste buchen, um so andererseits das Radialsystem V mit Experimenten füllen zu können, die verschiedene Szenen und Publikumsschichten ansprechen.

Trotz dieses Konzepts und der Überzeugung, dass es funktionieren kann, bereiten Uhde und Sandig die Finanzen "Bauchschmerzen". Schließlich ist der Bochumer Investor, der die Gebäudesanierung und den Neubau mit 10 Millionen Euro finanziert hat, kein Wohltäter, sondern fordert die ortsüblichen Mieten. Immerhin gab es einen Vertrauensvorschuss vom Berliner Senat, der 1,2 Millionen Euro Lottomittel für Bühnen- und Veranstaltungstechnik bereitstellte.

Das "Ouverture" genannte Eröffnungswochenende vermittelte eine erste Ahnung davon, wie das künstlerische Konzept in der Praxis aussehen könnte. Während am Samstag die Berliner Partypeople den Saal als Dancefloor nutzten, auf dem Deck Prosecco schlürften und sich im Erschöpfungsfall in der Lounge bei Weill-Walzern erholten, kamen am Sonntag viele junge Eltern mit ihren Kindern, die das Haus wie einen Abenteuerspielplatz eroberten. Aber auch für die Erwachsenen entpuppte sich das Radialsystem V als Abenteuerland. Im gesamten Gebäude traf man auf Musiker des Vokalensembles und der MusikFabrik, auf Performances und Installationen wie den Altar des Alltags der Zentralen Intelligenzagentur (ZIA). Hier konnte man seine Gebete an den "Gott der Kontrolle über die eigenen Haare" oder den "Gott der kurzen Wartezeiten auf Ämtern" virtuell einspeisen. Daneben saß die Bachmann-Preisträgerin Kathrin Passig und faltetete Gebrauchsanweisungen. Am Spreeufer dagegen herrschte bei Pasta, Waffeln und Bootstouren Volksfeststimmung. So unterhaltsam und überwältigend dieses Reizen aller Sinne auch sein mag und so imposant die Liste der beteiligten Ensembles und Künstler war - ein ganz eigener, künstlerischer Geist manifestierte sich nach dem Eröffnungswochenende noch nicht. Man fühlte sich in etwa wie in einem Disneyland für Intellektuelle.

Die erste Premiere des neuen Hauses, Sasha Waltz´ Dialoge 06 - Radiale Systeme einige Tage später aber machte solche Skepsis zunichte. Auch die Choreographin und Regisseurin hat nämlich das Haus als ihren Star entdeckt. Nicht einzelne Räume, sondern die Architektur in ihrer Gänze ist es, die Waltz-Tänzern, Solisten des Vokalconsorts Berlin, Musikern der Akademie für Alte Musik und der musikFabrik die Möglichkeit scheinbar unendlicher Variabilität erlaubt. Zentrum des Hauses und Herz auch dieser Performance ist die Halle. Zarte Klänge von James Tenney loten sie aus und werden ins ganze Haus übertragen. Im Kontrast zur Weite des Raumes steht ein quadratisches Loch im Boden. Drunten winden sich fast nackte Leiber in flachem Wasser und färben ihre Haut mit blutroten Pigmenten. Wie hier wird überall mit offenen Karten und ohne Netz gespielt. Requisiten gibt es selten, die Kostüme sind schlicht und oft grau.

"Eine begehbare Installation" ist der Abend laut Untertitel. So nimmt es nicht Wunder, dass sich Körper und Architektur in Ausstellungssituationen verwandeln. Im ersten Obergeschoss liegt eine Tänzerin am Boden eines leeren, quadratischen Raumes und zwei gläsernen Wänden. Nichts geschieht, und doch geht eine Spannung von ihrem Körper aus, die in Beziehung zur Spree zu stehen scheint. Im Nebenraum steht eine Tänzerin mit ausgebreiteten, aber hängenden Armen wie eine Marionette zwischen zwei Waschbecken. Man selbst ist im Spiegel Teil des Bildes. Ein anderer Tänzer kniet von einer Glastür, sein Atem beschlägt die Scheibe. Da ertönt ein greller Ton, der die weihevoll-museale Stimmung für den Bruchteil einer Sekunde zerreißt. Nun schlingt der Tänzer, der gerade noch das Glas beatmete, sich um einen Türpfosten, und der junge Mann, eben angespannt auf der Seite liegend, steht Kopf.

Die Dialoge 06 kennen keine einheitliche Dramaturgie. Wenn man mit seinem Rundgang etwa auf dem Deck beginnt, wird man in jener Ecke, die nicht mit Planken bedeckt, sondern mit großen Kieselsteinen aufgeschüttet ist, auf einen Tänzer stoßen, der mit behandschuhten Händen seine Partnerin eingräbt. Wenn man aber zehn Minuten später über die Dachterrasse mit dem wunderbaren Spreeblick schlendert, wird man statt des archaischen Rituals auf vier Mitglieder der Akademie für Alte Musik stoßen, die wunderbar beschwingt Telemann spielen und eine luftige Choreographie begleiten, die Anklänge an barocke Tänze aufweist. Zur gleichen Zeit aber versäumt man in der Halle die nuancierte Leichtigkeit, mit der die Stimmen des Vokalconsorts den 600m2-Raum füllen.

Nicht nur optisch, auch akustisch und haptisch sind die Dialoge 06 eine Entdeckungsreise. Stille gibt es nicht. Wenn die Instrumente und Stimmen schweigen, gurgelt die Spree, tuten Schiffe und schlurfen die Füße der Zuschauer über den Estrich. Ihre Bewegungen werden Teil der Choreographie. Wenn sie sich auf engen Fluren oder im Treppenhaus an anderen Menschen vorbeischieben, ergeben sich wunderbare Bewegungsabläufe, komisch, poetisch. Das geht nicht immer ohne körperliche Berührungen ab, die Sasha Waltz auch zwischen Tänzern und Publikum provoziert.

So kommt man aus dem Staunen über den verzauberten Garten aus Beton, Holz, Glas, Tanz und Tönen gar nicht mehr heraus. Der Abschluss in der Halle führt alle wieder zusammen: Publikum und Tänzer, Musiker und Sänger. Hier zeigt Sasha Waltz zu Purcells King Arthur-Musik, zu welch starken Massenszenen sie fähig ist. Sie formt abstrakte Gebilde und Ornamente, die stetig ihre Form verändern, fokussiert auf einzelne Tänzer, um sie in flächigen Arrangements aufgehen zu lassen. Das Publikum feiert sie, ihre Compagnie und die durchgängig großartigen Musiker mit lang anhaltendem Applaus.

Sasha Waltz ist ein Star. Das Haus auch. Den stilvollen Namen hat es sich übrigens selbst gegeben. Es war das fünfte einer Reihe von Pumpstationen, die ein Radialsystem ergaben. Radial heißt strahlenförmig, von einem Mittelpunkt ausgehend oder darauf hinzielend. Ein Theater, das - der ersten Premiere nach zu urteilen - derartige künstlerische Impulse ausstrahlt, wird tatsächlich gebraucht.

Dialoge 06 - Radiale Systeme noch bis zum 30.09.


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00:00 22.09.2006

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